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Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten

…über Punkrock, seine "Putziefrau" und Gedächtnisverlust

"Ich habe mich entschieden, nie erwachsen zu werden"

Als Sex-Pistols-Sänger schrie er „No Future“ – jetzt wird er 60. Punk-Ikone John Lydon alias Johnny Rotten über das, was sein Leben geprägt hat: Wut, Gedächtnisverlust und seine deutsche „Putziefrau“ 

Eine Hotelsuite am kleinen Yachthafen in Chelsea, London. John Lydon blickt auf die Themse und sieht erstaunlich frisch aus für einen Mann, der mal Johnny Rotten war: die blasse Sex-Pistols-Frontfigur mit den schlechten Zähnen und dem Hang zu Amphetaminen. Vor 40 Jahren spielten die Sex Pistols in London ihr erstes Konzert. Zwei Jahre später war aus dem Hausbesetzer Lydon die Punk-Ikone Rotten geworden. Eine Kultfigur ist er für viele bis heute. Daran änderten auch eine etwas peinliche Sex-Pistols-Reunion in den 90ern, ein Auftritt im britischen Dschungelcamp und eine neuerdings erhältliche Sex-Pistols-Kreditkarte nichts. Lydon sagt, was er denkt, und tut, was er will. Das macht ihn so spannend – und Interviews mit ihm so unberechenbar. Er nippt an seinem Tee, dann fixiert er den Reporter mit dem berühmten Lydon-Starren. Beginnen wir den Verbal-Pogo.

Playboy: Mr Lydon, Sie werden am 31. Januar 60 Jahre alt. Gibt es eine Altersgrenze für das Zertrümmern von Hotelzimmern? 
Lydon: Natürlich. 

Playboy: Wo liegt sie?
Lydon: Bei vier Jahren. Wenn ich einen Fernseher aus einem Hotelfenster werfen will, dann bringe ich meinen eigenen mit. Warum? Weil ich Bands kenne, die ihre Hotelzimmer zerlegt haben – und weiß, welche Unsummen sie hinterher dafür gezahlt haben. Ich habe das noch nie getan. 

Playboy: Der Ruf als wütendster Mann des Punkrock haftet ihnen dennoch bis heute an. Ein Resultat ihrer sagenhaft wilden zwei Jahre mit den Sex Pistols.
Lydon: Gab es uns so lange? Wirklich? Da zählen Sie aber die freien Tage mit. Wenn Sie die weglassen, gab es uns vielleicht sechs Wochen. Inklusive aller Aufnahmen.

Playboy: Trotz der kurzen Lebensdauer schaffte es die Band, die Pop- und Jugend-kultur weltweit zu beeinflussen wie kaum eine andere in der Rock-Geschichte. Wie erklären Sie sich das?
Lydon: Wir waren einfach wahrhaftig und ehrlich. Und wir gaben den Leuten eine neue Perspektive: Du kannst ein Individuum sein, wachsen, selbst nachdenken und zu deinen eigenen Schlüssen kommen. Das ist es, was Punk so anziehend macht. Und das ist es, was ich in all meinen Songs damals wie heute sage: Sei du selbst, hab deinen eigenen Kopf, steh zu deinem Wort.    

Playboy: Als Sie anfingen, bei den Sex Pistols zu singen . . .
Lydon: Ich glaube nicht, dass man es damals als singen bezeichnete . . . 

Playboy: . . . wurde aus dem 19-jährigen im Norden Londons in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsenen Arbeiterkind John Lydon die rotzige, provokante, zornige Bühnenfigur Johnny Rotten. Gab es große Unterschiede zwischen den beiden?
Lydon: Johnny Rotten verkörperte die Wut, die sich in mir angestaut hatte wegen all der Angst und Unterdrückung, die ich als junger Mann ertragen musste. Das fürchterliche Bildungssystem, all die lächerlichen Dogmen, Religion, all diese Dinge, die mich als Person ständig in Frage stellten und zu ersticken drohten: Jetzt hatte ich die Möglichkeit, meine Meinung darüber zu sagen. Und ich hielt mich nicht zurück! Ich schlug auf jede Institution ein, mit der ich je zu tun hatte. Es ist schade, dass alles so schnell vorbei war und die Band auseinanderbrach. Aber das hatte mit dem Management zu tun, das ja behauptete, alles sei seine eigene große Erfindung . . . 

Playboy: Sie meinen Malcolm McLaren, der sich als Sex-Pistols-Erfinder darstellte und die Band-Mitglieder als Marionetten? 
Lydon: Ja. Da stand ich, ein junger Mann, der seine erste Chance im Leben kriegt, als Sänger einer Band – und sogar das wird mir genommen! Von Leuten, die verhindern wollten, dass wir entdeckten, wie viel Talent wir tatsächlich hatten. Willkommen in der Welt der Erwachsenen! Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass ich mich entschied, nie erwachsen zu werden. Ich mag nicht, was Erwachsene sind. Sie sind ein lügender, betrügender, arglistiger Haufen Fotzen. Seitdem bin ich das größte Bad Baby der Welt. Und so gefällt es mir. 

Playboy: Mit Songs wie „God Save The Queen“ und ihren provokanten Auftritten in der Öffentlichkeit wurden Sie nicht nur berühmt, sondern auch zu einem der meistgehassten Männer Englands. Mitarbeiter ihres Platten-Labels weigerten sich, Sex-Pistols-Platten zu verpacken, Konzerte wurden von den Veranstaltern abgesagt, Sie selbst auf der Straße angegriffen. Es muss sich angefühlt haben, als kämpften Sie gegen den Rest der Welt. 
Lydon: Es fühlte sich eher an, als kämpfe der Rest der Welt gegen mich. Auch später noch, nach den Pistols. All diese lächerlichen Erwartungen. Gerade von den Punks. Ich hatte mich nach dem Ende der Band weiterentwickelt, persönlich, musikalisch . . .  

Playboy: Sie gründeten 1978 die Band Public Image Ltd., mit der Sie quasi den Post-Punk erfanden. 
Lydon: Ja, ich wollte unsere Musik weiterführen, Aber das gefiel vielen nicht. Punk ghettoisierte sich ziemlich schnell selbst und wurde zu einer Ansammlung von Klischees: Nieten-Lederjacken, gefärbte Haare, Doc Martens. Die Bands sahen alle gleich aus und klangen gleich. Es wurde alles sehr schnell zu einem großen Fake. Aber ich als König des Punk . . .

"Ich habe nichts gegen Regeln, wenn sie sinnvoll sind – nur, das sind die meisten nicht"

Johnny Rotten

Playboy: So würden Sie sich bezeichnen?
Lydon: Ja, und das ist ein Titel, den ich absolut verdient habe! Ich habe die Kämpfe geführt, als es zählte, und ich habe die Narben, um das zu beweisen. Ich, als König des Punk also, habe gelernt, mich weiterzuentwickeln und meine Erfahrungen zu teilen. Das sehe ich als meine Pflicht an.    

Playboy: Dieses Selbstbewusstein, dieses Vertrauen in den eigenen Blick auf die Dinge: Hatten Sie das schon immer?
Lydon: Meinen Eltern war schon sehr früh klar, dass ich meinen eigenen Kopf habe. Und sie waren stolz darauf. Ich hatte als Kind eine schwere Krankheit, die mir meine komplette Erinnerung und meine Persönlichkeit raubte. Es dauerte vier Jahre, bis ich mir beides zurückerkämpft hatte. Als es so weit war, war das der stolzeste Moment in meinem Leben. Und dieser ganze Prozess des Herausfindens, wer ich eigentlich bin, war ein wirklich gesunder Härtetest für mich.

Playboy: Die Krankheit, von der Sie sprechen, war eine Hirnhautentzündung, die Sie sich mit sieben Jahren zuzogen. Übertragen vermutlich durch Ratten-Urin in einer Pfütze, in der sie spielten. 
Lydon: Ja, wo wir lebten, gab es haufenweise Ratten. Eine sehr arme Gegend. Nach dem Krieg war alles zerbombt. Danke Deutschland! Nein, im Ernst, ich hege da keinen Groll. Es war einfach so, wie es war. Wir Kinder spielten in den Ruinen. Und irgendwie holte ich mir da diese Menin-gitis. Ich fiel in ein Koma, das drei oder vier Monate dauerte. Ich hatte Glück, dass sie nicht einfach den Stecker gezogen haben.  

Playboy: War das eine Option?
Lydon: Oh ja, aber damals dachte man noch: Wir können noch ein bisschen an ihm herumexperimentieren, lassen wir ihn also noch etwas leben. Gott sei Dank! Ich schätze, heutzutage ziehen Sie den Stecker aus „Gründen der Kostenersparnis“ um einiges schneller. Warum so viel Strom verschwenden?

Playboy: Als Sie aus dem Koma erwachten, war Ihr Gedächtnis gelöscht.
Lydon: Komplett. Ich erkannte meine Eltern nicht mehr. Sie waren Fremde für mich. Es war eine unglaublich schmerzhafte Zeit, auch weil ich mich ihnen gegenüber so schuldig fühlte. Aber ich wusste ja nicht mal mehr, wer ich selbst war. Das musste ich erst wieder herausfinden. Und dabei war ich völlig davon abhängig, was die Leute um mich herum mir erzählten. Ich musste mich darauf verlassen, dass sie die Wahrheit sagten. Aber viele Erwachsene logen mich an, vor allem die Nonnen, die die Schule betrieben, in die ich ging. 

Playboy: Was erzählten die Ihnen denn?
Lydon: Ich war zum Beispiel auch nach dem Gedächtnisverlust noch Linkshänder, weil das ein Instinkt ist, nichts Gelerntes. Aber sie sagten: Nein, du hast immer mit rechts geschrieben, denn in ihrer Weltsicht war es ein Zeichen des Teufels, mit links zu schreiben. Ich wusste einfach nicht, wer ich bin – und sie versuchten, mich zu manipulieren. Das tat weh. Deshalb ist es mir heute noch so wichtig, dass Leute mich nicht anlügen. Wer mich anlügt, mit dem bin ich fertig. Ich selbst kann Menschen bis heute nicht anlügen, weil ich weiß, welchen Schaden die Konsequenzen anrichten.

Playboy: Stammt aus dieser Zeit auch Ihre Neigung, alles zu hinterfragen? Sie haben mal gesagt: „Rules are for fools“ – Regeln sind was für Idioten. 
Lydon: Ich habe nichts gegen Regeln und Gesetze, die sinnvoll sind. Das Problem ist nur, dass die meisten von ihnen diese Anforderung nicht erfüllen.

Playboy: Welche Regeln muss man befolgen, um wie Sie über 30 Jahre mit der-selben Frau glücklich zu sein?  
Lydon: Absolute unverschämte Ehrlichkeit. Sag, was du denkst, und sei bereit, hingebungsvoll zu streiten. Dazu brauchst du dann noch die Fähigkeit zu erkennen, dass du irgendwann nur noch Müll redest, und die Bereitschaft, über dich selbst zu lachen. Diese Kombination führt zu sehr erfreulichen Ergebnissen.

"Ich schäme mich für nichts"

Johnny Rotten

Playboy: Ihre Frau Nora ist Deutsche . . .
Lydon: Ja, ich nenne Sie immer „meine Putziefrau“. (lacht)

Playboy: Sie wissen, was das heißt?
Lydon: Ja, aber ich mag einfach, wie es klingt.  

Playboy: Wie nennt Nora Sie?
Lydon: Sie sagt immer „Schatzi“ zu mir.

Playboy: Wie lernten sie sich kennen?
Lydon: Sie kam eines Tages in die Boutique „Sex“ in London .  .

Playboy: . . . die damals Malcolm McLaren und Vivienne Westwood gehörte und die der Geburtsort der Sex Pistols war.
Lydon: Nein. Das war er nicht.

Playboy: Nein? Dann muss die Rock-Historie umgeschrieben werden.
Lydon: Na ja, ja und nein. Wir lernten uns dort alle kennen, aber es ist nicht so, dass wir von dem Laden gesponsert wurden oder so. Wir mussten für die Klamotten dort ganz normal bezahlen, und man gab uns – insbesondere mir – immer das Gefühl, nicht ganz willkommen zu sein. Weil ich ein paar unangenehme Fragen über die Qualität der Ware dort gestellt hatte. Ich arbeitete dort mal an zwei Wochenenden oder so, aber ich fand es unmöglich, die Klamotten zu verkaufen.

Playboy: Warum? 
Lydon: Weil ich sie für Müll hielt. Sie saßen nie richtig, die Knöpfe fielen ab, die Nähte gingen auf. Eines Tages kam jedenfalls Nora mit einem Freund herein, sah ein paar Klamotten an und meinte gleich mal in ihrer typischen Art: Das ist Müll, das könnt ihr doch nicht verkaufen! Ich liebte das. Das nächste Mal traf ich sie bei einem Sex-Pistols-Gig im Chelsea Art-College, und sie sagte als Erstes zu mir: Alle haben mich davor gewarnt, mit dir zu reden.  

Playboy: Was haben Sie geantwortet?
Lydon: Wir hatten gleich einen riesigen, aber wirklich sehr, sehr interessanten Streit. Als wir uns das nächste Mal begegneten,  fanden wir beide: Das war großartig letztes Mal, oder? Darauf haben wir dann unsere Beziehung aufgebaut. Ich kann einfach gut mit starken Charakteren. 

Playboy: Noras Vater war der deutsche Verleger des „Tagesspiegel“, Franz Karl Maier, ein ernsthafter und streitbarer Mann. Was hielt der von Johnny Rotten?   
Lydon: Ich habe ihn nie getroffen. Aber scheinbar mochte er mich nicht. Ich glaube allerdings, er verwechselte mich mit Sid Vicious. Deshalb konnte ich seine Verachtung verstehen. (lacht

Playboy: Sid Vicious, der ein Schulfreund von Ihnen war und später Bassist bei den Sex Pistols wurde, starb kurz nach dem Ende der Band an einer Überdosis Heroin. Eine der wenigen Drogen, von denen Sie immer die Finger ließen, oder? 
Lydon: Oh nein, ich hab’s schon mal probiert. Aber es war furchtbar. Ein paar Leute erzählten mir dann die alte Geschichte: Du musst es ein paar Mal nehmen, dann wird es großartig! Aber dafür erst mal eine Woche lang kotzen? Nein danke. Ich habe auch nicht dieses Bedürfnis wegzulaufen vor der Welt und mich zu verstecken. Heroin nimmt die Selbstzweifel weg – aber es zerstört deine Kreativität. Denn dafür brauchen wir Selbstzweifel. In Momenten der Selbstanalyse erschaffen wir unsere größten Werke. 

Playboy: Wann waren Sie zuletzt drei Tage wach auf Speed?
Lydon: Seit Jahren nicht mehr. Aber es ist schon komisch: Viele meiner Altersgenossen scheinen um mich herum zu sterben wie die Fliegen. Das ist echt schockierend. Ich habe mir mehr Bleichmittel und Chemikalien in die Haare geschmiert als eine ganze Legion von Friseuren. Aber ich habe mehr Haare denn je auf dem Kopf. Lern daraus, was du willst.    

Playboy: Bereuen Sie etwas im Leben? 
Lydon: Nein, ich schäme mich für nichts. Ich glaube auch nicht, dass ich jemals gehässig, bösartig, grausam zu jemandem war. Und ganz ehrlich: Zurückzublicken wäre Zeitverschwendung. Ich habe eine Zukunft, auf die ich mich freue. Sagt der Mann, der einst „No Future“ schrie . . . 

Playboy: Ist das jetzt der altersweise John Lydon?  
Lydon: Ach was, das war schon damals ein ironisches Statement. Leider wurde es von den Leuten wörtlich genommen. Überhaupt ist viel von dem Witz und
der Weisheit der Songs verloren gegangen in dem Filtrationssystem, das wir Pop-Kultur nennen. Ich habe immer versucht zu erklären, dass alles „Vaudeville“ war, Theater, spaßig, zwar mit Hintersinn, aber immer mehr mit einem breiten Lachen versehen als mit höhnischer Abfälligkeit.  

Playboy: Sie leben heute in Kalifornien, wo Sie gern stundenlang mit dem Boot auf den Ozean hinausfahren. Was ist es, das Sie dort draußen finden? 
Lydon: Meistens einen kolossalen Streit mit Nora, weil Sie überzeugt ist, dass ich das GPS nicht bedienen kann und wir nie mehr zurückfinden.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
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