Scharfe Jobs

Berufsberatung

Ein guter Job kann mächtig Eindruck schinden. Aber welcher Beruf bahnt beim Flirt an der Clubtheke den Weg besser als jeder Drink? Unser Autor hat in drei Erfolgsbranchen Karriere gemacht - für jeweils eine Nacht

Ein guter Job kann mächtig Eindruck schinden. Aber welcher Beruf bahnt beim Flirt an der Clubtheke den Weg besser als jeder Drink? Unser Autor hat in drei Erfolgsbranchen Karriere gemacht - für jeweils eine Nacht

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Scharfe Jobs

Der Schlüpferstürmer mit der Pilotennummer

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Mein Kumpel Paul ist jetzt Polizist. Im Freundeskreis waren wir alle ganz erstaunt, denn eigentlich hatte er jahrelang Jura studiert. Aber dann klappte es mit dem zweiten Staatsexamen nicht so richtig und ... aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls ist Paul nun Polizist und schwärmt von den Vorzügen: Seine Frau Miriam steht drauf, wenn er beim Sex seinen Polizeihut trägt. Aber auch bei den anderen Frauen kommt die Uniform gut an. „Das ist wie bei den Amis“, sagt er, „da sind die Polizisten und die Feuerwehrmänner auch die größten Rockstars!“ Er grinst. „Ich weiß nicht“, sage ich. „Natürlich weißt du es nicht“, sagt er, „du bist ja auch ein Schreiberling. Woher willst du wissen, wie ein geiler Job bei den Frauen ankommt? Journalisten verdienen schlecht und sind meistens schlimme Besserwisser - da fliegt keine Frau drauf.“
Er will mich provozieren. Das kann er haben. „Wir können ja mal ausprobieren, ob andere Berufe besser ziehen.“
„Abgemacht. Drei Nächte, drei Berufe“, sagt Paul. „Du verkaufst dich, so gut du kannst, und guckst, wie viele Telefonnummern du bekommst.“ Er hebt sein Glas. „Ich bring mich ganz groß raus!“, sage ich, weil ich schon betrunken genug bin. Außerdem verspreche ich mir als Single einen gewissen Mehrwert von der Aktion.

Der Pilot

Meine alte Freundin Anna ist Pilotin bei der Lufthansa. Sie lacht, als sie von meiner Idee hört. „Stimmt schon, die männlichen Kollegen können sich nicht beklagen“, sagt sie und setzt mich damit noch ein Stück mehr unter Erfolgsdruck. Anna organisiert mir ein hellblaues Old-School-Hemd mit aufgenähtem Kranich-Logo auf der Brust. „Lass es dir vom Leib reißen“, sagt sie und zupft den Kragen zurecht.

Ich bin gespannt, wie Frauen auf einen Piloten reagieren.
Am Abend stehe ich mit Paul an der Theke im “20Up“, einer Skybar über den Dächern von Hamburg mit Panoramablick über den Hafen. Wenn Piloten einen „day off“ in der Hansestadt haben, kommen sie gern her, hat Anna gesagt. Kein Wunder, die Frauen sehen hier aus wie Filmstars. Ist das da vorn Eva Mendes?
„Geile Aussicht“, sage ich, während wir den ersten Gin Tonic schlürfen. In meine Brusttasche habe ich meine Pilotenbrille gesteckt.
Ich bin ein bisschen nervös. Was, wenn ich als Pilot keine abkriege? Es gibt Typen, die haben überhaupt erst Sex, seit sie Pilot sind. Hat Anna gesagt. Ich kann also nur verlieren, als Eva Mendes plötzlich vor mir steht.
„Schönes Hemd“, sagt sie und streichelt wie beiläufig über den Kranich. „Ist der echt?“ Sofort zieht sich Paul ein paar Meter zurück. Ich atme tief durch.
„Ich bin Pilot, ja.“
Ich klinge wie ein Roboter. Aber sie lächelt tatsächlich:
„Also auf der Durchreise?“
“Äh, Hamburg ist meine Homebase“, stammele ich und hebe den Gin Tonic, „und das hier ist mein Feierabenddrink.“ Sie lächelt immer noch und stößt mit ihrem Glas sinnlich gegen meines: „Ich bin Eva.“
Im Ernst, denke ich, reiße mich aber zusammen und sage: „Tim.“
„Und wo kommst du gerade her?“, fragt sie.
„Havanna“, antworte ich, weil Eva nach Kuba aussieht. Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ihr lasst es auf der ganzen Welt krachen, oder?“ Ich lache und schüttle den Kopf.„Wir haben keine langen Aufenthalte“, klage ich, betont routiniert, mein Leid. „Oft liegt zwischen Hin- und Rückflug nur eine Nacht.“
„Oh, du armer, armer Kapitän“, kichert sie und tätschelt meine Wange. Ich spiele den bemitleidenswerten Piloten und genieße insgeheim die Berührung. Das läuft ja super.
„Willst du noch was trinken?“, frage ich, da verfinstert sich plötzlich ihre Miene und sie faucht: „Denk ja nicht, dass ich mit dir schlafe, weil du Pilot bist!“
Sie sieht nicht nur aus wie eine Latina, sie hat auch das Temperament. Vielleicht ist sie es ja wirklich, vielleicht spricht Eva Mendes akzentfreies Deutsch.
„Also, willst du jetzt noch einen Drink oder nicht?“, frage ich noch mal und ignoriere ihre Laune, die ich wirklich nicht einschätzen kann.
„Klar“, sagt sie und lächelt wieder, „ich wollte nur checken, ob du dir zu viel auf den Kranich einbildest.“
Ich bestelle noch einen Mojito für Eva und haue richtig einen raus: „Ich bin mehr als meine Uniform!“ Au weia. Aber Eva strahlt: „Das würde ich gern mal überprüfen ...“
Sie zückt einen Kugelschreiber und schreibt ihre Nummer auf meine Hand, daneben in Versalien: EVA.
„Eva“, sage ich, „und weiter?“
„Müller“, sagt sie.
Müller, Mendes, macht nix: Es hat funktioniert! Obwohl ich mir bei Eva nicht sicher bin, ob wegen oder trotz der Pilotennummer.
Bei unserem Date am Wochenende drauf nehme ich deshalb allen Mut zusammen und gestehe: „Ich bin gar kein Pilot!“ Dann erzähle ich ihr die ganze Geschichte. Eva hört aufmerksam zu und verzieht keine Miene.
„Mir egal, ob du Pilot bist“, sagt sie anschließend und zuckt mit den Schultern.
Ich spüre eine vage Erleichterung, da greift sie ihre Tasche und steht auf. „Aber mir ist nicht egal, dass du mir Märchen erzählt hast!“
Sie verlässt die Bar mit zackigem Gang. Ich glotze ihrer Filmstarfigur sehnsüchtig hinterher und bleibe einsam am Tresen zurück. Ganz schön harte Landung. Aber gut zu wissen: Als Pilot hätte ich weicher aufgesetzt.

Der Fußballer

„Mit dem Gehalt eines Fußballers hätte ich hier bestimmt auch Spaß“, nörgelt Paul, als wir einen Abend später im „Upper East“ an der Bar stehen und an überteuerten Cocktails nippen. Mein Kumpel Marcell spielt beim HSV und hat uns diesen Club in einem Hotel auf St. Pauli empfohlen, weil er hier mit seinen Mannschaftskameraden gern mal einen saufen geht. Authentische Fußballer-Absteige also.
„Trink halt langsam!“, zische ich Paul an, weil ich mir meine Nacht als Fußball-Profi nicht verderben lassen will. Schließlich erfüllt sich gerade mein Bolzplatztraum aus den 80ern. Ich musste noch nicht einmal hart dafür trainieren und Jahre der Entbehrungen durchleben, um heute für ein paar Stunden den Zweitliga-Stürmer Tim Sohr von Eintracht Braunschweig zu geben. Den Kerl kann keine Frau kennen - nicht nur weil es ihn nicht gibt, sondern weil keine Frau in Deutschland über den Braunschweiger Kader Bescheid weiß.

„Du siehst krass aus“, merkt Paul an und mustert mich von oben bis unten. „Krass beschissen.“
Er hat Recht, aber dafür sehe ich auch krass authentisch aus: ausgewaschene Bluejeans mit Löchern und ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd, das ich bis zum Ellenbogen hochgekrempelt habe, um meine großflächig tätowierten Unterarme (Tattoo-Ärmel, 4,99 Euro auf Amazon.de) zu präsentieren. Außerdem habe ich mir am Nachmittag noch ein paar Strähnen färben und einen Undercut rasieren lassen.
„Der Zweck heiligt die Mittel“, flöte ich und fahre mir mit beiden Händen durch die neue Frisur.
Paul brummt etwas von „Schlüpferstürmer“ und „Chancenverwertung“ und lacht vor sich hin.
Aber der Schlüpferstürmer kommt schlecht ins Spiel an diesem Abend. Zwar sehen die meisten Mädchen hier tatsächlich aus wie Spielerfrauen - hohe Haare, tiefe Ausschnitte -, laufen aber trotzdem auf sehr spitzen Hacken an mir vorbei und würdigen mich keines Blickes. Ich komme kaum ins Gespräch und kann deshalb auch keiner von meinem Doppelpack am Nachmittag erzählen.
Dabei ist es nicht so, dass hier nichts ginge: Paul wird von einer scharfen Schwarzhaarigen angesprochen und verschwindet mit ihr auf eines der Ledersofas. Überhaupt ist die Stimmung aufgeheizt, auf der Tanzfläche reiben sich Uli-Borowka-Ballermänner und Sylvie-van-der-Vaart-Püppchen zu Rihannas „What’s My Name?“ aneinander.
Nach zwei einsamen Stunden finde ich mich schon damit ab, dass es für mich als Fußballer nur zum Vollpfosten reicht, als ein spitzer Fingernagel auf meine Schulter tippt. Ich drehe mich um. Sie hat dunkelbraune Haut und ebensolche Haare, ist einen Kopf kleiner als ich und etwas weniger grell geschminkt als die anderen. Ganz sicher die Naturschönheit an diesem Abend im „Upper East“. Und sie lächelt.
„Ich bin Tim Sohr“, sage ich, als müsste ihr mein Name ein Begriff sein. Sie stellt sich als Lara vor, und dann sagt sie noch etwas, aber ich verstehe sie akustisch nicht. Stattdessen nutze ich die Gelegenheit, über meine bisherige Saison beim Überraschungsteam der 2. Liga zu plaudern. Ich packe alles aus, was ich mir für den Abend draufgeschafft habe, erzähle von den übermächtigen Aufstiegskonkurrenten aus Berlin und Kaiserslautern, von unserer Stadionbaustelle, von Kumpel-Trainer Torsten Lieberknecht.
Lara wirkt zunächst nicht begeistert, sie nickt nur gelegentlich, aber irgendwann greift sie meine Hand und schleift mich quer durch den Club in eine Kabine auf der Damentoilette. Dort fällt sie mit einer Entschiedenheit über mich her, dass ich mich nicht einmal dagegen wehren könnte, wenn ich wollte. Ich ficke wie ein Fußballer. So muss sich der Kaiser auf der Weihnachtsfeier gefühlt haben. Mein Hemd behalte ich lieber an, wegen der Tattoo-Ärmel.
Anschließend kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Warum haben Fußballer so eine Wirkung auf Frauen?
Lara lacht: „Du bist Fußballer? Ehrlich gesagt, habe ich kein Wort von deinem Gelaber verstanden. Ich hatte plötzlich einfach Bock zu vögeln.“

Der Regisseur

Die Nacht als Nachwuchsregisseur verbringe ich im Schanzenviertel. In jeder Bar erzähle ich die Geschichte meiner Karriere: Ausbildung an der New York Film Academy inklusive Vorlesungen bei Scorsese, Kabelträger am Set von „Hangover 2“ in Bangkok, und zurzeit arbeite ich in Berlin mit meinem guten Kumpel Matthias Schweighöfer an einem gemeinsamen Filmprojekt - ein Lebenslauf, der gut ankommt, auch wenn mich diesmal keine Frau zum Klo-Sex zwingt. Dafür sammele ich mehr Telefonnummern als eine Drückerkolonne. Mein einziges Problem: der verdammte Schweighöfer. Exemplarisch dafür läuft der letzte Flirt ab - um vier Uhr morgens in der „Mutter“, einer Künstlerkaschemme in Kieznähe. Im Rauchernebel rempelt mich Madita an. Ich ergreife die Gelegenheit und komme schnell auf meine Karriere zu sprechen. Madita zeigt sich begeistert und stellt schlaue Fragen rund um den Kosmos Kino. Ich mache mich gut, der Regisseur scheint meine Paraderolle zu sein. Nützt nur nix.

„Und wie ist Matthias so?“, fragt Madita schließlich beim zweiten gemeinsamen Herrengedeck.
„Feiner Kerl“, gebe ich zurück.
„Hast du seine Nummer?“, fragt sie.
Ich kneife die Augen zusammen: „Seine Nummer? Natürlich habe ich seine Nummer!“
„Könntest du ihn also theoretisch jetzt anrufen?“
Ich lächle lässig. „Ich könnte, aber ich will nicht.“
„Na ja“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, „ich würde ihn sowieso nur nach Jokos Nummer fragen wollen.“
„Joko?“
„Joko von Joko und Klaas“, sagt sie und nickt wissend. „Ich habe gelesen, er macht Mode mit Matthias. Ein gemeinsames Label. Ach, Joko ist einfach der heißeste Typ der Welt ...“
„Ach so“, mache ich, weil mir nichts Besseres mehr einfällt.
Kurz darauf verabschiedet sie sich mit einem flüchtigen Kuss auf meine Wange, und ich verspreche mir: Sollte ich mich noch einmal als Nachwuchsregisseur ausgeben, heißt mein Kumpel Axel Stein. In dieser Nacht bin ich nicht an meinem rühmlichen Beruf gescheitert, sondern an meinem berühmten Bekanntenkreis.
Ein paar Tage später stehen Paul und ich wieder an unserer Theke und analysieren die Versuchsergebnisse bei einem Bier.
„Keine schlechte Quote“, sagt er, als wir anstoßen.
„Mit dem richtigen Job kommst du zwar schneller ins Gespräch“, relativiere ich fachmännisch, „aber einem Idioten würde die Nummer auf Dauer auch nicht helfen.“
„Tja“, macht Paul und grinst dreckig. „Scheiße lässt sich eben nicht polieren.“
Noch am selben Abend treffe ich Nina zum ersten Mal. Als sie sich auf den Hocker neben mich setzt, kann ich noch nicht ahnen, dass sie meine nächste Affäre sein wird. Aber ich stelle mich wahrheitsgemäß als freier Autor vor. Ein ziemlich befreiendes Gefühl.
Und sie? Beißt sich auf die Unterlippe. „Es gibt nichts Schärferes“, haucht Nina, „als Männer, die schreiben.“
„Du bist Fußballer? Ehrlich gesagt, habe ich kein Wort verstanden. Ich hatte einfach Bock zu vögeln“

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Tim Sohr