Ferrari FF vs. Lamborghini Aventador LP

Gipfeltreffen: Ferrari FF gegen Lamborghini Aventador LP

Grundverschieden einerseits und doch vom gleichen Kaliber: der Ferrari FF und der Lamborghini Aventador LP 700-4. Höchste Zeit, die beiden zum ultimativen Vergleich in die Berge zu holen. Zum Gipfel aller Duelle

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Ferrari FF gegen Lamborghini Aventador LP 700-4

Die Gipfel verschneit, die Alpen fest im Griff von Väterchen Frost. Beste Voraussetzungen also, um ein paar wilde Tiere an die frische Luft zu führen

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Es gab eine Zeit, da hätte sich niemand in einen Ferrari gesetzt, wenn es auch nur nieselte. Und in einen Lamborghini nicht mal bei Sonnenschein. Es waren Maschinen, so zickig wie höhere Töchter. Man saß davor und betete - sie an. Doch die italienischen Exoten wollen jetzt auch Alltagsauto sein. Sauschnell, aber irgendwie jeden Tag zu gebrauchen. Also auch heute an diesem eisigen Tag.

Eines wird schon bei der ersten Begegnung klar: Mit dem FF kommt man optisch einem Kombi gefährlich nahe. Der Wagen mit dem fülligen Kofferraum sieht aus wie ein zu groß geratener BMW Z4 - allerdings versehen mit einem Motor, bei dem sich selbst der alte Ferrari Enzo warm anziehen müsste. Seiner unglaublichen Kraft scheinen keine Grenzen gesetzt.

Dabei ist der FF zugleich der idiotentauglichste Ferrari aller Zeiten. Ein paar rote Leuchtdioden, die oben im Lenkradkranz tanzen, moderieren den nächsten Gangwechsel an. Neben einer „Nass“-Einstellung auf dem „Mannetino“, dem Ferrari-Spezialdrehknopf am Lenkrad, gibt es noch eine für „Schnee und Eis“. Das erinnert fast schon an das Terrain-Response-System von Land Rover. Das Eis-Set-up toleriert den Bleifuß sogar in schneegepflasterten Kurven, ohne dass die Fuhre ausbricht. Auf rutschigem Terrain spürt man sofort, wie sich die Vorderräder „dazuschalten“ und so lange stabilisierend einwirken, bis die Hinterräder wieder genug Grip haben. Es ist das erste Mal, dass Ferrari einen Allradantrieb verbaut. Und dabei haben sie alles richtig gemacht.

Auch Lamborghini wollte sich einmal an einem „praktischen“ Auto versuchen, doch es ist ein scheinheiliger Versuch. Neben dem Aventador sieht der FF aus wie ein SUV. Schon der Einstieg durch die Flügeltüren ist ein Erlebnis besonderer Art. Also hinein ins Kohlefaser-Gebälk. Dann den Start-Knopf drücken, der sich im „Top Gun“-Style unter einer Klappe versteckt, und der unverwechselbare Sound des V12 gibt sich die Ehre. Bei allem, was in Sant’Agata bis dato so aus der Manufaktur kam, ist der Aventador einerseits die extremste, aber zugleich auch die zivilisierteste aller Maschinen. Oder, wie „TopGear“-Moderator-Richard Hammond befindet: „Endlich ein Lamborghini, der nicht ständig versucht, einen ins Grab zu bringen.“

Sein Geheimnis: High Tech. Mit dem Aventador hatte das Mutterschiff Audi erstmals Gelegenheit, einen Lambo komplett am Reißbrett zu entwerfen - prompt kam der erste wirklich neue Stier seit 1963 heraus. Doch keine Sorge, er mag zwar sicherer und etwas leichter zu steuern sein als der Murciélago, er ist dafür aber keinen Deut langsamer. Der ganze elektronische Firlefanz wirkt beruhigend, und doch sollte man ein paar Tapferkeitspillen einwerfen. Selbst dann wird man dieses Auto kaum an seine Grenzen bringen können.

Schon das Leergewicht kennzeichnet die Überlegenheit der Kohlefaser-Konstruktion. Der FF bringt gut 200 Kilo mehr auf die Waage. Will heißen: Jedes der 700 PS muss im Aventador viel weniger Gewicht auf Trab bringen. Damit fühlt er sich bei unserem Ritt über die Berge viel flotter an als der FF. Schnell sind sie beide, aber der Aventador ist eben schneller.

Dann das Getriebe. Bisher stand Lamborghini ja der Doppelkupplung in etwa so skeptisch gegenüber wie Ferrari dem Allradantrieb. Jetzt haben sie so etwas Ähnliches versucht. Es trägt den Namen IRS - Independent Shifting Rod, ist also gewissermaßen eine Doppelkupplung ... ohne Doppelkupplung. Das System hat vier unabhängige Schaltstangen. Zwei betreuen die geraden, zwei die ungeraden Gänge. Beschleunigt man im vierten Gang, ist der fünfte bereits in Lauerstellung zugeschaltet. Das ermöglicht superschnelle Schaltzeiten - kaum langsamer als bei einem Formel1-Boliden. Aber selbstverständlich viel ruppiger - ein Lamborghini darf schließlich nicht zu zivilisiert sein. Nicht einmal ein „German Lambo“.

Mit dem Aventador kann man in Bereiche vorstoßen, die ein Murciélago nie erlebt hat, nicht einmal mit Valentino Balboni, dem legendären Lamborghini-Testfahrer, hinter dem Steuer. Wenn man zum ersten Mal das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt, explodiert einem der Motor förmlich im Kreuz, während das Chassis sich verzweifelt bemüht, alle 700 PS gleichmäßig auf den frostigen Boden zu bringen. Den Grenzbereich kann man sogar mit ausgeschalteten ESP-System ausloten, denn der Allradantrieb beißt immer im rechten Moment zu. Käme der Antrieb jetzt nur aus dem Heck, bliebe bestenfalls eine respektable Portion Gummi auf dem Asphalt liegen - und schlimmstenfalls der ganze Wagen im Graben. Intensiver kann ein Geschwindigkeitsrausch nicht sein.

Mit der massiven V12-Maschine im Nacken wird der Lambo-Fahrer vom Cockpit gepackt wie von einem Schraubstock. Im direkten Vergleich wirkt der Ferrari luftig wie ein Ballsaal - etwas stilvoller zwar, aber leider nicht perfekt. Es quietscht und klappert ein bisschen. Beim Aventador hingegen sitzt alles perfekt. Woran das liegt? Sicher auch am Kohlefaser-Monocoque und dieser unglaublichen Verwindungssteifigkeit. Das Made-in-Germany-Interieur wirkt, als sei es kugelsicher.

Ginge es ausschließlich um Performance, ließe der Stier das Pferd weit hinter sich. Doch hier geht es um mehr. Auch wenn beide verschiedene Käufer ansprechen, so eint sie doch der Versuch, Autos zu sein, die extrem und zugleich nutzwertig sind. Was ihnen ebenfalls gemein ist: Auf der Straße brauchen sie jede Menge Platz. Doch wenn sie den haben, dann macht ihnen keiner mehr etwas vor.

Kein Zweifel: Der Aventador ist der beste Lamborghini, den es je gab. Und der FF setzt bei Ferrari neue Maßstäbe. Beide sind echte Supercars für den alltäglichen Gebrauch, wenn man sie denn tatsächlich so einsetzen wollte. Dumm nur, wenn man sich entscheiden muss.

Am besten also, man bestellt gleich beide. Warten muss man ohnehin - 18 Monate mindestens.

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  • Gipfeltreffen: Sie sind extrem, doch sie wollen auch alltagstauglich sein. Ferrari FF (rechts) und Lamborghini Aventador treten im Playboy-Duell gegeneinander an. Schlägt das Pferd den Stier?

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  • Neue Heimat: Der 12-Zylinder-Motor sitzt beim Ferrari nicht hinter den Sitzen, sondern vorn unter der Haube

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  • b durch die Mitte: Der V12-Motor im Lamborghini ist kaum zu überhören. Denn er sitzt direkt hinter den Sitzen

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  • Ballsaal: Im Vergleich zum Lambo wirkt das Ferrari- Cockpit geradezu geräumig. Oben im Lenkradkranz zeigen Leuchtdioden den nächsten Gangwechsel an

    Ballsaal: Im Vergleich zum Lambo wirkt das Ferrari- Cockpit geradezu geräumig. Oben im Lenkradkranz zeigen Leuchtdioden den nächsten Gangwechsel an

  • Drangvolle Enge: Im Aventador umschließt das Cockpit den Fahrer fast völlig. Alles wirkt ungeheuer stabil und steif - fast wie kugelsicher

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  • Allrad-Ferrari: Beim FF greifen die Vorderräder nur dann ein, wenn man sie wirklich braucht

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  • Temporausch: Der Aventador dringt in Bereiche vor, die selbst ein Murciélago nie gesehen hat

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Christian Frost