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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Christoph Waltz

Unser bester Böser wird heute 61

Von Roy Black zum Bond Bösewicht

Jahrzehntelang ein Gesicht ohne Namen im deutschen TV - jetzt die international gefeierte Inkarnation der Niedertracht als „Bond“-Bösewicht: Christoph Waltz, der am 4. Oktober 61 geworden ist, hat spät zum verdienten Glanz als Schauspieler gefunden. Das verdankt er Quentin Tarantino. Aber auch seiner Abneigung gegen Bühnen - und seiner Lateinlehrerin.

Es ist der Apfelstrudel. An der Süßspeise führt kein Weg vorbei, wenn man sich Christoph 
Waltz nähern will. „Der Strudel ist exzellent hier“, 
schwärmt der Schauspieler, als wir uns im Berliner „Café Einstein“ treffen. Die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Villa, in der einst ein jüdischer Bankier und eine Stummfilm-Diva wohnten, wurde Ende der 1970er-Jahre von zwei Wiener Exil-Gastronomen übernommen. Im Kaffeehausambiente fühlt sich Waltz, gebürtiger Wiener, wohler als in all den Berliner Trendlokalen, in denen Deutschlands Jungschauspieler heute herumschwärmen. 

"Dieses ganze Mitte-Getue hat für mich etwas Krampfhaftes. Ich empfinde da Wien als viel authentischer. Und im Übrigen ist dort auch die Niedertracht viel lustiger"

Christoph Waltz

„Dieses ganze Mitte-Getue hat für mich etwas Krampfhaftes. Ich empfinde da Wien als viel authentischer. Und im Übrigen ist dort auch die Niedertracht viel lustiger“, sagt Waltz, jede Silbe akzentuierend. Er verwendet gern solche Wörter, die heute kaum noch in Gebrauch sind. Niedertracht – das ist drastischer, melodiöser, moralisch vieldeutiger als einfach nur: das Böse, die Bosheit.

Waltz muss gar nicht viel tun, ein Nippen an seiner Espresso-Tasse genügt, ein Blick – und schon ist die legendäre Szene des Films „Inglourious Basterds“ wieder präsent. Schließlich sitzen wir in genau dem Café-Raum, der Regisseur Quentin Tarantino beim Dreh als Pariser Bistro diente. Der von Waltz gespielte SS-Mann Hans Landa trifft hier, in der von Nazis besetzten Hauptstadt Frankreichs, auf eine junge jüdische Kinobesitzerin, die um ihre Tarnung fürchten muss. Waltz fixiert sie unablässig, während er die Gabel in den Teig führt, als sei diese ein Skalpell. Unfassbar, wie er dazu lächelt. Gnadenlos freundlich. Und gleichzeitig so eiskalt, dass die Frau erzittert, als rechne sie fest damit, dass der nächste mit Sahne getarnte Hieb sie direkt ins Herz treffen werde.

Seit der Strudel-Szene kennt ihn die ganze Welt

Diese Strudel-Szene, seine grandios kultivierte Niedertracht, hat vor sechs Jahren alles verändert für den heute 58-jährigen Schauspieler, den man bis dahin kaum kannte. Und den seither die ganze Welt kennt: nach Oscar-Triumphen und einer so rasenden Blockbuster-Karriere, dass man schnell den Überblick verlieren kann, für welchen 
A-Klasse-Schurken Christoph Waltz jetzt gerade wieder vor 
der Kamera steht.

Im nächsten Bond-Film „Spectre“ (Kinostart: 5. November), so viel ist sicher, wird „the crazy Christoph from Austria“ (US-Talkmaster-Legende David Letterman) als ein gewisser Franz Oberhauser die Kreise von Top-Agent 007 stören. Der nächste Ritterschlag. Die Vorfreude auf den Bösewicht ist bereits so groß wie auf Bond Daniel Craig himself. Doch wie tauchte dieser Waltz so plötzlich auf im großen Hollywood-Karussell? Wo hatte er sich vor Tarantino & Co. bis ins beste Mannesalter hinein versteckt gehalten? 

Jahrzehntelang genoss Waltz, geboren 1956 in Wien, die vielleicht beste Tarnung für große Talente: das deutsche Fernsehen. Trotz guter Kritiken und dem Grimme-Preis für den Film „Der Tanz mit dem Teufel“ (als Entführer von Richard Oetker) konnte er hier wie manch anderer begnadete Kollege ein merkwürdiges Phänomen bleiben – ein markantes TV-Gesicht ohne Namen. Man denke nur an den grandiosen Jürgen Tarrach. Immer wieder spielte Christoph Waltz ähnliche Typen, in fast 100 Filmen: verklemmte Männer, durchgedrehte Kriminelle, verschrobene Psychiater. Wie in einem Panoptikum auf dem Wiener Prater.

Waltz hasste die Schnulzen von Roy Black

„Alle wollten immer das, was sie schon mal gesehen hatten“, sagt Waltz, „es war so frustrierend.“ Für den Fernsehfilm „Du bist nicht allein“ schlüpfte er Mitte der 90er-Jahre in die Rolle des Schlagersängers Roy Black. Die Auftritte mit pomadiger Haarpracht gehören zu den vielen YouTube-Überbleibseln, die der heutige Oscar-Gewinner abgelegt hat wie peinliche Jugendfotos im Familienalbum. Waltz hasste die Schnulzen von Roy Black.

Aber er bewältigte die Gesangsparts mit Bravour – auch weil ihn wohl das Tragische am Stoff interessierte: ein Mann, der sich zum Rocker berufen fühlte, sich aber zur Kitschfigur wider Willen formen ließ. Erst Tarantino brachte Waltz mehr als zehn Jahre später die Rettung. „Er gab mir mein Schauspielerleben zurück“, sagt Waltz, als er bereits mit allen Filmtrophäen dieser Welt dekoriert ist, vom Darsteller-Preis in Cannes über den Golden Globe bis zum Oscar. 

Dass Waltz, dessen erstes Filmleben mit Titeln wie „Mörderisches Erbe – Tausch mit einer Toten“ oder „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ gepflastert war, überhaupt mit dem „Pulp Fiction“-Großmeister zusammenkam, gehört zu den wundersamen Ereignissen im Filmbusiness, aus denen Mythen entstehen. Die folgenschwere Begegnung fand im Frühjahr 2008 in Berlin statt. Ein Last-Minute-Treffen, als das Casting für Tarantinos „Inglourious Basterds“ bereits abgeschlossen war. Brad Pitt, Michael Fassbender und die deutschen Stars Daniel Brühl und Til Schweiger waren dabei.

Einzig die Rolle des perfiden Chamäleons Hans Landa bereitete dem Perfektionisten Tarantino schlaflose Nächte. Er hatte schon an die 100 Schauspieler vorsprechen lassen, selbst Leonardo DiCaprio überzeugte ihn nicht, und er wollte seinen Produzenten am nächsten Tag mitteilen, er werde den Film verschieben. Doch in dem Moment, als Christoph Waltz die ersten Sätze aus dem Drehbuch las, elegant parlierend zwischen Englisch, Französisch und Italienisch, wusste Tarantino: „Mein Film ist gerettet.“ 

Manchmal erntet man nur eisiges Schweigen

Auch wenn man Waltz ohne Drehbuch trifft, darf man mit einigem rechnen. Hinter der Oberfläche, die formvollendet höflich, konservativ und etwas linkisch wirkt, scheint ständig etwas zu lauern. Feine Ironie. Beißender Spott. Manchmal erntet man auch nur eisiges Schweigen. Waltz spielt dauernd mit Subtexten. Es verleiht den dunklen Charakteren, die er zum Leben erweckt, etwas verführerisch Echtes. Und seinen Antworten in Gesprächen oft eine überraschende Note. Ob dieser Franz Oberhauser, den er im nächsten „Bond“ spiele, ein Tarnname für Blofeld sei, diesen Kopf der Organisation Spectre, wird er auf der Berlinale gefragt. „Nein, nein, es ist interessanter als das“, sagt Waltz. Eine Antwort, die nichts verrät. Aber sie zeigt, wie sehr es der Hollywood-Spätberufene genießt, jetzt im Zentrum der gigantischen Aufmerksamkeitsmaschinerie zu stehen und dabei Daniel Craig und die Girls aus den Schlagzeilen zu verdrängen. 

Auch als er auf dem Podium der Filmfestspiele von Cannes Tarantino überschwänglich abküsste, wurde klar: was für ein Urknall, was für ein Über-Bingo der Sprung nach Hollywood für ihn war. Endlich konnte er zeigen, was zuvor kein Regisseur in ihm gesehen hatte. Ein Tarantino-Skript sei halt kein deutsches „Tatort“-Drehbuch, ließ Waltz den „Spiegel“ wissen, „da muss man schon Dinge in sich selbst mobilisieren, die man verborgen gehalten hat.“ Wenngleich er im Detail nicht über seine Schauspieltechnik sprechen möchte („Oder fragen Sie einen Zauberer nach seinen Tricks?“), verrät er immerhin: „Filmen hat für mich sehr viel mit Musikalität zu tun.“ 

In den schaurig-spannenden Verhören von „Inglourious Basterds“ entscheiden feinste Nuancen über Leben und Tod. Das ist große, messerscharfe Dialogkunst, die Tarantino mit Waltz 2012 auch in der Italowestern-Hommage „Django Unchained“ zelebriert. Den Part des Kopfgeldjägers Dr. King Schultz hatte Tarantino ganz auf seinen neuen Männerfreund zugeschnitten. So holte sich Waltz seinen zweiten Oscar. 

„Da bin ich das belgische Arschloch mit Schnauzbart"

„Christoph gehört zu den Stars, deren Namen allein den Gewinn eines Films in die Höhe treiben können“, sagt der Regisseur Terry Gilliam, der Waltz für seine Endzeit-Farce „The Zero Theorem“ (2013) verpflichtete. Waltz schafft das Kunststück, den kultivierten Europäer zu geben, sich aber auch mit geradezu kindlicher Freude in lockere Show-Auftritte, Komödien („Kill The Boss 2“) und Blockbuster-Action-Filme zu stürzen, beispielsweise in eine neue „Tarzan“-Verfilmung von „Harry Potter“-Regisseur David Yates: „Da bin ich das belgische Arschloch mit Schnauzbart“, sagt Waltz.

Er schätzt es aber auch, mit eigenwilligen Filmemachern wie Tim Burton zu arbeiten. In dessen 50er-Jahre-Drama „Big Eyes“ ( 23. April 2015 im Kino) ist Waltz ein hundsgemeiner Künstlerinnengatte, der seine Ehefrau (Amy Adams) um die Früchte ihrer 
Arbeit bringen will. 
 

Mit europäischen Kinokünstlern wie dem Monty-Python-Gründer Gilliam oder dem Polen Roman Polanski, in dessen bitterbösem Kammerspiel „Der Gott des Gemetzels“ Waltz 2011 brillierte, fühlt er sich kulturell stark verbunden. Aber auch die Amerikaner lieben den nur 1,70 Meter großen Mimen, der für sie ein Gigant ist – nicht zuletzt weil er mit all seinen altwienerischen Schrägheiten, seiner schillernden Niedertracht wirkt, als käme er aus einer anderen Zeit. Was tatsächlich nicht ganz falsch ist. 

Christoph Waltz wuchs im Wiener Stadtteil Grinzing auf, einer noblen Gegend mit Gründerzeitvillen und angrenzenden Weinbergen. Viele Künstler haben hier gewohnt, darunter der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal oder die Burgschauspielerin Maria Mayen. Deren Tochter Elisabeth Urbancic, einst Kostümbildnerin an der Wiener Burg, ist die Mutter von Christoph Waltz. Drei Geschwister hat er. Sein Vater, der Bühnenbauer Johannes Waltz, stammte aus Deutschland. Er starb, als Christoph sieben Jahre alt war. 

Spross aus der liberalen Künstlerfamilie

Schon in Waltz’ Kindheit drehte sich alles ums Theater. „Nichts anderes, nichts anderes“, sagt Waltz, und seiner Betonung nach muss das Unbehagen sehr stark gewesen sein: Wie ein Bäckersohn vor dem nächtlichen Aufstehen graute dem Spross aus der liberalen Künstlerfamilie davor, eines Tages selbst auf den Theaterbrettern zu landen.

Ihn faszinierte zunächst eher die Musik, und der neue Mann an der Seite seiner Mutter, der Komponist Alexander Steinbrecher, förderte dieses Interesse. Steinbrecher war auch der Stiefvater des Regisseurs Michael Haneke, wodurch dieser andere österreichische Oscar-Preisträger zum erweiterten Waltz-Clan gehört. 

Auf dem Gymnasium verpassten sie Waltz den Namen „Stoffl“. „Christoph rauchte nicht, trank nicht, und mit bewusstseinserweiternden Substanzen hatte er schon gar nichts im Sinn“, erinnert sich Axel Meister, ein ehemaliger Mitschüler und heute bekannter Motorjournalist in Österreich. Wenn die anderen sich morgens im „Café Wannenmacher“ trafen, um mit den Aufrissen der Nacht zu prahlen, hätte „Stoffl“ brav im Klassenzimmer gesessen. „Immer in der ersten Reihe. Dort, wo sich eigentlich die verhassten Streber hindrängten“, so der frühere Schulkamerad. „Doch andererseits brachte Christoph das Kunststück fertig, keiner Fraktion so richtig anzugehören.“ 

Schon früh der schwer durchschaubare Einzelgänger

Waltz war offenbar schon früh der schwer durchschaubare Einzelgänger, der Freizeit-Hobbys mied, das Skifahren hasste. „Sein Flamenco war allerdings absolute Spitzenklasse“, sagt Axel Meister. „Er spielte alle Möchtegern-Gitarreros der Klasse locker an die Wand.“ Und er zeigte bald noch ein weiteres Talent: „Christoph glänzte mit geschliffenem Sprachduktus. Er trat immer selbstbewusster auf.“

Auf der Matura-Feier hielt er die Rede für die Mitschüler. „Mit viel Hintersinn“, so Meister. Großen Einfluss auf Waltz’ sprachliche Kreativität hatte seine Lateinlehrerin Elfriede Fiala. „Eine kleine Dame mit klarem Blick“, erinnert sich Waltz. „Sie sagte zu mir: ‚Dass du übersetzen kannst, glaube ich dir, aber jetzt mach mal selbst etwas Schönes daraus.‘ Diesen Moment des fallenden Groschens höre ich heute noch.“ 

Seine Liebe zur Sprache, sein Gespür für Nuancen muss mit-entscheidend gewesen sein, als Waltz sich trotz aller vorherigen inneren Kämpfe entschloss, am Wiener Max Reinhardt Seminar die Schauspielprüfung abzulegen. „Zu allem anderen hatte mich doch wohl der Mut verlassen“, sagt er mit dem vertrauten ironischen Unterton. „Im Grunde ist es das Ergebnis einer Entwicklungsstörung.“ An der Bühne fand er nie richtig Gefallen.

Mit Anfang 20 zog er nach New York, um sich im berühmten Lee-Strasberg-Studio den Feinschliff für die Arbeit vor der Kamera zu holen. Daher rührt sein akzentfreies Englisch. Er sei „total amerikanisiert“, erklärte Waltz später, bereits Tarantino-Star, einem überraschten US-Reporter. In New York hatte er seine erste Frau Jackie, eine Psychotherapeutin aus jüdischer Familie, kennen gelernt. Als er mit 24 Vater wurde, zog das Paar nach London. Seine heute erwachsenen Kinder (33, 32 und 30 Jahre alt) sprechen selbstverständlich Englisch. 

Dankbar er für seine zweite Karriere

Heute erzählt Waltz gern, wie dankbar er für seine zweite Karriere ist, die mit Tarantino begann. Auch wenn sie ihn zum Dauerpendler gemacht hat zwischen Los Angeles, New York, London, Wien (wo seine 88-jährige Mutter noch lebt) und Berlin. Obwohl er Berlin nicht mag, lebt er hier seit 2002 mit seiner zweiten Frau Judith Holste, einer Kostümbildnerin, und dem gemeinsamen Kind in einer Altbauwohnung in Charlottenburg, was ihn zumindest ein wenig an zu Hause erinnert. Seine Tochter, 10, besucht kein Elite-Internat, sondern eine öffentliche Schule. 

In L. A., wo er im vergangenen November seinen Stern auf dem Walk of Fame erhielt, hat Waltz ein Haus oberhalb des Sunset Boulevard gemietet, ganz in der Nähe von Johnny Depp und Leonardo DiCaprio. Auf Partys sieht man ihn aber selten, eher in Museen. Oder im „Bier Beisl“, einem In-Lokal in Beverly Hills, das sein österreichischer Landsmann Bernhard Mairinger betreibt. Und regelmäßig besucht er seinen Freund Quentin Tarantino, den er auch zu dessen ersten Opernbesuchen überredet hat – eine mehrtägige Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“.

Im Gegenzug gewährte Tarantino ihm Einblick in seine heilige Heimkino-Sammlung aus obskuren B-Movies und Martial-Arts-Werken. Waltz: „Mir ist bewusst geworden, was für ein Snob ich bin. Ich habe all diese Filme vorher ignoriert, dabei ist mir aus ästhetischen Gründen sehr viel entgangen.“ Selbst bei Karl-May-Filmen kenne sich Tarantino viel besser aus als er. 

Seinen ersten „Winnetou“-Film hat Christoph Waltz im Wiener Apollo-Kino gesehen, wohin ihn seine Großmutter regelmäßig mitnahm. „Das waren magische Nachmittage“, sagt er. Zuletzt schaute er mit seiner Tochter „Winnetou“. Wie fand sie es – magisch? „Sie hat viel gelacht.“ 

Autor: Uwe Killing
KINGSMAN: THE GOLDEN CIRCLE Trailer
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