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Weltreisender am Klavier

Joja Wendt über Klavierkonzerte in China, einarmige Russinen und seinen Kumpel Joe Cocker

"Ich bringe Sachen zusammen, die scheinbar nicht zusammengehören"

Joja Wendt ist einer der erfolgreichsten Pianisten der Welt – nicht nur, weil er in Höchstgeschwindigkeit über die Tasten gleitet, sondern weil er auf der Bühne virtuoses Klavierspiel mit einer Popstar-tauglichen Liveshow verbindet

Playboy: Sie sind in Istanbul aufgewachsen, haben Sie dort auch Klavierspielen gelernt?
Wendt: Ich hatte dort meinen ersten Klavierunterricht bei einer alten einarmigen Pianistin aus Russland, die nur noch mit der linken Hand spielte. Das war eine düstere Angelegenheit. Der Unterricht fand in muffigen Hinterzimmern statt und war nicht gerade das, was man als kleiner Junge toll findet. Das ist aber der Klassiker und wäre für viele Leute vielleicht ein Grund gewesen, mit dem Klavier spielen aufzuhören. Ich war aber so begeistert von dem Instrument, dass ich dran geblieben bin. Heute hat man ganz andere Möglichkeiten. Deswegen haben wir inzwischen eine neue online-Klavierschule gegründet.

Playboy: Sie behaupten, jeder kann Klavier lernen. Was macht Sie so sicher?
Wendt: Ich habe das mit Leuten ausprobiert, die von sich selbst sagen, dass sie niemals Klavier spielen lernen werden. Der Koch Steffen Henssler war bei mir zu Gast und ich habe ihm prophezeit, in zehn Minuten kannst du deine erste Melodie spielen. Es war dann tatsächlich so. Das Klavier ist sehr intuitiv. Du drückst eine Taste und es kommt gleich ein Ton. Drückst Du doll, ist er laut. Bei der Geige ist man erst einmal Jahre damit beschäftigt, einen ordentlichen Ton rauszukriegen. Deswegen bin ich mir sicher, dass Klavier das beste Einsteigerinstrument ist.

Mann am Klavier: Joja Wendt zählt zu den erfolgreichsten Pianisten der Welt

Playboy: Welches Lied sollte ein Mann einer Frau vorspielen können?
Wendt: Ich glaube die Tatsache, dass sich ein Mann mit einem Instrument beschäftigt, ist schon eine gute Nachricht für eine Frau. Weil es doch zeigt, dass er sich mit einer gewissen Sensibilität mit Dingen auseinandersetzen kann. Ich werde oft gefragt, ob Pianisten Glück bei Frauen haben. So einfach ist es auch wieder nicht. Frauen sehen das differenzierter. Das Gesamtpaket muss stimmen. Es gibt genug Klavier-Nerds, die von einer Frau nicht angeguckt werden. Ausstrahlung, Witz und Humor spielen eine große Rolle. Das Aussehen ist nicht so wichtig, aber du solltest ein Typ sein, der für etwas steht und einen eigenen Stil hat.

"Wir haben das Klavier auf die Straße gestellt und irgendwelche schwedischen Au-pair-Mädchen haben für uns das Geld eingesammelt. Eine herrliche Zeit!"

Joja Wendt

Playboy: Sie gelten als ziemliche Rampensau. Muss man Sie auf Partys lange bitten, sich ans Klavier zu setzen?
Wendt: Es gab Zeiten, da bin ich nur deswegen eingeladen worden. Inzwischen wissen die meisten meiner Kumpels, dass Klavier spielen mein Beruf ist und ich werde nicht mehr so oft gefragt. Klar macht es mir Spaß, aber wenn ich auf einer Party bin, will ich auch feiern. Ich hatte eine Phase zwischen 20 und 30, in der ich von morgens um acht bis nachts um zwei Uhr nur Klavier gespielt habe. Jeden Tag. Mich hat nichts Anderes interessiert. Erst als mich ein alter Klassenkamerad zu einer Party einlud, fing ich wieder an, abends wegzugehen. Ich hatte völlig vergessen, was das war: Eine Party.

Playboy: Ein noch wichtigerer Schlüsselmoment in ihrem Leben dürfte sich in der Hamburger Musikkneipe Sperl ereignet haben.
Wendt: Das war schon in der Schulzeit unsere Stammkneipe, in der ich jeden Abend gespielt habe. Da verkehrte die ganze Hamburger Szene, weil es dort gute Livemusik gab: Otto Waalkes, Udo Lindenberg, aber auch Angus Young von AC/DC, Robert Cray und Joe Cocker. Joe Cocker war wie alle Anderen damals im Ramada Hotel ganz in der Nähe abgestiegen. Das war die Homebase vieler Stars, die von dort aus durch Norddeutschland getourt sind. Die konzertfreien Tage haben sie genutzt, um abends ein Bierchen zu trinken. So auch Joe Cocker. Ich saß da also am Klavier, er kam rein, und ich spielte gerade ein Stück von einem seiner großen Vorbilder: Muddy Waters, unserem Blues-Helden. Tony Joe White war damals Joe Cockers Vorgruppe und als der eine Mittelohrentzündung hatte, fragte mich Joe Cocker, ob ich einspringen könnte. Er war damals wegen Woodstock auch in Deutschland bereits eine Legende. Ich habe dann mein ganzes Englisch zusammengeklaubt und mich bei ihm bedankt. Am am nächsten Tag bin ich dann da hin.

Playboy: Wie war es, plötzlich vor so vielen Leuten zu spielen?
Wendt: Mir war bis zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass es möglich ist, alleine am Klavier so viele Leute zu unterhalten. Joe Cocker hat mir die Augen geöffnet. Ich dachte immer, als Pianist macht man nur Begleitmusik. Joe Cocker nahm mich dann mit auf Deutschlandtour. Damals kam ich noch mit meinem alten VW T2 Bulli in dem ein Klavier stand zum Konzert und bin mit dem Klavier auf die Bühne. Mit diesem Bus sind wir auch mal nach Südfrankreich gefahren, haben das Klavier auf die Straße gestellt und irgendwelche schwedischen Au-pair-Mädchen haben für uns das Geld eingesammelt. Eine herrliche Zeit!

Playboy: Ihr Leben dürfte sich radikal verändert haben. Mittlerweile spielen Sie Konzerte in China.
Wendt: Ja, ich hatte die Gelegenheit als erster Europäer zwei Jahre hintereinander in der meist gesehenen TV-Sendung der Welt vor 500 Milionen Chinesen zu spielen. Dass so etwas, wie auch beispielsweise beim Wacken Open Air oder bei Pur auf Schalke vor 70.000 Leuten alleine am Klavier möglich ist, finde ich spektakulär.

"Ich hatte völlig vergessen, was das war: Eine Party"

Joja Wendt

Playboy: Wie haben die Leute bei Wacken auf Sie reagiert?
Wendt: Wir haben das Repertoire angepasst und dann haben die Leute das super abgefeiert. Mein Kollege, der Sänger Stefan Gwildis, der auch wie ich vor Pur gespielt hat, hatte es deutlich schwerer. Ich nehme an, weil er in Konkurrenz zur Hauptband stand. Ich als Instrumentalist, hatte es in dieser Beziehung leichter.

Playboy: Bei Ihren Konzerten mischen Sie klassische Musik mit Heavy Metal oder HipHop. Ist das für Traditionalisten eine Provokation?
Wendt: Ich bekomme eigentlich nur positives Feedback. Ich komme ursprünglich aus der Jazz-Musik und bin sehr viel freier in der Auffassung von Improvisation, als Kollegen aus der klassischen Musik. Aber ich versuche trotzdem, mit der nötigen Ernsthaftigkeit daran zu gehen. So sind einem die Kritiker eher wohlgesonnen. Viele Klassiker kommen auch zu mir in die Konzerte, um sich neue Ideen zu holen, oder sich einfach gut unterhalten zu lassen. Besonders die Chinesen.

Playboy: Warum gerade die?
Wendt: Die sind was kreative Ansätze angeht noch hinten dran. Viele spielen streng nach Beethoven, Mozart usw. Wenn da einer wie ich kommt, fragen sie sich, wo hast du deine Ideen her?  Als ich mal bei „Wetten, dass..?“ als Wettpate saß, sprachen mich danach Chinesen an, ob ich nicht mal beim chinesischen „Wetten, dass..?“ auftreten könnte. Ich fühlte mich herausgefordert, mir für dort etwas Besonderes einfallen zu lassen. Wir haben den Flügel zugeklappt, ein Tischtennisnetz drauf geschraubt und zwei Ping-Pong-Weltmeister haben den Rhythmus für das Stück vorgegeben. Die Verbindung ihrer Sporthelden mit der Liebe zum Klavier hat total gezündet. Seitdem war ich dort in den größten Fernsehshows und mache große Tourneen in China. Ich habe das Gefühl, die Chinesen leiden ein wenig darunter, dass sie diesen Freigeist noch nicht so entwickelt haben.

Playboy: Sie sind ab März wieder auf Tour. Lassen Sie sich für jede Tournee etwas Neues einfallen?
Wendt: Klar, aber das macht auch Spaß. Die nächste Tour heißt „Die Kunst des Unmöglichen“. Dabei versuche ich immer, Sachen zusammenzubringen, die scheinbar nicht zusammengehören. Einen Hummelflug hat noch nie einer im HipHop-Groove gespielt. Aber das funktioniert super! Mein Ziel ist es, die Leute an das Instrument und die Klaviermusik heranzuführen. Mit viel Humor und indem ich mit Geschichten die Stücke mit Leben fülle.

Playboy: Vorhin haben Sie die Geschichte von Ihrem VW T2 erzählt. Sie gelten als Oldtimer-Fan, fahren selbst einen VW Käfer. Was wäre der Steinway-Flügel der Oldtimer?
Wendt: Das wäre wahrscheinlich ein Mercedes SL Flügeltürer. Als Oldtimer wäre er mir wohl etwas zu aufgeregt. Ich bin mit meinem Käfer ganz zufrieden. Und meinen T2 hätte ich auch gerne wieder. Das alte Klavier hab ich noch. Das würde ich da wieder reinstellen und einfach aus Nostalgie wieder zum Kitesurfen nach Sylt damit fahren. Wie früher, nur dass ich jetzt schon etwas älter bin.

Termine und Karten für die aktuelle Tour gibts auf www.myticket.de

Autor: Tim Geyer, Redakteur
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