Nichts als die Wahrheit
Die Lügen des Alltags stinken zum Himmel. Um ein besserer Mensch zu werden, habe ich eine Woche lang auf Lug und Trug verzichtet – ein ehrlicher Selbstversuch
Von Tim Gutke
Wir alle sind auf dem Weg in die Hölle. Neulich, als ich meinen besten Freund anlog, ist mir das schmerzlich bewusst geworden. Sorry, ich kann dir nicht beim Umzug helfen, ich habs mal wieder mit dem Rücken.“ So ein Blödsinn, ich bin kerngesund. Ich hab es allenfalls mit der Couch. Lügen, das vergessen wir gern, ist eine Todsünde. Nicht, dass ich besonders gläubig wäre, aber als ich tags darauf mein Horoskop las, kam ich doch ins Grübeln. Ich bin Löwe. Unter Tagestrend“ stand da: Probleme? Suchen Sie nach Lösungen, verzichten Sie auf Schuldzuweisungen.“ Die übliche Glückskeks-Philosophie halt. Doch interessant war Folgendes: Sie sollten unbedingt immer ehrlich sein“, hieß es da.
Immer ehrlich? Die Wahrheit sagen, auch wenn es schmerzt? Allen und jedem? Geht das überhaupt? Wie reibungslos funktioniert unser Alltag ohne Lügen?
Psychologen wollen herausgefunden haben, dass wir mehr als 50-mal am Tag zur Lüge greifen. Über die soziale Bedeutung der Unwahrheit ist man sich dennoch uneins. Und so geschieht es nicht nur im Geschäftsleben oder gegenüber Behörden, sondern auch in Partnerschaften oder unter Freunden: Überall wird geschwindelt. Aber künftig nicht mehr mit mir: Ich will ein guter Mensch werden, ich will in den Himmel. Eine Woche lang werde ich dem 8. Gebot gehorchen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Also Schluss mit den Höflichkeitslügen oder denen, die mir einen Vorteil verschaffen. Und auch auf jene Lügen werde ich verzichten, die mich aus einer Notlage retten könnten. Selbstverständlich werde ich niemandem von meinem Plan erzählen.
Die kommenden Stunden und Tage verbringe ich damit, meinen Mitmenschen auf die Frage, wie es mir wohl gehe, ehrlich zu antworten. Früher lautete meine Standardantwort: Muss ja.“ Nicht sonderlich einfallsreich, aber unverbindlich. Nun schwanke ich zwischen gut“ oder beschissen“, eben je nach Gemütszustand. Überraschend ist, dass die Reaktionen fast immer identisch ausfallen. Das beste Wort dafür lautet: Gleichgültigkeit. Den Menschen ist es verdammt noch mal egal, was man auf diese Frage antwortet. Ich habe es sogar zeitweise mit vollkommen anderen Wörtern probiert. Wurstsalat“ oder Dalai Lama“. Das Ergebnis: Gleichgültigkeit.
Auch die Servicekräfte in den Restaurants interessiert eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob es wohl geschmeckt habe, herzlich wenig. Ich werds dem Koch sagen“, lautet ihre Reaktion. Doch, ich vermute mal, das stimmt nicht. In Deutschlands Gastronomie hat die Wahrheit ihren Schrecken längst verloren. Mir scheint, als bereite es den Menschen regelrecht Freude, sich durch die Lüge eine eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Vielleicht wird die Härte des Lebens ja dadurch erst erträglich. Die Lüge als Conditio sine qua non sozusagen. Als ich am Flughafen München auf meinen Flieger warte, baut sich überraschend eine äußerst attraktive Mittdreißigerin vor mir auf und drückt mir eine kleine goldene Karte unter die Nase. Zeit für American Express?“, fragt sie. Statt wie früher „Hab ich schon“ zu antworten, sage ich zu ihr: „Ja, eine Stunde.“ Das hat sie wohl noch nie gehört. Vor Freude kredenzt sie mir einen brühfrischen Filterkaffee mit selbst gebackenen Plätzchen. Und setzt zu einem zehnminütigen Monolog über die Leistung dieser wunderbaren Plastikkarte an. Bis sie fragt: Wofür brauchen Sie die American Express genau?“ „Gar nicht“, antworte ich wahrheitsgemäß. Aber mein Flieger geht wirklich erst in einer Stunde.“ Verwirrung. Enttäuschung. Augenbrauen, die sich zusammenziehen. Sehschlitze. Mit einem Ruck zieht sie mir den Teller mit den süßlich duftenden Plätzchen weg, sodass ein Keks über den Rand rutscht und auf den Boden fällt. Danke, verarschen kann ich mich allein“, sagt sie. Als ich mich hinunterbücke, um ihr beim Auflesen der Kekstrümmer zu helfen, rauschen wir mit den Köpfen zusammen.
Es ist gar nicht so leicht, ein guter Mensch zu sein, denke ich und mache mich davon. Wäre uns beiden mit einer kleinen Notlüge nicht besser geholfen gewesen? Wir hätten uns Zeit und eine Peinlichkeit erspart. Die Notlüge als Retter zwischenmenschlicher Begegnungen. Schon der griechische Philosoph Platon glaubte, dass Lügen nicht negativ oder neutral sind, sondern sogar wertvoller als die wahrheitstreue Rede. Denn der Lügner bedarf eines besseren Gedächtnisses, stärkerer Vorstellungskraft und einer höheren Intelligenz und Fantasie als derjenige, der immer bloß die Wahrheit spricht. Oder wie Nietzsche es ausgedrückt hat: Die Wahrheit zu sagen sei nur die Ohnmacht zu lügen. Ich muss an Jack Nicholson denken. Wie er in „Eine Frage der Ehre“ im Zeugenstand sitzt, den jungen Tom Cruise fixiert, um ihm Folgendes um die Ohren zu donnern: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen.“ Ein starker Satz. Aber stimmt er auch.
Ich habe Bettina versprochen, mit ihr bummeln zu gehen. Für sie bedeutet es Shoppen, für mich Stress. Eine Extremsituation mit ungewissem Ausgang, niemand weiß, wohin die Reise führt. Permanent wird von mir eine Meinung zu Dingen verlangt, von denen ich wenig Ahnung habe. Doch unter der Oberfläche solch profaner Angelegenheiten liegen messerscharfe Riffe versteckt, die man sonst gern mit einer smarten Schmeichelei umschifft. „Findest du das blaue oder das graue Oberteil schöner?“ Gut, das ist einfach. „Das blaue, die Farbe harmoniert mit deinen Augen“, sage ich. Irgendwann am Nachmittag probiert sie eine Jeans an. Findest du, dass ich in der Hose einen dicken Hintern habe?“, fragt sie unschuldig. Junge, denke ich, sag nein. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Niemand hat Eisenhower je einen Vorwurf gemacht, dass er Hitler nicht die Wahrheit gesagt hat, wo und wann die Invasion beginnen würde. „Ja.“ Oh Gott, ich habe die Hosen-Hintern-Frage ehrlich beantwortet. Es bricht ein zweiter D-Day los. „Glaubst du, es liegt an der Hose oder an meinem Hintern im Allgemeinen?“, fragt sie. „Am Allgemeinen, vielleicht“, antworte ich. „Also habe ich einen dicken Arsch? Sonst noch was?“ „Oberarme“, murmle ich. Stille. „Vielleicht sollten wir mal ein paar Tage Abstand voneinander nehmen“, sagt Bettina und verlässt kopfschüttelnd den Laden. Ohne mich. Wie ich das wieder gutmachen soll, weiß ich noch nicht. Das werden auf jeden Fall kräftige Reparationszahlungen, aber es wird sicher einfacher, wenn ich wieder lügen darf.
Es steht außer Frage, dass eine Beziehung, basierend auf der totalen Wahrheit, nicht funktioniert. Der Mensch will belogen oder zumindest höflich getäuscht werden. Es ist Samstag, der letzte Tag meiner Wahrheitswoche. Ich stehe in meiner Lieblingsbar. Eine gemütliche Eckkneipe mit einer ordentlich sortierten Getränkekarte und vom Türsteher anständig sondierten Mädchen. Die Musik ist nicht ganz mein Geschmack, aber was solls. Als ich mich zum Tresen wende, um mir den letzten Gin-Tonic des Abends zu gönnen, werde ich von hinten und ziemlich unsanft von einem kräftigen Typen angerempelt - mit Pomade im Haar, Alkohol im Blut und Migrationshintergrund im Namen. „Alter, hast du Problem?“, blafft er mich an. Klar habe ich das, und zwar mit deinen Umgangsformen, denke ich. Lüge oder lebensmüde, das ist hier die Frage. Ich schaue ihn an, ziehe langsam meine rechte Hand aus der Jeanstasche und schlage ihn - auf die Schulter. Passt schon, digger, passt schon“, murmle ich dabei. Es ist wohl so: Alles, was man sagt, sollte wahr sein. Aber man muss nicht alles sagen, was wahr ist.
Wir alle sind auf dem Weg in die Hölle. Neulich, als ich meinen besten Freund anlog, ist mir das schmerzlich bewusst geworden. Sorry, ich kann dir nicht beim Umzug helfen, ich habs mal wieder mit dem Rücken.“ So ein Blödsinn, ich bin kerngesund. Ich hab es allenfalls mit der Couch. Lügen, das vergessen wir gern, ist eine Todsünde. Nicht, dass ich besonders gläubig wäre, aber als ich tags darauf mein Horoskop las, kam ich doch ins Grübeln. Ich bin Löwe. Unter Tagestrend“ stand da: Probleme? Suchen Sie nach Lösungen, verzichten Sie auf Schuldzuweisungen.“ Die übliche Glückskeks-Philosophie halt. Doch interessant war Folgendes: Sie sollten unbedingt immer ehrlich sein“, hieß es da.
Immer ehrlich? Die Wahrheit sagen, auch wenn es schmerzt? Allen und jedem? Geht das überhaupt? Wie reibungslos funktioniert unser Alltag ohne Lügen?
Psychologen wollen herausgefunden haben, dass wir mehr als 50-mal am Tag zur Lüge greifen. Über die soziale Bedeutung der Unwahrheit ist man sich dennoch uneins. Und so geschieht es nicht nur im Geschäftsleben oder gegenüber Behörden, sondern auch in Partnerschaften oder unter Freunden: Überall wird geschwindelt. Aber künftig nicht mehr mit mir: Ich will ein guter Mensch werden, ich will in den Himmel. Eine Woche lang werde ich dem 8. Gebot gehorchen: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Also Schluss mit den Höflichkeitslügen oder denen, die mir einen Vorteil verschaffen. Und auch auf jene Lügen werde ich verzichten, die mich aus einer Notlage retten könnten. Selbstverständlich werde ich niemandem von meinem Plan erzählen.
Die kommenden Stunden und Tage verbringe ich damit, meinen Mitmenschen auf die Frage, wie es mir wohl gehe, ehrlich zu antworten. Früher lautete meine Standardantwort: Muss ja.“ Nicht sonderlich einfallsreich, aber unverbindlich. Nun schwanke ich zwischen gut“ oder beschissen“, eben je nach Gemütszustand. Überraschend ist, dass die Reaktionen fast immer identisch ausfallen. Das beste Wort dafür lautet: Gleichgültigkeit. Den Menschen ist es verdammt noch mal egal, was man auf diese Frage antwortet. Ich habe es sogar zeitweise mit vollkommen anderen Wörtern probiert. Wurstsalat“ oder Dalai Lama“. Das Ergebnis: Gleichgültigkeit.
Auch die Servicekräfte in den Restaurants interessiert eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob es wohl geschmeckt habe, herzlich wenig. Ich werds dem Koch sagen“, lautet ihre Reaktion. Doch, ich vermute mal, das stimmt nicht. In Deutschlands Gastronomie hat die Wahrheit ihren Schrecken längst verloren. Mir scheint, als bereite es den Menschen regelrecht Freude, sich durch die Lüge eine eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Vielleicht wird die Härte des Lebens ja dadurch erst erträglich. Die Lüge als Conditio sine qua non sozusagen. Als ich am Flughafen München auf meinen Flieger warte, baut sich überraschend eine äußerst attraktive Mittdreißigerin vor mir auf und drückt mir eine kleine goldene Karte unter die Nase. Zeit für American Express?“, fragt sie. Statt wie früher „Hab ich schon“ zu antworten, sage ich zu ihr: „Ja, eine Stunde.“ Das hat sie wohl noch nie gehört. Vor Freude kredenzt sie mir einen brühfrischen Filterkaffee mit selbst gebackenen Plätzchen. Und setzt zu einem zehnminütigen Monolog über die Leistung dieser wunderbaren Plastikkarte an. Bis sie fragt: Wofür brauchen Sie die American Express genau?“ „Gar nicht“, antworte ich wahrheitsgemäß. Aber mein Flieger geht wirklich erst in einer Stunde.“ Verwirrung. Enttäuschung. Augenbrauen, die sich zusammenziehen. Sehschlitze. Mit einem Ruck zieht sie mir den Teller mit den süßlich duftenden Plätzchen weg, sodass ein Keks über den Rand rutscht und auf den Boden fällt. Danke, verarschen kann ich mich allein“, sagt sie. Als ich mich hinunterbücke, um ihr beim Auflesen der Kekstrümmer zu helfen, rauschen wir mit den Köpfen zusammen.
Es ist gar nicht so leicht, ein guter Mensch zu sein, denke ich und mache mich davon. Wäre uns beiden mit einer kleinen Notlüge nicht besser geholfen gewesen? Wir hätten uns Zeit und eine Peinlichkeit erspart. Die Notlüge als Retter zwischenmenschlicher Begegnungen. Schon der griechische Philosoph Platon glaubte, dass Lügen nicht negativ oder neutral sind, sondern sogar wertvoller als die wahrheitstreue Rede. Denn der Lügner bedarf eines besseren Gedächtnisses, stärkerer Vorstellungskraft und einer höheren Intelligenz und Fantasie als derjenige, der immer bloß die Wahrheit spricht. Oder wie Nietzsche es ausgedrückt hat: Die Wahrheit zu sagen sei nur die Ohnmacht zu lügen. Ich muss an Jack Nicholson denken. Wie er in „Eine Frage der Ehre“ im Zeugenstand sitzt, den jungen Tom Cruise fixiert, um ihm Folgendes um die Ohren zu donnern: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen.“ Ein starker Satz. Aber stimmt er auch.
Ich habe Bettina versprochen, mit ihr bummeln zu gehen. Für sie bedeutet es Shoppen, für mich Stress. Eine Extremsituation mit ungewissem Ausgang, niemand weiß, wohin die Reise führt. Permanent wird von mir eine Meinung zu Dingen verlangt, von denen ich wenig Ahnung habe. Doch unter der Oberfläche solch profaner Angelegenheiten liegen messerscharfe Riffe versteckt, die man sonst gern mit einer smarten Schmeichelei umschifft. „Findest du das blaue oder das graue Oberteil schöner?“ Gut, das ist einfach. „Das blaue, die Farbe harmoniert mit deinen Augen“, sage ich. Irgendwann am Nachmittag probiert sie eine Jeans an. Findest du, dass ich in der Hose einen dicken Hintern habe?“, fragt sie unschuldig. Junge, denke ich, sag nein. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Niemand hat Eisenhower je einen Vorwurf gemacht, dass er Hitler nicht die Wahrheit gesagt hat, wo und wann die Invasion beginnen würde. „Ja.“ Oh Gott, ich habe die Hosen-Hintern-Frage ehrlich beantwortet. Es bricht ein zweiter D-Day los. „Glaubst du, es liegt an der Hose oder an meinem Hintern im Allgemeinen?“, fragt sie. „Am Allgemeinen, vielleicht“, antworte ich. „Also habe ich einen dicken Arsch? Sonst noch was?“ „Oberarme“, murmle ich. Stille. „Vielleicht sollten wir mal ein paar Tage Abstand voneinander nehmen“, sagt Bettina und verlässt kopfschüttelnd den Laden. Ohne mich. Wie ich das wieder gutmachen soll, weiß ich noch nicht. Das werden auf jeden Fall kräftige Reparationszahlungen, aber es wird sicher einfacher, wenn ich wieder lügen darf.
Es steht außer Frage, dass eine Beziehung, basierend auf der totalen Wahrheit, nicht funktioniert. Der Mensch will belogen oder zumindest höflich getäuscht werden. Es ist Samstag, der letzte Tag meiner Wahrheitswoche. Ich stehe in meiner Lieblingsbar. Eine gemütliche Eckkneipe mit einer ordentlich sortierten Getränkekarte und vom Türsteher anständig sondierten Mädchen. Die Musik ist nicht ganz mein Geschmack, aber was solls. Als ich mich zum Tresen wende, um mir den letzten Gin-Tonic des Abends zu gönnen, werde ich von hinten und ziemlich unsanft von einem kräftigen Typen angerempelt - mit Pomade im Haar, Alkohol im Blut und Migrationshintergrund im Namen. „Alter, hast du Problem?“, blafft er mich an. Klar habe ich das, und zwar mit deinen Umgangsformen, denke ich. Lüge oder lebensmüde, das ist hier die Frage. Ich schaue ihn an, ziehe langsam meine rechte Hand aus der Jeanstasche und schlage ihn - auf die Schulter. Passt schon, digger, passt schon“, murmle ich dabei. Es ist wohl so: Alles, was man sagt, sollte wahr sein. Aber man muss nicht alles sagen, was wahr ist.
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