Prominente

Horst Lichter . Der Kerle-Koch

Für Horst Lichter ist ein Steak unter 400 Gramm Carpaccio – zu Besuch bei Deutschlands wahrem Männer-Koch

 

Der Weg zu Horst Lichters Herzen führt durch eine beträchtliche Menge an Gerümpel. Vorbei an dreitausendundirgendwas Kaffeekannen, an alten Kurbelwellen und Ferrari-Krümmern. An Schränken voller Schallplatten, Büchern und Fotoapparaten. Mitten durch einen Wirtschaftswunder-Frisiersalon, seine Devotionaliensammlung des 50er-Jahre-Rennfahrers Graf Berghe von Trips und den Garten, in dem Motorräder in den Bäumen hängen und das Ziffernblatt einer Kirchturmuhr müde am Zaun lehnt. Horst Lichter wird während dieses Rundgangs sehr viele Zigaretten rauchen. „Nee, wat schön“, wird er manchmal rufen, „ich wusste gar nicht, dass ich dat sammel!“ Aber zu den meisten Stücken wird der 47-Jährige eine Geschichte erzählen. Er wird erklären, wie die Dinge zu ihm gekommen sind. Was er mit ihnen verbindet. Warum er sie bei sich aufnimmt, wie altersschwache Pferde auf einem Gnadenhof. Und am Ende wird er mit seiner sehr sonoren Stimme, die man hinter diesem etwas fisteligen Schnauzer gar nicht vermutet, sagen: „Jetzt kannste dat verstehen, warum ich jeworden bin, wie ich bin, oder?“

[ Video-Impressionen

Man wird dann nicken und dennoch Folgendes nicht begreifen: Wie, zum Teufel, passt der ganze Plunder in diese verwinkelte Lagerhalle mitten im Rheinland? Und vor allem: Wie passt so viel Lustiges und so viel Leid gleichzeitig in ein einziges Leben? Horst Lichter, wie sein Publikum ihn kennt, ist der urige Kölner, der vergnügt durch die Gläser seiner Nickelbrille zwinkert, während er die Pfannen schwingt. Dessen Schnurrbartenden sich so schwungvoll nach oben zwirbeln, dass es aussieht, als würde er ständig schmunzeln. Fünf Minuten braucht er für den Bart, mehr nicht, sagt er: „Föhn drunterhalten, hochpusten, Haarlack rein, glatt ziehen. Noch mal Haarlack, glatt ziehen, Haarlack – dann is den ganzen Tag Ruhe.“ Doch Ruhe herrscht eigentlich nie, sobald Lichter ein Fernsehstudio betritt. Er ist der Klassenclown unter Deutschlands TV-Köchen. Der Küchenkasper, über dessen Schoten sich die Zuschauer auf den Bänken kringeln vor Lachen. Dessen Kochkamerad Johann Lafer sich regelmäßig die Zähne festhalten muss, damit er sie nicht vor sich auf den Herd prustet. Fürs Dampfplaudern wird Lichter bezahlt, denn das kann er besser als Fonds ansetzen und Wachteleier pochieren.
Kollege Lafer lobte ihn einmal etwas umständlich mit den Worten: „Er kocht auf jeden Fall, wenn man Hunger hat, sicherlich vieles sehr gut.“ Will heißen: Lichter ist der Mann fürs Deftige und Grobe. Was Horst kann, kann ich auch, denkt sich der Zuschauer. Aber genau das gefällt Lichter ganz hervorragend: „Ich bin nix anderes als alle anderen, ich hab nur unfassbar viel Glück gehabt. Dass jetzt sogar der Playboy über mich schreibt, dat glaubt mir doch kein Schwein! Hättste mir das vor fünf Jahren gesagt, hätt ich dich gefragt, wat du rauchst.“ Mit seiner beruflichen Situation ist Horst Lichter also wie mit eigentlich allem anderen in seinem Leben: allerhöchst zufrieden. So sehr, wie das nur jemand sein kann, dem es in seinem Leben schon mal richtig dreckig ging. – Das ist dann der andere Horst, von dem man damals nichts im Fernsehen sah, obwohl seine Schicksalsschläge ganze Telenovelas füllen könnten. Als 26-Jähriger erleidet er seinen ersten Gehirnschlag. Weil einfach alles um ihn herum ein bisschen viel ist. Denn in einem Alter, in dem sich junge Männer von heute überlegen, ob sie vor der Zwischenprüfung noch mal das Studienfach wechseln sollen, hat Lichter so viel hinter sich, dass er übermorgen in Rente gehen könnte: Er hat eine Kochlehre abgeschlossen, geheiratet, ein Haus gebaut, sich finanziell übernommen und eine Tochter durch plötzlichen Kindstod verloren. Er schuftet als Bergarbeiter im Braunkohleabbau und im Nebenjob auf dem Schrottplatz. Ach ja: Bodybuilder ist er auch noch. Sechs Tage die Woche trainiert er seine Muskelberge und schaufelt Kalorien in sich hinein – „weil der Körper verbrennt dann never-ending, da musst du richtig was reinkloppen“. Wie ein Gewichtheber auf dem Jahrmarkt möchte er aussehen, den passenden Zwirbelbart trägt er auch damals schon.

Die Lichter-Gesichter
Zum Leben des Horst Lichter gehört, dass er sich immer wieder neu erfindet.

Horst Lichter
1. Muckibude:Zum Bodybuilder wurde Lichter, weil er aussehen wollte wie ein Gewicht-heber auf dem Jahrmarkt. 2. Fernsehstudio: Mit Sternekoch Johann Lafer brutzelt er in der gemeinsamen Sendung „Lafer! Lichter! Lecker!“ – und macht sich nicht nur über Gemüse lustig. 3. Comedybühne: „Sushi ist auch keine Lösung!“ heißt Lichters Bühnenprogramm, mit dem er gerade durch die Republik tourt. Termine unter www.horst-lichter.de

Zwei Jahre später der zweite Gehirnschlag, verbunden mit einem Herzinfarkt. Und als er Monat für Monat halbseitig gelähmt in der Reha verbringt, wird ihm klar: „Ich habe ein falsches Leben gelebt.“ Er erfindet sich neu. Was er in Zukunft haben möchte, ist: „Ein Laden, mit allem drin, was ich liebe: zufriedene Menschen, aber auch Autos, Antiquitäten, Motor-räder.“ Also mietet er einen Schuppen auf dem Land zwischen Düsseldorf und Köln und baut seine „Oldiethek“ auf: eine stetig wachsende Sammlung an Fahrzeugen, Möbeln und Trödelstücken, mit einem alten Kohleofen in der Mitte. Jeden Abend stellt er sich an den Herd, um seine Gäste zu bekochen. Wieder ackert er wie ein Blöder, aber diesmal ist er glücklich dabei. Er lernt Nada kennen, die Liebe seines Lebens – „mein Täubschen“ nennt er sie, manchmal auch: „mein Träumschen“. Die Gäste rennen ihm die Bude ein. Und mit dem Erfolg mehren sich die Autos und Motorräder in seiner Garage sowie die Prominenz an seinen Tischen. Doch davon lässt sich ein Horst Lichter nicht beeindrucken. Kölner Plattenbosse schleppen Mick Jagger in sein Erlebnisrestaurant nach Rommerskirchen – aber ohne den Bodyguard zu fragen, hätte er das runzlige Kerlchen nicht mal erkannt. Den Namen Toto hat er zwar schon mal gehört, doch er hat keinen Schimmer, wer oder was das sein soll. Als er nach dem Essen in die launige Runde fragt: „Sach ma, wer von euch Vögeln is jetz eigentlich der Toto?“, lädt die Band ihn zum Konzert am nächsten Tag ein. Und wie er da so steht und ihren größten Hits wie „Africa“ und „Rosanna“ lauscht, dämmert ihm, dass das vielleicht nicht seine schlaueste Frage war.
Übel nimmt ihm solche Geschichten keiner, aus Lichter ist längst selbst ein Entertainer geworden. Er bekommt eine Sendung beim WDR, später rührt er bei Kerners Freitagsrunde mit, dann folgt „Lafer! Lichter! Lecker!“ und schließlich „Die Küchenschlacht“. Zum Brutzeln in der eigenen Küche kommt er heute vor lauter Terminen gar nicht mehr. In der „Oldie­thek“ hat momentan nur das Bistro geöffnet, das Restaurant bleibt vorübergehend geschlossen, nur zu besonderen Anlässen schmeißt er noch den Kohleofen an. So wie heute, da kocht er dem Playboy ein schönes Herren-Rezept für den modernen Mann von heute: Hähnchenbrust, dazu Kartoffelpüree mit Pesto und Gurkengemüse in potenzfördernder Soße. Es geht reichhaltig zu in Lichters Küchenwelt, ohne Firlefanz und Schäumchen: „Mein Sternzeichen ist Sahne, mein Aszendent Butter.“ Ein Steak unter 400 Gramm ist für ihn Carpaccio. Die einzige Rohkost, die ihm auf den Tisch kommt, ist ein schönes Pfund Schinkenmett. Echte Kerleküche eben. Aber nichts, wofür man einen Stern bekommt, wie seine TV-Kollegen. Das weiß er und akzeptiert er. „Da muss man sich selbst ehrlich gegenüber sein“, sagt Lichter: „Ich verdiene keinen Stern. Was die da machen, hab ich nie gelernt.“ Wer Lichter zuschaut, lernt kein Küchenposer-Abc, sondern fürs Leben. Wie man Heringe einlegt, wie man Schnitzel klopft oder wie man mit einem Bund Basilikum das Herz einer Lady erobert: „Dat macht auf ne Frau Eindruck, wenn du kochen kannst“, erklärt er. „Wenn du bei einem der ersten Dates zu ihr sagst: ‚Du Schatz, ich mach mal grade ein Pesto selber‘ – da fällt die vom Socken.“

Mareike Ludwig ]

Kochstunde
Horst Lichter lässt unsere Redakteurin assistieren – und probieren.

Horst Lichter

 
 rezept-tipp 

• Hähnchenbrust mit Orangen-Kern und Kräutern, an Gurkengemüse und Kartoffelpüree mit Pesto

Essen ohne Firlefanz und Schäumchen, dafür mit viel Butter und Sahne: Horst Lichter kocht, was Männer mögen. Mit seiner Kerleküche und einer satten Portion rheinischem Humor hat er sich zum lustigsten deutschen TV-Koch emporgebrutzelt. Kartoffelpüree zählt zu Horst Lichters absoluten Leibspeisen. Für uns kochte er eine Pesto-Version mit Gurkengemüse und Hähnchenbrust.

Kartoffelpüree mit Pesto
(Zutaten für 4 Personen)
500 g mehlig kochende Kartoffeln,
250 g Butter,
100 ml Sahne,
frisch geriebene Muskatnuss,
150 ml Olivenöl,
100 g geröstete Pinienkerne,
2 geschälte Knoblauchzehen,
50 g frische Basilikumblätter,
50 g geriebener Pecorino,
Salz und Pfeffer aus der Mühle

Und so wird’s gemacht:
Kartoffeln halbieren, in Salzwasser gar kochen und abgießen. Zweimal durch die Kartoffelpresse drücken – auf keinen Fall pürieren! Butter und Sahne dazugeben und glattrühren. Mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken. Für das Pesto die restlichen Zutaten in den Mixer geben und fein pürieren, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Mit dem Kartoffelpüree verrühren.
Hähnchenbrust mit Orangen-Kern und Kräutern
(Zutaten für 4 Personen)
4 Hähnchenbrüste,
1 Orange,
1 Zweig Zitronenmelisse,
1 Zweig Blattpetersilie,
8 Blätter Salbei,
4 Scheiben Speck,
Butter,
2 Zweige Rosmarin,
Salz und Pfeffer aus der Mühle,
Rosenpaprika

Und so wird’s gemacht:
Die Kräuter waschen und schneiden, die Orange filetieren: Dazu mit einem scharfen Messer die Enden sowie die Schale abschneiden, bis die Filets sichtbar werden. Am Rand der weißen Membranen entlang schneiden und so die einzelnen Schnitze filetieren, bis keine weiße Haut mehr an ihnen haftet. Eine Tasche unter die Haut der Hähnchenbrust schneiden und die frischen Kräuter (Zitronenmelisse, Blattpetersilie, Salbei) hinein schieben. Ein weiteres Loch in die Mitte der Hähnchenbrust schneiden und mit Orangenfilets füllen. Mit Salz, Pfeffer und Rosenpaprika würzen und mit je einer Scheibe Speck umwickeln. In der Pfanne in Butter von beiden Seiten anbraten, bis die Ränder langsam braun werden. Anschließend über jede Hähnchenbrust einen Stich Butter geben und im Ofen bei 180 Grad 15 Minuten ziehen lassen. Die Rosmarinzweige im Ganzen zum Fleisch geben und noch einmal fünf Minuten bei 90 Grad ziehen lassen. Rosmarin entfernen und das Fleisch anschneiden, um zu prüfen, ob es durch ist.
Gurkengemüse
(Zutaten für 4 Personen)
2 Salatgurken,
Butter zum Anschwitzen,
1 EL Tomatenmark,
2 TL süßer Senf ,
500 ml Sahne,
Salz und Pfeffer aus der Mühle,
frischer Dill

Und so wird’s gemacht:
Die Gurken schälen, längs halbieren, mit einem Löffel entkernen und in ungefähr einen Zentimeter große Scheiben schneiden. In Butter angehen lassen. Tomatenmark (Beugt Prostatakrebs vor!), Senf (Senf ist potenzfördernd!) und Sahne dazugeben. Mit Salz, Pfeffer und Dill abschmecken.
 dvd-tipp 

• „Sushi ist auch keine Lösung!“

Horst Lichter . Oldiethek

Lichters Soloprogramm „Sushi ist auch keine Lösung!“ ist gerade auf DVD erschienen, sein neues Kochbuch „Alles in Butter“ steht ab dem 21. September in den Läden (Goldmann, 19,95 Euro).
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