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Air-Race vs. Scirocco . Training für den Teufelskerl

Unser Autor steigt in einen Rennwagen und in ein Rennflugzeug, um die Frage zu beantworten: Warum leben manche Menschen immer auf der Überholspur?

 

Stefan Maurer Playboy.de-Autor Stefan Maurer: Rennwagen gegen Rennflugzeug im Selbstversuch
Mit einem Red-Bull-Air-Race-Piloten fliegen und anschließend noch, nur zum Vergleich, mit Tourenwagen-Fahrer Peter Terting um den Lausitzring rasen – das hört sich nach einem Tag für echte Männer an. Ein Tag, an dem man nicht nur ein paar Motorsport-Abenteuer kennen lernt. Sondern auch sich selbst.

Schon auf dem Hinflug – Linienflug – stellt sich zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl ein. Nicht etwa, weil es Turbulenzen gäbe. Es sind nur diese Gedanken an den anstehenden Flug mit diesen Air-Race-Verrückten, die ich bisher allenfalls aus dem Fernsehen kannte. Und jedes Mal, wenn ich sie sah, kam mir dieselbe Frage: Warum tun Menschen sich so etwas an? Knapp 400 km/h, keine Auslaufzonen, kein Monocoque wie in der Formel 1, und dazu Belastungen bis zu acht G, dem Achtfachen des eigenen Körpergewichts. An diesem Tag würde ich es mir selber antun. Heute musste ich die Warum-Frage klären.

Ein Shuttle bringt mich zu einem Flugplatz in der Nähe des Lausitzrings, über dem an diesem Wochenende das Red Bull Air Race geflogen wird. Das härteste Luftrennen der weltbesten Piloten. 15 Teufelskerle treten an. Und einer wird mit mir heute, ein paar Tage vor dem Rennen, durch den Kurs aus luftgefüllten Pylonen düsen. Ein Brötchen mit etwas Butter nehme ich noch zu mir, weil mir gesagt wurde, es sei nicht gut, mit leerem Magen zu fliegen. Der Shuttle surrt durchs brandenburgische Nirgendwo, und ich tröste mich mit dem Gedanken, zur Belohnung für meinen fliegerischen Mut anschließend – falls wir heil runterkommen –, mit Tourenwagen-Fahrer Peter Terting in dessen VW Scirocco GT 24 über die Rennstrecke brettern zu dürfen. Autofahren kann ich schließlich auch, da wird mir schon keiner über Gebühr Respekt abnötigen.

So denke ich noch, als mich eine junge Dame am Flugplatz empfängt und zum Medizincheck geleitet. Natürlich bin ich fit wie ein Apfel – aber dann zeigen sie mir ein Einführungsvideo: Sergi, meinen spanischen Piloten, lerne ich darin kennen. Sein Humor ist eher von der britischen Sorte. „Raus hier, raus hier, raus hier! Wenn ich das schreie, werde ich aus dem Flugzeug springen. Was Sie machen, ist mir egal. Aber ich an ihrer Stelle würde dann auch springen“, erklärt er. Wenn das so einfach wäre: zuerst den Helm abstöpseln, die Sicherheitsgurte lösen, auf den Sitz steigen und nach links aus dem Flieger hüpfen. „Die Chance, dass sie vom Flugzeug getroffen werden, ist dann geringer“, fügt der untersetzte Mittvierziger hinzu. Springen? Müsste ich nicht einen Kurs machen, bevor ich zum Fallschirmspringer werde? Ich verkneife mir die Frage.

Dann geht es los. Ich werde in einen feuerfesten Rennanzug gepresst, suche mir einen passenden Helm aus und gehe mit betont festem Schritt zu der winzigen Propellermaschine auf dem Flugfeld. Sergi begrüßt mich auf dem Weg, er macht noch eine kurze Pause, bevor wir starten. Es wird sein vierter Flug heute. Die Air-Race-Maschine ist so umgebaut, dass zwei Personen hintereinander Platz nehmen können. Der Chauffeur sitzt hinten. Ich steige ein, und ein Assistent schnallt mich fest. Sehr fest. Bewegen: Fehlanzeige. Tief Luft holen: unmöglich.

Sergi tritt neben den Flieger und erklärt mir noch einmal, was beim Abspringen zu beachten ist. Da wir über bewaldetem Gebiet fliegen, würde ich im Falle eines Falles in einen Baum krachen, erklärt er und ergänzt, dass dies kein Problem sei, solange es vorwärts geschehe und ich sehen könne, was passiert. Ich entlocke mir ein kleines Lächeln. Die Kotztüte rechts von mir nehme ich noch vor dem Start in die Hand und lausche dem Funkverkehr mit dem Tower: „Ready for take off.“ Wir beschleunigen, es hoppelt gewaltig, und dann heben wir ab. Sergi lässt es ruhig angehen, kündigt eine Passage durch Pylonen und danach eine Rechtskurve an. Eine enge Rechtskurve. Fühlt sich nicht schlecht an. Die Schaukelbewegungen und das plötzliche Querstellen des Flugzeugs – gehen ebefalls noch. Aber der Höhenmesser vor mir zeigt gerade einmal zehn Meter an, der Tacho hingegen 290 km/h. Hat man sich nach einigen Minuten auch daran gewöhnt, sieht man’s plötzlich sportlich – und es fängt an, Spaß zu machen. Die Angst ist weg! Ich Teufelskerl! Ich vertraue Sergi. Links, rechts, rauf, runter – alles geht wahnsinnig schnell. In der kleinen Maschine spürt man jede Bewegung, jedes Ruckeln, jedes Zuckeln. Eine Massage.

Rennwagen gegen Rennflugzeug Rennwagen vs. Rennflugzeug: Air-Race-Maschine in der Luft. VW Scirocco auf der Piste
Doch wer sich entspannt, macht Fehler. Und das ist in einer Air-Race-Maschine nicht ratsam. Meiner besteht darin, dass ich erwähne, dass mir jetzt, wo alles so prima läuft, doch etwas flau im Magen sei. Andernfalls hätte ich es vermutlich gar nicht gespürt. Wie auch immer – der Pilot nimmt mein Wehwehchen zum Anlass, das Tempo etwas zu drosseln. Und – leider, leider – diesen tollen Luftritt abzukürzen. Dabei bin ich weit davon entfernt, die Tüte zu benutzen. Ein kleines Highlight bietet mir Sergi also doch noch: einen Looping. Mein Kopf wird nach hinten gedrückt, durch meinen Bauch scheint ein Heer von Ameisen zu krabbeln, der Horizont kippt aus meinem Blickfeld, und das Atmen fällt schwerer. Der Druck ist nicht zu leugnen. Die G-Kräfte wirken. Jetzt ist es Kraftsport. Ein Sport, den ich durchaus draufhaben könnte. Ein geiles Gefühl aus Erfolgsrausch und Adrenalin. Doch gleich nach diesem Höhepunkt – landen wir schon.

„Ihr seit ja auf dem Kopf geflogen!“ sagen die Zuschauer. „Sie sehen ja erstaunlich gut aus“, sagt die freundliche Dame, die mich am Flugplatz empfangen hatte. Als ich mich verschwitzt aus dem heißen Cockpit schäle, weiß ich: Meine Grenzen liegen höher. Mein Magen und ich, wir hätten viel mehr ertragen. Ich bin glücklich, aber unzufrieden. Denn ich würde sofort wieder einsteigen, um mitzufliegen. Und darf nicht. Dafür aber ist die wichtigste Frage dieses Tages eindeutig geklärt: die Warum-Frage. Warum Menschen sich so etwas antun? Weil es geil ist. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Der Fahrt im Scirocco sehe ich entsprechend gelassen entgegen. So rauschhaft, Mut und Kraft fordernd kann sie gar nicht werden. Denke ich jedenfalls. Dabei hätte es mir mehr zu denken geben sollen, dass ich mein Outfit gar nicht wechseln soll: feuerfester Anzug und Helm. Ich steige neben Peter Terting in den VW Scirocco GT 24. Von außen eine Respekt einflößende Kraft-Schleuder, von innen kahl, funktional, schnörkellos, übersichtlich. This is a man’s car! Dieses Mal werde ich nicht ganz so brutal in den Sitz geschnallt. Dafür gibt Peter Terting sofort Gas. In der ersten Kurve nach Start und Ziel driften wir, immer schneller werdend, nach außen. Die Kurve öffnet sich, und die Tachonadel klettert unerbittlich weiter. Über 250 km/h fahren wir am Kurvenausgang – das allein ist nicht beängstigend. Wohl aber die Tatsache, dass zwischen Auto und Betonmauer nicht mehr als zehn Zentimeter Luft sind.

Peter Terting kennt kein Erbarmen, er gibt Vollgas, holt alles aus dem Wagen heraus. Und in mir reift die Erkenntnis, dass ich wohl doch kein überdurchschnittlicher Fahrer sein kann. Da ist noch Luft nach oben. Mitten in diesen Gedanken hinein macht Peter Terting ein Bremsmanöver, dass sich mein Oberkörper trotz der Gurte weit nach vorne neigt, mein Kopf fliegt hinterher. Wow, das nenne ich mal bremsen! Einlenken, kurz aufs Gas, wieder bremsen, wieder einlenken – und dann mit Vollgas aus der Schikane heraus. Die folgende Kurve nehmen wir mit Topspeed. Sie hängt leicht nach innen, die Hinterreifen quietschen. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Höchste Anstrengung, höchste Konzentration, ein Rausch in völliger Klarheit. Das Spiel wiederholt sich an der nächsten Kurve. Wieder küsst mein Helm fast die spärlichen Armaturen, wieder werde ich von der Beschleunigung in den Sitz gedrückt. In der letzten engen Kurve driften wir, der hintere Teil des Wagens überholt uns fast, doch Peter Terting fängt das Auto ein und bringt uns auf die zweite Runde. Und mir kommt noch eine zweite, wichtige Erkenntnis dieses Tages: Mir wird klar, warum Tourenwagen- und Formel1-Piloten nur aus Muskeln bestehen. Es ist echter, harter Hochleistungssport. Beim Aussteigen kurze Zeit später denke ich aber auch: Nur Fliegen ist schöner.

Stefan Maurer ]

 
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