Porsche vs. Porsche: 911 Cabrio und Boxster

Ziemlich beste Feinde

Frühling in Zuffenhausen. Zeitgleich erscheinen das 911er-Cabrio und der neue Boxster. Doch die Ingenieure haben einen Fehler gemacht: Der Boxster ist zu gut geworden, um sich weiterhin seinem großen Bruder unterzuordnen

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Porsche vs. Porsche

911 Cabrio und Boxster

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Klingt wie ein Blondinenwitz, hat sich aber tatsächlich so zugetragen: Ein sonniger Nachmittag in einem Münchner Szene-Café. Eine Blondine erzählt ihrer Freundin vom neuen Verehrer: „Ich weiß nicht so recht, was ich von ihm halten soll. Er sagt, er sei erfolgreich, aber er fährt nur einen Porsche Boxster.“
Welche eigenen Erfolge die Dame aus Tussenhausen, außer einem gelungenen Friseurbesuch, vorzuweisen hat, haben wir nicht recherchiert. Aber im automobilen Reich der Vorurteile plappert sie nicht allein: Die wenigsten können sich zwar selbst einen Boxster oder gar 911er leisten. Fährt aber ein Porsche vorbei, gucken vor allem Männer zuerst auf den Hintern. Nur wenn der Motor im Heck steckt, ist es ein echter Porsche. Ist er in der Mitte, rümpft mancher die Nase: Barbie-Boxster, Pleite-Porsche.
Der 911 ist eben das Maß aller Porsche-Dinge. Ein R8 oder Gallardo mag aufregender sein, aber keiner hat so eine perfekte Technik und ist dabei noch so alltagstauglich. Auch das neue Elfer-Cabrio ist schlichtweg eine Sensation. Der schönste Elfer seit den wassergekühlten G-Modellen steht in einer Linie mit dem Ur-Elfer. Gestreckt und geduckt, viel Rund- und viel Feinschliff, dazu verführerische Konturen an den Flanken und ein gekerbtes Heck, das an Breite und Prägnanz kaum zu überbieten ist.
Zum Glück ist Porsche beim Cabrio nicht dem Trend verfallen, aus einem offenen Auto eine Blechdose zu machen. Die Lösung liegt in einem sogenannten Flächenspriegel-Verdeck. Statt den Stoff wie bisher über runde Holme, die sogenannten Spriegel, zu spannen, setzen die Stuttgarter vier breite Leichtmetall-Bretter ein. Ergebnis: Das Cabrio-Dach ist leiser, sitzt besser und flacher und hat fast die gleiche Linienführung wie beim Coupé.
Der Boxster hat keine Flächenspriegel, dafür aber das schnellste Verdeck seiner Klasse. Von null bis offen braucht er keine zehn Sekunden. Ansonsten hat er die gleiche Rezeptur wie der Elfer, nur anders gemischt: sechs Zentimeter mehr Radstand, denn Länge läuft auch in der kleinen Klasse. Ohne Logos wirkt er wie ein reinrassiger Mittelmotorsportwagen aus der Lamborghini-Liga. Er ist das Modell „all in one“ - alles steckt im Kleinen, die ganze Porsche-Historie und -Zukunft. Die Schnauze ist wie beim Elfer flacher, die Scheinwerfer leuchten ein bisschen im Glanz des Carrera 6 (Typ 906) und des Hyper-Hybriden 918. Von dem sind auch einige Linien und Schattenwürfe ins Design des Boxster geflossen. Atemberaubend die seitlichen Lufteinlässe, die sich über die Türlänge hin zum hinteren Kotflügel ziehen. In der künstlerischen Note bekommt der Boxster mehr Punkte als der 911.
Das Heck: ein Dreisatz von Boxster, 918 und Carrera GT. Die Spoilerkante, die in die spacigen Rücklichter läuft: so aufreizend wie ein schmaler Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Der neue Boxster kämpft im Halbschwergewicht der echten Kerle. Dabei ist er 35 Kilo leichter als der Vorgänger.
Boxster und Elfer sind keine Fahrzeuge fürs Autokino. Zwischen den Sitzen hockt eine fast unüberwindbare Mittelkonsole, Modell „getrennte Schlafzimmer“, die ebenfalls ihren Ursprung im Carrera GT hat. Resultat: Man sitzt wie in einem Rennwagen-Cockpit. Und die Message ist klar: Dieser Porsche ist eine Fahrmaschine, der Pilot der embedded Driver.
Kurzum, der Boxster ist die reinkarnierte Alltagsversion des Carrera GT.
Kein moderner Motor hat bisher das sagenhafte Kreischen, Sägen, Fauchen und Frotzeln des luftgekühlten Ur-Boxer-Motors erreicht. Die Ton-Agenten 991 und 981 lassen die alten Zeiten wieder aufleben und setzen sogar noch einen Walküren-Ritt oben drauf. Drückt man die angeberische „Auspuff-Lautstelltaste“ (auch Pussyschocker genannt) bzw. „Sport Plus“, möchte man schon im Leerlauf eine Tankfüllung nachhaltig investieren - in das beste Orchester der Welt. Bei diesem Sound bekommen selbst die Ledersitze im Cockpit Gänsehaut. Kreischen die beiden Brüder eine Serpentine hoch, braucht es einen Sound-Experten, um den Unterschied herauszuhören.
Doch nach ein paar Runden mit dem Elfer-Cabrio ist klar: Egal, wie gut der neue Boxster ist, in Sachen Schlagkraft braucht er sich mit der Ikone nicht zu messen. 85 PS Unterschied, da gibt es keine Fragen nach dem Sieger.
Der 911 ist ein Meisterstück an Grip, Grips und G-Kraft. Der neue „S“ fährt auf der Nordschleife fast dieselbe Zeit wie der alte GT3. Der Wagen lenkt so schnell und direkt ein wie von einer Laserkanone gesteuert. Schalten, Gas geben, bremsen - der Pilot des Elfer erlebt eine Wahnsinns-Straßenlage, bei der die Haftungsgrenze nur noch in seinem Kopf zu existieren scheint.
Doch der kleine Bruder muckt auf: Umsteigen in den vermeintlichen Prinzessinnen-Porsche - und schon nach einer Runde in den französischen Seealpen vergeht dem Boxster-Kritiker das Lachen. Denn Boxsterfahren heißt Fahren im Grinsbereich. Fast 50 Prozent des Autos stammen vom 911er, vor allem Vorderwagen und Vorderachse. Dazu hat er das physikalisch bessere Konzept: einen Mittelmotor. Mit unglaublicher Präzision fräst er um den Scheitelpunkt und ist dabei, mit dem Sixpack in der Mitte, die Ruhe im Kurvensturm. Um das PSM (Porsche Stability Management = ESP) aus seinem Tiefschlaf zu holen, muss man den Boxster in engen Kehren schon brachial treten. Ansonsten turnt er auch bei rekordverdächtigem Tempo angriffslustig und unbekümmert durch die Kurvenpassagen, ganz nach seiner Straßenanschauung: „Sorge dich nicht, klebe!“
911er und Boxster sind die Hüter des eiligen Porsche-Grals. Doch womit niemand gerechnet hätte: Der neue Boxster ist ein echter Herausforderer geworden. Der Champ darf nicht nachlassen, sonst streckt ihn der kleine Bruder nieder. Zu ähnlich sind die Gene.
Beim Geld allerdings hört die Freundschaft auf. Und so versucht der Boxster den K.o. an der einzigen Stelle, wo der 911er ohne Deckung ist, beim Preis: rund 50.000 Euro kostet der Basis-Boxster, das Basis911er-Cabrio 50.000 mehr.
Darüber sollte vielleicht auch mal die Madame aus Tussenhausen nachdenken: Es könnte ja sein, dass ihr neuer Verehrer gerade deshalb so erfolgreich ist, weil er rechnen kann.

911 S Carrera Cabriolet vs. Boxster S
4491 mm|Länge|4374 mm
1808 mm|Breite|1801 mm
1292 mm|Höhe|1281 mm
1485 kg|Gewicht|1350 kg
4,3 s|Sprint 0-100 km/h|4,8 s
301 km/h|V-Max|279 km/h
6|Zylinder|6
PDK|Getriebe|PDK
3800 ccm|Hubraum|3436 ccm
400 PS|Leistung|315 PS
440 Nm|Drehmoment|369 Nm
3,71 kg/PS|Leistungsgewicht|4,28 kg/PS
ab 114.931 Euro|Preis|ab 59.120 Euro

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Maximilian Engert