Edoardo Mortara: unser Mann in der DTM

Spitzname Terminator

Er ist eine Mischung aus Stuntman und Aktienbroker, bekennender Spätbremser und einer der talentiertesten jungen Fahrer der DTM. Edoardo Mortara ist, kurz gesagt: genau der richtige Mann für den Playboy-Audi

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Unser Mann in der DTM

Racing ist Arbeit – Freunde sind da nicht gut

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  • Edoardo Mortara: Der Youngster wurde 1987 in der Schweiz geboren, hat einen italienischen und einen französischen Pass und startet unter italienischer Lizenz. Weit unkomplizierter liest sich seine Rennkarriere: Über die Formel 3 und die GP2 kam er in die DTM, wo er seit 2011 für das Audi-Team Rosberg fährt

    Edoardo Mortara: Der Youngster wurde 1987 in der Schweiz geboren, hat einen italienischen und einen französischen Pass und startet unter italienischer Lizenz. Weit unkomplizierter liest sich seine Rennkarriere: Über die Formel 3 und die GP2 kam er in die DTM, wo er seit 2011 für das Audi-Team Rosberg fährt

Wie einen Rennfahrer finden, wenn er keine Startnummer trägt, mitten im Kommen und Gehen einer riesigen Lobby? Edo wird so beschrieben: jungenhaft, asketisch, Kurzhaarschnitt. Davon gibt es ein paar Dutzend an diesem Flughafen-Morgen. Aber nur bei einem steht auf dem Kapuzenpulli: „Demolition Union“. Na, wenn das nicht nach Rennfahrer klingt, vielleicht ist das ja sogar ein Programm für die neue DTM-Saison. Und er ist es tatsächlich. Edoardo Mortara erhebt sich etwas verlegen, deutet eine leichte Verbeugung an, wartet höflich, bis der andere sich gesetzt hat. Wir ahnen: So einer ist auch fähig, zu Hause in Genf unbeschadet ein altes Mütterchen über die Straße zu führen.
Das Klischee scheint nicht ganz mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. „Demolition“ (zu Deutsch: Zerstörung) – das hat bloß der Modedesigner draufdrucken lassen. Alles ganz harmlos also. Wer Edoardo Mortara im Internet aufsucht, statt ihn von Angesicht zu Angesicht zu treffen, gewinnt einen anderen Eindruck. Die Ansprache der Besucher seiner Website ist eher martialisch: „Niemals aufgeben!“, steht da. Sein Slogan. Und wer ihn googelt, sieht, dass die meisten Suchanfragen nach dem DTM-Piloten Edoardo Mortara in Zusammenhang mit dem Wort Freundin gestellt werden: Harter Kerl und echter Frauentyp, denkt man – genau der Richtige also, um in diesem Jahr mit dem neuen Renn-Audi in Playboy-Farben unterwegs zu sein. Playboy, Pools, pralles Privatprogramm – genau so stellt man sich sein Leben vor, und so ähnlich wird es auch der Rennfahrerfilm „Rush“ im Herbst auf die Kinoleinwand bringen. Es lebe James Hunt!
Doch Edo lebt anders. Lieber anders. Sehr anders. Aber sicher nicht schlechter: tief drin im BWL-Studium, fünf Sprachen, keine Lust auf Strandurlaub. Schon nach ein paar knappen Sätzen wird deutlich, dass die Klischees alle nicht stimmen. Der 25-Jährige hat einen klaren Kopf, er wirkt in Reden und Tun wie eine Mischung aus Stuntman und Aktienbroker. Nur netter, irgendwie. Mit der Technik zum Beispiel hat dieser Edo nur genau so viel am Hut, wie er muss. Er verlässt sich mehr aufs Fahrgefühl und verteidigt damit die Ehre der Piloten: „Wichtig bei der Abstimmung der Rennwagen sind auch die emotionalen Daten, die kann kein Computer liefern. Ich weiß, wie sich das Auto benimmt“, sagt er – was für diese Saison ganz besonders gilt: Er fährt einen brandneuen Audi, und mit BMW kommt ein neuer, großer Gegner. Es ist diese Flucht ins immer wieder Unbekannte, die Mortara liebt an seinem Sport. Die innere Unruhe ist ihm anzumerken, schon wenn er nur übers Rennfahren redet.
Den Ritterschlag hat er sich auf jener Rennstrecke geholt, gegen die selbst Spa-Francorchamps wie eine Gokart-Bahn wirkt: Am Ende jedes Jahres treffen sich die weltweit besten Fahrer der Nachwuchsformeln im asiatischen Spielerparadies Macau, jagen wie irre die engen und steilen Straßen hoch. Kein Raum für Fehler. Wer hier gewinnt, steht in den Notizbüchern der Talentspäher. Senna und Schumacher haben sich einmal in die Siegerliste eingetragen, Mortara zweimal, 2009 und 2010.
Um die schwierige Piste zu meistern, braucht man das fahrerische Selbstvertrauen von Edo, das von Adrenalin, Talent und Coolness gespeist wird. Der Mann ist ein erklärter Spätbremser. Den Umstieg von den Rennwagen mit den freistehenden Rädern in den Tourenwagen hat er im Audi-Team Rosberg schnell hinbekommen. Platz neun in der Gesamtwertung, zweimal Dritter, Rookie des Jahres. „Ich musste mich nur dran gewöhnen, dass ich im Rennen jetzt ein Dach über mir habe. Und dass man nach hinten praktisch nichts sieht.“ Als ob er sonst übermäßig Gebrauch vom Rückspiegel machen würde.
Er weiß, dass das Niveau in der DTM hoch ist, dass selbst Champions Jahre bis zum ersten Erfolg brauchten. Erfahrungssache also, aber das entmutigt ihn nicht. „Eigentlich wird das Gleiche gefordert wie in der Formel 1“, sagt er. Den aus Talent, Intelligenz, Motivation bestehenden Dreisatz der Grand-Prix-Fahrer hat er sich zu eigen gemacht. Und er fügt gleich an, dass er Motorsport nie nur deshalb angefangen habe, um in die Formel 1 zu kommen. Das zuzugeben, wagen wenige Fahrer. Mortara lacht: „Was mache ich, wenn ich nur dieses Ziel habe, aber es nicht dorthin schaffe? Dann wäre mein Leben doch vorbei.“
Für den Sohn eines Italieners und einer Französin fängt alles gerade erst richtig an. Er ist hungrig und gilt auf der Strecke als purer Angreifer. „Ja, ich pflege einen aggressiven Fahrstil, ich lasse den A5 richtig rutschen“, sagt er und verrät seinen Spitznamen im Fahrerlager: „Man nennt mich den Terminator.“ Ein Crash-Kid aber ist er nicht: „Damit beschädigst du nur das Auto, deine Chancen, dein Image. Und das kriegst du irgendwann alles zurück.“ Er will einfach immer nur herausfinden, was möglich ist. „Alles rausholen aus dem Auto und aus mir, das ist der Sinn des Rennsports. Und natürlich muss man auf der Strecke Egoist sein.“ Das klingt eins zu eins nach Sebastian-Vettel-Philosophie.
Mortara hat damit kein Problem. Er ist ein mentaler Einzelgänger. Freundschaften in der DTM zum Beispiel, gerade im eigenen Team, schließen sich für ihn aus: „Racing ist Arbeit. Freunde sind da nicht gut.“ Das hat er schon mit sieben Jahren gelernt, als die Grundausbildung im Gokart begann. Auf ein Lächeln der Konkurrenten gibt er nichts. Und was wäre das wohl für eine Freundschaft, bei der er immer fürchten muss, einen Dolch in den Rücken zu bekommen?
Privat entschleunigt der Berufsraser gewaltig, ist eher auf dem Scooter als mit seinem Ingolstädter Dienstwagen unterwegs. Coolness trainiert er mit Kampfsport: „Da kommt es auch auf Präzision an, nicht in Panik zu geraten, deinen Ängsten zu begegnen und sie zu besiegen.“ Die wichtigste Fähigkeit aber sei es, im richtigen Moment von Zurückhaltung auf Attacke umschalten zu können. Das Schnellschaltgetriebe im Inneren des Rennfahrers. Jeder Überholvorgang, sagt Edoardo Mortara, sei wie eine kleine Herzattacke.
 

Der Audi A5 DTM von Edoardo Mortara

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Der 8-Zylinder-V-Saugmotor pumpt dem Boliden 460 PS in den Leib, das Drehmoment liegt bei 500 Nm. Die Gänge wechselt Mortara übrigens per Wippen am Lenkrad. Wie alle DTM-Wagen 2012 ist der A5 mit einem großen Standard-Heckflügel ausgestattet. Der sorgt für einen aerodynamischen Abtrieb von bis zu 400 Kilogramm. Die Reifen von DTM-Alleinlieferant Hankook sind in dieser Saison mit vorn 30 cm und hinten 32 cm etwas breiter als früher. Das sorgt für mehr Grip auf dem Asphalt. Die Karosserie besteht aus dem Faserverbundstoff CFK, die Scheiben aus Polycarbonat. Vorn, hinten und seitlich sind sechs „Crash-Absorber“ angebracht. Der Wagen wiegt insgesamt (mit Fahrer) 1100 Kilo. Die Sicherheitszelle („Monocoque“) für den Fahrer im Wagen-inneren gehört wie die Bremsen zu den Einheitsbauteilen, die laut Reglement für alle DTM-Wagen verwendet werden müssen. Jeder DTM-Wagen basiert auf etwa 50 Einheitsbauteilen.
  • Audi A5 DTM von Edoardo Mortara

    Audi A5 DTM von Edoardo Mortara

 

Elmar Brümmer