Fahr halt zu, du Penner!
Auf deutschen Autobahnen herrscht Krieg: Raser und Drängler gegen Schlafmützen und Oberlehrer. Ein Frontbericht
Oh mei, oh mei, Mutti! Fahr halt zu! Wir sind hier nicht auf dem Ikea-Parkplatz. Wenn ich das schon sehe: Wie die überholt! „Überholen“ kann man das gar nicht nennen. Das ist eher ein Schneckenrennen.
Ich kann solche Tanten bereits von hinten erkennen. Da weiß ich schon, wie die im Auto sitzt: den Fahrersitz ganz nach vorn geschoben, das Lenkrad Millimeter vorm angespannten Gesicht. Da wird jeder Überholvorgang zur großen Abenteuerreise.
Wenn sich so eine mal auf die linke Spur wagt, dann bleibt die auch auf der linken Spur. Es könnte ja sein, dass sie eines Tages noch mal überholen muss. Und ist da hinten, ganz da hinten am fernen Horizont nicht ein Lastwagen?
Vor lauter Angst, sie könnte sich später nicht wieder einfädeln oder müsste zum ersten Mal in ihrem Leben den dritten Gang einlegen, bleibt sie lieber gleich links.
Das sind so Momente, da wünsche ich mir ein James-Bond-Fahrzeug mit Raketenwerfer. Bammmm! Und tschüss.
Mutti lässt sich nämlich nicht von der linken Spur verscheuchen. Oh nein! Da kann ich blinken und aufblenden, wie ich will. Die klebt an ihrer Spur wie einst Helmut Kohl am Amt.
Die meint das gar nicht böse. Die sieht mich nämlich gar nicht. Warum sollte sie beim Fahren auch in den Schminkspiegel blicken?
Ich meine das jetzt wirklich nicht sexistisch. Mutti kann auch ein Typ sein. Einer, der den Fahrersitz ganz nach vorn geschoben hat. Oder einen Hut trägt. Oder ein Lehrer ist. Vielleicht sogar ein Oberlehrer, der die Richtgeschwindigkeit für eine physikalische Schallmauer hält, die man nicht durchbrechen darf.
Meine Freundin sagt immer, ich sei auch so ein Oberlehrer.
Bloß weil ich besser Auto fahren kann als alle anderen Menschen! Es ist doch verdammt noch mal meine bürgerliche Pflicht, den anderen Verkehrsteilnehmern ihre Defizite aufzuzeigen. Ich muss den ewigen Mittelspurfahrern doch signalisieren, dass sie durchaus auch mal rechts fahren könnten. Oder den Muttis mit eindeutigen Gesten mitteilen, dass sie mir mal wieder Stunden meiner wertvollen Lebenszeit stehlen.
Als ich neulich nach Frankfurt fuhr, kam es zum Showdown – zum Aufeinandertreffen der beiden größten Oberlehrer der Nation.
Er pennt links. Ich setze rechts zum Überholen an. Er gibt plötzlich Gas wie ein Irrer. Ich schere wieder ein. Er bremst mich aus. Ich überhole ihn rechts und gebe ihm Tiernamen. Er verfolgt mich bis zur nächsten Raststätte. Wir steigen aus und gehen böse aufeinander zu. Ich sage: „Zivilpolizei. Guten Tag. Ihre Fahrzeugpapiere bitte.“
Okay, das habe ich nicht gesagt. Aber ich hätte es mir gewünscht. Seit Jahrzehnten wünsche ich mir eine Kelle und Handschellen. Ich wünsche mir, solchen Deppen augenblicklich den Prozess zu machen und ihnen auf Lebenszeit den Führerschein zu entziehen.
Tatsächlich beschimpften wir uns. Drohten einander, uns gegenseitig anzuzeigen. Schubsten uns sogar. Dann stiegen wir wieder ein und fuhren weiter.
Ich glaube, Männer brauchen den Straßenverkehr, um ihren Aggressionshaushalt auszupegeln. Wenn wir die Autobahnen nicht hätten – wir hätten schon längst wieder ein anderes Land überfallen.
Der ADAC und das verkehrsmedizinische Institut der Universität Heidelberg haben in einer Studie die deutschen Autofahrer kategorisiert. Sie haben dabei die beiden Kriegsparteien der täglichen Autobahngefechte herausgearbeitet:
Auf der linken Spur attackieren:
1. der konfrontative Fahrer (Er zeichnet sich durch einen aggressiven und schnellen Fahrstil aus. Unter Einsatz von Hupe, Lichthupe und Beleidigungen versucht er, seine Ansprüche ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen.)
2. der vermeintliche Alleskönner (Er verfügt über große Fahrpraxis, ist jedoch gegenüber eigenen Fehlern wenig selbstkritisch und hält Änderungen seines Fahrstils für überflüssig.)
Von der rechten Spur stören:
1. der unsichere Fahrer (Auf Grund seiner geringen Fahrpraxis meidet er schwierige Situationen und verschließt die Augen vor eigenen Fehlern und Problemen.)
2. der überbesorgte Fahrer (Er ist in der Regel deutlich älter als fünfzig Jahre und schaut lieber mehrmals hin, bevor er sich entscheidet.“)
Ich glaube, ich muss nicht eigens sagen, auf welcher Seite ich stehe in diesem ewigen Streit. Ich bin jedenfalls immer im Recht. Wenn ich schnell fahre, dann nerven mich die Schleicher vor mir. Wenn ich langsam fahre, dann nerven mich die Drängler hinter mir.
Kurz vor Frankfurt wurde ich übrigens fast noch getötet. Von einer Mutti, die einfach auf die linke Spur ausscherte. Das liegt wohl daran, dass „der unsichere Fahrer“ nicht einschätzen kann, ob sich jemand mit 250 km/h oder mit 110 km/h von hinten nähert.
Zumindest ändert das nichts an ihrem Verhalten. Wenn Mutti sich nämlich in den Kopf gesetzt hat zu überholen, dann überholt sie. Auch wenn ich eine Vollbremsung machen muss und sich meine Seele bereits von meinem Körper verabschiedet.
Aber das kriegt Mutti gar nicht mit, weil sie eben nicht in den Rückspiegel schaut. Warum auch?
Sie blickt mich fragend und abschätzig an, als ich ihr im Vorbeifahren signalisiere, wo sich meine Schläfe befindet.
Meine Freundin sagt, ich soll hier reinschreiben, dass Männer wie ich unter „Größenwahnfantasien“ leiden, sobald sie ein Lenkrad berühren. Wir zeigten ein „peinliches Imponiergehabe“, das auf deutlich „verkürzte Genitalien“ schließen lasse.
Da kann ich nur lachen. Niemand weiß besser, dass das nicht stimmt, als meine Freundin.
Ich kann solche Tanten bereits von hinten erkennen. Da weiß ich schon, wie die im Auto sitzt: den Fahrersitz ganz nach vorn geschoben, das Lenkrad Millimeter vorm angespannten Gesicht. Da wird jeder Überholvorgang zur großen Abenteuerreise.
Wenn sich so eine mal auf die linke Spur wagt, dann bleibt die auch auf der linken Spur. Es könnte ja sein, dass sie eines Tages noch mal überholen muss. Und ist da hinten, ganz da hinten am fernen Horizont nicht ein Lastwagen?
Vor lauter Angst, sie könnte sich später nicht wieder einfädeln oder müsste zum ersten Mal in ihrem Leben den dritten Gang einlegen, bleibt sie lieber gleich links.
Das sind so Momente, da wünsche ich mir ein James-Bond-Fahrzeug mit Raketenwerfer. Bammmm! Und tschüss.
Mutti lässt sich nämlich nicht von der linken Spur verscheuchen. Oh nein! Da kann ich blinken und aufblenden, wie ich will. Die klebt an ihrer Spur wie einst Helmut Kohl am Amt.
Die meint das gar nicht böse. Die sieht mich nämlich gar nicht. Warum sollte sie beim Fahren auch in den Schminkspiegel blicken?
Ich meine das jetzt wirklich nicht sexistisch. Mutti kann auch ein Typ sein. Einer, der den Fahrersitz ganz nach vorn geschoben hat. Oder einen Hut trägt. Oder ein Lehrer ist. Vielleicht sogar ein Oberlehrer, der die Richtgeschwindigkeit für eine physikalische Schallmauer hält, die man nicht durchbrechen darf.
Meine Freundin sagt immer, ich sei auch so ein Oberlehrer.
Bloß weil ich besser Auto fahren kann als alle anderen Menschen! Es ist doch verdammt noch mal meine bürgerliche Pflicht, den anderen Verkehrsteilnehmern ihre Defizite aufzuzeigen. Ich muss den ewigen Mittelspurfahrern doch signalisieren, dass sie durchaus auch mal rechts fahren könnten. Oder den Muttis mit eindeutigen Gesten mitteilen, dass sie mir mal wieder Stunden meiner wertvollen Lebenszeit stehlen.
Als ich neulich nach Frankfurt fuhr, kam es zum Showdown – zum Aufeinandertreffen der beiden größten Oberlehrer der Nation.
Er pennt links. Ich setze rechts zum Überholen an. Er gibt plötzlich Gas wie ein Irrer. Ich schere wieder ein. Er bremst mich aus. Ich überhole ihn rechts und gebe ihm Tiernamen. Er verfolgt mich bis zur nächsten Raststätte. Wir steigen aus und gehen böse aufeinander zu. Ich sage: „Zivilpolizei. Guten Tag. Ihre Fahrzeugpapiere bitte.“
Okay, das habe ich nicht gesagt. Aber ich hätte es mir gewünscht. Seit Jahrzehnten wünsche ich mir eine Kelle und Handschellen. Ich wünsche mir, solchen Deppen augenblicklich den Prozess zu machen und ihnen auf Lebenszeit den Führerschein zu entziehen.
Tatsächlich beschimpften wir uns. Drohten einander, uns gegenseitig anzuzeigen. Schubsten uns sogar. Dann stiegen wir wieder ein und fuhren weiter.
Ich glaube, Männer brauchen den Straßenverkehr, um ihren Aggressionshaushalt auszupegeln. Wenn wir die Autobahnen nicht hätten – wir hätten schon längst wieder ein anderes Land überfallen.
Der ADAC und das verkehrsmedizinische Institut der Universität Heidelberg haben in einer Studie die deutschen Autofahrer kategorisiert. Sie haben dabei die beiden Kriegsparteien der täglichen Autobahngefechte herausgearbeitet:
Auf der linken Spur attackieren:
1. der konfrontative Fahrer (Er zeichnet sich durch einen aggressiven und schnellen Fahrstil aus. Unter Einsatz von Hupe, Lichthupe und Beleidigungen versucht er, seine Ansprüche ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen.)
2. der vermeintliche Alleskönner (Er verfügt über große Fahrpraxis, ist jedoch gegenüber eigenen Fehlern wenig selbstkritisch und hält Änderungen seines Fahrstils für überflüssig.)
Von der rechten Spur stören:
1. der unsichere Fahrer (Auf Grund seiner geringen Fahrpraxis meidet er schwierige Situationen und verschließt die Augen vor eigenen Fehlern und Problemen.)
2. der überbesorgte Fahrer (Er ist in der Regel deutlich älter als fünfzig Jahre und schaut lieber mehrmals hin, bevor er sich entscheidet.“)
Ich glaube, ich muss nicht eigens sagen, auf welcher Seite ich stehe in diesem ewigen Streit. Ich bin jedenfalls immer im Recht. Wenn ich schnell fahre, dann nerven mich die Schleicher vor mir. Wenn ich langsam fahre, dann nerven mich die Drängler hinter mir.
Kurz vor Frankfurt wurde ich übrigens fast noch getötet. Von einer Mutti, die einfach auf die linke Spur ausscherte. Das liegt wohl daran, dass „der unsichere Fahrer“ nicht einschätzen kann, ob sich jemand mit 250 km/h oder mit 110 km/h von hinten nähert.
Zumindest ändert das nichts an ihrem Verhalten. Wenn Mutti sich nämlich in den Kopf gesetzt hat zu überholen, dann überholt sie. Auch wenn ich eine Vollbremsung machen muss und sich meine Seele bereits von meinem Körper verabschiedet.
Aber das kriegt Mutti gar nicht mit, weil sie eben nicht in den Rückspiegel schaut. Warum auch?
Sie blickt mich fragend und abschätzig an, als ich ihr im Vorbeifahren signalisiere, wo sich meine Schläfe befindet.
Meine Freundin sagt, ich soll hier reinschreiben, dass Männer wie ich unter „Größenwahnfantasien“ leiden, sobald sie ein Lenkrad berühren. Wir zeigten ein „peinliches Imponiergehabe“, das auf deutlich „verkürzte Genitalien“ schließen lasse.
Da kann ich nur lachen. Niemand weiß besser, dass das nicht stimmt, als meine Freundin.
Redaktion: Oli Kuhn ]
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