Herr Kittel testet die Welt: Paris

Herr Kittel testet die Welt: Paris

Politiker haben hier traditionell eine Geliebte, man reicht edles Entrecûte zu Pommes, und Türsteher sind so mächtig wie Präsidenten. Bienvenue à Paris! Unser Weltreporter hat sich in der Szene an der Seine umgesehen. Und dabei eine ganz ordentliche Figur gemacht hat - finden wir

I read the articles

Epilog: 2.00 Uhr, 2002 „Le Baron“ I

Im „Le Relais de Venise“ gibt es tatsächlich nur ein Gericht: Entrecôte mit echten belgischen Pommes, die in Pferdefett frittiert werden. An der Porte Maillot, 271 Boulevard Pereire Sud. www.relaisdevenise.com

alles anzeigen

  • Im „Le Relais de Venise“ gibt es tatsächlich nur ein Gericht: Entrecôte mit echten belgischen Pommes

    Im „Le Relais de Venise“ gibt es tatsächlich nur ein Gericht: Entrecôte mit echten belgischen Pommes

Paris, immer wieder schön. Eiffelturm, Croque Monsieur, Cafés wie bei Amélie, dünne Models auf der Straße, Lokale, in denen es nur Entrecûte und Pommes gibt. Leider wohnen aber auch viele Franzosen hier. Das letzte Mal war ich übrigens 2002 in Paris. Da hatte ich die Aufgabe, im schicken Hotel „Costes“ den Barkeeper zu fragen, ob er mir für die Nacht eine Frau organisieren kann. Konnte er natürlich, er schickte mich ins „Le Baron“, einen als Cabaret getarnten Edel-Puff. Ich habe dort Elke kennen gelernt: eine sehr unschicke Hamburgerin, sie wollte 750 Euro für eine Stunde Sex, und auf dem Tisch stand billiger Bollinger-Champagner für 350 Euro die Flasche. Immerhin hatte sich Elke irgendwann verabschiedet und Daniela aus Russland an mein Tischchen geschickt. Die war 1,85 Meter groß und toll. Wir hielten danach noch länger Kontakt. Eine perfekte Informantin. Daniela sprach über illustre Kunden, mächtige Politiker und so. Wenn ich mich recht erinnere, war einer mit einem dreistelligen Kürzel dabei, den ich damals nicht kannte: DSK. Das „Le Baron“ ist jetzt ein Club, der angesagteste von ganz Paris, aber dazu später.
 

15.00 Uhr Palast des Präsidenten

Élysée-Palast, Rue Faubourg de Saint-Honoré. „Bar 30“, Rue Boissy d’Anglais im Hotel „Sofitel“.

alles anzeigen

  • Weltstadtpanorama

    Weltstadtpanorama

DSK ist noch immer ein großes Thema in Paris. Nur: Die Franzosen sehen diesen Mann ganz anders. Ein Politiker, der kein Verhältnis hat, ist suspekt. Auch Carla Bruni passt da perfekt rein in das moderne, sexbesessene Paris. „Monogamie langweilt mich unheimlich“, sagte sie mal. Sie hat schließlich ein Kind mit Raphael Enthoven, so einem Philosophenschnösel, und bevor sie mit dem zusammen war, hatte sie mit dessen Vater eine Liaison, dem Professor Jean-Paul Enthoven. Jetzt ist es halt der Präsident, so what. Die Pariser glauben bei DSK daher eher an eine Verschwörung. Apropos Politiker: Am Nachmittag spaziere ich am Zentrum der Macht umher. Ich mag diese Präsidentenpaläste. Vor allem den Élysée-Palast, der ist hinten so schön ungesichert: Wenn man ein wenig Geduld hat, sieht man durch das Tor Sarko irgendeinen Diktator begrüßen.Um die Ecke liegt gleich die „Bar 30“, der neueste Hang-out der Pariser Modelszene, wo auch Carla ihren Latte genießt.
 

19.00 Uhr Hotel „Zebra“

Hotel „Zebra“, 3 Rue de Boulainvilliers, www.hotelsquare.com. Rotwein vom Chíteau Giscours, www.chateau-giscours.fr

alles anzeigen

  • Hotel „Zebra“

    Hotel „Zebra“

Am Abend: Dinner im Hotel „Zebra“. Nicht ganz im Zentrum, dafür sehr individuell. Der Besitzer heißt Patrick Derderian, Mitte 50, Charmeur der alten Schule. Er lädt auf der Terrasse zu einem Glas Champagner. Wie sagt der Franzose? Champagner ist die Artillerie des Vergnügens. Patrick hat drei hübsche Bedienungen im Restaurant, und der Koch zaubert noch am selben Abend das perfekte Steak. Dazu gibt’s einen 2005er Chíteau Giscours. Hammer. Ohne Witz: Nur im „Santa Brasa“ in Santiago de Chile habe ich mir einmal ein so gutes Steak in den Mund stopfen dürfen. Auch die Zimmer: alles am richtigen Platz, leichtes Design, schöne Bäder. Ab und zu hüpft sogar ein bekanntes Gesicht durch den Speisesaal, und unten im Keller lassen sich Massagen buchen. Auf jeden Fall eine der feineren Adressen von Paris.
 

21.30 Uhr Cabaret „Crazy Horse“

Der Gründer des „Crazy Horse“ heißt Alain Bernardin. Er erschoss sich in seinem Laden, da war er 78. Als er jung war, hat er mal gesagt: „Ich habe meinen Weg mit Hilfe eines Mädchens gefunden. Als sie sich vor mir auszog, wusste ich, dass ich mein Vermögen mit nackten Frauenkörpern machen werde.“ Karten ab 120 Euro. www.lecrazyhorseparis.com.

alles anzeigen

  • Cabaret „Crazy Horse“

    Cabaret „Crazy Horse“

Nach dem Essen fahre ich mit meinem Hotelpatron ins „Crazy Horse“. Neben dem „Moulin Rouge“ das bekannteste Cabaret der Stadt. Am Eingang warten schon die ersten Reisegruppen im weltweit einheitlichen Reisegruppen-Outfit. Drinnen: rote Plüschsofas mit Stehtischchen, auf denen Bollinger-Champagner bereitsteht. Ich habe Angst, dass gleich Elke aus Hamburg um die Ecke biegt. Neben mir sitzen acht 17-Jährige aus Miami Beach. Sie können es nicht fassen, wie leicht man in Europa an Alkohol und nackte Frauen kommt. Als ich ihnen meine Playboy-Karte gebe, rasten sie völlig aus und wollen ein Video mit mir drehen - das Cabaret wird zur Nebensache. Die Show ist aber gut. Im „Crazy Horse“ müssen die Damen alle gleich aussehen. Seit ein paar Jahren sind es leider keine Französinnen mehr, eher Damen aus Bulgarien, die sich ihre Intimfrisur mit Kajalstift aufmalen. Den Frauen im Saal gefällt die choreografische Darbietung, den Herren der Beleuchter, der viel Licht auf die interessanten Stellen der Mädchen schießt.
 

24.00 Uhr Restaurant „Derrière“

„Derrière“, 9, Rue des Gravilliers, www.derriere-resto.com. Das „La Trinquette“ nebenan ist auch sehr hübsch, drei Jungs betreiben es als Weinbar. Etwas jüngere Gäste als im „Derrière“. www.la-trinquette.fr. Nicht weit davon entfernt auch „Robert & Louise“, in dem man ebenfalls bestens dinieren kann. www.robertetlouise.com.

alles anzeigen

  • Das „La Trinquette“ nebenan ist auch sehr hübsch, drei Jungs betreiben es als Weinbar

    Das „La Trinquette“ nebenan ist auch sehr hübsch, drei Jungs betreiben es als Weinbar

Das Schöne am „Crazy Horse“: Es liegt um die Ecke vom „Le Baron“, dem Ex-Etablissement von DSK und jetzigen Szeneclub. Allerdings ist es jetzt noch zu früh dafür, und ich nehme ein Taxi, um ein neues Superlokal zu testen. Das „Derrière“, der Gastrotempel du jour. Wer irgendwas auf sich hält, muss ins „Derrière“. Es liegt versteckt in einer kleinen Seitenstraße im Ausgehviertel zwischen Place de la Republique und Les Halles. Man speist auf Sofas neben Tischtennisplatten, überall Kronleuchter und Kerzenschein, im Innenhof stehen alte Fahrräder und Gerümpel. Das Motto: Speisen wie zu Hause, nur mit unermesslich vielen coolen Leuten um einen herum. Sehr stylish und hip im Moment, auch die völlig übermotivierte Türsteherin mit ihrer unglaublich wichtigen Reservierungsliste. Die Macher des „Derrière“ haben auch Läden in Dubai, London und Beirut, sie sind also auch international gut aufgestellt.
 

1.00 Uhr „Le Baron“ II

alles anzeigen

  • Weltstadtclub „Le Baron“

    Weltstadtclub „Le Baron“

Um halb zwei ist es dann angebracht, ins „Le Baron“ zu ziehen. Hier gleich ein Lob an den Sohnemann von Hotelier Patrick: Johan ist ehemaliger Clubbetreiber und war am Nachmittag so freundlich, im „Le Baron“ ein paar Freunde anzurufen, die dem Türsteher sagten, am Abend treffe der wichtigste Städte- und Clubtester der westlichen Hemisphäre ein. Bac, so heißt der Türsteher des „Le Baron“, ist nämlich der wichtigste Türsteher der westlichen Hemisphäre („Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Türsteher? Mit Terroristen kann man verhandeln“). Alleine deshalb bin ich auf unser Zusammentreffen gespannt. Vor Kurzem versuchte sich Peyman Amin, dieser Fernseh-Model-Irgendwas für „ProSieben“, als Städtetester in Paris. Als er mit so einer blonden Giraffe ins „Le Baron“ reinwollte, meinte Bac nur, er habe ihn noch nie gesehen, und er solle wieder gehen. Ich stehe also vor Bac, der aussieht wie James Brown, nur etwa 30 Zentimeter größer und breiter, also so eine Art AMG-James Brown. Bac bewegt sich keinen Zentimeter, spricht nichts, sieht nicht einmal zu mir hinüber. Ich gebe einem anderen Türmann die Karte von Johan, der gibt sie Bac, und der macht eine leichte Handbewegung, ich solle um die Kordel herumgehen. Als ich ihm per Handschlag danken will, merke ich noch rechtzeitig, dass er das noch weniger mag als Reden.
 

3.00 Uhr „Le Baron“ III

alles anzeigen

Drinnen: viele Hipster, wenig Platz. Die Cabaret-Bühne von damals ist jetzt die Tanzfläche. Musik: schöne Mixtur aus zwei verschiedenen Zeiten - jene, in der Michael Jackson noch schwarz war, und die, in der er tot ist (also jetzt). Ich nehme auf dem roten Clubtestersofa Platz, trinke Marx Totem und verliebe mich - wie vor neun Jahren - erneut in diesem Laden. Eine Blondine an der Bar ist das erste Mädchen auf meinen Reisen, das mich deutlich vom Hocker (oder in diesem Fall dem Plüschsofa) reißt. Sie sieht aus wie die schlanke Version von Marilyn Monroe, hat aber einen stolzeren Gang als das Original. Allerdings traue ich mich nicht, sie anzusprechen. Sie ist zu hübsch, trägt noch nicht mal einen BH. Als ich gegen vier mit ein paar Einheimischen draußen vor dem Eingang über DSK diskutiere, taucht sie wie aus dem Nichts auf, zündet sich direkt neben uns eine Zigarette an, und wir können in Ruhe plaudern. Louise ist eigentlich Barkeeperin im „Le Tigre Club“, den man (wegen Louise) auch empfehlen kann. Louise ist jetzt meine beste Freundin. Wir schreiben uns Mails, und sie postet Fotos aus ihrem Urlaub. Wir leben zusammen in einer Welt aus Einsen und Nullen. Absolut schön - wie Paris.

Autor und Fotograf Robert Kittel, 38, ...

alles anzeigen

... lebt in München und berichtet für Playboy regelmäßig von den aufregendsten Orten der Welt. Seinem Ziel, an jedem Flecken der Welt mindestens eine schöne Frau zu kennen, ist er in Paris wieder ein Stück näher gekommen.

Robert Kittel