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Filmstar Jeremy Irons

... übers Rauchen, Ungebundenheit und das Zigeunerleben

"Ich lebe ein Zigeunerleben de luxe"

Viele seiner Fans halten Jeremy Irons für einen hochgebildeten Intellektuellen. Denen tut er mit seinem neuen Film einen Gefallen. In Wirklichkeit will er aber nur durch die Gegend reisen und in Ruhe seine Selbstgedrehten rauchen

Der Ort, den Jeremy Irons zum Interview gewählt hat, ist aus den Nachrichten bekannt: Im „Hotel Baur au Lac“ am Zürichsee verhaftete die Polizei in letzter Zeit regelmäßig Fifa-Funktionäre. Der britische Filmstar hingegen genießt hier seine Ruhe. Die Sonne scheint, und auf der Terrasse darf er unbehelligt rauchen. Der 67-Jährige ist schlank wie immer, trägt Vollbart und sieht gut 20 Jahre jünger aus. Zur Begrüßung präsentiert er sein unverwechselbares Wolfslächeln. „Der Bart kommt aber morgen wieder ab“, erklärt er sogleich, „den habe ich mir nicht für eine Rolle wachsen lassen, sondern weil ich Ferien hatte.“ Jetzt hat er genug vom Laisser-faire, die Arbeit ruft wieder, und Irons möchte beim Espresso über seinen neuen Film sprechen, das Biopic „Die Poesie des Unendlichen“ (ab 12. Mai im Kino). Aber erst mal wollen wir noch über etwas anderes mit ihm reden ... 

Playboy: Mr Irons, zuletzt sahen wir Sie im Kino als Batmans neuen Butler Alfred – ein Zeichen, dass Sie sich langsam aufs Altenteil zurückziehen?
Irons: (lacht) Ich hoffe nicht. Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin so aktiv wie schon lange nicht mehr. Ich habe im letzten Jahr vier Kinofilme gemacht und spiele auch nach längerer Zeit wieder Theater. Ich gehe zwar auf die 70 zu, fühle mich aber wie 35. Und was Alfred betrifft: Er ist ein Butler, wie ihn sich nur jeder wünschen kann.

Playboy: Er parkt das Batmobil und poliert das Silberbesteck?
Irons: Auch das, aber er ist vor allem ein väterlicher Ratgeber für Bruce Wayne. Und ich habe versucht, ihm eine gute Portion britischen Humor mitzugeben. Obwohl ich als Alfred mehr zu tun habe als mein geschätzter Vorgänger Michael Caine, ist es natürlich eine eher kleine Rolle, die mir allerdings sehr viel Spaß gemacht hat. Sie müssen sich so einen Set wie bei „Batman vs. Superman“ als gigantischen Ozeanriesen vorstellen, der langsam und mächtig durch die Meere pflügt. Dagegen sind die meisten Independent-Filme kleine Segelboote, die man oft nur mit großer Mühe auf Kurs hält.

Playboy: Ist „Die Poesie des Unendlichen“ so ein Segelboot?
Irons: Auf jeden Fall. Ehrlich gesagt fühle ich mich an Bord eines Segelschiffs letztlich auch viel wohler. Denn da hat man es meist mit einer kleinen, aber eingeschworenen Mannschaft zu tun, die alles daransetzt, dass der Film gut wird. Dadurch fühle ich mich als Schauspieler lebendiger und mehr gefordert.

Playboy: Warum dann auch die Ozeanriesen?
Irons: Das Catering ist dort um vieles besser (lächelt). Nein, im Ernst: Auch das macht mir Spaß. Man fliegt mich für eine Woche ein, dann wieder aus. Ich werde fürstlich bezahlt, und es erhöht meinen Status. Das ist im Filmbusiness nicht zu unterschätzen. Und ein schöner Nebeneffekt ist: Ich kann auch für viel weniger Gage in kleineren Filmen wie „Die Poesie des Unendlichen“ mitspielen. Oder in „Race“, einem anderen Film, auf den ich sehr stolz bin. „Race“ ist ein Sportdrama über den Leichtathleten Jesse Owens, der bei den Olympischen Spielen 1936 vier Goldmedaillen gewann.

Playboy: Beides Filme, die einen historischen Bezug haben. Ziehen solche Stoffe Sie besonders an?
Irons: Ich mag Filme, die etwas zu sagen haben. Und die bestenfalls auch noch unsere Herzen berühren. Wie zum Beispiel die faszinierende Geschichte, die wir in „Die Poesie des Unendlichen“ erzählen. Dieses Mathematikgenie aus Indien, Srinivasa Ramanujan, den Dev Patel so einfühlsam spielt, gab es ja wirklich. Und er kam tatsächlich aus den Slums von Madras an die ehrwürdige CambridgeUniversität in England und hat dort mit seinem unendlichen Wissen alle vor den Kopf gestoßen.

Playboy: Sie spielen einen exzentrischen Mathematikprofessor ...
Irons: ... was mir übrigens diebischen Spaß gemacht hat. Wissen Sie, warum? Weil mich viele Leute für einen Intellektuellen halten, habe ich ihnen mal einen gegeben.

Playboy: Sind Sie im wirklichen Leben etwa kein Intellektueller?
Irons: (lacht) Überhaupt nicht. Außerdem war ich in der Schule immer furchtbar schlecht in Mathe. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum ich den Eindruck erwecke, ich wäre wahnsinnig belesen und superklug. Ich bin nämlich alles andere als das. Und ich bin auch kein Kopfmensch. Ich lebe aus dem Bauch heraus, reagiere total instinktiv.

Playboy: Wollten Sie eigentlich als Junge auch bereits Schauspieler werden?
Irons: Nein. „Zigeuner“ stand auf meiner Wunschliste ganz oben. 

Playboy: Warum hat das nicht geklappt?
Irons: Die Berufsaussichten waren nicht gerade rosig. Sie müssen wissen, dass ich auf sehr konservativen, typisch englischen Schulen war. Man wollte uns jungen Leuten die Flausen austreiben. Vom ersten Tag an hat man versucht, uns auf stromlinienförmige, furchtbar langweilige Banker oder Rechtsanwälte zu drillen. Und

"Wenn ich gegen irgendwas allergisch bin, dann gegen Bevormundung."

Jeremy Irons

wenn ich gegen etwas allergisch bin, dann gegen Bevormundung. Deshalb wollte ich nach der Schule sofort aus diesen lähmenden Konventionen ausbrechen. Und dafür schien mir ein Zigeunerleben oder eines beim Zirkus bestens geeignet. Als ich mir allerdings die Lebensumstände der Zirkusleute näher angeschaut habe, wusste ich, dass ich dafür leider nicht gemacht war.

Playboy: Inwiefern?
Irons: Die meisten von ihnen haben sich zu viert einen Wohnwagen geteilt. Das war nichts für mich. Das Mittelklasse-Komfortdenken hatte mich schon zu sehr versaut.

Playboy: Was haben Sie stattdessen gemacht?
Irons: Ich bin eine Zeit lang mit Schlafsack und Gitarre durch die Lande gezogen, habe in Pubs und an Straßenecken Bob-Dylan-Lieder gesungen. Und irgendwie bin ich dann beim Theater gelandet. Die dortige Bohème-Atmosphäre war ganz nach meinem Geschmack: bis spät in die Nacht hinein proben oder auftreten und nicht vor Mittag aus den Federn kommen. Dann noch die Mädchen ... Außerdem konnte ich mir sehr bald ein Einzelzimmer leisten.

Playboy: Führen Sie als Filmstar nicht auch eine Art Zigeunerleben?
Irons: Ja, ich lebe ein Zigeunerleben de luxe (grinst). Aber es stimmt schon, durch meine Arbeit als Schauspieler habe ich die große weite Welt bereisen dürfen und Orte gesehen, an die es mich sonst wohl nie verschlagen hätte. Außerdem bleibt auch noch genug Zeit für mich selbst.

Playboy: Die Sie worauf verwenden?
Irons: Ich segle, reite, fahre Motorrad und renoviere mein Schloss – ich habe ja ein Anwesen in Irland, wo ich die meiste Zeit mit meiner Familie lebe. Da gibt es immer etwas zu tun. Ich habe schon über eine Million Pfund reingesteckt. Aber es hat sich gelohnt. Trotzdem sollte ich langsam wirklich aufhören, Häuser zu kaufen.

Playboy: Wieso, wie viele haben Sie denn?
Irons: Sieben. Meine Frau meinte, das wäre langsam genug.

Und dann passiert etwas, das man bei millionenschweren Filmstars selten sieht: Jeremy Irons dreht sich eine Zigarette. Dazu nimmt er aus einem Lederetui ein dunkelbraunes Papier, faltet es zwischen Zeige- und Mittelfinger auf, dann legt er mit der anderen Hand lange Tabakfäden hinein, leckt den schmalen Gummistreifen am Papierrand an, dreht das Ganze elegant zusammen und steckt sich die Selbstgedrehte mit einem goldenen Feuerzeug an. Dieses Ritual wiederholt er während des Gesprächs noch ein paarmal.

Playboy: Sie rauchen gern und viel. Baut man Ihnen am Set ein eigenes Raucherzelt?
Irons: Nein, ich habe ja meinen Trailer. Wenn wir im Freien drehen, vertrete ich mir mal für ein oder zwei Zigarettenlängen die Beine. Das ist kein Problem. Was mich nur manchmal aufregt, ist diese bigotte Art, mit der vor allem Amerikaner auf uns Raucher reagieren. Am Strand von Santa Monica, wo ich allein mit meinem Hund spazieren gehe, soll ich nicht rauchen dürfen? Oder in New York, im drei Quadratkilometer großen Central Park? Da vergifte ich durch meinen Rauch meine Mitmenschen? Unfassbar! Wie wäre es denn mit ein bisschen Toleranz?! Da lobe ich mir diese schöne Terrasse hier. Da stört das niemanden.

Playboy: Auch hier ist das Rauchen eigentlich verboten. Stimmt es, dass Sie vor vielen Jahren mit Ihrer Zigarette einen Skandal entfachten?
Irons: Oh Gott, ja, das war in den 80erJahren, als das Rauchen eigentlich noch überall erlaubt war. Da war ich zu einem Wohltätigkeitsdinner eingeladen und saß neben Prinzessin Diana. Als ich nach dem Essen eine Zigarette rauchen wollte, fragte ich sie höflich, ob sie das stört. Sie riet mir davon ab, weil es doch so gesundheitsschädlich wäre. Ich sagte, das wüsste ich, und steckte mir eine an. Mir war allerdings entgangen, dass das Dinner am „No Smoking Day“ stattfand ... Das war natürlich furchtbar taktlos von mir. Und mein Fauxpas ging auch prompt durch die Presse.

Playboy: Mit englischen Klatschblättern haben Sie ja so Ihre Erfahrungen gemacht, richtig?
Irons: Ja, und meistens nicht die besten. Wenn es zu sehr ins Private geht, haben mir meine Anwälte schon oft geraten zu klagen. Aber was soll’s? Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Mittlerweile perlen diese Gerüchte und Falschmeldungen an mir ab. Nur für die Menschen, die mir nahestehen, ist das oft nicht lustig.

Playboy: Haben Sie eigentlich viele Freunde im Filmbusiness?
Irons: So gut wie keine. Ich komme viel besser mit Musikern, Seglern oder meinem Gärtner aus. Aber bei Dreharbeiten versuche ich immer, gute Kontakte mit meinen Mitstreitern zu pflegen. Danach geht jeder wieder seiner Wege. Das finde ich auch gut so. Mir geht nichts über meine Ungebundenheit.

"Mir geht nichts über meine Ungebundenheit."

Jeremy Irons

Playboy: Haben Sie schon mal versucht, jemanden an die Wand zu spielen?
Irons: Nein, zumindest nicht absichtlich. So narzisstisch bin ich nun auch nicht, dass ich das nötig hätte. Aber mit mir hat man das schon ab und zu versucht.

Playboy: Wie haben Sie darauf reagiert?
Irons: Ich habe versucht dagegenzuhalten. Da muss jeder seinen Mann stehen. Es sind oft die komplizierten Filmpartner, die die Latte sehr hoch legen und einen damit anspornen, selbst noch einen draufzulegen.

Playboy: Ein Beispiel, bitte.
Irons: Ich war, glaube ich, nie glücklicher als bei den Dreharbeiten zu „Mission“. Und einer der Gründe war Robert de Niro. Er blieb nämlich als lupenreiner MethodActor die ganze Zeit in seiner Rolle. Wenn er zum Beispiel im Film wütend sein sollte, dann wollte er, dass ihn sein Gegenüber so lange reizte, bis er tatsächlich wütend wurde. Das war jedes Mal ein wahnsinniger Kraftakt. Aber es hat die anderen Schauspieler auch zu Höchstleistungen beflügelt.

Playboy: Ich habe in London mal zufällig gesehen, wie Sie auf der Straße von einem jungen Schauspieler angesprochen wurden, der einen Rat von Ihnen wollte.
Irons: Das passiert mir ab und zu, und es ist mir immer peinlich. Deshalb laufe ich auch meist mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Oder noch besser: Ich behalte meinen Motorradhelm auf.

Playboy: Was haben Sie dem jungen Schauspieler geraten?
Irons: Meistens sage ich dann, dass es nicht genügt, fehlerfrei den Text aufzusagen, sich sexy zu bewegen oder in den Klamotten gut auszusehen. Großartige Schauspieler sind immer bereit, die Extrameile zu gehen und dabei über sich hinauszuwachsen.

Playboy: Ihr Sohn Max ist seit einigen Jahren auch ziemlich erfolgreich im Filmbusiness unterwegs. Standen Sie ihm mit Rat und Tat zur Seite?
Irons: Ja, schon, aber leider hört er ja nicht auf mich (lacht). Ich habe ihm zum Beispiel geraten, lieber mehr Theater zu spielen, als für Kinofilme auf Promotion-Tour zu gehen. Ansonsten halte ich mich aber zurück. Es ist sein Leben. Und sicher ist es auch nicht ganz leicht, Eltern zu haben, die beide als Schauspieler arbeiten. Aber er macht seine Sache sehr gut.

Playboy: Sprechen wir noch mal über Ihre Filme – und zwar ausnahmsweise über die schlechten . ..
Irons: Muss das sein? (denkt nach) „Nachtzug nach Lissabon“ war so eine Enttäuschung. Die Romanvorlage mochte ich sehr, aber der Film hat leider nicht funktioniert. Dabei schätze ich den Regisseur Bille August wirklich sehr. Aber er sagte beim Dreh immer zu mir: „Mach weniger, viel weniger.“ Und ich dachte, wenn ich

"Meine Sexszenen mit Juliette Binoche waren mehr ein Ringkampf zwischen zwei Nackten."

Jeremy Irons

noch weniger mache, dann gehe ich bald als Standbild durch. Und dann fällt mir spontan noch der Louis-Malle-Film „Verhängnis“ ein. Das ist ein Film über eine Amour fou zwischen Mann und Frau. Aber die Sexszenen, die ich mit Juliette Binoche hatte, waren weder erotisch noch antörnend – es hatte mehr was von einem Ringkampf zwischen zwei Nackten (lacht).

Playboy: War das Ihre größte professionelle Enttäuschung?
Irons: Nein, die schlimmste Enttäuschung war „Beautiful Creatures – Eine unsterbliche Liebe“. Da wurde das Drehbuch noch während des Drehens im Stundentakt umgeschrieben. Und der Regisseur konnte mir nicht sagen, wie ich meine Rolle anlegen sollte. Das ist der schlimmste Albtraum für einen Schauspieler: Wenn man nicht weiß, was das Herz seiner Figur ist. Ich habe gebetet, dass der Film ein Flop wird und schnell wieder aus den Kinos verschwindet.

Playboy: Gott hat Sie erhört.
Irons: Zum Glück.

Playboy: Welche Rolle würden Sie gern noch unbedingt spielen?
Irons: Den Don Quijote – das wäre ein Traum.

Autor: Ulrich Lössl
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