Qi Gong Praxistest
Weck den Krieger in dir. Ich bin 40 — also praktisch ein Greis. Höchste Zeit für eine Frischzellenkur. Und zwar durch die asiatische Kunst des Qi Gong
Die Welt hat es derzeit nicht leicht mit mir. Seit ich das Rauchen aufgegeben habe, bin ich reizbar wie ein hungriger Grizzly. Nicht zu vergessen die kaputte Schulter — Dauerschmerz. So ist das wohl, wenn man über 40 ist. Aber so leicht will ich mich dem Alter nicht ergeben.
Also probierte ich es mit weniger Bier. Und mit weniger arbeiten. Hat beides nicht funktioniert. Yoga? Na, da kann ich gleich Ballett machen.
Doch dann fiel mir diese Broschüre in die Hände, die mir versprach, was ich suchte: „Überwältigende Körperbeherrschung, mentale Schwerelosigkeit und Kraft aus neuen Energiequellen.”
„Qi Gong” (gesprochen: Tschi-Gong) nennt sich das Ganze und führte mich ins Kleinwalsertal. Hirschegg, ein Kleinod inmitten österreichischer Berge, hat dafür einen echten Shaolin-Mönch einfliegen lassen. Endlich mal ein anständiger China-Import, denke ich, nach all dem giftigen Spielzeug und den gefälschten Turnschuhen.
Shaolin, das sind diese beinharten Schwertkämpfer, die Metallplatten durchschlagen können — mit bloßer Hand und purer Gedankenkraft.
Das will ich auch können. Shi Yan Liang soll es mir beibringen, er ist unser Mönch. Ich will die Wände hochlaufen wie einst Bruce Lee in den „Kung Fu”-Streifen. Betonplatten spalten, ganz ohne Werkzeug.
„Shaolin-Mönche stehen nicht halb nackt auf der Bühne, und sie hauen sich keine Eisenstangen auf den Kopf”, bremst Robert Egger meine Erwartungen. Egger ist Chef des Wiener Shaolin-Zentrums und Liangs ständiger Begleiter. Echte Shaolin-Mönche, erzählt er uns, gebe es nur etwa 140, im einzig wahren Kloster in der Provinz Henan. Sie praktizieren Qi Gong, um Buddha zu ehren. Und um fit zu bleiben.
Erstes Training im Seminarraum. In Jogginghosen und Socken. Weihrauch liegt in der Luft, das Frühstück schwer im Magen. Unser Mönch, 30 Jahre alt, trägt eine braune Wickelhose mit Maojacke. Aus den Sandalen schauen weiße Socken raus. Geht modemäßig eigentlich gar nicht. Aber für Mönche gelten wohl andere Regeln.
Meister Liangs erste Übung wirkt simpel: Er steht auf einem Bein, dreht seine Hände und kreiselt den linken Fuß auf der Spitze. Reine Koordinationsarbeit. Erinnert mich irgendwie an die einzige Aerobic-Stunde, die ich je erduldet habe. Wegen einer Frau, klar. Die ich übrigens dann nicht gekriegt habe.
Unser Mönch kennt solche Probleme nicht. Seit er als Junge ins Kloster kam, lebt er ohne Fleisch, Alkohol und Sex. Die Askese scheint ihm gutzutun: 1999 wurde er Weltmeister in der Vollkontakt-Kung-Fu-Disziplin Sanda. Vor drei Jahren schickte ihn sein Großmeister Shi Yongxin nach Berlin. Heute lebt er in Wien. Vielleicht, weil Berlins Verlockungen zu groß waren: Zwei Mönche hat der deutsche Tempel bereits verloren — sie wurden Väter. Und so missfällt es Liang, dass eine Teilnehmerin etwas aufreizend gekleidet ist.
Mönchsflüsterer Egger steckt ihr, sie möge sich bedecken. Liang selbst spricht ja kaum, höchstens mal: „Nicht so viele denke.” Ich verstehe sein Problem: Ich komm auch ins Wanken, wenn ich Leute rauchen sehe.
Nach der Lehre des Qi Gong speisen wir unsere Lebensenergie, das „Qi”, durch Essen und Atmen. Ist genug „Qi” da, wächst das „Shen”, die Lebensfreude. „Wir können um fünf Uhr gut gelaunt aufstehen und uns abends voller Freude weiterbilden”, sagt Egger.
Natürlich nur, wenn wir Übungen wie „Neun Rinder am Schwanz ziehen” oder „Den Stern pflücken und gegen den großen Bären tauschen” machen. Wir schwingen Arme, halten Daumen aneinander. Minutenlang muss ich meinen Bauch umfassen. Aber Lebensfreude stellt sich noch nicht ein. Im Gegenteil: Ich werde mürrisch, wenn ich meine unschöne Wampe spüre.
Andere Übungen sind mir klarer: etwa „Ba Jin”, bei dem man Gelenke, Muskeln und Bändern dehnt. Eine Art spirituelle Physiotherapie. Leider weiß ich bald nicht mehr, wann ich ein- und wann ich ausatmen soll: mit den Armen oben oder unten? Qi Gong hilft, so lernen wir, vor allem bei Burnout. Es gibt Qi Gong für Außendienstmitarbeiter, für Schüler und für Kraftfahrer. Sogar Qi Gong gegen Impotenz gibt es. „Wenn ich zu viel Einsatz in den Job stecke”, sagt Egger, „leidet die sexuelle Energie.” Seltsam, bei mir ist das andersrum: Nach dem Wochenende kann ich meist kaum arbeiten.
Der Mönch will nun, dass wir mit den Armen einen Bogen bilden. Einen Baum umarmen, so ähnlich. Nach zwei Minuten werden die Arme lahm. Nach drei schwer wie Bleihanteln. Nach vier wie ein Panzerschrank.
Doch Buddha ist mir gnädig, ganz allein unter Frauen bin ich hier nicht. Mein Geschlechtsgenosse — ein Italiener — zappelt neben mir wie ein Hering an Land. Seine Arme hängen müde herab wie die Äste einer Trauerweide. In seinen Augen lese ich sein verzweifeltes Flehen: „Gib du zuerst auf! Ich will nicht der Erste sein, nicht vor den Mädels!”
Vergiss es, denke ich, und wenn mir die Hände dabei verdorren. So viel Qi habe ich immer noch — trotz meiner 40 Jahre.
Also probierte ich es mit weniger Bier. Und mit weniger arbeiten. Hat beides nicht funktioniert. Yoga? Na, da kann ich gleich Ballett machen.
Doch dann fiel mir diese Broschüre in die Hände, die mir versprach, was ich suchte: „Überwältigende Körperbeherrschung, mentale Schwerelosigkeit und Kraft aus neuen Energiequellen.”
„Qi Gong” (gesprochen: Tschi-Gong) nennt sich das Ganze und führte mich ins Kleinwalsertal. Hirschegg, ein Kleinod inmitten österreichischer Berge, hat dafür einen echten Shaolin-Mönch einfliegen lassen. Endlich mal ein anständiger China-Import, denke ich, nach all dem giftigen Spielzeug und den gefälschten Turnschuhen.
Shaolin, das sind diese beinharten Schwertkämpfer, die Metallplatten durchschlagen können — mit bloßer Hand und purer Gedankenkraft.
Das will ich auch können. Shi Yan Liang soll es mir beibringen, er ist unser Mönch. Ich will die Wände hochlaufen wie einst Bruce Lee in den „Kung Fu”-Streifen. Betonplatten spalten, ganz ohne Werkzeug.
„Shaolin-Mönche stehen nicht halb nackt auf der Bühne, und sie hauen sich keine Eisenstangen auf den Kopf”, bremst Robert Egger meine Erwartungen. Egger ist Chef des Wiener Shaolin-Zentrums und Liangs ständiger Begleiter. Echte Shaolin-Mönche, erzählt er uns, gebe es nur etwa 140, im einzig wahren Kloster in der Provinz Henan. Sie praktizieren Qi Gong, um Buddha zu ehren. Und um fit zu bleiben.
Erstes Training im Seminarraum. In Jogginghosen und Socken. Weihrauch liegt in der Luft, das Frühstück schwer im Magen. Unser Mönch, 30 Jahre alt, trägt eine braune Wickelhose mit Maojacke. Aus den Sandalen schauen weiße Socken raus. Geht modemäßig eigentlich gar nicht. Aber für Mönche gelten wohl andere Regeln.
Meister Liangs erste Übung wirkt simpel: Er steht auf einem Bein, dreht seine Hände und kreiselt den linken Fuß auf der Spitze. Reine Koordinationsarbeit. Erinnert mich irgendwie an die einzige Aerobic-Stunde, die ich je erduldet habe. Wegen einer Frau, klar. Die ich übrigens dann nicht gekriegt habe.
Unser Mönch kennt solche Probleme nicht. Seit er als Junge ins Kloster kam, lebt er ohne Fleisch, Alkohol und Sex. Die Askese scheint ihm gutzutun: 1999 wurde er Weltmeister in der Vollkontakt-Kung-Fu-Disziplin Sanda. Vor drei Jahren schickte ihn sein Großmeister Shi Yongxin nach Berlin. Heute lebt er in Wien. Vielleicht, weil Berlins Verlockungen zu groß waren: Zwei Mönche hat der deutsche Tempel bereits verloren — sie wurden Väter. Und so missfällt es Liang, dass eine Teilnehmerin etwas aufreizend gekleidet ist.
Mönchsflüsterer Egger steckt ihr, sie möge sich bedecken. Liang selbst spricht ja kaum, höchstens mal: „Nicht so viele denke.” Ich verstehe sein Problem: Ich komm auch ins Wanken, wenn ich Leute rauchen sehe.
Nach der Lehre des Qi Gong speisen wir unsere Lebensenergie, das „Qi”, durch Essen und Atmen. Ist genug „Qi” da, wächst das „Shen”, die Lebensfreude. „Wir können um fünf Uhr gut gelaunt aufstehen und uns abends voller Freude weiterbilden”, sagt Egger.
Natürlich nur, wenn wir Übungen wie „Neun Rinder am Schwanz ziehen” oder „Den Stern pflücken und gegen den großen Bären tauschen” machen. Wir schwingen Arme, halten Daumen aneinander. Minutenlang muss ich meinen Bauch umfassen. Aber Lebensfreude stellt sich noch nicht ein. Im Gegenteil: Ich werde mürrisch, wenn ich meine unschöne Wampe spüre.
Andere Übungen sind mir klarer: etwa „Ba Jin”, bei dem man Gelenke, Muskeln und Bändern dehnt. Eine Art spirituelle Physiotherapie. Leider weiß ich bald nicht mehr, wann ich ein- und wann ich ausatmen soll: mit den Armen oben oder unten? Qi Gong hilft, so lernen wir, vor allem bei Burnout. Es gibt Qi Gong für Außendienstmitarbeiter, für Schüler und für Kraftfahrer. Sogar Qi Gong gegen Impotenz gibt es. „Wenn ich zu viel Einsatz in den Job stecke”, sagt Egger, „leidet die sexuelle Energie.” Seltsam, bei mir ist das andersrum: Nach dem Wochenende kann ich meist kaum arbeiten.
Der Mönch will nun, dass wir mit den Armen einen Bogen bilden. Einen Baum umarmen, so ähnlich. Nach zwei Minuten werden die Arme lahm. Nach drei schwer wie Bleihanteln. Nach vier wie ein Panzerschrank.
Doch Buddha ist mir gnädig, ganz allein unter Frauen bin ich hier nicht. Mein Geschlechtsgenosse — ein Italiener — zappelt neben mir wie ein Hering an Land. Seine Arme hängen müde herab wie die Äste einer Trauerweide. In seinen Augen lese ich sein verzweifeltes Flehen: „Gib du zuerst auf! Ich will nicht der Erste sein, nicht vor den Mädels!”
Vergiss es, denke ich, und wenn mir die Hände dabei verdorren. So viel Qi habe ich immer noch — trotz meiner 40 Jahre.
Klaus Mergel
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