Herr Kittel testet die Welt: Shanghai

Herr Kittel testet die Welt: Shanghai

Der Wahnsinn der Vertikalen: Unser Weltreporter hat sich in den Dschungel der chinesischen Supermetropole Shanghai gestürzt. Und dabei viele Mädchen mit Blumennamen, schicke Bars im Himmel und bemerkenswert wenig China entdeckt

I read the articles
Je höher, desto Shanghai
  • Das wichtigste Verkehrsmittel der Bürger hier heißt weder Auto noch Fahrrad - es ist der Aufzug

10.00 Uhr . Die Stadt

Ich bin mit British Airways über London geflogen - in der neuen Comfort-Class. Kann man sogar empfehlen. Preise: ab ca. 800 Euro; www.britishairways.com

alles anzeigen

  • Billigreisen: Taxifahren kostet in Shanghai fast nichts

    Billigreisen: Taxifahren kostet in Shanghai fast nichts

Normalerweise müsste man sofort den Beruf wechseln: Bauunternehmer werden zum Beispiel. Dann wäre man ein gemachter Mann in Shanghai. An jeder Ecke wird hier gebaut, eine Riesenhütte nach der anderen. Die Menschen in Shanghai bewohnen eine Fläche, die der Entfernung Hamburg-Bremen gleicht, da ist genug Potenzial. Die vielen Hochhäuser mit den kleinen Parks dazwischen sehen an diesem Vormittag aus wie Lego-Steine im Gewächshaus. Bei meiner Ankunft liegt ein nasser Dunst über der Stadt. Man hat das Gefühl, der Jangtse fließe durch den Himmel. Ich wohne im brandneuen „Kerry Hotel“ im Osten von Pudong, dem Bezirk, in dem vor 20 Jahren nur Wiesen lagen. Pudong hat jetzt mehr Einwohner als Hamburg, München und Berlin zusammen. Insgesamt leben in Shanghai 20 Millionen, aber man sieht nicht viele von ihnen. Ihr Leben findet in klimatisierten Hochhäusern statt. Die Welt von Pudong ist vertikal. Man wohnt 20 Meter horizontal, aber 100 Meter vertikal auseinander. Wenn man sich trifft, fährt man mit dem Aufzug nach unten, spaziert über die Straße und rauscht im nächsten Hochhaus wieder nach oben. Früher war das Fahrrad das Verkehrsmittel Shanghais, heute ist es der Aufzug. Die Stadt ist ein dampfendes Gitter aus Beton, Stahl und Glas.
 

18.00 Uhr . Das „Kerry Hotel“

Kerry Hotels ist eine neue Marke von Shangri-La, Top-Standard. In meinem Haus zum Beispiel war ein 2000 Quadratmeter großes Fit ness-Studio. Absolut zu empfehlen für einen entspannten Besuch; www. shangri-la.com

alles anzeigen

  • Geradlinig gestylt: Im „Kerry-Hotel“ legt man Wert auf strenges Design - und auf Freundlichkeit

    Geradlinig gestylt: Im „Kerry-Hotel“ legt man Wert auf strenges Design - und auf Freundlichkeit

Im Hotel lerne ich Cookie und Herrn Unger kennen. Cookie ist 18, sieht aber aus wie zwölf und begrüßt die Gäste im stylishen „Meet“-Lokal. Herr Unger ist der Chefkoch im „Meet“ und Deutscher. Er hat früher Schwaben in der „Sonne“ in Heilbronn verwöhnt, dann Scheichs in Kuwait und jetzt eben Chinesen in Shanghai. Meine Frage des Tages lautet: „Was isst der Shanghaier, Herr Unger?“ Der Koch antwortet, Shanghai sei irrsinnig international, mehr sogar als der Frankfurter Flughafen, internationaler gehe es praktisch gar nicht. Man denkt ja immer: China = Schweinefleisch süß-sauer, pappiger Reis und eine beheizte Platte in der Mitte des Tischs. „Pustekuchen“, sagt Unger. Auch den viel zitierten Hund gebe es nur selten und wenn, dann im Winter, denn Hundefleisch wärme den Körper. Im Sommer isst der Shanghaier Steak, australisches Tomahawk vom Wagyu-Rind zum Beispiel. Das Wagyu-Rind ist eine japanische Wellness-Kuh. Sie lässt sich jeden Tag die Muskeln massieren, damit das Fleisch zarter schmeckt. Dazu serviert Herr Unger keinen Tee, sondern im Haus gebrautes Bier in sechs Variationen. Allerdings ist im chinesischen Weißbier Koriander drin, deshalb schmeckt es wie Kräutertee mit Hopfen. Das „Kerry Hotel“ ist aber sehr fein. Das Haus gehört zur Shangri-La-Gruppe, der wahrscheinlich freundlichsten Hotelgruppe der Welt mit den hübschesten Empfangsdamen.
 

21.00 Uhr . Die Bars

„Cloud9“ im „Hyatt-Hotel“, Pudong. „Jade Bar“ im „Shangri-La“, Pudong. Auch sehr zu empfehlen ist die Rooftop-Bar des neuen House of Roosevelt“, gegründet von Teddys Enkel Tweed Roosevelt. Unten im Haus residiert der größte Rolex-Laden der Welt, oben gibt’s die exklusivste Weinauswahl von ganz China und einen Hammerblick auf die Skyline. www.rooseveltchina.com

alles anzeigen

  • Lustige Drinks: Weißbier mit Koriander aus dem Schnapsglas

    Lustige Drinks: Weißbier mit Koriander aus dem Schnapsglas

Nach dem Dinner nehme ich ein Taxi zur „Jade-Bar“. Sie liegt im 36. Stock des schicken „Shangri-La-Hotels“ und mitten im polierten Skyscraper-Gebiet von Pudong. Jedes Hotel hat hier um die 200 Zimmer und mindestens 500 Flachbildfernseher. In der kosmopolitischen Bar treffe ich Riri und Bea. Riri sieht ein bisschen aus wie Charlie Brown. Ihr Kopf ist riesig und rund wie eine Melone. Bea dagegen hat eine sehr europäische Nase, was daran liegt, dass ihr Vater aus Bremen stammt, was wiederum den Vorteil hat, dass sie meine Sprache spricht. Die beiden Damen wollen mir Shanghais hippes Nachtleben zeigen und führen mich nach einem Drink gleich in die nächste Butze, die Rooftop-Bar „Cloud9“ - 87 Stockwerke über dem Erdboden. Rooftop-Bars sind der letzte Schrei in Shanghai. Die Augen werden in diesen Bars zu Weitwinkelobjektiven. Man sieht das ganze Ausmaß dieser verrückten City mit einem Blick. Selbst die Bar wirkt wie eine eigene Stadt. Überall Hostessen, Marmor, Glas, frische Blumen. Shanghai ist ein Logistikwunder. Man sieht keine Arbeiter. Die Gäste: so international wie von Herrn Unger gewünscht. Manche Damen im „Cloud9“ aber sehen aus wie professionelle Escort-Damen. Sie haben flache Pos, tragen schwarze Chiffon-Kleider, High Heels und hängen an ihren Begleitern wie Chihuahuas. Die Mädchen spielen auch im offenen China die Rolle der devoten Dienerin. In vielen Wellness-Bereichen werden auf Wunsch noch immer Massagen mit „Happy End“ angeboten. Angeblich gehört das volle Programm zum Standard.
 

23.00 Uhr . Der Bund

„Shiva Bar“, 47 Yongfu Lu. Aktuelle Partys und die komplette Liste der besten Bars unter www.smartshanghai.com

alles anzeigen

  • Gute Laune, gute Küche: unser Koch, Herr Unger, und Cookie

    Gute Laune, gute Küche: unser Koch, Herr Unger, und Cookie

Vom „Cloud9“ zur nächsten Bar sind es 450 Meter vertikal und fünf Kilometer horizontal. Ein gebrechliches Taxi bringt uns mit 120 Sachen durch einen Tunnel in die Altstadt. Selbst eine Taxifahrt ans andere Ende der Stadt würde nur den Preis eines Taschenbuchs kosten. Die Mädels behaupten, an diesem Abend finde eine echte Insider-Party am „Bund“ statt. Der „Bund“ ist das Tor zum traditionellen Shanghai. Alte Häuser in englisch angehauchtem Kolonialstil. Ein Aufzug bringt uns zur „Shiva-Bar“. Drinnen: lauter schöne Menschen in bunten Klamotten, wenig Chinesen und zwei Terrassen mit Blick auf die Skyline von Pudong. Wahnsinn. Man denkt, die Welt ist jetzt ein monumentales Computerspiel. Überall leuchten Hochhäuser. Davor schlängelt sich ein riesiger Fluss mit Containerschiffen. Die anwesenden Chinesinnen sind auch hier sehr an westlichen Männern interessiert. Sie vermuten, die großen Businessmänner könnten ihr Leben tunen wie Brabus einen BMW. Allerdings sehe ich nicht aus wie ein reicher Businessmann, und meine Versuche, mit anderen lokalen Damen Kontakt aufzunehmen, scheitern mies. In China ist ein Weltreporter nur ein ganz normaler Statist.
 

2.00 Uhr „Das Shelter“

„Shelter“, 51 Yongfu Road. Auch die Bars um die Ecke sind alle gut.

alles anzeigen

  • Lucky Tian und Lotosblüte: Die Mädels tragen Fantasienamen und sind ansonsten auch sehr nett zu Ausländern - wenn die wie Businessleute aussehen

    Lucky Tian und Lotosblüte: Die Mädels tragen Fantasienamen und sind ansonsten auch sehr nett zu Ausländern - wenn die wie Businessleute aussehen

Bea drängt darauf weiterzuziehen, und so landen wir spätnachts im Franzosen-Viertel. Die Luft ist noch immer schwül, die Häuser aber sind jetzt so niedrig wie in Marburg. Auf den Straßen sitzen Menschen auf Bürgersteigen. Der Luxus parkt hier neben dem Slum. Vor dem Club grillt ein Mann Essen am Spieß, es gibt Hund, Fisch, Tartar. Das erste typisch chinesische Bild. Neben zwei sehr hübschen Bars geht es runter in einen Keller, einen Bunker in Grau. Das Ding heißt „Shelter“ und erinnert ein wenig an den legendären „Tresor“ in Berlin. Schummriges Licht, die Wände voller Plakate, alle tanzen. Die Barkeeperin ist so voller Drogen, dass sie während der Bestellung wegnickt. Die Gäste: alle zwischen 20 und 45. Drei betrunkene Chinesinnen stupsen mich an, sie finden es unglaublich, dass ich so groß bin. Ich spendiere ihnen kaltes Tiger-Beer. Als ich ihre Namen wissen will, wird es lustig. Die eine nennt sich Lotusblüte, die andere Black Rain wie der Film mit Michael Douglas. Chinesinnen geben sich für uns Ausländer Fantasienamen, ihre eigenen klingen alle gleich. Selbst der Name des Bürgermeisters klingt wie der chinesische Aktienindex (Han Zheng). Im Untergrund von Shanghai kocht eine andere Stimmung als in den Hochhäusern. Es ist ein völlig anderes China, weit weg vom Pekinger Machtapparat und auch vom polierten Schein der Luxushotels.
 

3.00 Uhr Die Karaoke-Bar

Karaoke-Bar Cashbox KTV, www.cashboxparty.com, mehrere Locations

alles anzeigen

  • Shanghaier Nächte sind zeitlos: Sängerin in der klassischen Karaoke-Bar

    Shanghaier Nächte sind zeitlos: Sängerin in der klassischen Karaoke-Bar

Lotusblüte möchte mir unbedingt noch die asiatischste aller Nachtclubkulturen vorstellen: die Karaoke-Bar. Dort bin ich auch der einzige wirkliche Ausländer. In dieser Karaoke-Bar wird nicht nur gesungen, sondern gewürfelt. Das Spiel ist sehr einfach, es ist ein chinesisches „Mäxchen“, und nach jedem Spiel trinkt man sich ein Stück weiter in Richtung Koma, was bei Lotusblüte schnell eintritt (ehrlich gesagt auch bei den anderen Gästen). Aber für Touristen wie mich steht sofort eine neue Hostess zur Verfügung. Sie nennt sich Rose und spielt gegen mich oder für mich, neben mir, über und unter mir. Sie würde auch die ganze Zeit nackt einen Handstand machen, wenn ich das wollte. Ich muss sie nur einladen und ihr 200 Euro Trinkgeld zustecken. Ich mag es, wenn man Menschen für Geld nett findet. Da sind die Fronten gleich geklärt. Irgendwann morgens gegen fünf spielt der DJ ein Lied, das jeder zu kennen scheint (außer mir). Alle nehmen sich bei der Hand, singen und schunkeln, als wären sie eine große Familie. Danach sinken sie sich alle die Arme und freuen sich, dass die harten Regeln des chinesischen Regimes wohl an vielen Orten gelten - am wenigsten aber in der Karaoke-Bar von Shanghai.
 

Autor und Fotograf Robert Kittel, 38, ...

alles anzeigen

... lebt in München und berichtet für Playboy regelmäßig von den aufregendsten Orten der Welt. Seinem Ziel, an jedem Flecken der Welt mindestens eine schöne Frau zu kennen, ist er in Paris wieder ein Stück näher gekommen.

Robert Kittel