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AC Cobra

Testosteron auf Rädern hat einen Namen: AC Cobra. In England geboren, in Amerika zum PS-Monster weiterentwickelt, wird heute in Sachsen gebaut

 
Sie tanzt. Schwenkt verführerisch ihren Hintern, während sie auf die Straße einbiegt und wie entfesselt loshetzt: die Cobra – echt, pur, unverfälscht. Keine der vielen Replicas, sondern ein Original, das beweisen die Buchstaben AC auf ihrem Heckdeckel. Doch gebaut wurde sie nicht in England, sondern hier in Heyda, im tiefsten Sachsen.

Ihr V8-Triebwerk lässt den Ort erzittern. Ihre Geschichte aber beginnt mit einem ganz anderen Geräusch – Bing!

Als im Frühjahr bei Alan Lubinksy eine Mail eintrudelt, schenkt er ihr nur einen flüchtigen Blick. Es interessiert ihn nicht besonders, was Jürgen Mohr da schreibt. Dass er, Yours sincerely, Jürgen, eine AC Cobra gebaut hat. Und dass er, Dear Alan, doch bitte mal einen Blick darauf werfen möge. Er müsse nach Sachsen kommen. Gleich bei Meißen – kenne er ja vielleicht. Porzellan, die Ecke.

Aber Alan löscht die Mail.

Der untersetzte Engländer kennt diese Anfragen. Von Leuten, die mal wieder sein Auto nachgebaut haben und seinen Segen wollen. Denn Alan hat etwas, worauf sie alle scharf sind: die Markenrechte an AC.

Was der Onko-Mann beim Kaffee oder das HB-Männchen bei Zigaretten, ist AC bei Sportwagen. Eigentlich längst tot, aber noch lange nicht vergessen. Die beiden Buchstaben stehen für die reine Lehre vom puren Sportwagen mit Leistung satt.

Jürgen Mohr aus Heyda gibt nicht auf. Er schickt eine zweite Mail an Alan. Wieder keine Antwort. Noch eine – nichts. Bei der vierten Mail hängt Mohr ein paar Fotos an. Von dem, was seine Jungs in der „Fahrzeugmanufaktur Sachsen“ gebaut haben.

Alan öffnet die Mail. Sieht die Bilder. Den Gitterrohrrahmen, die Radaufhängungen, das fertige Auto. Er traut seinen Augen nicht. Und greift sofort zum Telefon. Es klingelt in Heyda

. Es ist die beste AC Cobra aller Zeiten. Besser als das Original aus den 60er-Jahren, da ist sich Alan bald sicher. Er fährt hin, trifft die beiden Konstrukteure. Und adelt sie auf seine Weise. Er gibt ihnen alles, was er geben kann: die Markenrechte. Jetzt sind sie Partner.

AC – ein Ossi-Auto! In der Tradition von Horch, Audi und Trabant. Wer hätte das je gedacht: Das angelsächsiche Monster ist zur sächsischen Schlange mutiert. Lassen wir sie laufen.

Die Käfigtür öffnet sich, dahinter eine blitzsaubere Werkstatt, ein paar Rohkarossen – und der erste Prototyp, blaumetallic: eine AC Cobra Mark VI.

Die sechste Generation ist, wenn es so etwas gibt, die Endstufe der Evolution. Sie sieht perfekt aus, angefangen bei der Karosserie über die Spaltmaße bis hin zum Cockpit, einem Traum in dickem, fein vernähtem Curry-Leder.

Die Sidepipes unter den Minitüren lassen erahnen, was da unter der Motorhaube lauert. Die armdicken Öffnungen sind bereit, uns das Halali zu blasen. Also ins Cockpit einfädeln, festzurren und die Maschine gestartet. Die Schlange öffnet das Maul. Als sie auf der Landstraße in den Asphalt beißt, ist schnell klar: Dies hier ist der legitime Enkel aller Shelby Cobras. Wer beim Einkuppeln zu viel Gas gibt, der malt wie früher schwarze Striche auf den Asphalt – auch im dritten Gang. Eine Traktionskontrolle hat der Prototyp noch nicht.

Gänsehaut eingebaut.

Unter der langen Motorhaube pocht das Herz einer Chev­rolet Corvette – auch wie damals. Christian Wolf, der technische Mastermind der Fahrzeugmanufaktur Sachsen, bettet die Maschine in einen selbst konstruierten Gitterrohrrahmen, der in Sachen Steifigkeit kaum zu toppen zu sein scheint. Die pulverbeschichtete Konstruktion wiegt nur 75 Kilo.

Die Karosserie wird von den 21 Mitarbeitern in Aluminium-Hybrid-Bauweise hergestellt. Sie spritzen 280 Grad heißes Metall in eine Form und stabilisieren die Struktur mit Glasfasern. Ergebnis: eine extrem steife Metallhaut.

In Heyda ist alles Handarbeit. Auch den Mercedes 300 SL Flügeltürer fertigen sie hier. Als Neuwagen, aber so perfekt, dass er auf einer Oldtimer-Ausstellung schon mal aufs Podium gefahren ist . . .

Auch die Cobra wird es mit Flügeltüren geben. Ein selbst entwickeltes Hardtop der Sachsen macht sie zum „Gullwing“ der besonderen Art – mit zweiteiligen Türen: Eine Hälfte öffnet nach oben, die andere zur Seite.

Nächstes Frühjahr kommt die Cobra auf den Markt. Schon jetzt gibt es eine Warteliste. Denn es hat sich offenbar herumgesprochen: Heyda, Nähe Meißen. Früher Porzellan. Jetzt Sportwagen.

Auch Alan Lubinsky kann die nächste Mail aus Sachsen kaum erwarten. Beim nächsten „Bing“ ist sein „Dienstwagen“ fertig.
Michael Görmann
AC Cobra
Gewicht: 1025 kg
Sprint 0-100 km/h: 3,3 s
V-Max: 305 km/h (abgeregelt)
Zylinder: V8 in Reihe
Hubraum: 6200 ccm
Leistung: 647 PS
Drehmoment: 604 Nm
Leistungsgewicht: 1,58 kg/PS
Preis: 129.710 Euro
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