Der böse Blick
Suchen die James-Bond-Macher einen Fiesling, finden sie meist einen Deutschen. Jüngstes Beispiel: der Schauspieler Clemens Schick. In „Casino Royale“, ...
 
... dem 21. Bond-Abenteuer, guckt keiner so gemein wie er ...

Der Kalte Krieg ist beendet und die Welt neu geordnet – selbst die von James Bond. Nur die 007-Schurken sprechen noch immer mit deutschem Akzent, auch im neuesten Agentenabenteuer.
Nach Gert Fröbe, Curd Jürgens oder Klaus Maria Brandauer bedient in „Casino Royale“ nun der Berliner Theater- und TV-Schauspieler Clemens Schick, 34, das bewährte Stereotyp.
Bei der Besetzung von Gert Fröbe in „Goldfinger“ mögen die Regisseure noch an die Nazi-Herrschaft gedacht haben. Doch selbst später, als die Bösewichte nach und nach ihre paramilitärischen Uniformen gegen Smoking oder Mao-Kragen tauschten, besetzten sie Bonds Gegenspieler bevorzugt mit deutschen Charakterköpfen. Schauspieler wie Götz Otto, Claude-Oliver Rudolph oder Gottfried John verdanken ihre Schurkenrollen in den 007-Streifen dieser Tradition – wenn auch in kleineren Rollen.
Curd Jürgens – der Stromberg aus „Der Spion, der mich liebte“ (1977) – erschien den Filmemachern sogar im wirklichen Leben nicht ganz geheuer. „Per Knopfdruck schob sich der Fußboden beiseite, ein Pool kam zum Vorschein“, berichtete Bond-Designer Ken Adam nach einem Besuch in dessen Privathaus an der Côte d’Azur. „Wir wurden den Eindruck nicht los, er habe überall Kerker voller Mädchen in seinem Haus. Er war wie Stromberg.“
Und jetzt also Clemens Schick, Ensemble-Mitglied der edlen Berliner Schaubühne und jüngster 007-Finsterling. Im Lauf seiner Karriere hat er bereits einige schlimme Finger gemimt, etwa im Serienkrimi „Ein Fall für zwei“, in Henrik Ibsens Bühnenstück „Hedda Gabler“ oder in seinem ersten Hollywood-Kurzauftritt in „Duell – Enemy At The Gates“.
Dass seine Herkunft für die Besetzung im neuen „Bond“ eine Rolle gespielt hat, glaubt er trotzdem nicht. „Ich hatte einfach Glück, dass die Wahl auf mich fiel“, sagt Schick. Ausschlaggebend für die Casting-Agentin in Berlin sei jedenfalls nicht sein Pass gewesen – viel eher schon die Tatsache, dass er damals gerade sehr überzeugend einen englischen Schurken im Theater verkörperte – die Shakespeare-Figur Richard III.
Angst davor, nun auf die Rolle des ewigen Bösewichts festgelegt zu werden, hat Schick nicht. Weit wichtiger ist ihm, dass er als Kratt auch in „Casino Royale“ eine Figur mimt, die sich mit Hingabe spielen lasse. „Ich liebe Rollen, die eine Radikalität verkörpern, die im wahren Leben nirgends mehr existiert.“
Als rechte Hand des Oberschurken Le Chiffre (übrigens mit Mads Mikkelsen besetzt, einem Dänen) warf sich Schick für den neuen Bond auf den Bahamas, in London, Prag und Karlsbad ins Geschehen. Innerhalb seiner 28 Drehtage stieg er von der kleinen Nebenrolle zur Position Nr. 7 auf der Darstellerliste auf – noch vor den drei anderen Mitgliedern der deutschen Bösewicht-Delegation: Schicks Berliner Theaterkollege Jürgen Tarrach, Sixties-Model-Legende Veruschka von Lehndorff und Ludger Pistor.
Das Drehbuch hütet Schick in seiner Kreuzberger Wohnung wie eine Geheimakte. Auf jeder einzelnen Textseite schimmert grau gerastert sein Name durch. Falls Seiten daraus im Internet auftauchten, wäre er überführt. „Ich musste einen vierseitigen Schweigevertrag unterzeichnen“, sagt er. Doch auch ohne die genauen Details zu kennen, wissen Bond-Fans nach mehr als vier Jahrzehnten Agentenfieber ziemlich genau, was sie erwartet. Die Dramaturgie ist seit dem Debüt im Jahr 1962 vorgegeben: Der Geheimagent im Dienste Ihrer Majestät wird die Welt mal wieder in letzter Sekunde retten, zwischen Martini, Skipiste und Karibikstrand.
Für Schick noch immer ein zeitgemäßes Drehbuch: „Klar leben wir in einer extrem komplexen Welt, die es für uns alle schwer macht, die politische Situation exakt einzuordnen. Aber da ist es eben sehr an-genehm zu sehen, wie sich Bond auf manchmal ganz naive Weise in dieser Welt be-wegt. Gerade deshalb kommt er heute noch so gut an.“
Wer Clemens Schick beim Gespräch gegenübersitzt, erlebt einen höflich-kontrollierten Mann, dem man den Berserker dennoch abnimmt. Und der es offensichtlich genießt, wie seine Laufbahn sich gerade hochschaukelt. An der Schaubühne feierte er Anfang November die Premiere von Tschechows „Drei Schwestern“, Mitte des Monats wird er ein Goethe-Institut-Gastspiel mit einem Bühnensolo in den USA geben, ehe er für die 007-Premieren durch halb Europa reist. Der Smoking wird bereits geschneidert.
Und dann ist endlich auch das Geheimnis gelüftet, welche Waffe er im neuen „Bond“ gegen 007 einsetzt – es könnte gut und gern sein Blick sein.

Rudi Raschke ]

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[ exzessiver schick
>> Der gebürtige Stuttgarter Clemens Schick, Jahrgang 1972, dachte zunächst an eine Laufbahn als Franziskaner-Mönch. Nach einem halben Jahr im Kloster entschied er sich jedoch für die Kasteiung in einer privaten Schauspielschule in Berlin. Inzwischen stand er auf fast allen wichtigen deutschsprachigen Bühnen zwischen Berlin und Zürich. Die Zeitschrift „Theater heute“ attestierte ihm eine „exzessive, geradezu gefährliche Energie“ Im Fernsehen war er in „Tatort“ oder „Wolffs Revier“ zu sehen. „Casino Royale“ ist sein zweiter internationaler Film nach „Duell – Enemy at the Gates“ (2001)
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