Range Rover . Gipfelstürmer

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Die vierte Generation ist da: Mit zusätzlicher Power und weniger Gewicht meldet sich der Range Rover imposant zurück. Doch was kann der Neue wirklich? Wir machten den Härtetest - und brachten den Ranger an den Abgrund

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Einem Esel ist es ziemlich egal, ob der neue Range Rover an ihm vorbeiwill. Das Tier läuft stoisch die Fahrbahn entlang und schert sich nicht um den Drängler hinterm Karren. Auch sein Kutscher, ein Junge von höchstens zwölf Jahren, hat keine Augen für das Riesenauto. Er sitzt auf seinem aus Sperrmüll gezimmerten Einspänner und lenkt das Wägelchen gekonnt durch die vollgestopften Straßen: Feierabendverkehr in Marrakesch.
Es dauert ein wenig, bis sich der Range Rover wohlfühlt in Marokko. Doch das wird sich noch ändern. In den kommenden zwei Tagen wollen wir die vierte Generation des Luxus-Liners (ab Januar auf dem Markt) testen. Das Edel-SUV muss sich durch öde Wüstenlandschaften kämpfen, auf Berge und ans Meer - es wird ein Test unter Extrembedingungen.
Zunächst aber kämpfen wir uns durch das Wirrwarr Marrakeschs. Mopeds quetschen sich durch jede winzige Lücke. Dazwischen: Taxis, Pferde, Kleintransporter - und der Esel. Er trabt ohne Eile in seinem Eselstempo die Straße entlang.
Zeit für uns, das Interieur zu begutachten. Erster Eindruck: Komfort pur. Wir sitzen mehr in Sesseln als in Sitzen. Wenn uns dann noch die Massagefunktion den Rücken knetet, werden die Lider schwer.
Jetzt lenkt der Junge seinen Esel rechts auf einen Feldweg. Endlich freie Bahn für den Ranger. Die Onroad-Fähigkeiten wurden bei dem Neuen noch einmal verbessert. Der 4.4-Liter-V8-Diesel hat mit 339 PS zudem mehr Power als der alte. Dennoch hört man ihn kaum. So kann der Sozius auf dem 8-Zoll-Touchscreen ungestört fernsehen. Dank Dual-View (auf einem Gerät sind aus unterschiedlichen Perspektiven zwei unterschiedliche Bilder zu sehen) zeigt das Display derweil dem Piloten die Navi-Karte an. Die lotst uns sicher nach Essaouira, einer Surferstadt am Atlantik, wo wir bei erster Gelegenheit aufs Ufer zusteuern. Das optimierte „Terrain Response2 Auto“-System im neuen Ranger erkennt vollautomatisch den Bodenbelag. Im Vorgänger musste der Fahrer noch selbst unter Programmen wie „Sand“ und „Felsen“ das entsprechende auswählen. Das war schon recht komfortabel. Aber nun trifft die Bordtechnik die Entscheidungen selbst und passt alle relevanten Bauteile wie Motorsteuerung und Fahrwerkssystem dem Untergrund an.
Der Strand erstreckt sich vor uns, kilometerlang. Kein Mensch in Sicht. Wir schießen los. In wenigen Sekunden bringt es der Ranger auf 80 km/h. Die Reifen schleudern jede Menge Sandpampe in die Radkästen. Neben uns brechen die Wellen. Wir fühlen uns wie John Wayne alias „McQ“, als er in seinem 69er-Belvedere stilsicher am Meer entlangbraust. Fehlt nur Diana Muldaur auf dem Beifahrersitz.
Macht aber nichts. Wir haben David. David ist zwar nicht wirklich attraktiv, dafür ein Range-Rover-Experte. Er arbeitet als Ingenieur bei Land Rover. Kaum jemand weiß mehr über das Auto als David. Und deshalb vertrauen wir ihm, als er uns in die Dünenlandschaft hinter der Küste dirigiert. Der Sand ist eigentlich zu weich für ein Auto, noch dazu mit den Ausmaßen und dem Gewicht des Range Rover. Doch der adipöse Patient wurde ins Diät-Camp im britischen Solihull gesteckt - dem größten Alu-Karosseriewerk der Welt. Dort verlor er 350 Kilo.
Ein paar Mal bleibt der Kraftprotz dennoch im Sand stecken. Das aber ist weniger dem Auto als vielmehr unseren eigenen mangelhaften Auf-Sand-Fahr-Fähigkeiten geschuldet. Eine wichtige Generalprobe am Steuer. Denn am nächsten Tag wird es ernst: David schickt uns in die Berge. Genauer gesagt, auf den Hohen Atlas. Hier herrschen rohe Naturgewalten. Das Gebirge ist wild, schroff und unwegsam. In einem solchen Gelände wird jeder Fehler bestraft. Es soll der Härtetest für den Range Rover werden.
Wir fahren auf einem Pfad durchs Dickicht. Das letzte Dorf haben wir schon vor Stunden hinter uns gelassen. Dafür kriechen wir keine fünf Minuten später eine Schlucht empor. Zentimeter neben uns geht es Hunderte Meter in die Tiefe. Leitplanke? Nö. Wenden? Unmöglich. Also Augen zu und durch. Zum Glück hat der Ranger seine Augen immer offen. Seine Sensoren erkennen große Steine, die zuhauf unseren Weg pflastern. Dann hebt sich die Karosserie selbstständig. Durch das Dynamic-Response-System wird zudem der Stabilisator entkoppelt. So wird die Achsverschränkung größer, und die Reifen verlieren auch bei hohen Hindernissen nicht den Bodenkontakt.
Die letzten Anstiege zum Gipfel: Sie sind so steil, dass wir in den Sitz gepresst werden wie ein Jetpilot beim Start. Doch unser Luxusbrocken kämpft sich wacker nach oben. Als wir ihn schließlich in 3000 Meter Höhe parken, steht er im gleißenden Sonnenlicht so sauber und lässig herum, als habe er eben erst die Garageneinfahrt verlassen. Dieser Offroader ist überall zu Hause. Und er schlägt sich überall durch. Wenn nur nicht zu viele Esel unterwegs sind.

Range Rover 4.4L V8 Diesel // Länge: 4999 mm // Breite: 1983 mm // Höhe: 1835 mm // Gewicht: 2360 kg // Sprint 0-100 km/h: 6,9 s // V-Max: 217 km/h // Getriebe: 8-Stufen-Automatik // Hubraum: 4367 ccm // Leistung: 339 PS // Drehmoment: 700 Nm // Leistungsgewicht: 7,0 kg/PS // Preis: ab 107.100 Euro

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Moritz Aisslinger