Pagani Huayra

Pagani Huayra: Straßenkunst

Er kostet eine Million Euro. Und er ist jeden Cent wert. Der Pagani Huayra, benannt nach dem Gott des Windes, entsteht in Handarbeit und nur 20-mal pro Jahr. Sein Konstrukteur Horacio Pagani sucht die Perfektion. Er ist ganz nah dran

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Pagani Huayra: Straßenkunst

Der Pagani Huayra kostet eine Million Euro – und ist jeden Cent wert

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Perfektion. Ist es nicht das, wonach wir alle suchen? Das große Ziel, das wir kaum jemals erreichen, erfahren, genießen können? Denn egal, ob es um das perfekt gegrillte Steak geht oder das perfekt gebaute Auto - wir müssen leider immer wieder lernen in unserem Leben, dass man Perfektion mit Geld allein nicht kaufen kann.
Fast nie.
Perfektion ist eine Frage der Haltung, im Kleinen wie im Großen. Doch bleiben wir beim Auto. Für kaum etwas geben die Deutschen mehr Geld aus. Und wer hat sich nicht schon nach einem Kauf über Kleinigkeiten geärgert, die leicht vermeidbar gewesen wären. Man wird dann gern als kleinkariert verspottet, dabei ist es so einfach: Wer viel Geld ausgibt, darf viel erwarten.
Zum Beispiel 100.000 Euro. Dafür gibt es einen hervorragenden Sportwagen, einen Porsche zum Beispiel - aber obendrein auch das Gefühl, jeden Tag aufs Neue den Sieg des Controllings über engagierte Ingenieure und Designer mitzuerleiden. Wie anders ist es zu erklären, dass das Cockpit des Neunelfers übersät ist mit verchromten Plastikteilen? Vorsintflutliche Getränkehalter prökeln sich aus dem Armaturenbrett heraus, als seien sie mit einem Drittklässler-Technikbaukasten zusammengebastelt. Für 100.000 Euro lernt der Porsche-Kunde, dass auch der beste Sportwagen der Welt leider nicht perfekt ist.
Wer sogar eine Million für ein Auto ausgibt, darf natürlich noch höhere Ansprüche stellen. Und es gibt tatsächlich ein Auto, das sie erfüllt. Es heißt wie sein Erbauer: Pagani.
Ich war zu Gast in der Automanufaktur des Horacio Pagani in Modena, und ich muss gestehen: Hätte ich die Million in der Tasche gehabt, ich hätte sie auf der Stelle ausgegeben. So waren es am Ende des Besuchs immerhin 300 Euro für ein Modellauto. Auch das schon absurd viel. Aber die AutoArt-Miniatur ist so genial wie das Original. Ein perfektes Placebo für Normalverdiener.
Das Modell erinnert mich täglich an den eindrucksvollsten Werkstattbesuch meines Lebens. Was Horacio Pagani und sein knapp 60 Mann starkes Team erschaffen, stellt jedes andere handgefertigte Auto in den Schatten.
Dabei ist er kein Petrol Head, kein Autoverrückter im klassischen Sinn. Er ist ein detailverliebter Künstler und ein zurückhaltender noch dazu. Wer ihn und das Miteinander in der Manufaktur erlebt, fragt sich, wie bei so viel Höflichkeit und Bescheidenheit am Ende ein so kraftstrotzendes Monstrum wie der Huayra entstehen kann.
Vielleicht geht es nur so.
Ein Auto komplett von Hand zu erschaffen bedeutet bei Pagani noch mehr als bei anderen Herstellern. Jedes Teil, und wirklich jedes, gibt es ausschließlich in diesem Sportwagen. Kein Zulieferer könnte Pagani mit Adaptionen aus dem Baukasten zufriedenstellen. Und das meiste entsteht sowieso nicht bei Zulieferern, sondern in der eigenen Werkstatt. Sogar die Köpfe der Schrauben, die alle Teile zusammenhalten, sind selbst entworfen. Es wird also niemand je einen Pagani reparieren können, der nicht das nötige Werkzeug hat. Von Pagani.
Es ist an dieser Stelle müßig, über die Fahrleistungen des Huayra zu sprechen. Das Wetter war schlecht, und die Straßen waren nass, als ich den Wagen Probe fuhr. So war die Testfahrt eine Mischung aus Faszination und purer Angst, die Million in einen italienischen Graben zu bohren. Doch es reichte, um zu sagen: Die Fahrleistungen sind ultimativ. Nicht von ungefähr fuhr der Vorgänger des Huayra, der Pagani Zonda R, den Nordschleifenrekord mit unglaublichen 6 : 47 Minuten.
Supercar? Megacar? Es sind Hypercars aus Modena, und dass sie zu all dem fähig sind, liegt natürlich auch an der Maschine, einem 12-Zylinder-Motor von AMG Mercedes. Keine andere Firma weltweit erhält eine Maßanfertigung aus Affalterbach - das adelt die italienische Manufaktur.
Doch wer den Huayra live sieht, die gegenläufig öffnende Motorhaube im Heck hochklappt und das filigrane Gewirr aus Titan, Kohlefaser und Aluminium zu durchschauen versucht, der ahnt, wie viel Ingenieursleistung auch im Rest der Konstruktion verborgen ist. Pagani war der Erste, der sich einen Ofen zum Backen von Carbonteilen zulegte. Das war vor mehr als zehn Jahren, als bei anderen High-End-Firmen niemand auch nur einen Gedanken an das Leichtbaumaterial verschwendet hätte. Auch nicht Ferrari, wo Horacio Pagani lange gearbeitet hat. Weil er dort seine revolutionären Ideen nicht verfolgen konnte, gründete er seine eigene Firma. Als Antrieb kam nur ein Mercedes-Motor in Frage. Schließlich war der gebürtige Argentinier einst mit einem Empfehlungsschreiben von Mercedes-Pilot Juan Manuel Fangio nach Italien ausgereist. „AMG liefert die perfekte Maschine“, sagt Pagani.
Mit dem Huayra setzt er neue Maßstäbe. Weltweit einmalig sind etwa die vier „Luftleitklappen“, je eine pro Rad, die sich computergesteuert in den Wind stellen, um zum Beispiel in Kurven mehr Druck auf die kurveninneren Räder zu bringen. Diesen Geniestreich werden wir irgendwann auch in anderen Supercars sehen. Aber sicher erst in ein paar Jahren.
Wirklich überraschend ist die Stellungnahme von AMG-Chef Ola Kallänius. Man würde ein paar lobende Worte erwarten, eine wohlmeinende Rechtfertigung der Zusammenarbeit. Doch der Chef der Firma, die immerhin den Supersportwagen SLS erdacht hat, sagt: „Pagani ist ein Visionär. Er hat einen Blick für das Perfekte.“
Das ist ein Ritterschlag.

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  • Hyper-Car: Der Pagani Huayra ist mehr als nur ein Sportwagen. Er ist Innovationsträger und vor allem ein rollendes Kunstwerk, das in Handarbeit entsteht

    Hyper-Car: Der Pagani Huayra ist mehr als nur ein Sportwagen. Er ist Innovationsträger und vor allem ein rollendes Kunstwerk, das in Handarbeit entsteht

  • Wow-Effekt aus jedem Blickwinkel: Ein Russe orderte kürzlich gleich drei Stück - nicht zum Fahren, sondern als Kunstwerke. Paganis Markenzeichen: vier gebündelte Endrohre

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  • Kunstwerk auf Rädern: Huayra in der Werkstatt

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  • Sein Lieblingsbauteil: Horacio Pagani mit Radaufhängung

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  • Skulptur aus Carbon und Aluminium: das Huayra-Cockpit

    Skulptur aus Carbon und Aluminium: das Huayra-Cockpit

 

Michael Görmann