Mercedes SL

Wisch – und weg!

Fällt Ihnen was auf? Neuer Mercedes, stimmt. SL, korrekt. Bulliger Auftritt, Bügelfalten in der Haube, richtig. Im Hintergrund Frankfurt, jo! Aber das meinen wir alles nicht. Der SL hat neue Scheibenwischer! Hätten Sie jetzt so direkt nicht bemerkt, stimmt’s? Ist aber wichtig. Warum? Blättern Sie um ...

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Glanzstück

Mercedes SL 350

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Was soll man davon halten, wenn es bei der Präsentation eines neuen Autos die halbe Zeit um die Scheibenwischer geht? Darum, dass jetzt plötzlich viele kleine Düsen das Waschwasser direkt neben die Gummilippen sprühen und nicht zwei Düsen alles auf die ganze Scheibe.
Man denkt sich: Fein, hier steht eine der geilsten Karren des Jahres – und die reden übers Abwaschen!?
Nun, das Ding namens „Magic Vision Control“ hat eine größere Tragweite, als man vermutet. Denn die Wischer wischen nicht nur schön, sie polieren zugleich die Strahlkraft des ganzen Autos. Schließlich war der SL neben der S-Klasse für Mercedes schon immer das technologische Aushängeschild. Hier wird alles reingepackt, was machbar ist. Ob ABS, Abstandsradar oder Einparkhilfe – jedes High-Tech-Highlight feiert stets in der automobilen Oberklasse Weltpremiere. Erst irgendwann später kommen die übrigen Modelle an die Reihe. Der Scheibenwischer ist also auch eine Art Abstandsradar – zwischen den Statussymbolen. Ich SL, du nix.
So verwundert es kaum, dass die neuen Wunderwischer ausgerechnet ein Auto schmücken, das laut Einsatzbefehl kaum jemals Regen sieht: den Sunshine-Cruiser für die schönsten Tage des Lebens.
Und das High-Tech-Feuerwerk geht weiter. SL steht ja seit den 50er-Jahren für „sportlich“ bzw. „super“ und „leicht“. Der Italiener würde es mit „Superleggera“ übersetzen. Das haben die Schwaben wörtlich genommen. Ihnen ist bewusst geworden, dass der ursprünglich mal puristische Roadster über die sieben Generationen seiner fast 60 Lebensjahre hinweg doch ganz schön Hüftspeck angesetzt hatte. 1825 Kilo Lebendmasse lassen sich auch durch Assistenzsysteme – mittlerweile sind es neun – nicht wegprogrammieren. 1825 Kilo wollen um die Kurven gewuppt werden.
Das soll jetzt einfacher gehen. Denn es sind nur noch 1610 Kilo. Und mit fiktivem Fahrer, so die DIN-Norm, 1685. Sie merken schon: Wir haben den Wagen leider noch nicht fahren dürfen. Denn er wird erst gerade jetzt, wenn dieses Heft erscheint, auf der Motorshow in Detroit, USA, präsentiert. Was wir durften, ist vorab ein wenig daran schnuppern. Hoch über den Dächern Frankfurts. Dass der Wagen ganz toll fährt und so, das müssen wir den Entwicklern daher vorerst einfach mal glauben. Tun wir auch. Ist ja ein Mercedes (Vaneo und A-Klasse lassen wir mal unerwähnt).
Um dem SL neue Sportlichkeit einzuimpfen, haben sich die Entwickler ziemlich ins Zeug gelegt. Sie verwenden jede Menge Aluminium (90 Prozent des Rohbaus) und Magnesium. Der Vorgänger bestand noch weitgehend aus Stahl. Allein an der Rohkarosserie konnten sie auf diese Weise satte 110 Kilogramm einsparen. Macht 30 Prozent weniger Spritverbrauch. Gut, das wird der Kundschaft in etwa so wichtig sein wie Scheibenwischer bei Sonnenschein. Aber übrigens: 1,7 Kilo stammen von den optimierten Waschlappen, weil die weniger Wischwasservorrat benötigen. Nur der Vollständigkeit halber.
Auch breiter ist der neue SL geworden. Er hockt 60 Millimeter fetter auf der Straße als der alte und ist auch nicht mehr vorn breiter als hinten. Dafür ist er satter. Bassmäßig. Denn zusammen mit Harman-Kardon haben die Daimler-Soundfreaks ein Lautsprechersystem entwickelt, das sogar tragende Teile des Chassis als Resonanzraum nutzt. Und das nicht zu knapp.
17 Liter umbaute Luft innerhalb der vorderen Längsträger schwingen mit, wenn AC/DC die beiden Tieftöner zum Tanz aufrufen. Dass der Bass von vorn kommt, sei wie in natura auf einem Konzert, frohlocken die Daimler-Akustiker. Ein Scheinargument. Denn ausgerechnet beim Bass ist es dem Ohr bekanntlich piepegal, woher er kommt. Deshalb lassen sich Bassboxen ja so prima verstecken. Aber sei’s drum, das „Frontbass“ getaufte System haut mächtig rein – in den Magen und in die Füße. Denn direkt unter den Sohlen lauern die Boxen im Boden. Wenn dann noch die übrigen Lautsprecher – bis zu 14 an der Zahl – mitmachen, wird selbst der Massagesitz weich vor Neid.
Erstaunlich: Wer draußen vor dem Wagen steht, bekommt vom akustischen Festspiel im Inneren fast nichts mit. In Sachen Dämmung setzt der SL neue Maßstäbe. Draußen vor der Tür erfreut man sich eher an der geschärften Optik. „Zeitlose Formen, die den Menschen berühren“, sagt Designer Steffen Köhl. Schließlich sei Mercedes nach dem Rokoko (18. Jahrhundert) eine der ersten Marken gewesen, die gestalterische Zeichen setzten. Nach dem Rokoko? Gut, das mögen die Ahnen aus Jugendstil und Gründerzeit vielleicht anders sehen. Aber die können sich ja nicht mehr wehren.
Kommen wir ein letztes Mal zum Scheibenwischer. Wie viele kleine Düsen da per Laser in die Wischlamellen reingeschnitten sind, wusste der Ingenieur übrigens nicht. Wir haben ihn nachzählen lassen. Wenn schon, denn schon. Dann wollen wir es auch genau wissen. Er fand heraus: 92 Stück.
Aha. Schon ziemlich super.

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Technische Daten

Mercedes SL 350

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Länge: 4612 mm
Breite: 1877 mm
Höhe: 1314 mm
Gewicht: 1685 kg
Sprint 0–100 km/h: 5,9 s
V-Max: 250 km/h
Zylinder: 6
Hubraum: 3499 ccm
Leistung: 304 PS
Drehmoment: 370 Nm
Leistungsgewicht: 5,54 kg/PS
Preis: ab 93.534 Euro

Michael Görmann