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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Travis-Sänger Fran Healy

…über Paul McCartney, lange Bärte und Merkel

"Ständig pinkelt mir jemand auf die Schuhe"

Mit Travis landete er Hits wie „Sing“ und „Why Does It Alway Rain On Me“. Was Fran Healy seither in Berliner Bars erlebt, warum Hipster ihn nerven und wie Paul McCartney ihm beim Kochen half . . . erzählt er hier

Das „Lexington“ an der Londoner Pentonville Road ist eine echte Spelunke. Es riecht nach Bier und Schweiß, aus den Boxen kommt Death Metal. Fran Healy grinst. „Das ist die Art von Pub, in der wir angefangen haben“, sagt er. An diesem Abend spielen Travis im angrenzenden Saal: die Live-Premiere ihres neuen Albums „Everything At Once“ (erscheint am 29. April) für handverlesene Gäste und Fans. Bis zum Soundcheck sitzt der schmächtige Mann mit Hut und angegrautem Bart in einem Ledersessel unweit der Theke und nuckelt an einer Wasserflasche . . . 

Playboy: Mr Healy, wir sind hier zwar gerade in London, aber eigentlich leben Sie in Berlin. Wie lange schon?
Healy: Acht Jahre. Und bislang war es eine tolle Zeit. Mein Sohn Clay geht jetzt dort zur Schule – mit einem tollen Rektor und unfassbar netten Eltern.

Playboy: Wir haben gehört, Sie hätten einen Song für die Schule aufgenommen.
Healy: Ja, den offiziellen Schulsong –
ein Riesenhit! (lacht) Wir haben ihn mit dem Chor aufgenommen und als CD veröffentlicht. 

Playboy: Ganz ehrlich, wissen die Berliner auf der Straße, wer Sie sind?
Healy: Ich werde heute sogar noch häufiger erkannt als zur Zeit unserer letzten großen Hits, was seltsam ist, denn bei Travis war es immer so, dass die Songs bekannter waren als die Bandmitglieder. Was wir sehr cool im Sinne von sehr gesund fanden. Und weshalb wir unser drittes Album auch „The Invisible Band“, die unsichtbare Band, genannt haben. Keiner wusste, wie wir aussehen. Das hat sich mittlerweile verändert.

Playboy: Das klingt, als vermissten Sie die großen Erfolge der frühen 2000er nicht sonderlich.
Healy: Nein, nicht wirklich. Ich meine, natürlich war es toll, riesige Konzerte zu spielen und so viel Anerkennung für seine Musik zu erfahren. Aber gleichzeitig ist da auch ein Teil von mir, der das nie wieder erleben möchte. Einfach, weil ich ein normales Leben mit meiner Familie führen will. Was wir mit „The Man Who“ erlebt haben, war wie ein Tsunami, der alles unter sich begraben hat.

Playboy: Also schreiben Sie bewusst keine Hits mehr, oder wie wollen Sie das künftig vermeiden?
Healy: Das kann man nicht steuern. Erfolg im Musikgeschäft ist etwas völlig Launisches, das dich wie ein Blitz trifft. Sprich: Es lässt sich nicht regulieren, welche Songs wie beim Publikum ankommen. Ich meine, „Why Does It Always Rain On Me“ wollte zunächst keiner haben, und dann war es ein Riesenhit.

Playboy: Also ein regelrechter Betriebsunfall?
Healy: Ganz genau (lacht).

Playboy: Weil es nervt, prominent zu sein?
Healy: Nun, vielleicht liegt es daran, wo ich so zur Toilette gehe, aber in irgendwelchen Bars und Restaurants ist immer jemand, der mich beim Pinkeln anspricht: „Hey, bist du nicht der Typ mit dem Regen-Song?“ Und darauf ich: „Nein, du bist der Regen-Typ, denn du strullst mir gerade auf die Schuhe. Pass bitte ein bisschen auf.“ Ich schwöre: Das passiert ständig. Und es wäre nicht so unangenehm, wenn die Leute ein bisschen aufpassen würden. Also David Hasselhoff würde das bestimmt nicht passieren.

Playboy: Wie kommen Sie auf Hasselhoff als Respektsperson? Weil er sich als Mitinitiator der Wiedervereinigung aufspielt?
Healy: Ihr Deutschen mögt ihn doch, oder? Ihr bekommt scheinbar gar nicht genug von ihm. Selbst wenn sein Gesicht von schlechten plastisch-chirurgischen Eingriffen entstellt ist. Er sieht einfach nur zum Fürchten aus. 

Mr. Travis

Francis „Fran“ Healy, 42, wuchs bei seinen Großeltern im schottischen Glasgow auf und gründete mit den Schulfreunden Andy Dunlop, Dougie Payne und Neil Primrose 1990 Travis. Ihr zweites Album („The Man Who“) war 1999 ihr internationaler Durchbruch. 2010 begleitete ihn Paul McCartney auf dem Solo-Album „Wreckorder“. Am 29. April erscheint das neue, achte Travis-Album „Everything At Once“ (Caroline).

Playboy: Haben Sie ihn bei seinem Protest gegen die Entfernung der letzten Mauerreste unterstützt?
Healy: Nein, er hat mich zwar angerufen, aber ich musste ihm leider absagen. „Dave, ich habe heute Abend Elternversammlung in der Schule, das wird leider nichts.“ 

Playboy: Okay, was missfällt Ihnen am meisten an Berlin?
Healy: Die Autofahrer. Hier ist jeder ein Rennfahrer, ein Schumacher – wirklich jeder. In London fahren die Leute im Allgemeinen sehr vorsichtig und entspannt, selbst wenn sie spät dran sind. Aber in Berlin drehen sie alle am Rad.

Playboy: Wie verhalten Sie sich im Straßenverkehr?
Healy: Ich passe höllisch auf und bin zwei Jahre lang ganz bewusst nicht selbst gefahren, sondern habe nur öffentliche Transportmittel benutzt. Ich fliege aber auch viel lieber, als dass ich fahre . . .

Playboy: Sie haben ja noch Apartments in London und New York. Sind das Fluchtpunkte?
Healy: Oh, ich bin gerade im Begriff, mich von der New Yorker Wohnung zu trennen. Einfach, weil ich dort kaum noch Zeit verbringe und ich keinen Grund mehr sehe, Berlin zu verlassen. Ich habe mich richtig niedergelassen, und ich bin auch froh darüber, dass all diese Flachpfeifen weg sind. Obwohl: Davon gibt es immer noch mehr als genug (lacht). 

Playboy: Wen meinen Sie?
Healy: Diese selbst ernannten Hipster, die sich immer dort niederlassen, wo es gerade vermeintlich jung, chic und trendy zur Sache geht. Das sind urbane Heuschrecken, die nichts zur Gemeinschaft beitragen, sondern nur dafür sorgen, dass die Preise in die Höhe schießen und die Lebensqualität sinkt, ehe sie weiterziehen. Auf solche Leute kann ich verzichten.

Playboy: Haben Sie sich nicht jüngst selbst hinter einem ziemlich imposanten Hipster-Bart versteckt?
Healy: Der ist mir beim Schreiben der Songs für unser neues Album gewachsen (lacht). Im Ernst! Zuvor waren wir anderthalb Jahre auf Tour, und ich habe mich jeden Tag gründlich rasiert. Danach sagte ich mir: Scheiß drauf! Ich habe keine Lust mehr auf dieses Ritual.

Playboy: Bärte sind ja auch immer noch sehr angesagt.
Healy: Ich finde es lustig, dass all diese Hipster irgendwelche Bärte aus der viktorianischen Zeit tragen. Das ist so ein herrlicher Widerspruch. Ich selbst hatte beim Songschreiben ein Bild von Charles Darwin und Karl Marx in meinem Raum im Hansa Tonstudio, wo damals auch
Bowie gearbeitet hat. Und darunter stand: „Bemerkenswerte Bärte“. Das war einer der Prüfsteine beim Schreiben des Albums – ob die Songs mit diesen Jungs mithalten konnten. 

Playboy: Der Rock ’n’ Roll wird alt, und wir werden demnächst bestimmt noch mehr einflussreiche Musiker wie David Bowie verlieren: für Sie eine erschreckende Vorstellung?
Healy: Es ist eine traurige Zeit, keine Frage. Bowie war die Ikone der 70er und 80er. Und während Leute wie er von der Bildfläche verschwinden, ist da leider niemand, der nachrückt. Viele unserer Helden sind über 70 – und wir werden es ebenfalls bald sein. Das ist einfach der Kreislauf des Lebens.

"Ich bin froh, dass all diese Flachpfeifen aus Berlin weg sind"

Fran Healy

Playboy: Aber Travis haben auch nach 25 Jahren immer noch etwas zu sagen, oder?
Healy: Natürlich! Was hätte es sonst für einen Sinn, Songs zu schreiben, wenn man damit nichts zum Ausdruck bringen will? Wenn ich als Songwriter Musik höre, denke ich ständig: „Ah, das kenne ich doch – das haben sie da und da geklaut.“ Und wenn ich mich hinsetze, um zu schrei-ben, will ich etwas finden, das ich eben noch nicht zuvor gehört habe. Das ist es, worum es mir geht. Also selbst wenn andere Leute darüber lachen und meinen, das wäre nichts anderes als ein Kinderlied.
McCartney, Bowie und auch ich selbst
sehen das komplett anders.

Playboy: Stimmt es, dass McCartney Sie zum Vegetarier gemacht hat, als er Ihnen 2010 bei Ihrem Solo-Album half?
Healy: Ich esse kein rotes Fleisch und kein Huhn, aber Fisch. Insofern bin ich kein richtiger Vegetarier – auch wenn Paul mir ein paar von Lindas Kochbüchern geschickt hat. Also das war sehr nett von ihm und sehr cool.

Playboy: Es heißt, er liebe Ihre Art des Songwritings. Wie muss man Sie sich dabei vorstellen?
Healy: Ich muss zugeben, ich habe für das neue Travis-Album rund 90 Prozent der Zeit im Studio rumgesessen, aus dem Fenster geschaut und nachgedacht oder Filme gesehen. Außerdem habe ich gelesen und gezeichnet. Die verbliebenen zehn Prozent habe ich tatsächlich komponiert.

Playboy: Klingt effektiv.
Healy: Es hat ein bisschen was von landwirtschaftlicher Arbeit: Du legst die Saat aus, lässt sie wachsen und fährst die Ernte ein. Meine einzige Vorgabe war: Alle Stücke sollten unter drei Minuten bleiben. Weil ich dieses Pop-Format mag: kurz und knapp auf den Punkt. Bei der Plattenfirma hieß es dann: „Da sind ja acht Singles am Start!“ Was auch bedeutete, dass ich acht Videos drehen musste. Da habe ich mich entschieden, einfach ein einziges langes Video zu machen, 28 Minuten, was es – hoffe ich – in der Form noch nicht gegeben hat. 

Playboy: Wo haben Sie gedreht und mit wem?
Healy: In Berlin, mit einer deutschen Crew, deutscher Produktion und umwerfenden Filmemachern. Denn interessanterweise kenne ich in Berlin mehr Filmemacher als Musiker. Was reiner Zufall ist. Ich hatte Daniel Brühl auf meiner Straße getroffen, als ich gerade da hingezogen war. Wir schauten uns an, lachten und meinten: „Hey, dich kenne ich doch!“ Wobei ein weiteres Jahr verging, ehe wir anfingen, uns regelmäßig zu treffen. Durch ihn habe ich Wolfgang Becker kennen gelernt und dann Tom Tykwer und seine Frau Marie. Anschließend habe ich ein bisschen Zeit am Set von Toms „Cloud Atlas“ verbracht. Und ich war dabei, als Wolfgang „Ich & Kaminski“ gefilmt hat. Ich dachte: Schau ich mir doch mal an, was da so abgeht.

Playboy: Und wie interessiert sind Sie an der deutschen Politik – wie denken Sie zum Beispiel über die Flüchtlingskrise und die Tatsache, dass Deutschland im Gegensatz zu Ungarn, Polen oder Großbritannien so viele Menschen aufnimmt?
Healy: Na ja, die Briten leben auf einer Insel, von daher sind sie sehr engstirnig und kurzsichtig. Sie sind halt Insulaner, schotten sich gern ab und haben diese Mentalität von wegen: „Bleibt, wo ihr seid – aber kommt bloß nicht hierher in unseren kleinen, engen Raum.“ Während Deutschland schon immer eine regelrechte Durchgangsstraße war. Also wenn man sich seine Geschichte vor Augen führt, sind da so ziemlich alle europäischen
Länder durchmarschiert.

Playboy: Wird Kanzlerin Merkel dem Druck standhalten und ihren Kurs fortsetzen?
Healy: Angela Merkel? Da mache ich mir keine Sorgen – sie besteht aus Teflon! Sie leitet euer Land jetzt schon so lange, dass ihr euch an ihren Führungsstil und ihre Art gewöhnt habt. Aber aus meiner Sicht ist sie ziemlich cool. Also aus der Sicht der Briten hat sie keinerlei Ego. Kann sein, dass ich mich täusche, aber zumindest sehe ich es nicht. Sie ist zwar von all diesen seltsamen Typen umgeben, die auf einem offenkundigen Machttrip sind, aber sie selbst wirkt sehr vernünftig. Und wenn man sich mit anderen Engländern über sie unterhält, heißt es immer: „Whoa, ist die cool!“ Denn seien wir ehrlich: Sie sieht so aus, als würde sie sich große Sorgen um Deutschland machen und wirklich alles tun, was in ihrer Macht steht. Eben so, als würde sie versuchen, das Richtige zu machen. 

Playboy: Aber?
Healy: Wer möchte so ein Weltenlenker sein?! Das ist doch in etwa so, als ob man Toiletten schrubbt. Also ein ganz unangenehmer, anstrengender Job. Einfach nur schrecklich. Weil man dabei nicht gewinnen kann – und auch keinen Dank und keine Anerkennung erhält. Alles, was man tut, ist sich ständig mit dem neuesten Mist zu befassen, mit dem man konfrontiert wird.

Playboy: Dann lieber Musiker?
Healy: Definitiv! (lacht)     

Autor: Marcel Anders
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