Deutsche Playboy-Premiere

Eine ganz neue Botschaft für Deutschland

Der erste deutsche Playboy-Redaktionsleiter Raimund le Viseur erinnert sich: an First-Class-Prahlerei auf München-Chicago-Flügen, an heilige Momente mit Hefner, an Wutausbrüche, falsche Hasen, gefährliche Badespiele – und wie er zum Missionar eines besseren Männerlebens wurde

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Playboys der ersten Stunden
  • US-Art-Director Art Paul (l.), der Schöpfer des Hasen, und Deutsch- lands erster Redaktions- leiter, Raimund le Viseur

So fing alles an

„Einen Kreativen wie Hef hatten wir im Pressewesen zwischen Hamburg und München noch nie erlebt“

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Wir drei Krauts lernten: Bei Playboy geschah nichts ohne intellektuellen Hintersinn, aber stets mit zarter Hand
Wahnsinn, sagten alle in der Münchner Schickeria, und die feinen Hamburger in ihren Verlagsfestungen und Kunstgalerien zuckten mit den Mundwinkeln: Ein deutscher Playboy – das war wie Sin City an Elbe (wo damals der Verlag saß) und Isar (wo die Redaktion sitzen sollte). Korsagenwestern mit aufgepolsterten Busen und Flausch-Puschel am Popo, dazu dieser Hefner auf seinem kreisrunden Bett, sardonisch lächelnd mit der feinen Meerschaumpfeife im Mundwinkel. Alle zerrissen sich das Maul, abfällig, voller deutscher Medienarroganz. Playboy, das schien den meisten Kitsch und fernes Amerika. Dennoch machten sich viele Eitelkeiten bereit – Autoren, Übersetzer, Alleskönner. Und dann ging es plötzlich los: Mr Hefner empfing eine deutsche Delegation in seiner Hochburg in Chicago, dem Playboy-Building, zur Vorbereitung und Einstimmung.
Die Siebziger hatten soeben begonnen, es war Zeit, die Krauts auf Vordermann zu bringen. Hefner wollte erstmals seine Botschaft in einer Foreign Edition aussäen, eine moderne Bergpredigt von Liberalität, Sophistication, Literatur und Erotik. Denn Playboy war für ihn mehr als ein Magazin, es war eine Philosophie, eine Weltanschauung. Die Sendboten aus Deutschland sollten zu Jüngern gemacht werden.
Wir waren drei, die in Hefners Mansion East zitiert wurden. Und das Erster Klasse Zürich–Chicago. Entsprechend aufgeblasen waren wir vor Bedeutung. Wir führten uns schon jetzt auf wie Playboys, ein Rausch der Selbstgefälligkeit. Als Erstes riefen wir den Ober-Purser: „Der gesamte verfügbare Rotwein sofort zu uns!“ Es kamen acht Flaschen. Feiner trockener Walliser Crescens. Dann konspirierte unser „Geschäftsführer“ mit der Chefstewardess und kaufte ihr mit Scheckkarte drei Dunhill-Feuerzeuge ab, zwei silberne, ein goldenes. Vorausahnend sah er die profane Begehrlichkeit von Sekretärinnen in Chicago. Ein erstklassiger Mitreisender im Ganzkörperdress aus Waschleder fragte: „Sind Sie alle Croupiers?“ Einen solchen Eindruck vermittelten wir.
Die Mansion East mitten in Chicago war damals Hefners Hauptqartier, Arbeits-platz, Lustzentrum, Spielgelände. Für umgerechnet 3,2 Millionen Mark gekauft, zweistöckig, nobel in pseudoviktorianischer Architekur, Mansardendach und altmodische Kamine in der Schieferbedeckung. Alles war prunkvoll, pompös, imposant, museal und teuer. Wäre es denkbar, sich das Pantheon als gewaltiges Rechteck vorzustellen, hier war es Realität. Beiderseits der flachen Stufen standen übergroße Ritterrüstungen, gewaltige Pappenheimer, wie man sich eben europäisches Mittelalter vorstellt. An den weiten Wänden billardflächengroße Gemälde von Pierre Soulages. Eine seltsame Mischung aus alter Romantik und teurer Avantgarde. Wer weiß, wer Hef das empfohlen hatte, immerhin gehörte der große Kunstsammler Art Paul zu seinem engsten Kreis, der erste Art Director des Playboy.
Angegliedert an diese hohe und unheilige Halle war, offen für alle, eine gewaltige Küche. Hier sammelten sich, ich habe es nachgezählt, 40 Bunnys, mit teilweise geknickten Ohren und fein gewirkten Netzstrümpfen. Sie schwätzten und häkelten, brühten Kaffee und korrigierten lachend ihre Haarsträhnen. Eine fast hausfrauliche Idylle, wie von Ludwig Richter gezeichnet.
Es war drei Uhr nachts, da erschien er und bat uns in die Sessel. Der große Hugh Marston Hefner, Jahrgang 1926, Sohn kleiner Leute aus Chicago, der mit einem Magazin die Welt verändert hatte, inzwischen ein Label seiner selbst: Pfeife, Colaflasche – und unterm Arm ein großes braunes Buch. Ein Foliant aus Packpapier. „The brown book“, stellte er vor, der Entwurf des nächsten US-Playboy. Eine weitere Partitur seiner Blattmacher-Genialität, in der man wunderbar blättern konnte und ein Feeling bekam für das „pacing“, die Abläufe des Heftes, das er generell „the book“ nannte. Man konnte umkleben, rauswerfen, es war ein lebendiges Wesen. Auf den Packpapierseiten pappten Entwürfe von Layouts, Kopien von Texten, jede Menge Cartoons. Und die Short Stories, die Hefner so wichtig waren, von Tennessee Williams, Budd Schulberg, William Faulkner, Irwin Shaw. Dazu ein ellenlanges Interview mit Art Buchwald, dem großen Spaßvogel, Satiriker und Hausheiligen.
In diesen Augenblicken begriff ich: Dieser Hefner war alles andere als die Karikatur eines Sexmagazin-Tycoons, er war ein sinnlicher, instinktiver, traumwandlerischer Kompositeur der exotischen Pflanze Magazin. Ja, ich wage es, seit dieser Nacht zu sagen: Ich glaube, er ist auf seine Weise ein Genie. Die Arroganz der drei Abgesandten aus Deutschland war dahin. Solch einen Kreativen hatten wir im Pressewesen zwischen Hamburg und München noch nie erlebt. Hefner behandelte das Packpapierbuch mit Zärtlichkeit, Zuwendung, Hingabe. Er zeigte sich als großer Sensitiver. Er konnte aber auch knallhart sein: Als Playboy einen Neofaschisten, der damals in den USA Furore machte, mit der Ehre eines Playboy-Interviews adeln wollte, ließ der ausrichten: „Aber bitte keinen Juden als Interviewer!“ Hefner entschied: Es kam ein Schwarzer zum Termin, Alex Haley, der inzwischen weltberühmte Autor von „Roots“. Das war Hefners Sophistication.
Zu dieser zählte in jeder persönlichen Begegnung eine gewisse Gesprächshoheit, die er als pointierter Erzähler nie aus der Hand gab: „Ich gebe zu, dass ich ein Rendezvous manchmal einfach vergesse, wenn ich mich an einem Cartoon festgebissen habe“, plauderte Hef. Jetzt fiel auf, dass neben ihm die Dienst tuende Geliebte Barbi Benton saß, den Deutschen ein Begriff als Verkörperung des süßen Schnuckelmäuschens mit knackigem Busen, obwohl die gerade 21-jährige New Yorkerin auch Sängerin, Model und Schauspielerin war. Sie störte Hefner nicht.
Der sprach: „Ich hatte früher das Gefühl, dass ich nicht schlafen dürfte, weil mir während des Schlafens zu viel verloren ging. Manchmal habe ich 70 Stunden hintereinander gearbeitet. Zwei, drei Zusammenbrüche im Monat waren normal.“

Auch das war Hefner: ein Besessener. Ein Visionär. Und sein Hofstaat waren gnadenlose Professionals: Bob Gutwillig, der kleine, eiskalte Manager; Mark Kaufmann, der jovial wirkende Fotochef; der junge Textchef Kretschmer; der große Designer Art Paul, einer der größten Sammler zeitgenössischer Kunst in Chicago und damit ein steinreicher Mann. Allesamt keine Kopfnicker. Ihr Business war die Hege und Pflege des überaus sinnlichen Lebewesens Magazin. Wir drei Krauts lernten: Bei Playboy geschah nichts ohne intellektuellen Hintersinn, aber stets mit zarter Hand.
Am nächsten Abend der deutschen Visite gab sich Hefner die Ehre, in der Riesenhalle der Mansion East eine Vorabpremiere des offiziell noch gar nicht uraufgeführten Films „Cabaret“ zu zelebrieren. Hauptdarstellerin Liza Minnelli, damals noch nicht einmal 26 Jahre alt, saß neben ihm, ebenso Bob Fosse, der genialisch-groteske Komödiant, der später für seine umwerfende Regie bei „Cabaret“ einen Oscar bekam. Glamour gehörte mit zum Geschäft.
Der Chef ging in die Küche, um die Bunnys zu begrüßen. Unser Geschäftsführer aus Deutschland lief hinterher und überreichte dem Bunny mit der größten Oberweite das goldene Dunhill-Feuerzeug. Man weiß ja nie. Eine Investition. Und Hefner plauderte Sensationelles aus: Er wolle Chicago verlassen. Das war ungefähr so, als hätte der Prophet Mohammed angekündigt, die Kaaba aufzugeben. Er wolle nach Los Angeles gehen. Seitdem sprach man bei Playboy nur noch von der „Mansion West“. Er erzählte, er habe sich für 15 000 Dollar neue Anzüge machen lassen, lauter modische Sachen im Edwardian Style. Er habe aufgehört, Pillen für und gegen alles zu schlucken. Außer Schlaftabletten! Ja, und dann habe er sich für fünf Millionen Dollar ein neues Flugzeug bestellt, eine DC-9, vollkommen schwarz lackiert mit dem weißen Playboy-Hasen-Symbol auf dem Leitwerk. In der Maschine sei Platz für 50 Personen. Und 15 Doppelbetten. Plus sein kreisrundes. „Ich werde damit in den Orient fliegen, auf Safari nach Afrika, zum Karneval in Rio. Und ich werde Silvester in Monaco feiern.“
Viele Welten lagen zwischen Chicago und der ersten deutschen Playboy-Redaktion. Zurück in Deutschand, bezogen wir eine schmucklose Unterkunft an der Münchner Augustenstraße. Einige wenige Zimmer, ein halbes Dutzend Redakteure, aus allen Städten und mancher Redaktion zusammengewürfelt. Ein Provisorium. Der veranstaltende Bauer-Verlag legte Wert auf Sparsamkeit. Als ich, der Redaktionsleiter, ein neues Zimmer brauchte, hängte man schnell mobile Fertigteilwände zusammen. Leider blieb kein Platz für eine Tür. Der Chefredakteur war eingeschlossen und konnte sich nur durch lautes Geschrei befreien lassen. Als ein hoher Verlagsleiter aus Hamburg das zufällig hörte, schimpfte er: „Hier gibt es ja wohl nur lauter Irre!“
Bestandteil des Vertrags zwischen Chicago und Hamburg waren die sogenannten Seven Guidelines, die wir „sieben Geißlein“ nannten. In diesem kiloschweren Handbuch wurden alle Details im Sinne von Playboy geregelt: wie ein Reisebericht auszusehen hatte, wie viele Zeilen eine Short Story haben durfte, wie wir ein „Pictorial“ mit nackten Mädchen zu gestalten hatten. Es gehörte zur menschenklugen Politik von Hugh Hefner, dass er Abbildungen von Mädchen nur durch Frauen aussuchen ließ – denn sie verstanden besser als jeder triebgesteuerte Mann, was Männer wirklich wollen. So kam es, dass unsere deutsche Fotochefin, wuschelköpfig, dunkelhaarig, insgesamt herrlich geschwungen und auch charakterlich exzellent, mir in die Arme fiel, als ich gerade einen meiner Jähzornanfälle hatte. Wir wurden ein Paar, zeugten einen Sohn und eine Tochter und sind inzwischen seit 40 Jahren verheiratet.

Das tägliche Geschäft unterlag in den ersten Jahren strenger Kont­rolle aus Chicago. Es gab einen Controller Optik und einen Controller Text, und als es mit dem Optik-Mann einmal zum Streit um eine Strecke von vier Doppelseiten kam, mussten Chefredakteur und Cheflayouter sogar nach Chicago fliegen – diesmal nicht Erster Klasse, sondern Business, eine Strafexpedition. Unsere Seiten wurden abgelehnt, und wir flogen mit neuen nach München zurück. Ich erinnere mich, dass wir zwei Bedröppelten in der BOAC-Maschine um je ein Glas Champagner baten. Die Stewardess fragte mokant: „Mit oder ohne Gin?“
Das war die Realität. Die erste Begegnung mit Hef wirkte dagegen in unserer Erinnerung wie ein Traum: Der Abend mit Liza Minnelli, der Glanz, die Prominenz – und wie ich mich irgendwann aus der herrschaftlichen Hofhaltung verkrümelt habe, während Hefner immer weiter sein Repertoire von Anekdoten abspulte. Ich ging ans Ende des riesigen Saales. Unter einer Empore befand sich eine Kletterstange. Sie führte durch ein rundes Loch in die Tiefe. Ich nahm sie zwischen die Füße, rutschte hinunter – und landete auf einem runden Diwan. Ringsum eröffnete sich mir, in hellblauem Licht, eine grandiose Badelandschaft: weiß lackierte Kabinen, gepolsterte Bänke und ein sagenhaft schimmernder Pool. Da konnte ich nicht anders, zog Hemd, Schuhe, Strümpfe und die nachtblaue Hose aus geschorenem Mohair aus – klar, den Slip behielt ich an – und sprang. Hechtsprung. Es war ein Schock. Das Wasser war flach, höchstens einen halben Meter tief. Ich schrammte mit der Nase über den geriffelten Kachelboden. Was war das? Konnte der große Hefner etwa nicht schwimmen? Oder hatte die geringe Wassertiefe etwas mit seinen erotischen Gewohnheiten zu tun? Ich habe es nie erfahren. Als ich zu der Gesellschaft zurückkehrte, sah Hefner meine ramponierte Nase. „Oh“, sagte er breit grinsend, „war das ein Bunny?“
Der deutsche Playboy erschien am 1. August 1972. Auf dem Cover ein blondes Mädchen im gelben Tennishemd. Das Heft verkaufte sich wie geschnitten Brot, wir hingen an den Telefonen und hörten nur Triumphmeldungen: „Frankfurter Hauptbahnhof ausverkauft!“ Als aber das erste Heft Chicago erreichte, fiel man im Playboy-Building am Michigansee reihenweise in Ohnmacht. Auf dem rechten Ärmel des gelben Hemdes war das Bunny-Logo zu sehen, wie es 1953 Art Paul entworfen hatte. Nur: Das deutsche Bunny guckte nach rechts! Eine Todsünde! Es folgten Stapel von Faxen nach München und zurück nach Chicago.
Hinter diesem Skandal verblasste selbst die Heinrich-Heine-Affäre. Wir druckten ein Heine-Glanzstück im sogenannten Ribald Classic, einer Rubrik für galante Geschichten aus der Weltliteratur. Am Ende stand der Autorenname, Boccaccio oder Tolstoi, dazu der Namen des Übersetzers. Chicago monierte schriftlich: Bei Heinrich Heine sei kein Übersetzer angegeben.
Wir vom Bunny-Skandal noch immer erschütterten Krauts aus der Augustenstraße in München antworteten: „Heinrich Heine happened to be German.“
  • Raimund le Viseur, 74, war von 1971 bis 73 Redaktionsleiter des deutschen Playboy, seither ist er freier Autor, gilt als „Boulevard-Poet“ („Spiegel“). In Kürze erscheint sein Roman „Der Berg im Meer“

    Raimund le Viseur, 74, war von 1971 bis 73 Redaktionsleiter des deutschen Playboy, seither ist er freier Autor, gilt als „Boulevard-Poet“ („Spiegel“). In Kürze erscheint sein Roman „Der Berg im Meer“

 

Raimund le Viseur