John Lennon und Yoko Ono . Die besten Interviews aus dem deutschen Playboy

John Lennon und Yoko Ono

Das letzte große Interview vor seinem Tod gab John Lennon 1980 dem Playboy. Zusammen mit Yoko Ono spricht er über seine Ehe, Drogenexzesse und die Trennung der Beatles

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Intro

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Wenige Wochen bevor John Lennon am 8. Dezember 1980 vor dem Dakota-Appartmenthaus an New Yorks Central Park erschossen wurde, stellte sich der Ex-Beatle zusammen mit seiner Frau Yoko Ono dem Playboy zum längsten Interview, das er je gegeben hat.
Eine Woche lang saß unser Mitarbeiter David Sheff jeden Tag mehrere Stunden John und Yoko in deren Luxuswohnung im Dakota gegenüber. Lennon trank in dieser Zeit Dutzende Tassen von Cappuccino, rauchte französische Zigaretten und aß Hershey-Schokoladenriegel mit Mandeln – wenn ihm Yoko nicht Sushi und Sashami servierte. Diese Gerichte aus ihrer Heimat Japan bestehen vor allem aus rohem Fisch, der in dünne Scheiben geschnitten wird.
„Schon in der ersten Stunde des Interviews“, so Sheff später, „machte Lennon alle meine Vorurteile ihm gegenüber zunichte. Er war offener, ehrlicher und witziger als ich es erwartet hatte. Und mir ist inzwischen klar, dass die so oft falsch verstandene Beziehung zwischen ihm und Yoko der wichtigste Faktor im Leben der beiden war. John brachte es auf einen einfachen Nenner: „Warum glauben die Leute nicht, dass wir uns ganz einfach lieben“.“
Beatles-Mitbegründer John Lennon wurde am 9. Oktober 1940 in Liverpool geboren. Sein Vater verließ das Haus, bevor John auf die Welt kam, und fuhr zur See. Da die Mutter neben der Arbeit ihren Sohn nicht erziehen konnte, gab sie den Vierjährigen in die Obhut seiner Tante. In deren kleinem Haus am Rand von Liverpool verbrachte John seine Kindheit.
1956 traf er bei einem Musikfestival Paul McCartney und bildete mit ihm die erste Band: The Nurk Twins. Zwei Jahre später schloss sich Pauls Freund, George Harrison, den beiden an. Das Trio nannte sich The Quarrymen. Mit Pete Best am Schlagzeug und dem neuen Namen Silver Beatles gingen die Musiker 1959 nach Hamburg und spielten, oft acht Stunden lang pro Abend, im Star-Club an der Großen Freiheit.
Zurück in England ersetzte Ringo Starr 1962 Pete Best an den Trommeln, und die vier, die sich fortan Beatles nannten, begannen einen einzigartigen Aufstieg. Mit ihrer Musik und ihrem Auftreten wurden sie zu Idolen einer ganzen Generation. Eine Krankheit, die noch in keinem Mediziner-Lexikon stand, brach aus: die Beatlemania. Verzückte Fans erlitten angesichts von John, Paul, George und Ringo hysterische Anfälle. Bei Konzerten der vier fielen vor allem Mädchen reihenweise in Ohnmacht. Doch als sich Lennon 1968 von seiner ersten Frau Cynthia scheiden ließ, um im Jahr darauf die Japanerin Yoko Ono zu heiraten, kündigte sich das Ende des Quartetts an, das bis auf den heutigen Tag mehr als 250 Millionen Schallplatten verkauft hat. Lennon, seit jeher der witzigste und originellste Kopf der Gruppe, war den Rummel um die Beatles leid und glaubte zudem, seine musikalischen Ideen ohne die drei Kollegen besser verwirklichen zu können.
Im Jahr 1970 brach die Band auseinander; die Beatles wurden Solisten. Lennon machte noch einige Platten, dann zog er sich mit Yoko und Sohn Sean ins Privatleben zurück.
Im November vergangenen Jahres präsentierte Lennon, nach jahrelanger Abstinenz vom Musikgeschäft, die LP „Double Fantasy“, die er zusammen mit Yoko eingespielt hatte. Die Arbeiten an einer weiteren Langspielplatte konnte er nicht mehr zu Ende führen.
Dass wir dieses Interview mit Lennon und seiner Frau trotz seines schrecklichen Todes drucken, hat vor allem einen Grund: Es erscheint uns als das beredte Zeugnis eines Mannes, der seinen Mitmenschen zu Lebzeiten mehr Glück bereitete als viele andere Berühmte dieser Welt.
 

Interview

Ein offenes Gespräch mit dem Paar, dessen Heirat einst die Beatles auseinanderbrachte – und zugleich das letzte große Interview, das Lennon vor seinem tragischen Tod gab

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Der Rummel um die Beatles war einfach zu viel. Wir waren voll auf Marihuana
Playboy: John Lennon und Yoko Ono waren wieder im Studio. Zum ersten Mal seit 1975 nahmen sie eine LP auf. Damals hatten sich die beiden aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. John, was haben Sie in den letzten Jahren gemacht?
Lennon: Ich habe Brot gebacken und mich um das Baby gekümmert.

Playboy: Sonst nichts?
Lennon: Brot herstellen und Babys hüten sind, wie Ihnen jede Hausfrau bestätigen kann, Full-time-Jobs. Wenn die Brote aus dem Ofen kamen, hatte ich das Gefühl, etwas ganz Besonderes geschaffen zu haben. Als ich dann zusah, wie sie gegessen wurden, dachte ich: Himmel, dafür könnte ich doch eigentlich auch eine Goldene Schallplatte bekommen oder zum Ritter geschlagen werden.

Playboy: Warum sind Sie Hausmann geworden?
Lennon: Dafür gab es viele Gründe. Von meinem 22. Lebensjahr an bis Anfang 30 musste ich immer irgendwelchen Verpflichtungen nachkommen. Ich war nie frei. Meine Verträge waren wie ein Gefängnis. Aber plötzlich wurde es viel wichtiger, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, als mit dem Rock’n’Roll-Leben weiterzumachen. Ich wollte nicht mehr abhängig sein von den Höhen und Tiefen der eigenen Selbstdarstellung oder öffentlichen Wertschätzung. Rock’n’Roll machte einfach keinen Spaß mehr. Und mir lag nichts daran, in Vegas aufzutreten und dort meine größten Hits zu präsentieren – oder zur Hölle zu fahren, wohin es Elvis Presley verschlagen hat.
Ono: John war wie ein Künstler, der ein besonders großes Talent hat, Kreise zu zeichnen. Das wird zu seinem Markenzeichen. Er besitzt eine Galerie, die seine Kreise unter die Leute bringt. Im nächsten Jahr wird er dann Dreiecke zeichnen. Aber mit seinem wirklichen Leben und Können hat das überhaupt nichts zu tun.
Lennon: Ich war zu einem Handwerker geworden, und ich hätte ewig dabeibleiben können. Ich respektiere Handwerker, aber ich habe kein Interesse daran, einer zu werden.
Ono: Einfach nur immer beweisen, dass man in der Lage ist, etwas zu produzieren.

Playboy: Sie sprechen von Schallplatten?
Lennon: Ja, davon, immer etwas herauszubringen, weil es von mir erwartet wurde. Wie von so vielen Leuten, die dann auch brav alle sechs Monate ein neues Album machen.

Playboy: Spielen Sie damit auf Paul McCartney an?
Lennon: Das gilt nicht nur für Paul. Ich hatte die ursprüngliche Freiheit des Künstlers verloren, weil ich zum Sklaven dessen geworden war, was man von einem Künstler erwartet. Deswegen haben sich viele umgebracht, sei es durch Alkohol wie der Dichter Dylan Thomas, durch Wahnsinn wie Van Gogh oder durch eine Geschlechtskrankheit wie Gauguin.

Playboy: Wie ist es Ihnen gelungen, einen Ausweg zu finden?
Lennon: Die meisten leben eben nicht mit Yoko Ono zusammen.

Playboy: Und das heißt?
Lennon: Viele Menschen haben keinen Partner, der ihnen die Wahrheit sagt und sich weigert, mit einem Künstler zusammenzuleben, der sich und andere bescheißt.

Playboy: Was hat Yoko für Sie getan?
Lennon: Sie zeigte mir die Alternative. „Du musst das nicht machen!“ – „Nein?“ Wirklich nicht?“ Aber – aber – aber – aber ...“ Natürlich war es nicht so einfach, und ich habe es auch nicht über Nacht begriffen. Ich brauchte ständigen Zuspruch. Einer Sache den Rücken zu kehren, ist viel schwieriger als weiterzumachen. Ich habe beides erlebt. Weil es so verlangt wurde, lieferte ich von 1962 bis 1975 termingemäß meine Schallplatten ab. Als ich damit aufhörte, ging es mir wie den Jungs, die mit 65 plötzlich am Ende sind, die man aus ihren Büros jagt und ihnen sagt: „Das Leben ist vorüber. Zeit zum Golfspielen!“

Playboy: Yoko, wie sehen Sie Johns Rolle als Hausmann“
Ono: Wenn John und ich ausgingen, fragten uns Freunde: „John, was machst du denn so?“ Sie erkundigten sich nie nach mir, denn als Frau wurde von mir gar nicht erwartet, dass ich irgendetwas tat.
Lennon: Während ich die Katzenscheiße wegwischte und Sean fütterte, saß Yoko in Räumen voll von Zigarettenrauch mit Leuten in dreiteiligen Anzügen, die sie über ihren Wänsten nicht mehr zuknöpfen konnten.
Ono: Ich habe mich ums Geschäft gekümmert: um Apple, Maclen (Plattenfirma und Musikverlag der Beatles) und Neuinvestitionen.
Lennon: Wir mussten Ordnung in unsere Angelegenheiten bringen: Entweder einen Experten bitten, die Probleme für uns zu lösen, oder es selbst in die Hand nehmen. Unsere Anwälte sackten eine Viertelmillion Dollar im Jahr dafür ein, dass sie im „Plaza“ Lachs aßen. Die meisten von ihnen schienen gar kein Interesse daran zu habe, unsere Geschäfte zu führen. Jeder Anwalt hatte wieder seinen Anwalt. Für die Beatles arbeiteten insgesamt fast 20 Advokaten. Also beschlossen Yoko und ich, alles selber zu übernehmen. Und die einzige von uns beiden, die Talent und Fähigkeiten für Business hat, ist Yoko.

Playboy: Hatten Sie Erfahrung mit Geschäften dieser Größenordnung?
Ono: Ich habe es gelernt. Juristische Begriffe zum Beispiel sind für mich kein Rätsel mehr. Und Politiker und das ganze Establishment können mich auch nicht mehr schrecken. Anfangs konnten mein Buchhalter und mein Anwalt sich überhaupt nicht mit der Tatsache abfinden, dass ich ihnen sagte, was zu tun sei.
Lennon: Sie meinten immer: Okay, sie ist zwar Johns Frau, aber er lässt sich doch nicht wirklich von ihr vertreten.
Ono: Anwälte schickten die Briefe einfach nicht an mich, sondern an John oder an meinen Anwalt. Es hieß immer wieder: „Aber Sie kennen sich doch mit den Gesetzen nicht aus, mit Ihnen können wir uns nicht unterhalten.“ Ich sagte: „Gut, dann sprechen Sie so mit mir, dass ich es verstehen kann. Ich bin auch Direktor.“
Lennon: Das können diese Leute nicht begreifen. Aber sie müssen sich nun mal damit abfinden, denn Yoko repräsentiert uns beide. Anwälte sind wie trainierte Hunde. Sie haben gelernt, jederzeit zuzuschnappen. Kürzlich machte Yoko ein prima Geschäft. Und unsere Advokaten kämpften verzweifelt dagegen, denn es war Yokos Idee, und sie ist eben nur eine Frau und kein Profi. Aber sie zog es durch, und einer dieser Typen sagte danach zu ihr: „Hat doch Lennon glänzend hingekriegt.“ Aber Lennon hatte nicht das Geringste damit zu tun.

Playboy: Warum sind Sie jetzt ins Studio und in die Öffentlichkeit zurückgekehrt?
Lennon: Man atmet ein, und man atmet aus! Uns ist danach, und wir haben etwas zu sagen. Außerdem haben Yoko und ich schon einige Male versucht, zusammen Musik zu machen. Das ist aber schon lange her, und die Leute hatten damals noch immer die Vorstellung, die Beatles seien etwas Heiliges und dürften nicht mit anderen arbeiten. Wir glauben, dass diese Typen es inzwischen vergessen haben oder doch wohl erwachsen geworden sind. Deshalb unternehmen wir jetzt einen zweiten gemeinsamen Versuch in dem Bereich, in dem wir auch zusammengehören, der Musik. Aber es stimmt nicht, dass ich, der wunderbare, mystische Prinz aus der Rock’n’Roll-Welt, eigenartige und seltsame Musik mit einer exotischen, orientalischen Drachen-Lady mache.

Playboy: Kritiker behaupten, Sie treiben mit den Medien ein Spiel. Zuerst werden Sie Einsiedler, und dann reden Sie wieder mit ausgewählten Presseleuten, weil Sie ein neues Album auf den Markt bringen.
Lennon: Lächerlich. Es wurde immer behauptet, John und Yoko täten alles für die richtige Publicity. In einem Newsweek-Artikel steht zum Beispiel, dass die Reporterin uns fragte: „Warum sind Sie in den Untergrund gegangen?“ So hat sie überhaupt nicht gefragt, und außerdem bin ich ganz gewiss nicht in den Untergrund gegangen. Ich habe nur aufgehört, mit Presseleuten zu reden. Es war schon ulkig. Zu der Zeit nannte ich mich nur noch Greta Hughes oder Howard Garbo. Aber die Klatschgeschichten hörten nie auf. Man schrieb sogar mehr über uns, wenn wir nicht mit Presseleuten sprachen.

Playboy: Was sagen Sie zu der Behauptung, dass John Lennon von Yoko verhext ist, dass sie ihn unter ihrer Kontrolle hat?
Lennon: Unsinn. Niemand kontrolliert mich. Ich bin unkontrollierbar. Der einzige, der mich im Auge behält, bin ich selber, und schon das gelingt mir kaum.

Playboy: Und trotzdem glauben manche Leute, dass Yoko Sie beherrscht.
Lennon: Hören Sie, wenn mich jemand beeindrucken will, ob’s nun ein Maharishi ist oder eine Yoko Ono, dann kommt immer der Zeitpunkt, an dem der Kaiser ohne seine Kleider dasteht. Der Tag, an dem ich die Person durchschaue. Also, alle Leute da draußen, die glauben, man habe mir die Mütze über die Augen gezogen – das ist eine Beleidigung. Wenn ihr nichts von Yoko haltet, ist das euer Problem. Aber was ich von ihr halte, das zählt! Denn – fuck you, brothers and sisters – ihr wisst nicht, was los ist. Ich bin nicht für euch auf der Welt. Ich bin hier für mich und sie und das Baby!
Ono: Alle gehen auf mich los.
Lennon: Du wirst immer beleidigt, meine liebe Frau. Das ist natürlich ....
Ono: Warum sollte ich darauf aus sein, jemanden zu kontrollieren?
Lennon: Sie braucht mich nicht.
Ono: Ich habe mein eigenes Leben.
Lennon: Sie braucht keinen Beatle. Wer braucht schon einen Beatle?
Ono: Warum glauben die Leute, dass ich ein Scharlatan bin? Zwei Monate hat es John beim Maharishi ausgehalten. Zwei Monate. Dann muss ich ja der größte Blender der Welt sein, denn ich bin schon 13 Jahre bei ihm.
Lennon: Aber die Leute glauben das wirklich.

Playboy: Warum?
Lennon: Sie klammern sich an etwas, das es nicht gibt. Jeder, der behauptet, er habe ein Interesse an mir als Künstler oder auch als Teil der Beatles, hat absolut alles missverstanden, was ich je gesagt habe, wenn er nicht in der Lage ist, zu begreifen, warum ich mit Yoko zusammen bin. Und wer das nicht versteht, begreift überhaupt nichts. Der holt sich doch nur bei jedem einen runter. Bei Mick Jagger oder sonst jemandem. Lass ihn sich doch einen bei Mick Jagger runterholen. Okay. Ich brauch’ das nicht.

Playboy: Jagger würde das gefallen.
Lennon: Ich hab das nicht nötig. Lass die Kids doch den Wings hinterher jagen. Wem es gefällt, der soll doch hinter Mick oder Paul her rennen. Ich bin dafür nicht zu haben. Und wenn das nicht aus meiner Vergangenheit klar wird, dann sag’ ich es hier, neben all den Titten und Ärschen ab Seite 84: Geht und spielt mit den anderen Jungs. Lasst mich zufrieden. Geht und spielt mit den Rolling Wings.

Playboy: Glauben Sie ...
Lennon: Nein, warten Sie. Bleiben wir noch einen Augenblick dabei, manchmal muss ich mich an etwas festbeißen. (Steht auf und klettert auf den Eisschrank.) Niemand hat je gesagt, dass Paul mich verhext hätte oder ich Paul. Warum haben sie nie gefragt: „Was ist das für ‚ne Kiste mit Paul und John?“ Wir haben damals mehr Zeit zusammen verbracht als ich mit Yoko: Wir vier haben im selben Zimmer geschlafen, praktisch im selben Bett, waren im selben Lastwagen, lebten Tag und Nacht zusammen, aßen, schissen und pissten zusammen! Klar! Niemand hat behauptet, einer sei verhext. Die Fans glauben höchstens daran, dass Brian Epstein oder George Martin (der erste Manager der Beatles und ihr Produzent) uns in der Hand hatten. Ein paar Typen gratulierten den Stones, weil sie 112 Jahre zusammen geblieben sind. Um Himmels willen! Wenigstens haben Charlie und Bill noch ihre Familien. In den achtziger Jahren wird man fragen: „Warum sind diese Stones noch immer zusammen? können die alleine nicht mit der Welt fertig werden? Warum müssen die immer von ‚ner Bande umgeben sein? Hat der kleine Führer Jagger vielleicht Angst, dass ihm einer ein Messer in den Rücken rammt?“ Das genau wird die Frage sein. Die Beatles und die Stones sind dann schon Antiquitäten, die man in alten Wochenschauen sieht. Da werden sie Bilder zeigen von dem Burschen mit Lippenstift, der mit dem Arsch wackelt, und von den vier Typen mit dem bösen schwarzen Make-up, die versuchen, geil auszusehen. Das wird der Witz der Zukunft sein. Nicht ein Paar, das zusammen singt, lebt und arbeitet. Wenn man 16, 17 oder 18 ist, ist es schon okay, dass man männliche Kumpels und Idole hat. Das ist wie ein Stammesritual. Aber wenn einer immer so weiter macht, auch mit 40, dann bedeutet es, dass er im Kopf noch immer 16 ist.

Playboy: Fangen wir mal ganz am Anfang an. Erzählen Sie uns, wie der wunderbare, mystische Pop-Prinz und die orientalische Drachen-Lady sich kennenlernten.
Lennon: Das war 1966 in England. Jemand erzählte mir von dieser japanischen Avantgarde-Künstlerin, die aus Amerika kam. Ich ging in ihre Galerie, und da stand eine Leiter. Ich kletterte rauf, schaute oben durch ein Fernglas – man kommt sich dabei wie ein Blöder vor – und las das Wort „Ja“. Zu jener Zeit bestand eigentlich die gesamte Avantgarde-Kunst darin, mit dem Hammer ein Klavier zu zertrümmern und irgendwelche Skulpturen zu zerstören. Alles langweilige und negative Scheiße. Aber das „Ja“ brachte mich dazu, in der Galerie, die voller Äpfel und Nägel war, zu bleiben. Auf einem Schild stand: SCHLAGEN SIE EINEN NAGEL EIN, und ich fragte: „Darf ich zuschlagen?“ Aber Yoko sagte nein, denn die Show sollte erst am nächsten Tag eröffnet werden. Da kam der Besitzer und flüsterte ihr zu: „Lassen Sie ihn. Er ist Millionär. Vielleicht kauft er dann was.“ Yoko ließ sich umstimmen. „Okay, Sie können für fünf Shilling einen Nagel einschlagen.“ Und da antwortete der smarte John: „Gut, stellen wir uns vor, ich gebe Ihnen fünf Shilling, und dann stellen wir uns vor, ich schlage einen Nagel ein.“ So haben wir uns wirklich kennengelernt. Unsere Blicke trafen sich, sie verstand, ich verstand, und wie man in allen Interviews sagt: Der Rest ist Geschichte.

Playboy: Wie ging es weiter?
Lennon: Ich war zwar immer noch ein Beatle. Aber ich begann, mich zu verändern. 1966, kurz bevor wir uns kennenlernten, war ich in Almeria, Spanien, gewesen, um den Film Wie ich den Krieg gewann zu drehen. Es tat mir sehr gut, von allem Abstand zu gewinnen. Ich war sechs Wochen dort und schrieb nebenbei Strawberry Fields Forever. Die Filmarbeit gab mir die Möglichkeit, allein über alles nachzudenken. Von da an suchte ich nach einer neuen Aufgabe. Aber ich hatte nicht den Mut, ganz allein aus dem Boot auszusteigen und es fortzustoßen. Als dann meine Liebe zu Yoko begann, wusste ich, mein Gott, das ist anders als alles, was ich je erlebt habe. Das ist was ganz Neues. Besser als ein Plattenhit, mehr als Gold, mehr als alles. Es ist unbeschreiblich.

Playboy: Waren die Liebe zu Yoko und der Wunsch, sich von den Beatles zu trennen, miteinander verknüpft?
Lennon: Wie gesagt, ich war entschlossen, die Beatles zu verlassen. Als ich dann Yoko begegnete, war es, als träfe ich die erste Frau meines Lebens. Man lässt die Kumpels in der Kneipe zurück. Man geht nicht mehr zum Fußballspielen oder zum Billard. Manche treffen sich vielleicht noch am Freitagabend mit ihren Freunden, aber als ich die Frau gefunden hatte, da waren für mich die Jungs nur noch alte Schulfreunde. Ich hatte kein Interesse mehr an ihnen. Yoko und ich haben drei Jahre später geheiratet, 1969. Das war das Ende der Beatles. Aber wir waren eben ziemlich berühmt und nicht einfach nur ein paar Kumpels in der Stammkneipe. Alle regten sich unheimlich über die Trennung auf. Man bewarf Yoko und mich mit Scheiße und verfolgte uns mit Hass.
Ono: Und es ist bis heute so. Ich habe gerade erst gelesen, dass Paul sagte: „Ich verstehe, dass er mit ihr zusammen sein will, aber warum denn immer?“
Lennon: Yoko, hast du noch an dem Kreuz zu tragen? Das war doch vor Jahren.
Ono: Nein, nein, nein. Er hat das kürzlich gesagt. Wissen Sie, ich ging mit John ins Bett, weil er mir gefiel. Und am nächsten Morgen stehen plötzlich drei Schwager vor mir.
Lennon: In Pauls Song Get Back wurde das Thema angesprochen. Als wir im Studio waren und den Song aufnahmen, da hat Paul jedes Mal Yoko angesehen, wenn er die Zeile sang: „Get back to where you once belonged“ – „Geh zurück, wo du hingehörst“.

Playboy: Ist das wahr?
Lennon: Ja, aber er wird wohl sagen, ich hätte Paranoia. (Der nächste Teil des Interviews wurde nur mit John Lennon geführt.)

Playboy: Jetzt können wir uns vielleicht am besten über diese Schwager unterhalten, wie Yoko sie genannt hat. John, warum ist es undenkbar, dass sich die Beatles noch mal zusammentun, um Musik zu machen?
Lennon: Wollen Sie wieder in die Schule? Warum sollte ich zehn Jahre zurück in die Vergangenheit gehen, um für Sie eine Illusion zu schaffen, von der ich weiß, dass sie nicht mehr existiert?

Playboy: Vergessen wir diese Illusion. Warum wollen Sie nicht wieder ein bisschen großartige Musik machen?
Lennon: Warum sollten die Beatles noch mehr geben? Haben sie nicht zehn Jahre lang alles geboten, was möglich war? Haben sie nicht sogar sich selbst gegeben? Sie sind ein typischer Hassliebe-Fan, der sagt: „Vielen Dank für alles, was ihr uns in den sechziger Jahren geschenkt habt – könnt ihr mir nicht noch einen Schuss verpassen? Nur noch einmal ein Wunder?

Playboy: Wir sprechen nicht von Wundern, sondern von guter Musik.
Lennon: Hätten Dean Martin und Jerry Lewis zusammen bleiben sollen, nur weil sie mir so gefielen? Was ist das für ein Spiel, nur Dinge zu tun, die andere Leute verlangen? Dieses ganze Gerede um das Beatles-Comeback läuft doch nur darauf hinaus, dass Sie es wollen, oder?

Playboy: Kommen wir auf die Musik zurück: Finden Sie nicht, dass die Beatles den besten Rock’n’Roll gemacht haben, der je produziert wurde?
Lennon: Nein. Aber ich bin mit den Beatles künstlerisch zu sehr verbunden, um sie objektiv betrachten zu können. Ich bin mit jeder ihrer verdammten Platten unzufrieden. Also kann ich Ihnen beim besten Willen keine Einschätzung dessen liefern, was die Beatles sind. Als ich einer war, meinte ich, wir seien die verflucht beste Gruppe auf der ganzen Welt. Aber wenn Sie mir unsere Stücke heute vorspielen, dann möchte ich am liebsten jeden Song neu machen. Da ist kein einziger ... ich habe gestern Abend zum Beispiel Lucy In The Sky With Diamonds im Radio gehört. Furchtbar, grauenhaft. Das Stück ist einfach schrecklich. Das heißt, es ist schon toll, aber wir haben es nicht richtig gemacht. Um aber auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen, über die Beatles und ihre Musik. Wir haben gute Songs gemacht und miese.

Playboy: Viele Leute meinen, dass kein einziger Song, den Paul mit den Wings produziert hat, an seine Beatles-Stücke herankommt. Glauben Sie, dass Ihre Lieder mit der Plastic Ono Band so gut sind, wie zum Beispiel Eleanor Rigby oder Strawberry Fields?
Lennon: Imagine, Love und einige andere Nummern können sich mit jedem Song messen, den ich als Beatle geschrieben habe. Es wird aber vielleicht 20 oder 30 Jahre dauern, bis das richtig eingeschätzt wird.

Playboy: Ist es nicht sehr untertrieben, wenn Sie von den Beatles behaupten, dass sie nur eine gute Band waren, die gute Musik machte? Viele finden nämlich, dass es nicht einfach nur gute Musik, sondern die beste war.
Lennon: Und wenn’s die beste war – na und? Es wird nie wieder so sein! Wenn eine gute Sache zu Ende geht, dann reden alle Leute immer so, als sei das Leben vorüber. Aber ich bin gerade 40, wenn dieses Interview erscheint. Paul ist 38, Elton John, Bob Dylan – wir sind alle relativ junge Leute Das Spiel ist noch längst nicht aus. Alle reden von der letzten Platte oder dem letzten Beatles-Konzert – aber, so Gott will, liegen vor uns noch 40 Jahre Produktivität. Ich will nicht sagen, ob I Am The Walrus besser oder schlechter ist als Imagine. Das sollen andere beurteilen. Ich mache diese Musik. Ich trete nicht zurück und kritisiere – ich mache.

Playboy: Sie sagen immer wieder, man kann die Zeit nicht zehn Jahre zurückdrehen, zu viel habe sich verändert. Haben Sie nie das Gefühl, es sei vielleicht interessant, mit all den neuen Erfahrungen noch mal zusammenzukommen?
Lennon: Wäre es interessant, Elvis in seine Sun-Records-Zeit zurückzuversetzen? Ich weiß nicht. Ich gebe mich damit zufrieden, seine alten Platten anzuhören. Ich will Elvis nicht aus seinem Grab buddeln. Die Beatles existieren nicht mehr, und sie werden nie wieder aufleben. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Richard Starkey könnten ein Konzert geben, aber es kann nie wieder so sein, als sängen die Beatles Strawberry Fields oder I Am The Walrus. Wir sind nicht mehr Mitte 20, und auch die Leute, die zuhören, nicht.

Playboy: Und wenn es nun nur ein nostalgischer Spaß wäre? Ein Klassentreffen?
Lennon: Ich bin nie zu Klassentreffen gegangen. Mein Motto ist: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Das ist meine Lebenshaltung. Und daher schaue ich auf meine Vergangenheit nicht mit romantischen Gefühlen zurück. Ich betrachte sie nur unter dem Aspekt, ob sie mir Vergnügen bereitet oder mich psychisch weitergebracht hat. Sonst ist mir das Gestern egal. Mich interessiert nur, was ich in der Gegenwart mache. Playboy. Was ist mit den Leuten Ihrer Generation, die das Gefühl haben, eine bestimmte Art von Musik und Geisteshaltung seien gestorben, als sich die Beatles trennten?
Lennon: Wenn sie die Beatles und die sechziger Jahre damals nicht verstanden haben, was zum Teufel könnten wir dann jetzt für sie tun? Müssen wir wieder Fisch und Brot für die Massen teilen? Müssen wir wieder gekreuzigt werden? Müssen wir wieder übers Wasser gehen, nur weil Massen von Dummköpfen es beim ersten Mal nicht kapiert haben? Sie verlangen: „Steigt vom Kreuz herunter. Ich habe die Sache damals nicht verstanden. Könnt ihr sie nicht noch mal machen?“ Geht nicht. Das läuft nicht mehr.

Playboy: Ist das Geschrei nach einer Wiedervereinigung der Beatles in letzter Zeit leiser geworden?
Lennon: Ich habe neulich ein paar Beatles-Sachen im Radio gehört, und da war auch Green Onion – nein, Glass Onion – dabei, ich kenn’ nicht mal mehr meine eigenen Songs! Ich hab’s mir angehört, weil die Nummer so selten gespielt wird ...

Playboy: War das nicht der Titel, bei dem das Gerücht entstand, Paul sei tot, weil es im Text heißt: „The walrus is Paul“?
Lennon: Ja. Die Zeile war aber nur ein Scherz. Ich schrieb sie, weil ich Schuldgefühle hatte, mit Yoko zusammen zu sein und endlich ein Ziel erreicht zu haben. Irgendwie wollte ich Paul klar machen: „Hier, nimm diesen Schlag hin – denn ich werde dich verlassen.“ Jedenfalls ist Glass Onion ein Song, der gewöhnlich nicht gespielt wird. Wenn irgendeine Radiostation ein Beatles-Wochenende macht, dann legen sie immer dieselben Songs auf: A Hard Day’s Night, Help, Yesterday, Something, Let It Be und so weiter. Wir haben ungeheuer viel geschrieben, aber immer spielen sie nur die gleichen Nummern. Aber der Diskjockey dieser einen Sendung sagte: „Ich möchte John, Paul, George und Ringo dafür danken, dass sie sich nicht wieder zusammentun und dadurch eine gute Sache verderben.“ Ich nahm das für ein gutes Zeichen. Vielleicht packen es die Leute langsam.

Playboy: Sehen wir einmal ab von den Millionen, die man Ihnen für ein Konzert geboten hat. Was hielten Sie denn von dem Angebot, das man Ihnen vor ein paar Jahren gemacht hat, für 3200 Dollar Gage in der TV-Show Saturday Night Live aufzutreten?
Lennon: Paul und ich haben die Show damals zusammen gesehen. Beinahe wären wir ins Taxi gestiegen und zum Studio gefahren, nur so als Gag, aber dann waren wir doch zu müde.

Playboy: Wie kam es, dass Paul Sie besuchte?
Lennon: Das war zu einer Zeit, als Paul immer wieder mal mit einer Gitarre in der Hand vor unserer Tür stand. Ich ließ ihn auch rein, aber schließlich erklärte ich ihm: „Bitte, ruf doch an, bevor du kommst. Wir haben nicht mehr 1956, wo du einfach so reinschneien konntest. Klingel doch einfach vorher kurz durch.“ Da war er sauer, aber ich meinte es gar nicht böse. Ich musste mich eben den ganzen Tag ums Baby kümmern, und dann steht da einer plötzlich vor der Tür. Na, jedenfalls kamen an dem Abend er und Linda vorbei, und ich sah mir gerade die Show an. Wir blödelten rum: „Wär’ doch witzig, wenn wir da tatsächlich auftauchten.“ Aber wir taten es dann doch nicht.

Playboy: Haben Sie damals Paul zum letzten Mal gesehen?
Lennon: Ja, aber ich wollte ihn gar nicht verärgern.

Playboy: Sind die Beatles denn nun heute Feinde oder noch gute Freunde?
Lennon: Weder noch. Ich habe seit einiger Zeit keinen mehr gesehen.

Playboy: Dann lassen Sie uns über früher reden. Wer hat was zum Lennon-McCartney-Songwriter-Team beigetragen?
Lennon: Man kann sagen, dass Paul für eine gewisse Leichtigkeit in den Songs gesorgt hat, einen Optimismus, während ich immer die traurigeren Elemente einbrachte, Missklänge, eine Art Blues-Stimmung. Ich dachte ein Zeitlang, dass Pauls Stärke die melodischen Sachen seien, und ich nur soliden, lauten Rock’n’Roll komponieren konnte. Aber wenn ich an Titel wie In My Life denke oder an einige meiner frühen Stücke – This Boy -, dann muss ich schon sagen, dass ich genauso gut Melodien schreiben konnte. Paul hatte sehr viel Übung, er beherrschte eine Menge Instrumente. Er sagte oft: „Warum machst du an dieser Stelle nicht etwas Neues? Den Ton hast du in dem Song schon fünfzigmal gebracht.“ Auf der anderen Seite war ich eigentlich oft derjenige, der die Songs dahin gebracht hat, wo sie hin sollten. Bei vielen Songs hab ich den Mittelteil geschrieben.

Playboy: Und wie ging es bei den Texten?
Lennon: Mir fiel es immer leichter, die Worte zu finden, obwohl Paul auch ein fähiger Texter ist, selbst wenn er das nicht glaubt. Denn er schrieb ungern die Lyrics. Statt sich dem Problem zu stellen, wich er ihm lieber aus. Aber Hey Jude zum Beispiel hat einen verdammt guten Text. Zu dem habe ich absolut nichts beigetragen. Und auch ein paar andere Zeilen von Paul beweisen, dass er Anlagen zu einem glänzenden Texter hat. Aber er hat nicht viel draus gemacht. Am Anfang kümmerten uns die Texte auch kaum, solange der Song irgendein vages Thema hatte – sie liebt dich, er liebt ihn, sie alle lieben einander. Uns kam es auf den Sound an. Das gilt für mich bis heute, obwohl ich den Texten jetzt mehr Bedeutung beimesse. Sie müssen für mich einen Sinn ergeben, auch wenn man sie ohne den Song hört.

Playboy: Können Sie uns ein Beispiel für einen Text nennen, an dem Sie und Paul zusammen gearbeitet haben?
Lennon: Bei We Can Work It Out hat Paul die erste Hälfte gemacht und ich den Rest. Paul schrieb: „We can work it out / We can work it out“ – richtig optimistisch, und dann komm’ ich, ungeduldig: „Life is very short and there’s no time / For fussing and fighting, my friend ...“

Playboy: Paul erzählt die Geschichte, und John philosophiert.
Lennon: Genau. Ich war immer schon so. Vor den Beatles, und auch danach. Ich wollte immer wissen, warum die Menschen so handeln, wie sie es tun, und warum die Gesellschaft so und nicht anders ist. Ich wollte immer unter die Oberfläche sehen.

Playboy: Wenn Sie einen Songtext wie We Can Work It Out gemeinsam geschrieben haben, dann war doch die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Paul viel enger, als Sie bisher zugeben wollten. Haben Sie nicht behauptet, dass Sie die meisten Songs unabhängig voneinander geschrieben haben und später Ihre beiden Namen darunter gesetzt wurden?
Lennon: Ja, das war gelogen (lacht). Als ich mal sauer war, hatte ich eben das Gefühl, wir hätten alles solo gemacht. Aber eigentlich haben wir eine ganze Reihe Songs Aug’ in Aug’ komponiert und getextet.

Playboy: Aber viele sind auch getrennt geschrieben worden?
Lennon: Ja. Sgt. Pepper zum Beispiel war Pauls Idee, und er hat viel daran gearbeitet. Eines Tages rief er mich an und sagte, es sei Zeit, ins Studio zu gehen und einige Songs zu schreiben. Für Pepper habe ich in zehn Tagen Lucy In The Sky und Day In The Life geliefert. Wir haben damals nicht genug miteinander gesprochen. Deswegen war ich später auch so ärgerlich über das ganze Projekt. Aber jetzt verstehe ich, dass es eben immer dasselbe Konkurrenzdenken ist.

Playboy: Aber dieser interne Kampf war doch gut für Sie?
Lennon: Zu Anfang schon. Wir machten eine Platte in zwölf Stunden. Die Firma wollte alle drei Monate eine Single von uns, und wir mussten sie in irgendeinem Hotel oder im Auto schreiben.

Playboy: Und fehlt Ihnen heute diese einzigartige Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Paul?
Lennon: Nein, ich glaube nicht, etwas verloren zu haben. Ich möchte nicht, dass es negativ klingt, als hätte ich Paul nicht gebraucht, denn als er da war, hat es ja ganz offensichtlich geklappt. Aber es ist leichter zu sagen, was er von mir hatte, als andersrum. Er würde das genauso sehen.

Playboy: Kommen wir zu Ringo. Was halten Sie von ihm als Musiker?
Lennon: Bevor wir uns trafen, galt Ringo in Liverpool schon als Star. Er war Profil-Schlagzeuger, sang und spielte bereits in einer der bekanntesten britischen Gruppen, lange bevor wir den ersten Drummer hatten. Ich weiß zwar nicht, wo er ohne die Beatles gelandet wäre, aber was immer in ihm steckt – sei es als Schauspieler, Schlagzeuger oder Sänger -, er hätte die Nase sicher immer übers Wasser gekriegt. Ringo ist zudem ein verdammt guter Schlagzeuger, zwar nicht unbedingt im technischen Sinn, aber sein Schlagzeugspiel wird genauso unterbewertet wie Pauls Bassspiel. Paul war einer der einfallsreichsten Bassisten aller Zeiten. Die Hälfte von dem, was heute Bassisten spielen, ist aus Pauls Beatles-Zeit geklaut. Ich glaube, Paul und Ringo können es mit jedem Rockmusiker aufnehmen. Sie sind zwar technisch nicht Spitze, keiner von uns ist das. Wir konnten weder Noten lesen noch schreiben. Aber als Musiker mit Ideen sind Paul und Ringo mindestens so gut wie jeder andere.

Playboy: Und George Harrison?
Lennon: All Things Must Pass war in Ordnung. Es hat nur zu lange gedauert.

Playboy: Sie haben George in diesem Interview noch nicht erwähnt.
Lennon: Ich hab mich über sein Buch I, Me, Mine geärgert – er soll das ruhig wissen. Er hat seine Biographie herausgebracht, aber ungeheuer viel weggelassen. Dadurch entsteht der Eindruck, mein Einfluss auf sein Leben sei gleich Null gewesen. Gott und die Welt kommen in dem Buch vor – ich nicht.

Playboy: Warum nicht?
Lennon: Weil Georges Beziehung zu mir die eines jungen Mitläufers zu seinem älteren Freund war. Er ist drei oder vier Jahre jünger als ich. Zwischen uns beiden herrscht so was wie Hassliebe, und George nimmt mir immer noch übel, dass ich, sein Papi, von zu Hause abgehauen bin. Er würde das zwar nicht unterschreiben, aber ich sehe es so. Als wir anfingen, war er ein Schüler von mir. Ich studierte schon an der Kunstakademie, während Paul und George noch zur Grammar School gingen. Ich hatte meine ersten sexuellen Erfahrungen gemacht und trank Alkohol. George war noch blutjung, als er sich mir und meiner damaligen Freundin anschloss. Das war Cynthia, die später meine erste Frau wurde. Ich erinnere mich an einen Anruf von George wegen Taxman, einem seiner stärkeren Songs. Er wollte von mir einen Rat, und er kam zu mir, weil er zu Paul nicht gehen konnte, denn der hätte ihm damals nicht geholfen. Ich wollte eigentlich auch nicht. Ich dachte: „Sag bloß nicht, dass ich an deinen Sachen mitarbeiten soll. Mir reichen meine eigenen und die von Paul.“ Aber weil ich ihn gern hatte und ihn nicht verletzen wollte, hab ich mir halt einen Ruck gegeben und okay gesagt. George war zu kurz gekommen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keine Songs geschrieben. Als Sänger gestanden wir ihm pro Platte nur ein Lied zu. Die ersten Songs, die er und Ringo sangen, waren zudem aus meinem Repertoire. Ich suchte ihnen immer welche aus, die leichter zu singen waren. Also, beim Lesen von Georges Buch hab ich gewisse Rachegefühle bekommen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich hab die Jungs noch immer gern. Mit den Beatles ist es zwar vorbei, aber mit John, Paul, George und Ringo geht es weiter.

Playboy: Um Ihr Lieblingsthema abzuschließen: Was halten Sie von dem Vorschlag, Sie vier sollten Ihre Probleme untereinander zurückstellen und ein gigantisches Benefizkonzert geben?
Lennon: Mit Wohltätigkeiten hab ich überhaupt nichts am Hut.

Playboy: Promoter Sid Bernstein hat behauptet, ein weltweit ausgestrahltes Fernsehkonzert, das alle vier entweder zusammen oder einzeln geben würden, brächte eine Menge Geld ein. Er schätzte, dass über 200 Millionen Dollar dabei rausschauen könnten.
Lennon: Das war eine Kommerz-Idee von Sid Bernstein. Geschrieben mit Judenschmalz, Showbiz und Tränen, die auf die Knie tropfen. Darauf fall’ ich nicht rein.

Playboy: Aber Tatsache ist, dass 200 Millionen Dollar für ein armes Land in Südamerika ....
Lennon: Wann hören die Leute endlich auf mit der Forderung, die Beatles sollten 200 Millionen Dollar nach Südamerika schicken? Sie wissen, dass Amerika Milliarden in solche Gegenden gepumpt hat. Das bedeutet, verdammt noch mal, überhaupt nichts. Wenn das Essen runtergeschluckt ist, was dann! Das reicht doch nur einen Tag. Geld kann man dort ewig hineinschütten. Nach Peru kommt dann Harlem, und dann England. Es wird kein solches Konzert geben. Wir müssten den Rest unseres Lebens einer Welttournee widmen, und dazu bin ich nicht bereit. (Yoko Ono schließt sich der Unterhaltung wieder an.)

Playboy: Was Ihr eigenes Vermögen betrifft, die New York Post hat kürzlich behauptet, Sie hätten zugegeben, über 150 Millionen Dollar zu besitzen und ...
Lennon: Wir haben nie etwas zugegeben.

Playboy: Die Post behauptet, Sie hätten.
Lennon: Das sagt die Post – okay, wir sind also reich: na und?

Playboy: Wie verträgt sich das mit Ihrer politischen Philosophie? Man hält Sie doch für einen Sozialisten.
Lennon: In England gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann entweder für die Arbeiter oder für die Kapitalisten sein. Entweder wird man ein Rechtskonservativer, wenn man zu der Klasse gehört, in der ich nun bin, oder man wird instinktiv Sozialist, wie ich einer war. Damals meinte ich, die Leute sollten sich um ihre falschen Zähne und ihre Gesundheit kümmern, darauf kommt es an. Aber mal abgesehen davon: Ich habe für Geld gearbeitet, und reich wollte ich auch werden. Zum Teufel, wenn das ein Paradox ist, dann bin ich ein Sozialist. Aber ich bin nicht irgendwas. Früher hatte ich wegen Geldes Schuldgefühle. Also hab ich’s regelrecht verloren, entweder indem ich die Dollars verschenkt oder sogenannten Managern erlaubt habe, mich auszunehmen.

Playboy: Wie auch immer ihre politischen Ansichten sind, das kapitalistische Spiel beherrschen Sie gut. Sie haben die Beatles-Tantiemen in Immobilien und Sachwerten angelegt.
Ono: Schließlich leben wir immer noch in einer kapitalistischen Welt. Ich glaube, wenn man hier nicht untergehen oder gar etwas verändern will, muss man sich zunächst um sich selber kümmern. Ich hab mir immer gesagt, ich bin der einzige Sozialist, der hier lebt. (Sie lacht.) Mir selbst gehört kein Pfennig. Alles gehört John, ich bin sauber. Aber ich habe mit seinen Pfunden gewuchert und musste mich deswegen mit dieser Heuchelei im Kapitalismus auseinandersetzen. Früher war Geld etwas Obszönes für mich. Ich fand, dass Künstler sich deswegen keine Gedanken machen sollten. Wenn man aber gesellschaftliche Veränderungen will, dann kann man nur unter zwei Wegen wählen: dem der Gewalt oder dem der Macht des Geldes. In den sechziger Jahren sind eine Reihe von Leuten in den Untergrund gegangen. Sie haben sich auf Bombenattentate und andere Gewalttätigkeiten eingelassen. Das ist nicht der richtige Weg, jedenfalls nicht für mich.

Playboy: Wie sind Sie denn nun vorgegangen?
Ono: Um Geld zu verdienen, muss man Geld ausgeben. Wenn man wirklich ein Geschäft machen will, dann kann man das nur mit Liebe, mit Hingabe. Ich liebe ägyptische Kunst. Ich versuche, solche Stücke zu kaufen, nicht wegen ihres materiellen Wertes, sondern wegen der magischen Kraft, die in ihnen steckt. So ist es auch bei Häusern. Ich kaufe nur solche, die wir beide mögen, nicht Projekte, die als Investitionen gut wären.

Playboy: In den Zeitungen liest sich das, als würden Sie die Atlantikküste aufkaufen.
Ono: Wenn Sie die Häuser gesehen hätten, könnten Sie es besser verstehen. Es hat sich herausgestellt, dass wir gut eingekauft haben. Investitionen werden die Gebäude jedoch erst dann, wenn wir sie verkaufen. Das haben wir aber nicht vor. Jedes Haus passt von seiner Geschichte her in seine Umgebung, und sie sind alle sehr schön.

Playboy: Bewohnen Sie eigentlich all diese Häuser?
Ono: Für viele Leute ist ein öffentlicher Park der Platz, wo sie hingehen und rumtollen können. John und ich konnten niemals zusammen spazieren gehen. Deshalb mussten wir unsere eigenen Parks anlegen.

Playboy: Sie sollen Milchkühe im Wert von über 60 Millionen Dollar besitzen. Stimmt das?
Ono: Ich weiß es nicht. Ich bin schlecht im Zählen. Ich orientiere mich an den Besonderheiten der Dinge.
Lennon: Sean und ich waren übers Wochenende aufs Land gefahren, und Yoko kam dann zu uns, weil sie eine Kuh verkaufen wollte. Ich lachte sie aus. Tagelang hatten wir sie nicht gesehen. Die Verhandlungen waren sehr zeitraubend. Doch dann las ich in der Zeitung, dass sie dieses Rindvieh für eine Viertelmillion losgeschlagen hat. Nur Yoko kann eine Kuh zu einem solchen Preis verkaufen (beide lachen).

Playboy: John, brauchen Sie all diese Häuser draußen auf dem Land?
Lennon: Sie sind eine gute Sache.

Playboy: Braucht denn irgend jemand 150 Millionen Dollar. Wären Sie nicht mit 100 Millionen zufrieden? Oder nur mit einer Million Dollar?
Lennon: Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun? Alles verschenken und danach auf der Straße leben? Man kann vor dem Geld nicht davonlaufen. Mit den Beatles verhält es sich ähnlich. Ich könnte ihnen auch nie entkommen. Sie folgen mir immer noch wie ein Schatten. Wenn ich ein Haus aufgäbe oder 400, es würde nichts ändern.

Playboy: Aber Ihre letzten Jahre waren doch eine Art Flucht.
Lennon: Es dauert lange, bis man solchen Müll los wird, wie ich ihn mit mir herumgetragen habe. Yoko hat mir gezeigt, dass ich immer noch besessen war. Physisch verließ ich die Beatles, als ich mich in Yoko verliebte, der Kopf brauchte dann zehn Jahre, um sich freizukämpfen. Von ihr habe ich alles gelernt.

Playboy: Das klingt nach einer Lehrer-Schüler-Beziehung?
Lennon: Es ist eine Lehrer-Schüler-Beziehung. Die Leute verstehen das nicht. Ich bin der berühmte Man, von dem man glaubt, dass er alles weiß, aber Yoko ist ein Lehrer. Alles, was ich im Kopf hab, hat sie mir beigebracht. Sie war da, als ich der Nowhere Man war. Sie ist mein Don Juan (so heißt der indianische Lehrer des Schriftstellers Carlos Castaneda, der in seinen Büchern die Erweiterung des Bewussteins mit natürlicher Magie propagiert). Die Leute verstehen das nicht. Ich bin mit einem echten Don Juan verheiratet, das ist ausgesprochen mühselig. Don Juan muss nicht lachen und nicht schmeicheln. Alles, was um ihn herum passiert, ist für Don Juan irrelevant.

Playboy: Yoko, wie fühlen Sie sich als Johns Lehrer?
Ono: Bevor er mich traf, hatte er eine Menge Erfahrungen gemacht. Dinge, die ich nicht kannte. Ich habe also auch viel von ihm gelernt. Mein Einfluss auf ihn beruht vielleicht darauf, dass ich Kraft habe, weibliche Kraft. Frauen entwickeln so was – in einer Beziehung. Sie besitzen innere Weisheit, während die Männer ein Wissen haben, das es ihnen ermöglicht sich in der Gesellschaft zu behaupten. Männer haben noch nie innere Weisheit entwickelt, dafür fehlte ihnen stets die Zeit. Deshalb verlassen sich die meisten auf die Kraft ihrer Frauen, ob sie sich das nun eingestehen oder nicht.

Playboy: Ist Yoko Johns Guru?
Lennon: Nein, ein Don Juan hat keine Jünger. Ein Don Juan kommt nicht in den Zeitungen vor, hat keine Schüler, sucht keine Anhänger.

Playboy: Wie haben Sie gelernt?
Lennon: Als Don Juan – Don Ono – sagte: „Geh weg, du blickst nicht durch“, war das, als hätte sie mich in die Wüste geschickt. Sie jagte mich weg, weil ich nicht mit mir im reinen war. Erst als ich mich selbst begriff, ließ sie mich wieder rein.

Playboy: Sie sprechen von Ihrer Trennungszeit.
Lennon: Ja. Wir haben uns Anfang der Siebziger eine Zeitlang getrennt. Sie hatte mich hinausgeworfen, und ich trieb allein auf einem Floß mitten im Universum.

Playboy: Und was geschah dann?
Lennon: Zuerst dachte ich, hurra und heißa! Junggesellenleben, jetzt geht’s los. Dann wachte ich eines Morgens auf und frage mich: „Was ist das? Ich will nach Hause!“ Aber sie ließ mich nicht. Deshalb war ich 18 Monate von ihr getrennt. Wir haben immer wieder telefoniert, und ich sagte damals: „Mir gefällt das alles nicht, ich habe Kummer, ich möchte wieder nach Hause, bitte.“ Worauf sie sagte: „Du bist noch nicht soweit, um wieder nach Hause zu kommen.“ Was sagt man dazu? Okay, zurück zur Flasche.

Playboy: Zurück zur Flasche?
Lennon: Mit der Flasche versuchte ich zu verstecken, was ich fühlte. Mein Geist war krank. Die ganzen 18 Monate Trennung waren wie ein einziges langes, verlorenes Wochenende. Nie habe ich so viel gesoffen. Ich versuchte, mich in der Flasche zu ertränken. Zu dieser Zeit war ich mit den schwersten Alkoholikern des Musikgeschäfts zusammen.

Playboy: Zum Beispiel?
Lennon: Harry Nilsson, Bobby Keyes, Keith Moon. Wir kamen einfach nicht los vom Sprit. Wir versuchten uns umzubringen. Ich glaube, Harry versucht’s immer noch, der arme Kerl, Gott schütze dich Harry, wo auch immer du bist. Aber, Jesus, ich musste da wieder wegkommen, bevor es einen von uns erwischte. Die Frage war nur: Wer ist zuerst dran. Unglücklicherweise war es Keith (der Who-Schlagzeuger Keith Moon starb am 8. September 1978).

Playboy: Warum diese Selbstzerstörung?
Lennon: Für mich kam das durch die Trennung. Ich konnte sie nicht ertragen. Die anderen hatten ihre eigenen Gründe. Lasst uns gemeinsam untergehen, war unser Motto. Von dem Punkt aus, an dem ich mich damals befand, sah ich keinen anderen Ausweg. Kommt, wir bringen uns um, aber so wie Errol Flynn, auf macho, die männliche Art. Ich schäme mich, wenn ich an diese Zeit denke. Ich hab mich damals wie ein Idiot benommen – aber vielleicht war’s eine gute Lehre.

Playboy: Yoko, warum haben Sie John rausgeworfen?
Ono: Das hatte viele Gründe. Ich bin jemand, der immer weitergeht. Auf unserer neuen Platte ist ein Lied darüber. Anstatt in Beziehungen Probleme zu wälzen, will ich immer weiterkommen. Deshalb bin ich auch eine der wenigen Frauen, die nicht bei ihren Männern untergegangen sind. Normalerweise denken sich Frauen in ihre Männer hinein. Ich hab das nicht getan.
Lennon: Yoko sieht Männer als Assistenten, wenn auch mit verschiedenem Intimitätsgrad. Und dieser hier geht jetzt pinkeln. (Er geht.)
Ono: Dazu kann ich nichts weiter sagen. Als ich John traf, waren die Frauen in seiner Nähe nur Menschen, die ihm dienten. Er musste sich erst öffnen und mich sehen. Und ich musste erkennen, was er gerade durchmachte. Aber ... ich glaubte, weitergehen zu müssen, denn ich litt in der Beziehung mit John.

Playboy: Warum?
Ono: Die Öffentlichkeit verfolgte mich. Ich galt als die Frau, die für den Bruch der Beatles verantwortlich war, dass sie nie mehr zusammenkommen würden. Auch meine eigene künstlerische Tätigkeit litt darunter. Ich glaubte damals, mich von meiner Mrs.-Lennon-Rolle befreien zu müssen, und deshalb fand ich es sehr gut, dass John nach Los Angeles ging und mich eine Zeitlang alleine ließ. Ich hatte schon zu viel durchgemacht. Ganz am Anfang, John war noch ein Beatle, waren wir einmal zusammen in einem Zimmer, wir lagen im Bett, die Tür war zu. Wir hatten sie aber nicht abgeschlossen, und so kam ein Begleiter der Beatles herein und sprach mit John, als wäre ich gar nicht da. Es war unglaublich. Ich war unsichtbar. Die Leute um John sahen in mir eine schreckliche Gefahr. Ich hörte sogar, dass es Pläne gab, mich umzubringen.

Playboy: Wie hat das auf Sie gewirkt?
Ono: Die Gesellschaft will nicht begreifen, dass man auch Frauen kastrieren kann. Ich fühlte mich jedenfalls so. In der Zeit vor John war alles in Ordnung. Meine Arbeiten verkauften sich zwar nicht sehr gut, aber ich hätte ärmer sein können. Jedenfalls hatte ich meinen Stolz. Und plötzlich galt ich als Parasit. (John Lennon schließt sich dem Gespräch wieder an.)
Lennon: Als Yoko und ich anfingen, gemeinsame Sache zu machen, hielten wir Pressekonferenzen ab und teilten unsere Pläne mit, dass wir in Zukunft etwa Taschen tragen wollten und ähnliche Späße. Vor einem dieser Gespräche sagte ein Beatles-Begleiter zu Yoko: „Sie müssen jetzt ja nicht mehr arbeiten. Sie haben genug Geld, denn Sie sind Mrs. Lennon.“ Als sich Yoko darüber bei mir beklagte, konnte ich nicht verstehen, was sie meinte. „Dieser Junge“, sagte ich, „ist doch der gute alte Charlie, oder wer immer. Der ist schon 20 Jahre bei uns.“ Genau dasselbe passierte im Studio. Als sie zum Tontechniker sagte, „ich fände ein bisschen mehr Höhen besser“, schaute der Typ mich an und fragte: „Was hast du gesagt, John?“ Ich hab das damals gar nicht gemerkt. Jetzt weiß ich, wovon Yoko spricht.
Ono: Ein paar Jahre diese Sachen, und du bist kastriert. Ich bin irgendwie immer mehr macho gewesen als die meisten Männer, mit denen ich gelebt habe. Immer war ich diejenige, die das Geld verdiene. Und plötzlich leb’ ich mit einem Mann zusammen, der viel mehr Geld hat als ich. Damit kam ich nicht mehr klar. Ich entschloss mich, das nicht länger hinzunehmen. Ich hätte immer diese Schwierigkeiten gehabt, auch wenn ich mit einem anderen Mann als mit, äh ...
Lennon: John – John ist der Name.
Ono: ... mit John gelebt hätte. Aber John war nicht einfach nur John. Er war auch seine Gruppe, und er war auch die Leute um sie herum. Wenn ich John sage, war das damals nicht einfach John.
Lennon: Trotzdem – ich bin J-O-H-N. Das kommt, glaub’ ich von Johann ....

Playboy: Sie haben ihn weggeschickt?
Ono: Ja.
Lennon: Sie erträgt Idioten selbst dann nicht, wenn sie mit ihnen verheiratet ist.

Playboy: Wie fanden Sie nach der Trennung wieder zusammen?
Ono: Es begann mir langsam zu dämmern, dass John nicht das eigentliche Problem war. John war ein liebenswürdiger Mann. Aber diese Gesellschaft drum herum bedrückte uns. Wir fingen an, uns hin und wieder zu verabreden. Ich wollte sicher gehen. Ich bin froh, dass Johns Intelligenz ....
Lennon: Haben Sie’s gehört? Haben Sie das mitgekriegt?
Ono: Er war intelligent genug zu wissen, dass dies der einzige Weg war, um unsere Ehe zu retten – nicht weil wir einander nicht mehr liebten, sondern weil das Ganze zu viel für mich wurde. Es hätte sich nichts geändert, wenn ich dieselbe Mrs. Lennon wie zuvor geblieben wäre.

Playboy: Was hat sich seither verändert?
Ono: Mir hat sehr geholfen, dass ich mich ums Geschäftliche kümmere und dadurch meinen Stolz zurückgewonnen habe. Es war auch gut zu wissen, was John brauchte: einen Rollenwechsel, der positiv für ihn war.
Lennon: Wir lernten, dass es der Familie gut tut, wenn beide dafür arbeiten. Sie kümmert sich um die Geschäfte, und ich spiele Mutter und Hausfrau. Wir haben unsere Prioritäten neu geordnet. Ganz oben steht jetzt Yoko und die Familie. Alles andere entwickelt sich daraus.
Ono: Es dauert einige Zeit, bis man’s begriffen hat: Aber wir leben in einer Gesellschaft von Singles. Scheidungen und Trennungen werden unterstützt; Firmen stellen lieber Alleinstehende ein. Die arbeiten mehr und denken nicht dauernd daran, dass die am Abend oder zum Wochenende rechtzeitig zu Hause sind. Es gibt heutzutage sehr wenig Raum für Gefühle, die der Familie oder persönlichen Beziehungen gelten. Sie wissen ja, was den Frauen Ende 20 gesagt wird: „Wenn Sie nicht in den nächsten paar Jahren ein Baby kriegen, wird es immer schwieriger. Dann können Sie vielleicht nie mehr Mutter werden, und Ihnen bleibt die Erfüllung als Frau versagt.“
Lennon: Aber Yoko hat Sean mit 73 gekriegt (beide lachen).
Ono: Weil die Gesellschaft Arbeitskräfte braucht, sollte sie das Kinderkriegen auch unterstützen, statt es abzuwerten. Dafür ist jeder einzelne verantwortlich. Aber es ist schwer. Wenn eine Frau Karriere machen will, dann muss sie verleugnen, dass sie einen Schoß und eine Gebärmutter hat. So wie es jetzt aussieht, können nur die privilegierteren Klassen noch Familien haben.
Lennon: Alle anderen werden zu Arbeitern und Konsumenten.
Ono: Entschieden wird nur noch der Große Bruder. Ich mag diesen Ausdruck überhaupt nicht.
Lennon: Zu spät. Ist schon auf dem Tonband (er lacht).
Ono: Aber die Gesellschaft ....
Lennon: Warte bis die Große Schwester kommt!
Ono: Die Gesellschaft wird die klassische Rollenverteilung von Frauen und Männern abschaffen: Babys werden in Retorten gezeugt und in Brutkästen großgezogen.
Lennon: Dann haben wir Aldous Huxley eingeholt.
Ono: Aber wir müssen diesen Weg nicht gehen. Keines unserer Organe darf verleugnet werden.
Lennon: Einige meiner besten Freunde sind Organe.
Ono: Die neue Langspielplatte ...
Lennon: Zurück zur Platte, sehr gut.
Ono: Die neue LP kämpft gegen diese Entwicklung an. Ihre Botschaften sind in gewisser Weise altmodisch – Familie, Beziehungen, Kinder.

Playboy: Die LP spiegelt offensichtlich Ihre neuen Prioritäten wider. Wie hat sich Ihr gemeinsames Leben entwickelt, seit Sie es neu geordnet haben?
Lennon: Wir erkannten, wie wichtig es für uns ist, ein Kind zu haben. Wir haben alle Höllen durchwandert, um es zu bekommen, es gab Fehlgeburten und jede Menge anderer Probleme. Sean ist ein echtes Kind der Liebe. Die Ärzte hatten uns gesagt, dass wir kein Baby bekommen könnten. Mit meinem Sperma sei etwas nicht in Ordnung, wurde behauptet, ich hätte in meiner Jugend zu viel Missbrauch getrieben, es gäbe keine Chance mehr. Yoko war 43 Jahre. Aussichtslos, meinten die Ärzte. Sie habe zu viele Fehlgeburten erlitten. Nur ein chinesischer Akupunkteur in San Francisco sagte: „Reißt euch zusammen. Keine Drogen, kein Alkohol – gutes Essen, und in 18 Monaten bekommt ihr ein Kind.“ „Aber die Ärzte in England meinten ....“ haben wir eingewandt. Er sagte: „Vergesst es.“ Als Sean geboren war, schickten wir dem Arzt ein Polaroidfoto, das ihn kurz vor seinem Tod erreichte. Gott gebe seiner Seele den ewigen Frieden.

Playboy: Gab es Probleme wegen Yokos Alter?
Lennon: Nicht wegen ihres Alters, sondern wegen einer früheren Ausschabung – und meines verdammten Ruhms. Jemand hatte für eine Transfusion die falsche Blutgruppe verwendet. Ich war dabei, als das passierte. Yoko konnte sich plötzlich kaum mehr bewegen und zitterte am ganzen Körper. Ich rannte zur nächsten Schwester: „Schnell, holen Sie den Doktor.“ Als der Typ ins Krankenzimmer kommt, kümmert er sich einen Dreck um Yoko, geht auf mich zu, lächelt, schüttelt mir die Hand und sagt: „Ich wollte Sie schon lange kennenlernen, Mr. Lennon, Ihre Musik hat mir immer gefallen.“ Ich brülle: „Meine Frau liegt im Sterben, und Sie wollen über meine Musik reden!“ Nicht zu fassen!

Playboy: Sean ist jetzt fast fünf. Weiß er, dass sein Vater ein Beatle war?
Lennon: Ich hab ihm nichts davon gesagt. In seiner Gegenwart ist nie von den Beatles gesprochen worden, und wir haben zu Hause nie Beatles-Platten gespielt. Es gab auch keinen Grund dafür. Bei einem Freund hat Sean mal Yellow Submarine gesehen. Danach musste ich ihm dann erklären, wie ein Cartoon über mich in diesen Film gekommen ist.

Playboy: Begreift er denn, was die Beatles sind?
Lennon: Er unterscheidet nicht zwischen den Beatles und Mami und Papi. Er glaubt, dass auch Yoko ein Beatle war. In seiner Musikbox sind keine Beatles-Platten, Rock’n’Roll kriegt er schon eher mit. Momentan mag er Hound Dog. Er glaubt, dieses Lied handelt von der Jagd. Sean wird übrigens nicht in eine der öffentlichen Schulen gehen. Wir glauben, dass er Lesen, Schreiben und Rechnen dann lernen kann, wenn er es will. Oder wenn der Staat sagt, dass er es muss. Dagegen würde ich nicht ankämpfen. Aber ich finde, er muss nicht unbedingt lernen, still zu sitzen. Ich sehe keinen Grund dafür. Sean hat jetzt viele Spielkameraden, er ist aber auch oft mit Erwachsenen zusammen. Er kommt mit beiden gut zurecht. Wenn Kinder verrückt spielen, liegt das daran, dass keiner mit der Verantwortung fertig wird, sie großzuziehen. Die meisten Erwachsenen haben Angst davor, sich immer um die Kinder zu kümmern. Wir wehren sie ab, schicken sie fort und quälen sie. Die dann überleben, sind die Konformisten, deren Körper auf Anzuggröße zurechtgestutzt sind, die nennen wir dann gute Kinder. Wer nicht in den Anzug passt, kommt in die Nervenklinik oder wird Künstler.

Playboy: Julian, Ihr Sohn aus erster Ehe, müsste jetzt ein Teenager sein. Haben Sie ihn in den letzten Jahren gesehen?
Lennon: Meine erste Frau Cyn macht Besitzansprüche geltend, oder wie man das nennt. Ich habe das Recht, Julian während der Schulferien zu sehen. Aber wir telefonieren oft. Es ist zwar nicht die denkbar beste Beziehung zwischen Vater und Sohn, aber wir haben eine. Er ist jetzt 17. Julian und ich werden in Zukunft sicherlich eine stärkere Bindung entwickeln. Im Laufe der Jahre wird er imstande sein, das Beatles-Image zu durchschauen, und vor allem hinter das Bild zu sehen, dass ihm seine Mutter, bewusst oder unbewusst, von mir vermittelt hat. Momentan interessiert er sich für Mädchen und Mopeds.

Playboy: Sie haben sehr aufrichtig über Ihre Gefühle Julian gegenüber gesprochen, aber Sie sagten, dass Sean Ihr erstes Kind ist. Glauben Sie nicht, dass Julian das verletzen wird?
Lennon: Ich möchte ihn nicht belügen. 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten, besonders die der westlichen Welt, sind in einer Samstagnacht mit Hilfe einer Flasche Whiskey und ohne tiefere Absicht gezeugt worden. Also sind die meisten von uns Zufallsprodukte. Julian gehört zu dieser Mehrheit, so wie ich und fast alle anderen. Sean dagegen ist ein Wunschkind, und darin liegt der Unterschied. Deswegen mag ich Julian als Kind nicht weniger. Er ist immer noch mein Sohn, ob er das nun unter Einfluss einer Flasche Whiskey geworden ist oder weil es damals noch keine Pille gab. Er ist da, er gehört zu mir und wird immer zu mir gehören.

Playboy: Yoko, die Beziehung zu Ihrer Tochter ist viel schwieriger.
Ono: Ich verlor Kyoko, als sie fünf Jahre war. Ich hab mich in der Zeit davor zwar nicht besonders um sie gekümmert, aber sie war immer bei mir – auf der Bühne, bei Aktionen in Galerien, überall. Trotzdem stand sie meinem Ex-Mann näher.

Playboy: Was passierte damals?
Ono: Ich lernte John kennen und trennte mich von meinem Mann (Tony Cox). Er nahm Kyoko zu sich. Er hat sie regelrecht gekidnappt, und wir versuchten, sie zurückzukriegen.
Lennon: Es war eine klassische „macho“-Geschichte. Das Ganze wurde zum offenen Kampf, als unser Manager Allen Klein und ich versuchten, Cox kleinzukriegen. Tonys Standpunkt: „Du hast meine Frau, aber mein Kind bekommst du nicht.“ Im Verlauf dieser Auseinandersetzung wurden Yoko und das Kind völlig vergessen. Ich hab mich immer mies gefühlt. Es war wie das Duell am O.K. Corral: Cox floh in die Berge und versteckte sich, während der Sheriff und ich versuchten, ihn zur Strecke zu bringen. Zunächst sprach uns das Gericht das Sorgerecht zu. Yoko wollte zwar nicht, dass ein Richter eingeschaltet wird, aber wir Männer, Klein und ich, haben’s trotzdem getan.
Ono: Allen rief eines Tages an und sagte, ich hätte vor Gericht gewonnen. Später, drückte er mir ein Stück Papier in die Hand. „Hab ich das gewonnen?“ fragte ich, „wo ist mein Kind?“ Ich wusste, dass Tony und Kyoko Angst vor dem Gericht hatten, deshalb verschwand Tony. Er fühlte sich stark, wenn er daran dachte, dass die Kapitalisten mit ihrem ganzen Geld, ihren Rechtsanwälten und Detektiven ihn verfolgten. Das gab ihm Kraft.
Lennon: Wir jagten ihn durch die ganze Welt. Nur Gott weiß, wo er jetzt steckt. Wenn du das liest, Tony, lass etwas von dir hören. Der alte Streit ist aus und vorbei. Wir wollen dich nicht mehr verfolgen, wir haben schon zu viel Unheil angerichtet.
Ono: Wir hatten auch Privatdetektive auf Kyoko angesetzt. Einer von ihnen berichtete: „Fast hatten wir sie schon. Wir fuhren direkt hinter ihnen, da gaben sie Gas und entkamen.“ Ich wurde hysterisch: „Was soll das heißen ‚Fast hatten wir sie schon’? Wir sprechen von meinem Kind!“
Lennon: Wir verfolgten sie wie einen entsprungenen Sträfling.

Playboy: Wie alt ist Kyoko jetzt?
Ono: 17, so alt wie Johns Sohn.

Playboy: Vielleicht wird sie zu Ihnen kommen, wenn sie älter wird.
Ono: Sie ist total verschüchtert. Einmal, in Spanien, planten ein Rechtsanwalt und John sogar, dass wir sie entführen sollten. Wir haben’s dann wirklich gemacht und sind vor Gericht gegangen. Der Richter ging mit Kyoko in einen Nebenraum und fragte, mit wem sie denn gehen wolle. Natürlich sagte sie „mit Tony“. Wir hatten sie zu Tode erschreckt. Sie fürchtete, ihren Vater nie wieder sehen zu dürfen, wenn sie zu mir kommt.
Lennon: Wenn sie über 20 ist, wird sie verstehen, dass wir Idioten waren. Wir wissen jedenfalls inzwischen, wie dumm wir uns benommen haben. Vielleicht gibt sie uns eine Chance.
Ono: Wahrscheinlich hätte ich Kyoko auch verloren, wenn John nicht mit im Spiel gewesen wäre. Bei einer Trennung von Tony hätte es auf jeden Fall Schwierigkeiten gegeben. (Zu John): Dass alles mit Kyoko so schlecht lief, lag zum Teil daran, dass ihr Männer, Tony und du, die Sache austragen wolltet. Bei Julian waren es Frauen. Cyn und ich konnten mehr Verständnis füreinander aufbringen.

Playboy: Würden Sie das näher erklären?
Ono: Wir waren zum Beispiel beide zu Kyokos Geburtstagsparty eingeladen. John blieb zu Hause, er wollte nicht mit Tony zusammentreffen. Aber als wir zu Julians Fest eingeladen waren, sind wir beide hingegangen.
Lennon: O Gott, jetzt kommt alles raus.
Ono: Als ich einmal allein zu Tony eingeladen war, durfte ich nicht hin. Aber John hat Cyn natürlich besucht.
Lennon: Was der eine darf, darf die andere noch lange nicht.
Ono: Für Julian war alles leichter, weil ich mich gegen nichts sperrte.
Lennon: Aber ich hab eine Million Ave Marias gebetet. Was zum Teufel hätte ich sonst noch tun können?

Playboy: Yoko, nach all diesen Erfahrungen, warum haben Sie John die Erziehung von Sean überlassen?
Ono: Da bin ich mir über meine Gefühle sehr im Klaren. Ich bin nicht so wie andere Mütter. Ich meine, dass es unmöglich ist, in dieser Gesellschaft Muttergefühle zu erhalten. Frauen werden dauernd in die verschiedensten Richtungen gezerrt. Man verlangt zu viel von ihnen. Deshalb sagte ich auch zu John ....
Lennon: Ich bin ihr Lieblings-Ehemann.
Ono: „Ich trage das Baby neun Monate lang, und das ist genug, also kümmere du dich danach darum.“ Das klingt zwar sehr hart, aber ich glaube wirklich, dass Kinder der Gesellschaft gehören. Wenn eine Mutter ein Kind austrägt, und der Vater es groß zieht, wird die Verantwortung geteilt.

Playboy: John, müssen Männer mit den Frauen die Rollen tauschen, um klüger zu werden?
Lennon: Ich musste. Aber vergessen Sie nicht, ich habe am meisten davon profitiert. Jetzt kann ich einen Schritt zurücktreten und sagen: Sean wird bald fünf sein, ich habe diese ersten Jahre mit ihm verbracht und bin stolz darauf. Ich bin jetzt 40, und das Leben geht erst richtig los. Ich fühl’ mich wohl und bin ein bisschen aufgeregt. Es ist, als wäre ich gerade 21 Jahre. Nur sind wir jetzt zu zweit.
Ono: Wenn zwei sich zusammentun, ist alles zu schaffen.

Playboy: John, wie weit interessiert Sie die Popszene von heute?
Lennon: Die Punk-Sachen mag ich ausgesprochen gern; die sind unverfälscht. Aber ich steh’ nicht auf die Leute, die sich selber kaputtmachen.

Playboy: Sie stimmen also nicht überein mit den Zeilen aus dem Neil-Young-Song Rust Never Sleeps: „It’s better to burn out, than to fade away ...“ – „Es ist besser, sich voll auszugeben, als vergessen zu werden.“
Lennon: Ich hasse das. Es ist immer noch besser, wie ein alter Soldat dahinzusiechen, als sich kaputtzumachen. Ich kann den Totenkult um Sid Vicious, James Dean oder John Wayne nicht ausstehen. Es ist immer dasselbe – ob man Sid Vicious oder Jim Morrison zum Helden macht. Für mich ist das Schrott. Ich verehre alle, die überlebt haben: Gloria Swanson, Greta Garbo. Es heißt, dass John Wayne den Krebs besiegt hat, weil er sich gewehrt hat wie ein Mann. Wissen Sie, es tut mir leid, dass er gestorben ist – vor allem bedauere ich seine Familie -, aber den Krebs hat er nun mal nicht besiegt. Die Krankheit hat gewonnen. Ich will nicht, dass mein Sohn Sean eines Tages John Wayne oder Sid Vicious vergöttert. Was kann man denn von ihnen lernen? Nichts. Nur den Tod. Wofür ist Sid Vicious gestorben? Dafür, dass wir weiterrocken? Das ist doch Müll. Wenn Neil Young dieses Lebensgefühl so sehr bewundert, warum gibt er ihm nicht nach? Weil er, wie wir alle, zigmal schon fast gestorben wäre und sich jedes Mal wieder hochgerappelt hat. Ich bin für das Lebendige und Gesunde.

Playboy: Was hören Sie sich so im Radio an?
Lennon: Klassik und Unterhaltungsmusik. Japanische Volksmusik oder indische Musik höre ich sehr gern. Ich mag so ziemlich alles. In der Zeit, als ich ausschließlich Hausfrau war, hab ich ganz ordinäre Unterhaltungsmusik gehört – es entspannt so schön.

Playboy: Und Yoko?
Ono: Nein.

Playboy: Kaufen Sie Platten ...
Ono: ... oder lesen Sie Zeitung oder Illustrierte oder sehen Sie fern? Nein.

Playboy: Die unvermeidliche Frage – John hören Sie sich Ihre eigenen Platten an?
Lennon: Meine eigenen am allerwenigsten.

Playboy: Nicht einmal Ihre Klassiker?
Lennon: Meinen Sie das ernst? Nur so, aus Jux und Tollerei, würde ich mir die nie im Leben anhören. Wenn ich sie mal höre, dann denke ich an die Session, in der sie entstanden sind – wie ein Schauspieler, der sich in einem alten Film sieht. Ich erinnere mich dann an das Studio in der Abbey Road, an die Aufnahme, wer sich mit wem in den Haaren hatte, wo ich saß – etwa mit dem Tamburin in der Ecke ...
Ono: Wir hören uns die Arbeiten anderer Leute wirklich nicht besonders gern an. Wir analysieren über alles, was wir hören.

Playboy: Yoko, waren Sie ein Beatles-Fan?
Ono: Nein. Ich nehme heute natürlich mehr Notiz von den Songs. Es kommt gelegentlich vor, dass John im Restaurant sagt: „Ah, sie spielen was von George.“

Playboy: John, besuchen Sie Konzerte?
Lennon: Nein. Ich bin nun mal kein Fan. Ich höre mir A Whole Lot A Shakin’ von Jerry Lee Lewis ganz gern auf Platte an, aber ich habe kein Interesse daran, ihn persönlich singen zu sehen.

Playboy: Ihre Songs werden öfter nachgespielt, als die der meisten anderen Songwriter. Was ist das für ein Gefühl?
Lennon: Ich bin jedes Mal stolz, wenn die Leute meine Lieder übernehmen. Allein schon, dass sie es versuchen, freut mich, weil viele davon gar nicht so leicht in den Griff zu kriegen sind. Ich muss nur ins nächste Restaurant gehen, und schon spielt die Band Yesterday. In Spanien musste ich einem Musiker sogar die Violine signieren, nachdem er uns Yesterday vorgegeigt hatte. Er konnte nicht begreifen, dass ich den Song gar nicht geschrieben habe. Aber ich glaube, mit I Am The Walrus hätte er auch kaum von Tisch zu Tisch gehen können.

Playboy: Was ist das für ein Gefühl, so viele Menschen beeinflusst zu haben?
Lennon: Das waren nicht wirklich wir oder ich. Es war die Zeit. Ich bin durch den Rock’n’Roll der fünfziger Jahre in die ganze Sache reingeraten. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, Musik zu einem way of life zu machen. Bis ich eines Tages an den Rock’n’Roll geriet.

Playboy: Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie besonders elektrisierte?
Lennon: Rock Around The Clock, wen ich mich recht erinnere. Bill Haley gefiel mir, aber überwältigend fand ich ihn dann auch wieder nicht. Erst mit Heartbreak Hotel bin ich wirklich voll eingestiegen.
Ono: Ich bin sicher, es gibt Leute, deren Leben sich durch indische Musik oder Mozart oder Bach geändert hat. Der Ort und die Zeit haben den Aufstieg der Beatles mehr gefördert als alles andere. Da ist schon etwas passiert. Es war eine Art Schwarze Magie: Als ob sich ein paar Leute um einen Tisch setzen und ein Geist erscheint. Die Beatles waren in gewisser Weise ein spiritistisches Medium. Erzwingen lässt sich so etwas nicht. Es waren Menschen, die Zeit, ihre Jugend und Begeisterungsfähigkeit.

Playboy: Aber kein zeitgenössischer Künstler und keine Gruppe hat so viele Menschen bewegt wie die Beatles.
Lennon: Aber was bewegte die Beatles?

Playboy: Sagen Sie’s uns. Lennon. Gut. Woher der Wind blies, er hat auch die Beatles bewegt. Ich will nicht sagen, dass wir die Flaggen auf dem Schiffsmast gewesen wären – und der ganze Kahn hat sich bewegt. Vielleicht saßen die Beatles im Ausguck und haben „Land in Sicht“ gerufen. Aber wir saßen alle im selben verdammten Boot.
Ono: Die Beatles waren ein gesellschaftliches Phänomen, aber sie waren sich gar nicht so klar darüber, was sie da machten. Gewissermaßen ...
Lennon: (flüstert): Dieses Gerede über die Beatles langweilt mich zu Tode. Blättern Sie doch zurück auf Seite 84.

Playboy: Was sagen Sie, wenn Leute behaupten, der ganze Rock nach den Beatles sei nichts anderes als eine Neuauflage Ihrer Musik?
Lennon: Jede Musik war schon mal da. Es gibt schließlich nur ein paar Noten, Variationen auf ein Thema, nicht mehr. Versuchen Sie doch mal den Kids der siebziger Jahre, die sich in den Konzerten der Bee Gees den Hals wund geschrien haben, zu erklären, dass diese Musik nur eine Neuauflage der Beatles ist. An den Bee Gees gibt’s nichts auszusetzen. Sie machen verdammt gute Arbeit.

Playboy: War ein großer Teil der Beatles-Musik nicht intelligenter?
Lennon: Die Beatles waren intellektueller, also hatten sie auf dieser Ebene auch mehr Appeal. Aber die Anziehungskraft der Beatles lag im Grunde nicht in ihrer Intelligenz. Es war ihre Musik. Erst nachdem irgendein Typ in der Londoner Times geschrieben hatte, dass in It Won’t Be Long äolische Kadenzen zu finden seien, hörte sich auch die Mittelschicht unsere Songs an.

Playboy: Haben Sie in dem Song äolische Kadenzen verwendet?
Lennon: Mir ist bis auf den heutigen Tag völlig schleierhaft, was das sein soll.

Playboy: Wie haben Sie auf die Fehlinterpretationen Ihrer Songs reagiert?
Lennon: Zum Beispiel?

Playboy: Das Naheliegendste wäre wohl das Fiasko mit der Zeile „Paul is dead“. Sie haben dieses Missverständnis in Glass Onion ja schon erklärt. Aber wie steht es mit der Zeile „I buried Paul“ in I Am The Walrus?
Lennon: „Cranberry Sauce“ – das hab ich gesungen.

Playboy: Und was hat es mit dem Schluss des Songs auf sich: „Smoke pot, smoke pot, everybody smoke pot“?
Lennon: Unsinn! Ich habe den Chor „Everybody’s got one, everybody’s got one“ singen lassen. Aber wenn Sie 30 Sänger gegen 30 Cellos und die rockende Rhythmusgruppe der Beatles ansingen lassen, dann können Sie den Text nicht mehr verstehen.

Playboy: Und was hat jeder bekommen?
Lennon: Was Sie wollen. Einen Penis, eine Vagina, ein Arschloch.

Playboy: Hat es Sie betroffen, wenn Ihre Songs destruktiv interpretiert wurden – als Charles Manson behauptete, Ihre Texte seien an ihn gerichtete Botschaften?
Lennon: Das hat nichts mit mir zu tun. Das ist wie mit diesem Mörder Son of Sam, der sich mit einem Hund unterhalten hat. Manson war nur eine extreme Ausgabe jener Leute, die auf den Tick mit „Paul is dead“ verfallen sind oder die glaubten, die Initialen von Lucy In The Sky With Diamonds bedeuteten LSD und daraus folgerten, ich schriebe über Halluzinogene.

Playboy: Auf was bezog sich denn Lucy In The Sky?
Lennon: Eines Tages kam mein Sohn Julian mit einem Bild an, das er von einer Schulfreundin namens Lucy gemalt hatte. Es waren ein paar Sterne auf dem Bildhimmel, und er nannte das Ganze Lucy In The Sky With Diamonds. So einfach ist das.

Playboy: Interessiert es Sie überhaupt, wenn Pop-Historiker die Beatles als gesellschaftliches Phänomen analysieren?
Lennon: Das ist irrelevant. Ist es wichtig, wie viele Drogen Elvis im Blut hatte? Brian Epsteins Sexualleben wird eines Tages ein hübsches Hollywood Babylon abgeben. Aber das ist einfach irrelevant.

Playboy: Woher kamen die Gerüchte über Sie und Epstein?
Lennon: Ich machte mit Epstein in Spanien Urlaub – und schon behaupteten die Leute, er und ich hätten etwas miteinander. Na ja, es war schon fast ein Verhältnis, aber eben nur beinahe. Vollzogen wurde es nie. Und es war meine erste Beziehung zu einem Schwulen. Wir fuhren zusammen weg, weil meine damalige Frau Cynthia schwanger war – wir haben sie zu Hause gelassen und sind nach Spanien gereist. Da sind massenhaft komische Sachen passiert. Wir saßen oft im Café, und Brian sah sich die Knaben an, und ich hab ihn gefragt: „Wie wär’s mit dem? Gefällt dir der da?“

Playboy: Dürfen wir Sie noch zu ein paar Ihrer Lieblingssongs befragen?
Lennon: In Ordnung.

Playboy: Fangen wir mit In My Life an.
Lennon: Das war der erste Song, den ich bewusst über mein eigenes Leben geschrieben habe. (Singt): „There are places I’ll remember / all my life though some have changed ...“ Vorher haben wir einfach Nummern à la Everly Brothers geschrieben, Popsongs wie von Buddy Holly, ohne viel darüber nachzudenken. Der Text war beinahe bedeutungslos. Die Arbeit an In My Life begann mit einer Busfahrt in die City. Erst schrieb ich alle Orte auf, an die ich mich erinnern konnte – es war entsetzlich langweilig. Also beschloss ich, das Ganze zu vergessen, hab mich gemütlich hingesetzt, und da kam dann allmählich der Text über die Freunde und Geliebten aus alten Tagen. Paul hat mir beim Mittelstück des Songs geholfen.

Playboy: Yesterday?
Lennon: Über Yesterday wissen wir doch alle Bescheid. Was bin ich für Yesterday gelobt worden. Natürlich ist das der Song von Paul, das ist sein Baby. Gut gemacht, sehr hübsch – und ich hab mir nie gewünscht, das Ding geschrieben zu haben.

Playboy: With A Little Help From My Friends?
Lennon: Das war Paul, „with a little help“ von mir. „What do you see when you turn out the light / I can’t tell you, but I know it’s mine ...“ stammt von mir.

Playboy: I Am The Walrus?
Lennon: Die erste Zeile wurde an einem Wochenende auf einem Acid-Trip geschrieben. Die zweite Zeile auf dem Trip am folgenden Weekend. Komplettiert wurde der Song, nachdem ich Yoko kennengelernt hatte. I Am The Walrus war teilweise eine Satire auf Hare Krishna.

Playboy: She Came In Through The Bathroom Window?
Lennon: Das wurde von Paul geschrieben, als wir wegen der Apple-Gründung in New York waren und er Linda kennenlernte. Vielleicht war sie es, die durch das Fenster kam ! Ich weiß es nicht. Aber irgend jemand muss durchs Fenster geklettert sein.

Playboy: When I’m Sixty-Four?
Lennon: Das war auch Paul – von vorn bis hinten. Ich würde nicht einmal im Traum daran denken, so einen Song zu schreiben. Es gibt diverse Dinge, über die ich nie nachdenke, und das Altern ist eines davon.

Playboy: A Day In The Life?
Lennon: Genau das, was der Titel sagt. Ich habe eines Tages die Zeitung gelesen, dabei sind mir zwei Geschichten aufgefallen. Die eine war über den Guiness-Erben, der mit seinem Wagen tödlich verunglückt war. Es war der Aufmacher. Auf der nächsten Seite stand ein Bericht über viertausend Löcher in Blackburn, Lancashire. In den Straßen natürlich. Sie wollten sie alle zuflicken. Paul steuerte einen schönen Riff bei: „I’d love to turn you on“. Das Lied ist verdammt gut.

Playboy: Können wir mit den Songs weitermachen, die für Sie eine persönliche Bedeutung haben?
Lennon: Immer her mit den Erinnerungen.

Playboy: Fangen wir mit I Wanna Be Your Man an.
Lennon: Paul und ich haben das eigentlich für die Stones geschrieben. Wir wurden von Epstein in einen Klub in Richmond mitgenommen, in dem sie spielten. Die Stones wollten einen Song, und wir haben uns erst mal angehört, was sie so machten. Paul hatte einen Song in den Grundzügen parat, und wir spielten ihn Mick vor: „Okay, das ist unser Stil“, meinte er. Also setzten wir uns in eine Ecke und schrieben das Lied zu Ende.

Playboy: Strawberry Fields Forever?
Lennon: Strawberry Fields gibt es wirklich. Ich wohnte als Kind in der Penny Lane und zog dann zu meiner Tante, die in einem Vorort in einer hübschen Doppelhaushälfte wohnte. Das Haus hatte einen kleinen Garten, und die Nachbarn waren Ärzte, Rechtsanwälte und dergleichen – nichts von der düsteren Slum-Atmosphäre, die in die Biographien aller Beatles hineingedichtet worden ist. Wenn man vom englischen Klassensystem ausgeht, war das ungefähr eine halbe Klasse höher als Paul, George und Ringo, die in Sozialwohnungen aufgewachsen sind. In der Nähe des Hauses waren die Strawberry Fields. Wir sind dort hingegangen und haben Limonadenflaschen zu einem Penny das Stück verkauft. In Strawberry Fields hat es uns immer gefallen. So bin ich auf den Titel gekommen. Ich habe sie allerdings als Bild gebraucht – Strawberry Fields forever.

Playboy: Damals wohnten Sie bei Ihrer Tante. Lebt Ihre Mutter noch?
Lennon: Nein, sie wurde von einem Polizisten umgebracht, der sich nach Feierabend bei meiner Tante betrunken hatte. Ich war zufällig nicht zu Hause. Ich verlor meine Mutter zweimal – als ich vier war und zu meiner Tante zog, und dann, als sie umkam. Das machte mich noch verbitterter. Meine kindliche Aggressivität wurde immer schlimmer. Ich war gerade dabei, die Beziehung zu meiner Mutter wieder aufzubauen, da wurde sie umgebracht. Damals war ich 16.

Playboy: Ihre Mutter hieß mit Vornamen Julia – ist sie die Julia aus dem gleichnamigen Song im Weißen Album?
Lennon: Der Song ist ihr gewidmet – und Yoko.

Playboy: Was für eine Beziehung hatten Sie zu Ihrem Vater? Er ließ die Familie im Stich und fuhr zur See? Haben Sie ihn jemals wiedergesehen?
Lennon: Ich habe ihn nicht mehr getroffen, bis ich einen Haufen Geld gemacht hatte.

Playboy: Wie alt waren Sie da?
Lennon: Vier- oder fünfundzwanzig. Ich schlug den Daily Express auf, und da sah ich ihn, als Tellerwäscher in einem kleinen Hotel ganz in meiner Nähe. Er hatte mir geschrieben und wollte wieder Kontakt aufnehmen. Ich war aber viel zu sauer über das, was er mir und meiner Mutter angetan hatte, und dass er erst auftauchte, als ich reich und berühmt war. Vorher hatte er sich keinen Deut um uns geschert. Ich wollte mich überhaupt nicht mit ihm treffen, aber er zwang mich dazu, mit Hilfe der Presse – mit der Schmonzette vom armen Tellerwäscher, dessen Sohn im Reichtum schwimmt. Ich ließ mich breitschlagen, und wir fanden sogar eine gewisse Beziehung zueinander. Er ist ein paar Jahre später an Krebs gestorben. Mit 65 hat er eine ehemalige Beatles-Sekretärin geheiratet – sie war 22 Jahre. Sie bekamen ein Kind, und das war doch noch ein Funken Hoffnung für einen Mann, der sein Leben im Suff verbracht hat.

Playboy: Welche Erinnerungen ruft Help in Ihnen wach?
Lennon: Als Help 1965 herauskam, schrie ich selbst um Hilfe. Die meisten Leute glauben, dass der Song bloß ein schneller Rock’n’Roll ist. Ich schrieb das Lied, weil ich es für den Film machen musste. Später merkte ich dann, dass ich tatsächlich um Hilfe schrie. Es war meine Fettsack-Elvis-Zeit. Man sieht’s deutlich im Film: Ich bin ziemlich dick, unsicher und völlig verloren. Und ich singe darüber, wie ich noch jünger war und alles so einfach ging. Heute bin ich viel positiver eingestellt. Aber ich mache immer noch tiefe Depressionen durch, Zeiten, in denen ich am liebsten aus dem Fenster springen würde. Je älter ich werde, desto besser komme ich damit zurecht. Ich weiß nicht, ob man allmählich lernt, sich zusammenzunehmen, oder ob man einfach ein bisschen ruhiger wird. Damals, als die Beatles so depressiv waren, hatten wir eine Art Kampfruf. Ich brüllte aus Leibeskräften: „Where are we going, fellows?“, und Paul, George und Ringo antworteten: „To the top Johnny!“ Dann kam wieder ich: „Where is that fellows?“, und sie brüllten: „To the toppermost of the poppermost!“ Das war ein dämlicher Ausdruck aus einem drittklassigen Film über Liverpool. Der Gangleader in dem Streifen hieß Johnny.

Playboy: Was hat Sie in der Help-Periode so depressiv gestimmt?
Lennon: Der Rummel um die Beatles war einfach zu viel. Wir haben schon zum Frühstück einen Joint geraucht, wir waren voll auf Marihuana, und niemand konnte mehr mit uns kommunizieren, weil wir bloß noch glasige Augen hatten und in einer Tour kicherten. Wir lebten in unserer eigenen Welt. Deshalb entstand Help.

Playboy: War I’m A Loser ein ähnlich persönliches Statement?
Lennon: Ein Teil von mir ist vermutlich ein Verlierer, und der andere Teil ist Gott der Allmächtige.

Playboy: Und Cold Turkey? So nennen doch Rauschgiftsüchtige ihren Zustand, wenn sie unbedingt einen neuen Schuss brauchen.
Lennon: Das Stück erklärt sich selbst Der Song kam auf den Index, obwohl er ein Anti-Drogen-Lied ist. Wenn es um Rauschgift geht, reagiert die Gesellschaft total bescheuert. Nach der Ursache des Drogenproblems wird nicht gesucht. Warum nehmen die Leute Drogen? Wovor wollen sie abhauen? Leben wir in einer derart schrecklichen Situation, dass ohne Hilfe von Alkohol, Zigaretten und Pillen nichts mehr geht?

Playboy: Nehmen Sie noch Drogen?
Lennon: Eigentlich nicht. Wenn mir jemand einen Joint anbietet, kann es schon sein, dass ich mit rauche, aber ich renne dem Zeug nicht hinterher.

Playboy: Kokain?
Lennon: Habe ich auch schon genommen, aber ich mag es nicht. Die Beatles hatten seinerzeit massenhaft von dem Zeug. Es ist eine dämliche Droge, weil man schon nach 20 Minuten wieder eine Portion braucht. Da ist doch deine ganze Konzentration auf die nächste Dosis fixiert. Ich finde, man kommt mit Koffein wesentlich besser klar.

Playboy: Acid?
Lennon: Seit Jahren nicht mehr. Man hört fast gar nichts mehr davon, aber die Leute machen nach wie vor Ausflüge in den Kosmos. Wir dürfen nie vergessen, der CIA und der Army für das LSD zu danken. Sie wollten mit dem Zeug die Menschen unter Kontrolle kriegen, aber tatsächlich haben sie uns die Freiheit gegeben. Wunder geschehen manchmal auf verschlungenen Wegen.

Playboy: Kitzeln wir Ihr Gedächtnis noch ein bisschen mit Songs. Wie steht’s mit Hey Jude von McCartney?
Lennon: Er sagte, er hätte es über Julian geschrieben. Er wusste, dass ich mich von Cynthia trennen wollte und damit auch von Julian. Paul hat Julian öfter mal besucht – er war so etwas wie ein Onkel für ihn. Und dann rückte er mit Hey Jude raus. Ich hab den Song immer als Botschaft an mich verstanden. Jetzt rede ich schon wie einer von den Fans, die in die Songs immer etwas hineingeheimnissen müssen.

Playboy: Because?
Lennon: Ich lag bei uns zu Hause auf dem Sofa, und Yoko spielte auf dem Klavier die Mondscheinsonate. Plötzlich sagte ich: „Kannst du diese Akkorde mal rückwärts spielen?“ Sie hat’s gemacht, und ich hab sie als Grundlage für Because genommen. Der Song klingt auch ein bisschen nach Mondscheinsonate. Der Text ist eindeutig – kein Bullshit, keine Bilder, keine obskuren Anspielungen.

Playboy: Give Peace A Chance?
Lennon: Genau das: Give peace a chance. Nicht mehr und nicht weniger.

Playboy: War das wirklich eine Lennon/McCartney-Komposition?
Lennon: Nein, ich weiß nicht einmal, wie Pauls Name auf das Cover gekommen ist. Er steht da aus einem gewissen Schuldgefühl, weil ich die erste eigene Single gemacht hatte – mit meiner Trennung von den Beatles wurde es nämlich allmählich ernst.

Playboy: Warum wurden bei den Kompositionen, die Sie und McCartney separat aufgenommen haben, beide als Autoren genannt?
Lennon: Paul und ich haben als Fünfzehnjährige ein Abkommen geschlossen. Wir sind nie damit zum Notar gegangen, es war einfach eine Absprache, auf die wir uns geeinigt haben, als wir gemeinsam Songs schrieben: Egal, was passiert, immer sollten beide als Autoren zeichnen.

Playboy: Do You Want To Know A Secret?
Lennon: Die Idee geht auf ein Lied zurück, das mir meine Mutter vorgesungen hat, als ich ein oder zwei Jahre war. Es stammt aus einem Disney-Film: „Do you want to know a secret? / Promise not to tell / You are standing by a wishing well.“ Das hatte ich im Kopf, als ich den Song schrieb und ihn George zu singen gab. Ich dachte, dass er damit gut rüberkommt, weil das Lied nur drei Töne hatte und George nicht unbedingt der beste Sänger der Welt war. In der Zwischenzeit hat er ein bisschen zugelegt, aber damals brachte er kaum was zustande. Ich gab ihm den Song, damit er auch ein bisschen von der Action abbekam. Ich hab mir sogar den Ärger aufgehalst, ihn auf die B-Seite einer Beatles-Single zu boxen. Mit Something hat er das erste Mal eine A-Seite gehabt. Und ich hab dafür gesorgt, dass er auch noch die B-Seite kriegte, damit er die Kohlen einschieben konnte. Aber an diese kleinen Sachen erinnert er sich heute nicht mehr. Ich hab mich nie besonders wohl dabei gefühlt, dass George und Ringo an den Tantiemen nicht beteiligt waren. Als sich die Gelegenheit ergab, ihnen jeweils fünf Prozent an unserem Musikverlag Maclen abzutreten, war ich derjenige, der dafür gesorgt hat, dass sie die auch bekamen. Ich erhalte keinen Cent von ihren Songs. Für meine Beiträge zu den Liedern von George – Taxman beispielsweise – habe ich nie etwas verlangt. Nicht einmal eine namentliche Erwähnung. Deshalb bin ich auch ein bisschen sauer, wenn behauptet wird, ich hätte George und Ringo im Stich gelassen, oder ich würde sie übers Ohr hauen.

Playboy: Revolution?
Lennon: Wir haben den Song zweimal aufgenommen. Die Beatles standen schon Spitz auf Knopf damals. Ich machte die langsame Version und wollte sie als Single rausbringen – als Statement der Beatles zu Vietnam und zur Revolution. Jahrelang hat uns Epstein daran gehindert, auf unseren Tourneen auch nur ein Wort zu Vietnam und zum Krieg zu sagen. Fragen danach hat er sogar verboten. Auf einer Tournee hab ich schließlich gesagt: „Ich werde die Fragen nach dem Krieg ab jetzt beantworten. Wir können das doch nicht ignorieren.“ Ich wollte unbedingt, dass die Beatles etwas dazu sagen.

Playboy: Hat Yoko Sie inspiriert?
Lennon: Sie hatte meine Kreativität beflügelt. Es war nicht so, dass sie die Anregung zu den Songs gegeben hätte – sie hat mich inspiriert. Das Statement von Revolution war von mir. Der Text ist nach wie vor gültig. Ich denke heute noch genauso über Politik: Ich will wissen, wo die Reise hingehen soll. Wenn es um Gewalt geht, bin ich nicht mehr dabei. Auf den Barrikaden wird man mich nicht finden – höchstens mit Blumen.

Playboy: Berührt es Sie, wenn die Leute Ihrem neuen Album regelrecht entgegenfiebern, weil sie glauben, dass Sie der Prophet für die achtziger Jahre sind?
Lennon: Tief traurig, so was. Auf jeden Fall sagen wir überhaupt nichts Neues. Erstens haben wir’s schon gesagt, und zweitens haben das hundert Millionen andere auch schon ausgesprochen.

Playboy: Aber Ihre Songs haben doch eine Aussage.
Lennon: Wir sagen nur: „So geht’s uns, das und das passiert mit uns. Wir verschicken Ansichtskarten. Ich lasse es erst gar nicht so weit kommen, dass ich mich hinstelle und den Leuten erzähle: „Ich bin der Erleuchtete, und ihr seid die Schafe, denen der rechte Weg gewiesen wird.“ Die Gefahr besteht allerdings immer, wenn man sich überhaupt zu Wort meldet.

Playboy: Besonders natürlich bei Ihnen.
Lennon: An Vorbildern gibt es ja auch nichts auszusetzen. Menschen, die wir bewundern, können wir ruhig haben, aber Führer brauchen wir nicht. „Don’t follow leaders, watch the parking meters“ – „Folge keinem Führer, pass lieber auf die Parkuhr auf.“

Playboy: Jetzt zitieren Sie einen der ganz Großen Ihrer Generation. Hat sie Dylans christliche Wiedergeburt enttäuscht?
Lennon: Dazu möchte ich nichts sagen, es ist seine Privatsache, und er braucht das. Aber die ganze religiöse Tour leidet an Fanatismus. Da ist viel zu viel die Rede von Soldaten und Marschieren und Bekehren. Ich will nicht unbedingt für den Buddhismus Reklame machen, aber eines an dieser Religion bewundere ich: Es gibt keine Missionare.

Playboy: Waren Sie Dylan-Fan?
Lennon: Nein, ich hab seit Highway 64 (richtig heißt der LP-Titel „Highway 61 Revisted“) und Blonde Ou Blonde beide Ohren zugemacht – und davor habe ich nur hingehört, weil George mich dazu genötigt hat.

Playboy: John, was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?
Lennon: Jeder hat seine eigenen Träume und Hoffnungen. Mehr habe ich nicht zu sagen: Macht euch euren eigenen Traum. Wenn ihr Peru retten wollt, dann rettet Peru. Machbar ist alles, aber man darf es nicht den Führern überlassen. Hofft bloß nicht, dass Jimmy Carter oder Ronald Reagan oder John Lennon oder Yoko Ono oder Bob Dylan oder Jesus Christus kommen und es für euch erledigen. Ihr müsst das schon selber machen. Das haben die großen Männer und Frauen gesagt, seit die Geschichte begann. Sie können den Weg zeigen, Marksteine hinterlassen, kleine Fingerzeige geben. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Alle Wege führen nach Rom. Niemand kann sie euch bauen. Ich kann euch nicht wach rütteln. Ihr könnt es nur selber. Ich kann euch nicht heilen. Aber ihr könnt das schaffen.

Playboy: Was hindert die Menschen, diese Aussage anzunehmen?
Lennon: Die Angst vor dem Unbekannten. Diese Furcht lässt die Leute wie die Wilden hinter Träumen und Illusionen herhetzen, stürzt sie in Krieg, Frieden, Liebe und Hass – alles Illusion. Wenn man das Unbekannte akzeptiert, hat man freie Fahrt. Alles ist unbekannt – dann hat man schon halb gewonnen. Darum geht’s. Kapiert?
 

The Beatles

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Wir vier haben im selben Zimmer geschlafen, aßen, schissen und pissten zusammen
DAS ERFOLGSGEHEIMNIS
Vom Teenage-Rock ’n’ Roll bis zum psychedelischen Pop – die Beatles verfügten über ein größeres Repertoire als jede andere Band. In ihren Songs setzten sie Instrumente wie Akkordeon, indische Sitar und auch mal ein ganzes Sinfonie-Orchester ein. Lennon und McCartney waren exzellente Songschreiber und geniale Arrangeure zugleich. Ihre ganz großen Erfolge feierten die Fab Four zwischen 1964 und 1970, dem Jahr ihrer Trennung.

STATUS
Rockband mit den meisten Number-one-Platzierungen (140 weltweit).

SONSTIGE LEISTUNGEN
Die Beatles machten den Pilzkopf berühmt und drehten erfolgreiche Filme, z. B. „A Hard Day’s Night“.
 

David Sheff