„Fernsehen macht uns alle doof”
Oliver Kalkofe, Deutschlands bissigster TV-Kritiker, über den desolaten Zustand des Programms, den Versuch, besser zu unterhalten – und seinen Rehpinscher
 
Neues vom Wixxer
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Playboy: Herr Kalkofe, sagen Sie doch mal was Positives übers deutsche Fernsehen.
Kalkofe: Es gibt überdurchschnittlich viele Kanäle, auf denen man theoretisch sehr viele schöne Programme senden könnte. Man beachte den Konjunktiv.
Playboy: Die Lage ist also hoffnungslos?
Kalkofe: Wenn es eine Neustart-Taste gäbe, würde ich sie sofort drücken. Oder wir sprengen die Sender und rufen eine kulturelle Revolution aus: „Hört auf, uns zu verarschen und zu verachten.”
Playboy: Vielleicht wollen wir genau das? Die Quoten scheinen doch zu stimmen?
Kalkofe: Es gibt eine ganz große Menge von simplen Geistern. In jedem Land auf der Welt. Und für die gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Es ist ja auch überhaupt nichts dagegen zu sagen, den zu bedienen. Aber eben nicht nur.
Playboy: Offenbar ist es schwer, ein Format zu entwickeln, das zugleich unterhält und bildet. Was könnten Sie sich vorstellen?
Kalkofe: Ich habe ja gar nicht den Anspruch, dass Fernsehen mich bilden soll. Es soll mich nur nicht verblöden. Ich möchte unterhalten und überrascht werden. Die Amerikaner machen es uns ja vor und produzieren permanent tolle Serien wie „Lost” oder „24”.
Playboy: Wer trägt die Schuld?
Kalkofe: Die Programmmacher. Deshalb haben wir das traurigste Fernsehprogramm der Welt. Unglaublich eigentlich, denn wir haben gleichzeitig eines der vielschichtigsten. Viele Sender, viele Möglichkeiten, viel Geld. Aber es gibt überhaupt keinen Willen mehr, etwas Eigenes zu kreieren. Wir sind in einer furchtbaren Zeit des Stillstands.
Playboy: Woran liegt das?
Kalkofe: Die Macher haben Angst. So bitter es ist: Die wollen nur überleben. Ohne Arbeit. Beim Fernsehen möglichst gut verdienen, eine große Fresse haben, auf ein paar Empfänge gehen und ein paar Promis kennen. Das ist die Motivation der meisten. Es ist unfassbar, mit wie wenig Geld und Aufwand da etwas gemacht wird und mit wie wenig Liebe zum Detail. Die sagen sich: „Hey, wir können Stunden füllen, indem wir ein Flipchart aufstellen, einen armen Vollidioten da hinstellen, der nach vorn guckt und sich vier Stunden vor dem gleichen Bilderrätsel den Restverstand aus der Rübe labert. Es funktioniert. Und die Trottel rufen noch an und finanzieren uns den Dreck.” Und weil das geht, wird es gemacht.
Playboy: Mit Ihrer eigenen Sendung, „Kalkofes Mattscheibe”, profitieren Sie geradezu von diesen Inhalten ...
Kalkofe: ... stimmt, ich lebe quasi parasitär von dem Ungesunden des Mediums, quelle als Pickel raus und zeige das.
Playboy: Wie oft kommt es vor, dass sich Parodierte bei Ihnen beschweren?
Kalkofe: Ab und zu schon. Judith & Mel zum Beispiel, das Heimatduo, die nannte ich mal die „Gandersheimer Gesichtsbaracken”. Immer wenn wir die in der „Mattscheibe” hatten, kam danach ein heftiger Beschwerde-Anruf. Über Dritte hörte ich, Mel würde ziemlich ausrasten, wenn mein Name fällt, und würde mir gern mal die Fresse polieren lassen. Weiß aber auch nicht, ob das alles so stimmt, bisher ist noch nichts geschehen. Denn die Promis sind gar nicht so gefährlich, die Fans sind es.
Playboy: Volksmusikfans sind ...
Kalkofe: ... militant. Volksmusikfans sind die al-Qaida der Fanszene, das sind kleine, schunkelnde Terrorzellen. Wenn du einmal etwas gegen die Flippers, Patrick Lindner oder die Kastelruther Spatzen sagst, kommen unfassbare Briefe, und die machen dich total fertig. Da gibt es so viele schöne Beispiele. Die hebe ich mir für später auf - wenn ich meine Biografie schreibe.
Playboy: Haben Sie schon einen Titel?
Kalkofe: Ich sehe mich ja als Furunkel am Arsch der Unterhaltung. „Am Arsch der Unterhaltung” wäre ein schöner Titel.
Playboy: Sie sind ziemlich hart zu anderen. Welche Kritik würde Sie selbst hart treffen?
Kalkofe: Jeder Kritiker oder Möchtegern-Scherzkeks, der was auf sich hält, hat schon versucht, mich schlimmer zu beleidigen, als ich es kann. Das macht mir nicht viel, das finde ich eher spannend.
Playboy: Was würde Kalkofe über Kalkofe sagen?
Kalkofe: Gar nichts, ich würde diese fette, aufgeblähte Beleidigungsqualle mit der chronisch übergroßen Fresse einfach mit Nichtachtung strafen, das ist viel schlimmer.
Playboy: Warum machen selbst Personen wie Heide Simonis in Shows wie „Let's Dance” mit und blamieren sich dabei?
Kalkofe: Das verstehe ich auch nicht. Ich würde mich ja eher mit einem Lama vor den Kaufhof stellen und Panflöte spielen, wenn sonst nichts mehr geht. Es ist wohl dieser Wunsch, nicht vergessen zu werden. Für „Dancing on Ice” oder „Let's Dance” wurde auch ich übrigens angefragt. Ich habe aber sofort abgelehnt - war allerdings schon ziemlich beleidigt, dass ich überhaupt gefragt wurde. Und da laufen auch Deals. Dann heißt es zum abgehalfterten Schauspieler: „Wir haben noch eine Serie für dich, aber dann musst du auch ins Dschungelcamp kommen.”
Playboy: Hört sich wie Erpressung an.
Kalkofe: Es ist ein Geben und Nehmen. Ich glaube, Frau Simonis wollten sie bei irgendeiner karitativen Sache unterstützen. Und sie dachte vielleicht: „Na ja, dann zeig ich mal, dass ich auch lustig sein kann.” Das ist eine fehlerhafte Selbsteinschätzung.
Playboy: Laut Rundfunkstaatsvertrag sind die Öffentlich-Rechtlichen verpflichtet zu einem „Vollprogramm ... mit vielfältigen Inhalten, in welchem Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden”. Erfüllen sie ihren Auftrag?
Kalkofe: Nein, und deshalb bin ich auf die ja wirklich sauer. Ich bin es auf die Privaten auch, aber die können nichts dafür, denn das sind kommerzielle Unternehmen. Sie machen es auf die falsche Art, und sie dürften trotzdem ihr Publikum nicht komplett verachten. Da unterhalten dich Leute, die du nicht mal im Bus kennen lernen willst, stundenlang. Aber gut, das ist ihr Ding. Aber die Öffentlich-Rechtlichen, die bekommen unser Geld. Es wäre ihre Aufgabe, Impulse zu setzen. Es wäre ihre Aufgabe, jedes Jahr mit geilen Ideen zu kommen. Aber die machen lieber noch fünf Frühlings- oder Sommerfeste der Volksmusik und dampfen Harald Schmidt so ein, bis auch der nur noch Dienst nach Vorschrift macht.
Playboy: Haben Sie einen Lösungsvorschlag?
Kalkofe: Wir müssen diesen verkopften Beamtenapparat schleifen. Du kannst einen Fernsehsender nicht wie ein Katasteramt führen. Die arbeiten nach Stechuhr und ziehen viele mit durch. Das ist ein stehendes, verfaulendes und stinkendes Gewässer. Und ab und zu rührt mal einer darin, wirft einen Stein rein, und dann freuen sich alle, dass der so schöne Kreise zieht, und glauben, sie hätten den Strudel neu erfunden.
Playboy: Also ist keine Rettung in Sicht?
Kalkofe: Es wird immer schlimmer. Früher musstest du tolle Sachen können, um ins Fernsehen zu kommen. Heute haben die Leute vor der Kamera kein Empfinden mehr für sich oder die Qualität dessen, was sie tun. Diese ganzen Busenwitwen und Partyluder. Die können nichts, die sind dumm und haben nichts zu sagen im Leben. Du musst dir deren dummes Geseire anhören und verblödest mit. So machst du die Gesellschaft kaputt.
Playboy: Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Kalkofe: Nein. Früher sagten die Moralkritiker und die Kulturpessimisten: „Fernsehen macht uns alle doof.” Das war übertrieben. Heute stimmt es. Viele Zuschauer sind sehr jung, kennen sich nicht mit dem Fernsehen aus und wissen nicht, dass vieles ein Fake ist. Die gehen zum Arzt und fragen: „Was soll ich denn tun? Mein Vater hat mich nicht vergewaltigt. Ich hatte noch keinen Sex mit Tieren. Ich bin zwölf und noch Jungfrau. Ich falle ja voll aus dem Raster.”
Playboy: Fernsehen ist also nicht nur doof, sondern auch gefährlich?
Kalkofe: Was derzeit passiert, ist ein ganz, ganz schleichender, extremer Verblödungsprozess. Der sich wie ein Virus einnistet und den du irgendwann nicht mehr mitbekommst. „Big Brother” war beim ersten Mal noch ein Schock. Dann ist es dir scheißegal, denn du kannst dich nicht jeden Tag sechs Jahre lang darüber aufregen. Das Dschungelcamp am Anfang: „Oh, Gott!” Beim zweiten Mal: „Ja, jetzt haben sie Känguru-Hoden gefressen. Ist mir auch egal.” Man stumpft ab, und plötzlich ist man nicht mehr in der Lage, sich auf etwas zu konzentrieren.
Playboy: Und so entsteht die neue Unterschicht?
Kalkofe: Mir macht Angst, dass die Dummheit so an Macht gewonnen hat. Wir haben jetzt nur über Fernsehen geredet. Aber auch wenn es um Terror oder um Glaubenskriege geht, es hat ja alles die gleiche Wurzel: Dummheit. Je dümmer du bist, desto eher lässt du dich für irgendwas benutzen und denkst nicht mehr selbst nach. Nehmen wir die Diskussion um die Mohammed- Karikaturen: ein unfassbares Beispiel von weltumspannender Ignoranz und Dummheit. Kaum eine Religion lebt ja das, was sie predigt, nämlich in Frieden miteinander auszukommen. Ich meine, wir können wirklich froh sein, dass radikale Katholiken nicht wissen, wie man einen Sprengstoffgürtel bastelt.
Playboy: Im März kommt der zweite Teil Ihrer Edgar-Wallace-Parodie mit dem Titel „Neues vom Wixxer” ins Kino. Beschreiben Sie den Plot des Films in drei Sätzen.
Kalkofe: Ich verliebe mich in die Tochter von Lord Dickham, dem ehemaligen Chef von Scotland Yard. Da ich aber nicht dem typischen Yard-Bild entspreche, versuche ich mich mit der Hilfe von Bastian Pastewka zu ändern. Doch dann stellt sich raus, dass meine Liebe und mein Partner auf der Todesliste vom Wixxer stehen.
Playboy: Trotz zwei Millionen Zuschauern waren Sie angeblich unzufrieden mit dem ersten Teil.
Kalkofe: Ja und nein. Ich bin natürlich über den Erfolg und das Werk generell sehr glücklich, aber trotzdem weder mit mir noch mit dem Film richtig zufrieden. Zu viel wurde ganz anders, als ich es geplant hatte, das lag an mehreren Faktoren. Aber ich habe nun mal dieses Baby geboren und bin einer der Väter. So ist das mit einem Kind: Man erzieht es, und 18 Jahre lang denkt man, vielleicht bringt es mal den Weltfrieden oder erfindet ein Mittel gegen den Krebs. Und dann geht es nur zur FDP.
Playboy: Macht man es beim zweiten Kind automatisch besser?
Kalkofe: Ein paar Dinge ja, weil man aus Fehlern lernt. Ich habe die Kritik aufrecht entgegengenommen und werde es auch beim zweiten Teil tun. Doch ich werde persönlich mehr darunter leiden, wenn es Leuten nicht gefallen sollte. Denn ich sage ganz offen: Der Film ist dem, was wir vorhatten, sehr, sehr nahe gekommen.
Playboy: Wie wichtig war es Ihnen, dass Schauspieler aus den alten Edgar-Wallace-Filmen mitspielen, wie nun im zweiten Teil Joachim Fuchsberger? Bloßes Name- Dropping für die Quote?
Kalkofe: Nein. So etwas wie die „7 Zwerge”, das ist Name-Dropping. Da macht jeder Deutsche, der sich als Comedy-Künstler verkauft, seine Nummer aus dem Programm. Nur dass er diesmal eine Mütze aufhat. Dass wir Fuchsberger überzeugen konnten, macht mich sehr stolz und glücklich. Es ist schließlich sein erster Film seit 33 Jahren.
Playboy: Das ist lange her, Sie waren damals acht. Jetzt sind Sie 41. Wie alt fühlen Sie sich?
Kalkofe: Auf jeden Fall jünger, als ich bin. Ich bin an einem bestimmten Punkt stehen geblieben, ab da ging das ganze Leben im Zeitraffer. Nie hatte ich Zeit, mich mal hinzusetzen und zu überlegen, was mir mein Leben bisher gebracht hat. Schon klasse, was da alles passiert ist. Schade, dass ich es nicht mitbekommen habe.
Playboy: Hört sich schwer nach einer Lebenskrise an.
Kalkofe: Ich habe die Befürchtung, dass ich am Ende meines Lebenswegs denke: „Mist, das ging mir alles viel zu schnell. Ich möchte bitte zurückspulen und ein paar Szenen noch mal anschauen.”
Playboy: Noch einmal 16 sein?
Kalkofe: Nein, bloß nicht.
Playboy: Eine schlimme Zeit?
Kalkofe: Furchtbar. Pubertät und alles. Ich habe es überlebt, überstanden, und es ging.
Playboy: Sie wuchsen in der Provinz auf.
Kalkofe: Richtig, in Peine. In einer Stadt, die niemals wusste, was sie werden sollte. Zu klein für eine Großstadt und zu groß für eine Kleinstadt. Ohne Extreme. Stillstand.
Playboy: War das wichtig für Ihren Humor?
Kalkofe: Extrem. Die meisten meiner Kollegen haben ähnliche Erfahrungen. Ich kenne wenig lustige Leute, die in einer Großstadt aufwuchsen und ein cooles Leben hatten. Jeder von uns hat einen Hau weg und etwas Seltsames erlebt.
Playboy: Aber vielleicht wären Sie dort glücklicher geworden?
Kalkofe: Ich glaube nicht. Ich hätte mich früh umgebracht oder wäre mit der Schrotflinte durch die Innenstadt gelaufen ...
Playboy: Sie waren auch noch klein, dick und unsportlich. Ist Humor Ihr Ventil?
Kalkofe: Du wirst nicht lustig, wenn du toll aussiehst. Das liegt in der Natur der Sache. Als attraktive Frau hat man das zum Beispiel nicht, dass man sich anderen präsentiert und was über die eigene Weltsicht erzählen muss. Schöne Frauen sind selten lustig. Die meisten Frauen, die sich heute als Comedy verkaufen, sind Selbstdarstellerinnen. Die sitzen mit tiefem Dekolleté und hübsch aufgemacht in irgendwelchen Shows und verkaufen dir die ganze Zeit, sie wären superlustig, weil sie über alles laut lachen und sich ständig auf die Schenkel hauen.
Playboy: Sie sind noch kinderlos. Haben Sie nicht den Wunsch, der Welt einen Nachfolger für „Kalkofes Mattscheibe” zu hinterlassen?
Kalkofe: Ich hätte Lust auf Familie, aber für alles gibt es die richtige Zeit. Ich warte. Bis dahin bin ich lediglich der Stiefvater eines blinden Hundes.
Playboy: Eines Blindenhundes oder eines blinden Hundes?
Kalkofe: Blind. Er ist ein blinder Rehpinscher und heißt Horst. Meine Freundin hat ihn von einem Opa übernommen, der versuchte, eine Entzündung an den Augen des Hundes selbst zu operieren. Seitdem ist Horst blind.
Playboy: Eine tragische Geschichte.
Kalkofe: Kurz vorher wurde er auch noch kastriert. Anschließend hatte er Pilze an den Ohren, wodurch die ganzen Haare ausfielen. Und dann ist er gehumpelt, und ein Arzt hat ihm das Bein operiert. Aber leider das gesunde. Weswegen er jetzt zum Teil auf drei Beinen läuft.
Playboy: Das klingt ausgedacht.
Kalkofe: Ja, ist es aber nicht. Horst ist nicht totzukriegen. Der ist jetzt wahrscheinlich schon zwölf oder dreizehn, war bereits klinisch tot und mehrfach von den Ärzten aufgegeben, aber das ist Horst egal, der hört nicht so auf Ärzte, obwohl er jetzt sogar einen Tumor hat. Er hat schon mehrfach das Licht am Ende des Tunnels gerochen, aber jedes Mal dem Sensenmann ans Bein gepisst. Das ist überhaupt ein schönes Motto fürs Leben: Was auch passiert, mach einfach immer weiter. Sei ein Horst.

Interview: Detlef Dreßlein / Tim Gutke ]

[ dick im geschäft
>> Oliver Kalkofe, geboren 1965 in Hannover, fand über das Radio zu seiner Berufung. Für die Comedy „Das Frühstyxradio” entwickelte er bereits das Format „Kalkofes Mattscheibe”. Dieses schaffte es 1994 ins Fernsehen und lief anfangs auf Premiere, zuletzt auf Pro Sieben. Für die bissige Mediensatire erhielt Kalkofe 1996 den Grimme-Preis und 1999 den Deutschen Comedy-Preis. Mit Oliver Welke und Bastian Pastewka schrieb er das Drehbuch zu „Der Wixxer”. Ab dem 22. März läuft die Fortsetzung „Neues vom Wixxer” in den Kinos.
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