Das goldene Sex-Alter

Späte Genugtuung

Die Welt ist hart zu jungen Männern. Frauen, Flirts und Sex-Abenteuer: für Anfänger ein Feld voller herber Niederlagen. Doch eines Tages - haltet durch, Jungs! - wendet sich das Blatt. Dann stehen die Ladys Schlange. Versprochen. Zwischen 30 und 45 lebt der Mann von heute im Sex-Paradies. Weil den Frauen die Kerle ausgehen. Warum? Unser Autor hat es herausgefunden und kann Ihnen alles genau erklären

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Das goldene Sex-Alter

Warum Männer ab 30 im Sexparadies leben – und warum das gerecht ist

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  • Mangelerscheinung: Trinken, trauern, traurige Lieder zupfen - so ist das manchmal als sexualfähiger, aber sexuell untätiger Teenager. Durchhalten, Junior! Die goldenen Jahre nahen ...

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Als ich 13 Jahre alt war, schrieb ich Miriam einen Liebesbrief. An dessen Ende stand die Frage: Willst du mit mir gehen? Sie war nicht das schönste Mädchen der Klasse, das war Sonja. Bei Sonja hatte ich keine Chance. Aber Miriam spielte immerhin im oberen Mittelfeld der 7d. Insofern, dachte ich, ist es einen Versuch wert. Miriam dachte anders. Sie antwortete mir erst gar nicht. Stattdessen zeigte sie den Brief ihren Freundinnen. Wann immer ich Miriam und ihre Mädels in den Schulpausen der folgenden Wochen sah, glaubte ich leise feixendes Kichern zu hören. Einmal sogar das Wort „Volldepp“.

Mit 15 war ich mit Bettina aus der Neunten zusammen und konnte mir eine gemeinsame Zukunft mit ihr gut vorstellen, vorausgesetzt, sie würde sich von ihrem Faible für Diddl-Mäuse verabschieden. Stattdessen trennte sich Bettina nach vier Wochen von mir. Wegen Thorsten, der hatte ein Auto.

Mit 18, ich hatte jetzt selbst ein Auto, probierte ich es bei Silvia, 16. Nachdem ich sie zum dritten Mal in die Dorfpizzeria zu einem Spezi und einer Margherita eingeladen hatte, gestand ich ihr meine Liebe. Sie prustete ihr Spezi auf die Tischdecke. Dann setzte sie mir auseinander, sie sei „seit einem halben Jahr mit Jan zusammen“. Der studierte Architektur. „Du bist wirklich nett“, sagte sie, „aber ein Junge, mit dem ich zusammen bin, muss mindestens fünf Jahre älter sein als ich.“ Nett! Unfassbar, welche Tiefschläge man als junger Mann verkraften muss.

Frauen, Liebe, Sex - zwischen zwölf und etwa 24 Jahren umreißen diese drei Worte ein einziges, unstillbares Bedürfnis. Eine gewaltige Nachfrage meinerseits traf auf ein winziges Angebot weiblicherseits. Ich und die meisten Jungs meines Alters litten an einer Ressourcenknappheit, die zu erbärmlichstem Verhalten in Form von Selbstmitleid, Vollräuschen und depressivem Klampfespielen führte. Regelmäßig guter Sex in nüchternem Zustand war vor meinem 25. Lebensjahr eigentlich etwas, das es laut Filmen, Literatur und Männerzeitschriften zwar geben musste, das sich aber in Sphären abspielte, die für mich unerreichbar waren. Mädchen hingegen schienen eine schier unendliche Auswahl an möglichen Geschlechtspartnern zu haben. Sie waren entweder: in einer festen Beziehung, in den Dozenten verliebt, gerade mit sich selbst beschäftigt, zu cool, zu schön, zu witzig, zu klug oder aus anderen Gründen (und die waren mannigfaltig!) nicht an mir interessiert.

Ich bin jetzt 34 Jahre alt. Und seit etwa sechs, sieben Jahren ist alles anders. Vollkommen anders. Wenn ich Studentinnen auf der Straße anschaue, weil es wegen ihres DekolletØs gerade nicht anders geht, folgt nicht dieses „Was willst du von mir?“-Gesicht. Sie lächeln. Am selben Tag fragt meine 35-jährige Kollegin, ob sie mich heute Abend zum Essen einladen kann. Es kommt sogar (wenn auch eher selten) vor, dass ich in einer Bar eine Frau kennen lerne, die fünf Stunden und ebenso viele Moscow Mules später unverblümt sagt, dass sie mit mir schlafen will. Mein Freund Bernhard, ein Spezialist in Sachen Online-Dating, schläft jede Woche mit einer anderen Frau. Die älteste war 46, die jüngste 19. Er selbst hatte seine erste Freundin mit 23. Der Mangel von damals ist nicht nur verschwunden, er hat sich ins Gegenteil verkehrt. Aus dem Angebotsüberhang ist ein Nachfrageüberschuss geworden. Möglich, dass unser Testosteronspiegel niedriger ist als zu Zeiten, in denen viermal tägliches Onanieren ganz normal war, und dass man als Mittdreißiger das ganze Gebalze einfach entspannter sieht. Tatsächlich erleben Männer zwischen 30 und 45 goldene Jahre. Aber das hat nicht nur hormonelle Gründe. Es liegt vor allem an der Emanzipation.

Letztens zum Beispiel war ich auf Julias Geburtstagsfeier. Sie ist gerade 33 geworden. Früher gehörte sie zu jenen unerreichbaren Wesen, die immer mit fünf Jahre älteren Typen zusammen waren. Heute ist sie Single, was für sie mehr und mehr zum Problem wird. Ich muss dazu sagen, Julia ist eine großartige Frau: als Leiterin der Anzeigenabteilung eines Magazins erfolgreich, aber nicht verbissen, extrem humorvoll, schlank, sexuell aufgeschlossen, gut angezogen, größtenteils unkompliziert. Außerdem trinkt sie gern viel und manchmal zu viel, was ja prinzipiell ein sehr sympathischer Charakterzug ist.
 

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Julias 33. Lebensjahr war von diversen Versuchen geprägt, einen Mann fürs Leben zu kriegen. Sie setzte auf drei Strategien. Erstens: Online-Dating. Zwei der Typen schickten nach der dritten E-Mail Penis-Fotos. Ein Hamburger namens Jan, gutaussehend, sagte ihr nach dem dritten One-Night-Stand, er sei gerade noch „in der Ausprobierphase“. Jan war 38. Zweitens: jüngere Männer. „Die müssen auf mich stehen! Jungs Anfang 20 finden es doch total aufregend, mit einer 32-Jährigen zu schlafen.“ Julia hatte dann eine Affäre mit einem 21-jährigen Snowboarder mit Pickeln, den sie bei McDonald’s kennen gelernt hatte. Er trennte sich von ihr, weil er sich erst mal voll und ganz auf sein Sportstudium in Würzburg konzentrieren wollte. Drittens: betrunken wahllos Typen in Bars aufreißen, mit nach Hause nehmen, verrückten Sex haben und darauf hoffen, dass einer sich auf der Stelle verliebt. Hat auch nicht geklappt. Nur ein 34-jähriger Unternehmensberater schickte drei Wochen später eine SMS, in der stand: „Hey, ich bin gerade auf dem Nachhauseweg von meiner Stammkneipe und gerade bei dir in der Gegend. Ich dachte, wir könnten vielleicht noch mal ficken?“

Auf ihrer Geburtstagsfeier (sie hatte zu viel getrunken) warf sie sich einem Maschinenbauingenieur im Cordhemd an den Hals und bekam anschließend einen Heulkrampf. Sie wolle endlich einen Mann finden, sich verlieben, Kinder kriegen, in Ruhe alt werden, schluchzte sie im Badezimmer ihrer Münchner 3-Zimmer-Wohnung. Der Maschinenbauingenieur, 30, hatte ihr höflich mitgeteilt, dass er in einem Monat seine Freundin, 24, heiratet. Julia schrie: „Wo sind, verdammt noch mal, all die Männer hin, die mir früher Liebesbriefe geschrieben haben?“

Julia ist in die 30plus-Falle getappt. Erfolgreichen Frauen ab Ende 20 gehen die Männer aus. Der fortschreitenden Emanzipation sei Dank, sind Frauen heute viel erfolgreicher als noch vor 30 Jahren. Sie verdienen mehr Geld, sind in Chefpositionen, machen Karriere. (In den USA sind die Gehälter von Frauen seit 1970 um fast die Hälfte gestiegen, die der Männer nur um knapp sechs Prozent.) Frauen sind außerdem besser ausgebildet: Auf deutschen Gymnasien und Universitäten sind Mädchen in der Mehrheit. In der postindustriellen Gesellschaft sind weibliche Eigenschaften wie Teamplay und soziales Verhalten viel gefragter als Muskeln und Durchsetzungskraft. Männer werden als Ernährer nicht mehr gebraucht. Viele Frauen verdienen heute schon mehr Geld als Männer, sind stilsicherer, sozial besser vernetzt und müssen ihre Umgebung nicht mit Schwanzvergleichen langweilen.

Das Zeitalter der Männer geht zu Ende - das ist eine sehr gute Nachricht. Zumindest für einen Teil der Männer, zu dem Sie als Leser dieses Magazins wahrscheinlich gehören. Wenn Sie in einem westlichen Industrieland leben, einigermaßen gut ausgebildet sind, nicht fettleibig im Feinrippunterhemd vor dem Fernseher Dosenbier trinkend von staatlicher Unterstützung leben, wenn Sie zwischen 30 und 45 sind, im Beruf einigermaßen Erfolg haben und nicht aussehen wie Homer Simpson, dann leben Sie - zumindest soziologisch betrachtet - im Sex-Paradies. Was Frauen nämlich heute immer noch nicht wollen, ist: nach unten daten. Sie möchten einen Mann, der mindestens ebenso gebildet und erfolgreich ist. Sie wollen einen Partner auf Augenhöhe und keinen „Hartzer“ aushalten. Wenn diese Frauen einige Jahre Karriere gemacht haben und sich binden möchten, sind sie in der Regel zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Ihre potenziellen Partner aber haben jetzt das größte Spektrum zur Auswahl. Es geht eigentlich alles: von der 23-jährigen Studentin bis zur 42-jährigen PR-Beraterin mit Porsche. Männliche Mittdreißiger können zwischen diversen Angeboten abwägen oder einfach die nächsten fünf Jahre durch die Gegend vögeln. Auch wenn die Qualität ihrer Spermien im fortschreitenden Alter abnimmt, baumelt vor ihnen nicht das Damoklesschwert, auf dem unauslöschbar das Wort Menopause eingraviert ist. Papa mit 43 - warum nicht?

Die Auswahl für gut ausgebildete Frauen ab 30 dagegen schrumpft. Es kommt zu einem sogenannten „Marriage Squeeze“. Die amerikanische Autorin Barbara Dafoe Whitehead schreibt in ihrem Buch „Why There Are No Good Men Left: The Romantic Plight of the New Single Woman“ sinngemäß: Wenn Frauen Ende 20, Anfang 30 sich langfristig binden möchten, stellen sie fest, dass die große Masse von Männern, aus der sie in ihren ersten Uni-Jahren wählen konnten, verschwunden ist. Die Chancen, in ihrem Milieu einen zukünftigen Ehemann zu finden, sind gering.

„Warum zum Teufel will keiner der Typen mit mir eine richtige Beziehung haben?“, schluchzt Julia, während sie mit Klopapier ihre Tränen trocknet und dabei ihre Schminke verwischt. Sie beschwert sich, dass unter dem Dutzend Männer, die sie im vergangenen Jahr kennen gelernt hat, nicht ein einziger war, der Lust auf eine Beziehung hatte. „Meine biologische Uhr tickt! Jetzt, wo ich am dringendsten einen Mann fürs Leben brauche, will keiner. Das ist unfair!“

Ich habe Julia Recht gegeben. Die Welt ist oft unfair. Zu mir war sie es jahrelang. Aber jetzt ist alles in Ordnung.
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Philipp Martiens