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Hillclimbing . Gegen die Wand

Man kann zu Fuss auf sehr steile Berge klettern. Man kann dafür aber auch das Motorrad nehmen — so wie Lars Nonn, der beste deutsche Hillclimber

 
Es gibt Menschen, die ihren Sport so stark prägen, dass allen anderen schwindelig wird. Michael Schumacher war so einer. Ein Ausnahmeathlet, der Herr der Formel 1. Oder Diego Maradona, der Fußballgott. Tiger Woods gehört natürlich auch dazu, der Meister des Green. Und Lars Nonn — die Bergziege unter den Motorradfahrern.

In Suhl, einem beschaulichen Dorf, das sich selbstbewusst als das „Tor zum Thüringer Wald” präsentiert, ist der blonde Motocrosser eine Berühmtheit. Schon als 15-Jähriger wurde er Vertrags-Crossfahrer der Simson-Werke, die zu DDR-Zeiten hier ihren Hauptsitz hatten.

Bis zur Wende fuhr Nonn im Nationalkader. Danach international Motocross für KTM, dann Enduro-Rennen. Doch das ist alles Vergangenheit. Seit 2003 ist der heute 37-Jährige im Hillclimbing unterwegs — auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Schon sechsmal ist Nonn in dieser Disziplin Europameister geworden — der einzige Held seiner Sportart, nahezu ungeschlagen. Keiner ist so konstant erfolgreich wie er. Beim Hillclimbing geht es darum, mit dem Motorrad einen extrem steilen Berg möglichst weit nach oben zu fahren. Die durchschnittliche Länge eines solchen Aufstiegs beträgt rund 250 Meter.

Die Hillclimber starten in zwei Klassen: Standard, also mit Werksmaschinen — und Spezial, also mit umgebauten Motorrädern. In beiden Disziplinen hält Lars Nonn den Europameistertitel.

Bei den Wettbewerben sind 60-Grad-Steigungen der Durchschnitt. Nur zum Vergleich: Auf öffentlichen Straßen werden bereits Höhenunterschiede ab sechs Grad mit einem Warnschild gekennzeichnet. „Auf der Strecke”, erklärt Nonn, „gibt es Teilstücke mit 90 Grad und mehr.” Ohne Steigeisen und Seil ist das selbst für einen erfahrenen Bergsteiger eine ziemlich große Herausforderung.

Nonn hat keine auffällig großen Hände, mit denen er sich besser am Lenker festkrallen könnte als andere. Auch keine gewaltigen Füße, die ihm einen besonders festen Stand garantieren würden.

Wenn man nach Nonns Stärke sucht, findet man sie noch am ehesten in seinen strahlenden Augen: Er ist Trickser. Ein Spieler. Und genauso geht er auch mit dem Berg um — spielerisch. Nicht grundlos trägt er den Spitznamen „Bergziege”.

Seine Technik im Starterfeld ist einzigartig. Nonn erklärt sie so: „Ich arbeite mit Gefühl, während die anderen auf ihren Böcken sitzen, blöd gucken und am Gashahn reißen.”

Wenn seine Kontrahenten mit Gewalt den Berg nieder- und sich selbst hinaufzwingen wollen, schlängelt sich Nonn nach oben. Hüpft. Schlägt Haken. „Die Kupplung ist das Geheimnis”, sagt er. Einen kompletten Satz Kupplungsbeläge schleift er bei zwei Aufstiegen durch.

„Bis auf die Beine habe ich mir jeden Knochen gebrochen”

Doch nicht nur das Material allein leidet beim Zweiradsport erheblich — auch der Mensch. „Bis auf die Beine habe ich mir jeden Kochen gebrochen”, erzählt Nonn über seine Enduro-Zeit. Schulterbein, kleiner Finger, Elle, alles schon dran gewesen.

Sein Sport hat ihn zu einem Experten für die menschliche Anatomie gemacht. Er hat sich Knochen gebrochen, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie überhaupt hat.

Das Gefährt, mit dem er den Berg bezwingt, ist eine Eigenkonstruktion. Ursprünglich eine Aprilia 550, die er für seine Zwecke umgebaut hat.

In der Königsdisziplin, dem Spezial-Segment, gibt es nur ein Verbot: Kein Stahl. Der Kontakt von Motorrad und Berg darf nur über Gummi erfolgen. Keine Spikes. Keine Ketten. Keine Schaufeln. Nur Gummireifen. Ansonsten ist erlaubt, was der Fahrer für sinnvoll erachtet.

Und was er sich leisten kann. Denn solche Umbauten gehen ins Geld. Material für etwa 10.000 Euro hat Nonn in seinem Gefährt verbaut.

Der Clou ist ein hydraulischer Allradantrieb. Über das Antriebsritzel wird ein Öldruck von 180 Bar erzeugt, der das Vorderrad antreibt, wenn das Hinterrad nicht mehr greift. Hinzu kommt eine um 25 Zentimeter verlängerte Hinterschwinge, damit ihm das Motorrad beim Aufstieg nicht unter dem Hintern wegfliegt.

Etwa alle vier Wochen gibt es irgendwo in Europa einen Wettbewerb. Dann ziehen die rund 250 aktiven Fahrer los, mit ihren VW-Bussen und Campern — wie die Gladiatoren und Gaukler von einst.

Ein Rennwochenende kostet den Fahrer mit Startgeld, Sprit, Material und Unterkunft etwa 1000 Euro. Als Sieger darf er sich dann über 1700 Euro freuen. Summen, für die ein Maradona, ein Schumacher oder ein Woods nicht mal in den Trainingsanzug geschlüpft wäre.

Reich wird man mit diesem Sport in Europa nicht. Deshalb arbeitet Nonn als Heizungsinstallateur: „Vom Hillclimbing bekommst du den Kühlschrank nicht voll”, sagt er.

Aber der Thüringer hat einen Traum. „In Europa habe ich alles erreicht”, sagt er. „Jetzt will ich nach Amerika.” Denn dort gibt es richtige Hillclimb-Profis und vor allem richtiges Geld zu verdienen.

Aber Nonn weiß, dass es schwer werden wird, sich dort drüben durchzusetzen. Denn anders als in Europa, wo es um Höhenmeter geht, zählt in den USA nur die Geschwindigkeit. Und Vollgas war bisher nicht die Strategie, mit der Lars Nonn seine Berge bezwungen hat.

Redaktion: Tim Gutke ]
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