Herr Kittel testet die Welt . London

Herr Kittel testet die Welt London

Hier verdienen die Jungs das Geld so haufenweise und schnell, wie sie es rausschmeißen. Vor allem in den Clubs mit den verrückten, exotischen Frauen. Der Standortvorteil: Exotisch sind in London irgendwie alle. Auch man selbst

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Der Playboy-Weltreporter

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9.00 Uhr Die Stadt

Acht Millionen Bewohner, fünf Flughäfen, vier Premier-League-Mannschaften, eine Queen. Partnerstadt von Berlin und Karatschi. Fast drei Millionen Ausländer leben in der City - was komisch klingt, denn für uns ist ja auch der Londoner ein Ausländer. Man merkt aber, dass London von ausländischem Geld geradezu überrollt wird. Soeben wird der erste richtige Wolkenkratzer fertiggestellt: der Shard London Bridge, eine Glaspyramide, die sich neben der Themse 310 Meter hoch in den Himmel bohrt. Entworfen wurde das neue Wahrzeichen von Renzo Piano, finanziert wird es von arabischen Investoren, die meisten aus dem Emirat Katar. Der Londoner selbst sieht von unten zu und staunt.

Ursprünglich sollte der Shard London Bridge sogar über 400 Meter hoch und das dritthöchste Gebäude der Welt werden, aber da hat der Londoner dann interveniert. Und gesagt, das passe überhaupt nicht. Außerdem sähe Big Ben dann aus wie eine Dorfkirche. www.the-shard.com

11.00 Uhr Ankunft

Mein Besuch in der Stadt von Pippa & Kate beginnt ganz klassisch in Victoria Station. Victoria Station ist seit 30 Jahren gleich. Vor der Halle ist eine Baustelle, gegenüber ein Pub: Man sieht den ersten roten Doppeldecker und merkt endgültig, dass man sich in London befindet. Um anschließend von blassen Frauen, Bankern und Indern umgerannt zu werden, weil in London jeder unter Strom steht. Die U-Bahn-Tageskarte kostet 7,50 Pfund - das waren früher 22 D-Mark! Im Sommer soll alles noch teurer werden: Zuerst feiert die Queen irgendein Thronjubiläum, und dann sind ganz nebenbei Olympische Sommerspiele. Die Spiele kosten die Londoner zehn Milliarden Euro, weil sie ein neues Stadion bekamen und Oscar-prämierte Filmregisseure wie Danny Boyle („Slumdog Millionaire“) die Eröffnungsfeier planen. Eine Zeitung hatte die Idee, ob nicht reiche Londoner wie Alisher Usmanov (Öl), Roman Abramowitsch (Gas), Lakshmi Mittal (Stahl) und Gerald Grosvenor (Immobilien) die Kosten übernehmen würden - die könnten das von ihren jährlichen Zinseinnahmen bezahlen. Blieb aber wohl beim Vorschlag. Weil die Hotelzimmer knapp werden, wollen viele Bewohner ihr Apartment vermieten. Ex-Fußball-Star Sol Campbell stellt über eine Agentur sein Townhouse in Chelsea zur Verfügung. Es ist sehr chic. Im Moment möchte er 80.000 Pfund pro Woche dafür.

Adressen für 80.000 Pfund teure Wohnungen unter onefinestay.com & Ivylettings.com

12.00 Uhr Hotel

Das neueste Übernachtungsheiligtum von London ist das „Town Hall Hotel“. Es liegt - wie der Name schon sagt - im alten Gemeindehaus einer östlichen Gegend, die eher an das kaputte Detroit erinnert und das exakte Gegenteil des übrigen Wohlstands-Londons ist. Seit ein paar Jahren verwandelt sich der Osten aber in ein neues Kreativzentrum mit tausend Bars, Clubs und Märkten, deshalb sollte man auch gleich hier wohnen. Mein Zimmer, eher eine Suite, ist sehr schön. Im Haus gibt es ein Schwimmbad, ein Gym und einen Ausblick auf ein Fabrikgebäude wie in der Zeche Zollverein. Der Clou am Hotel aber ist das Restaurant: das „Viajante“. Koch Nuno Mendez ist der neue Verpflegungsstar von London, eine Art JosØ Mourinho des Essens (er ist auch Portugiese). Nuno hat bei Jean-Georges Vongerichten in New York gelernt (sollte man kennen) und war kurz im Team von Ferran Adriì im „El Bulli“ (muss man auch kennen). Seine Küche ist mitten im Speisesaal, nebenan hat’s eine coole Bar und - kein Witz: Man kann nicht reservieren. Das Schöne am „Viajante“: endlich ein Lokal, das man guten Gewissens empfehlen kann. Noch vor drei Jahren habe ich im angeblich so tollen Edelitaliener „San Lorenzo“ in Wimbledon gesessen und dachte nach dem Menü: Teuer und schlecht ist eigentlich keine gute Kombination.

„Town Hall Hotel“, 8 Patriot Square, zu buchen über www.designhotels.com; „Viajante“, www.viajante.co.uk; ebenfalls gut in der Nähe (vor allem fürs Frühstück): „The Breakfast Club“, www.thebreakfastclubcafes.com

13.00 Uhr Stamford Bridge

Da der Chelsea FC zufällig spielt, fahre ich gegen eins an die Stamford Bridge und ergattere ein Ticket für ein Spiel im FA-Cup. Cup-Spiele sind nicht immer ausverkauft, man kann also Glück haben - ein Stündchen vorher aufkreuzen, bisschen verhandeln, Chelsea-Spiel ansehen. Tatsächlich: Der englische Fußball ist anders. Nicht besser, aber intensiver. Wenn Engländerinnen im Bett so emotional sind wie englische Fans, müsste man das durchaus testen. Sobald die Heimmannschaft angreift, steht die Hälfte des Stadions auf und stürmt mit. Man wird automatisch zum Fan. Roman Abramowitsch, Besitzer des Chelsea FC, steht an diesem Tag ebenfalls im Stadion. Wir sehen uns sozusagen das Spiel gemeinsam an, sind kurz auf Augenhöhe. Nach dem Spiel sind die Fronten aber wieder geklärt: Während sich Roman mit dem schlechten Trainer herumärgern muss (und ihn später entlassen wird), lasse ich mich in den Playboy Club bringen und sehe mir dort ein paar ausgesuchte Bunnys an.

Chelsea FC, Termine 2012: www.chelseafc.com

20.00 Uhr Playboy Club

Es ist ein lauer Abend, als ich mit polierten Schuhen gegen 20 Uhr die Tür des Playboy Club erreiche. Die Geschichte der Clubs: In den 60ern und 70ern traf man sich dort zum Plausch, ließ sich von adretten Damen verwöhnen und machte nebenher ein paar Geschäfte. Ab 1966 auch in London. Zur Wiedereröffnung 2011 war auch unser Chefinspekteur Hugh Hefner da, sein Sohn ist Stammgast. Ich bleibe erst einmal unten, in der Bar von Salvatore Calabrese. Salvatore ist wiederum der Mourinho des Cocktails. Wenn Sylvester Stallone ein Fest schmeißt, ruft er bei Salvatore an und fragt nach dem richtigen Getränke-Mix. Salvatore stellt mir ein paar Hostessen vor, denn als Weltreporter gehört man praktisch zur Familie. Die Mädchen haben unglaubliche Backgrounds: Sara studiert Kriminalpsychologie, Siriwan macht den Master in internationalem Marketing, Tabby ist professionelles Model, und Amber-Leigh gehört zu den 100 erotischsten Frauen im Königreich. Allerdings lehnen sie ihre Brüste derart weit aus dem Fenster, dass ich Angst habe, dass mir die Dinger gleich auf meinen Schoß kullern.

The Playboy Club, London. www.playboyclublondon.com

24.00 Uhr Hoxton Pony

Barchef Salvatore nimmt das mit der Familie sehr wörtlich und schickt mich zum Clubbing zu seinem Sohn, der ein Clubbetreiber im Osten Londons ist. Sein Laden mit Namen „Hoxton Pony“ soll am Wochenende brennen, Celebrities stürzen sich allwöchentlich in seinen VIP-Bereich. Das „Hoxton Pony“ liegt in einem unscheinbaren Geschäftshaus. Davor: eine Schlange, die von einem 20-jährigen Türsteher dirigiert wird. Er hakt Gäste auf einer Liste ab. In London hat jeder Türsteher eine Liste, ohne die wäre er kein Türsteher. Der Clou in den East-Londoner Clubs ist, dass jeder auf die Liste kommt und wer nicht draufsteht, auch reinkommt. Ich sage artig meinen Namen, und der Junge geleitet mich in den VIP-Bereich. VIP-Bereiche sind wie Fußgängerzonen, sie sehen überall gleich aus. Das Außergewöhnliche dieses VIP-Bereichs aber ist, dass ich der einzige Gast bin. Vor der Kordel feiert ganz London, dahinter ich. Nach 30 Minuten kommt der Chef, Gerry: Er hat ein weißes Blackberry am Ohr und telefoniert, gibt mir aber ein Zeichen, er sei gleich fertig. Irgendein Gefühl sagt mir, dass er nur mit sich selbst telefoniert. Sieht jedoch sehr wichtig aus so. Gerry reicht mir seine Karte, auf die sein Name gerade noch draufpasst. Größer kann man seinen Namen nicht schreiben. Wir setzen uns in die Sitzecke und reden über gute Stimmung und Frauen, bekommen aber von diesen beiden Sachen nichts mit, weil wir immer noch die Einzigen sind im VIP-Bereich. Nach zwei Stunden kommt ein Freund von Gerry dazu. Am Schluss sind wir zu dritt. Hervorragend. Ich notiere: Das „Hoxton Pony“ ist ein guter Club, man sollte nur auf keinen Fall auf der VIP-Liste stehen.

www.thehoxtonpony.com

2.00 Uhr East London

Gerrys Freund, der irgendwas mit Tickets macht, möchte mir noch den Underground-Club „Red Gallery“ zeigen, weil er dort den Chef kennt. Man denkt sofort: Bitte nicht schon wieder ein Chef, der in seinen leeren VIP-Bereich einlädt! Doch hier ist der VIP-Status schon zu Beginn ein Handicap: Während alle anderen Gäste einfach hineingehen, müssen wir draußen auf den Chef warten. Als er kommt - er nennt sich Yada und trägt eine völlig rosafarbene Strickjacke -, hat er sein Handy am Ohr. Es ist 2.13 Uhr, aber ein Chef telefoniert natürlich immer. Drinnen: vom Informatik-Nerd bis zum Szene-Art-Director alles da. Und die Damen bestätigen, was man schon lange aus East London hört: Sie sind komplett verrückt, betrunken und orientierungslos. Sieht man von ein paar Totalausfällen ab, sind ein paar von ihnen sogar sehr hübsch. Sie wollen endlich entdeckt werden und werfen sich lasziv vor meine kleine Hobbykamera. Eine heißt Erica und hat einen kroatischen Nachnamen, eine andere Joanna, was wiederum aus Ghana stammen könnte und dem Klischee entspricht, in London seien alle Ausländer. Gegen drei ziehen wir mit etwa 20 anderen Ausländern weiter in den „East Village Club“. Irgendjemand verteilt dort Sonnenbrillen, und keiner weiß danach mehr, wer er selbst ist. Aber das ist egal, denn in East London ist die Welt ein globales Dorf. Ein Dorf, in dem jeder mitfeiern darf und soll - außer die lokalen VIPs und die reichen Wolkenkratzer-Investoren.

www.redgallerylondon.com; www.eastvillageclub.co.uk

Autor und Fotograf Robert Kittel, 39, lebt in München und berichtet für Playboy regelmäßig von den aufregendsten Orten der Welt. Seinem Ziel, an jedem Flecken der Welt mindestens eine schöne Frau zu kennen, ist er in London wieder ein Stück näher gekommen.

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Robert Kittel