Audi S7 vs. BMW 6er Gran Coupe

Das Bayern-Derby

Großer Hintern, kleiner Hintern? Geschmackssache. Optisch trennen den Audi S7 und das BMW 6er Gran Coupé Welten. Doch beide haben ein großes Herz: einen wunderbaren Achtzylinder

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Duell der Oberklasse-Coupés

Audi S7 gegen BMW 6er Gran Coupé

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Einer fängt an, und die anderen machen’s nach. So läuft das oft. Auch in der Autobranche. Als Mercedes 2004 mit dem CLS das viertürige Coupé „erfand“, zogen alle anderen nach. Porsche verkauft den Panamera mittlerweile wie geschnitten Brot, VW gab sich mit dem CC einen Image-Boost. Mercedes selbst zeigte vor wenigen Wochen auf der Automesse in Peking eine scharfe Studie, die nächstes Jahr unter dem Namen CLA als Mini-Coupé verkauft werden soll.
In der Oberliga lassen wir zwei neue Beaus aus Bayern gegeneinander antreten: Audis S7 Sportback und BMWs 650i Gran Coupé. Während der Audi-Dandy schon seit knapp zwei Jahren verkauft wird und jetzt (endlich) mit einem feinen Achtzylinder bestückt wurde, ist das Gran Coupé ein brandneues Derivat der 6er-Baureihe. Must-Have-Faktor: 10.
BMW-Chefdesigner Adrian van Hooydonk versteht sein Handwerk. Großer Radstand, lange Haube, kurze Überhänge, geduckte Dachlinie, zurückgesetztes Greenhouse, dazu ein paar dezente Muskeln an den richtigen Stellen - so müssen große Coupés aussehen. Kein Blickwinkel, aus dem der mehr als fünf Meter lange BMW irgendwie unproportioniert wirkte. Viel schicker lässt es sich derzeit in dieser Klasse kaum vorfahren.
Das sieht man bei Audi natürlich anders. Aber die Baureihe A7 polarisiert stärker. Ein abgeschnittener Hintern, neudeutsch „Sportback“, ist in diesem Segment nicht jedermanns Sache. Laut Audi weckt es Erinnerungen an das Coupé der Ingolstädter, das ab 1970 auf Basis des ersten Audi 100 gebaut wurde.
Verflogen sind solche Sentimentalitäten spätestens, wenn man hinter dem Lenkrad des S7 sitzt. Material- und Verarbeitungsqualität im Cockpit erreichen eine schon beängstigende Perfektion. Haptik? Sinnlicher als die Haut unserer ersten Liebe (nein, Moment, die erste war 15 Jahre älter. Nehmen wir die zweite).
Doch auch die Münchner Innenarchitekten lassen sich nicht lumpen. Die Atmosphäre im Gran Coupé ist luxuriös und gediegen, die handwerkliche Güte genügt höchsten Ansprüchen, die Ledernähte sitzen auf den Zehntelmillimeter genau. German Precision.
Wer vor der Anschaffung eines solchen Designerstücks steht, den kratzen Raumangebot und Variabilität vermutlich nur am Rand. Doch auch hier punkten die beiden Bayern. In den Coupés ist man trotz der abfallenden Dachlinie auch hinten kommod untergebracht. Der BMW allerdings muss sich dem Audi wegen der großen Heckklappe geschlagen geben.
Viel wichtiger ist jedoch, was unter der Haube arbeitet: bärenstarke Achtzylinder, die mit einer süchtig machenden Lässigkeit zu Werke gehen. 420 PS im Audi, 450 gar im BMW, dazu geballtes Drehmoment auf Dieselniveau in Verbindung mit einem knackig schaltenden 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (Audi) beziehungsweise einer seidenweichen 8-Gang-Automatik (BMW). Jede Gaspedalbewegung wird augenblicklich in Schub umgesetzt - egal, bei welcher Geschwindigkeit, und egal, bei welcher Drehzahl. Stets erinnert dich ein dezent grummelnder V8 daran, beim Thema Motorenwahl genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Dass beim S7 dabei hin und wieder nur vier der acht Kolben arbeiten, spürt man nicht. Audi nennt diesen Teilzeitjob im Motor „Cylinder-on-Demand“, belässt es allerdings nicht bei der reinen Zylinderabschaltung. Weil vier Kolben stets rauer laufen, kompensiert die Elektronik diesen Mangel mit aktiven Motorlagern und einem Gegenschall, der über das Lautsprechersystem in den Innenraum geschickt wird. Das technische Brimborium soll natürlich Sprit sparen. 9,6 Liter gibt Audi als Normverbrauch an. Nicht schlecht.
BMWs Motorenspezialisten können darüber nur müde lächeln. Sie haben noch besser gearbeitet. Zylinderabschaltung? Nein danke! „Um Strom zu sparen, drehen Sie bei einer Lampe ja auch nicht einzelne Glühleuchten heraus, sondern dimmen“, sagt Vorstandsmitglied Klaus Draeger. Genau das macht BMW und spart über die Ventil- und Motorsteuerung. So gut, dass dabei am Ende ein Verbrauch von 8,6 Litern herauskommt. Ein sensationeller Wert für einen 4,4-Liter-V8 und 1,9 Tonnen Kampfgewicht. Wer allerdings das Potenzial eines Achtzylinders genießen will, fährt immer deutlich im zweistelligen Liter-Bereich, egal, ob im Audi oder im BMW. Stramm in Richtung Sechsstelligkeit geht es dagegen beim Kauf der potenten Coupés. Der BMW 650i kratzt bereits mit seinem Grundpreis dicht an der magischen Marke. Und das erst recht, wenn der Allradantrieb xDrive unterm Blech steckt. Kein Auto dieser Klasse aber rollt als nacktes Kassenmodell vom Hof. Wer sich nur ein bisschen in den Aufpreislisten verirrt, beim Fahren Google Maps nutzen will oder von Bang & Olufsen beschallt werden möchte, landet locker bei 120.000 Euro. Allein die coole Matt-Metallic-Farbe Frozen Bronze, exklusiv fürs Gran Coupé gemischt, kostet so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen: 3800 Euro.
Gegenüber dem 6er Gran Coupé könnte man den Audi S7 Sportback schon fast als Schnäppchen bezeichnen. Quattro-Antrieb ist sogar Serie, aber auch im Audi kann der Kunde etwas bislang Einmaliges bekommen: Holz/Beaufort, ein edles Dekor fürs Cockpit. Designerin Johanna Koch hat den „Nadelstreifen-Look“ fünf Jahre lang entwickelt. Auch ein Job. In vielen Schichten werden Tulpenholz und Aluminiumblech gestapelt und verklebt, bis ein dicker, halbmeterhoher Block entsteht. Den schneidet ein Spezialmesser wieder in dünne Scheiben. Sichtbar wird eine Struktur aus Holz mit feinen Alu-Einlagen.
Einer fängt an, die anderen machen’s nach? Kaum. Es gibt nur eine Maschine auf der Welt, die das Dekor herstellen kann - und da hat Audi die Hand drauf.

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  • Stärker und dennoch sparsamer als der Audi: BMW Sechser Gran Coupé

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  • Über Geschmack lässt sich nicht streiten: Während BMW die geduckte Dachlinie betont ...

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  • ... setzt Audi auf das Stummelheck

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  • Allrad serienmäßig und trotzdem günstiger als der BMW: Audi S7

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Michael Specht