Sodom und Camorra
Der Film „Gomorrha“ erzählt, wie sehr Neapel vom Verbrechen durchdrungen ist. Die Bosse entscheiden über Leben, Tod — und auch die Rente
Mutige Buchhalter sind selten. Auch Don Ciro ist nicht mutig: Unauffällig, in beigefarbener Kleidung, schleicht er durch Casal di Principe, die brutale Vorstadtwüste Neapels, vorbei an stinkenden Müllbergen, den Wachen der Camorra und kleinen Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen, als selbst Camorristi zu werden.
Mut wird hier früher oder später mit dem Tod belohnt. Don Ciro muss vorsichtig sein.
Don Ciro bringt Geld. Geld für die Witwen, die Alten, die Frauen und die Kinder. Allen, die der Camorra gedient haben, deren Ernährer tot sind oder im Knast sitzen. Die Männer, die die Wohlfahrt der Camorra sind, werden „U-Boote“ genannt: Sie tauchen auf, ohne dass es jemand bemerkt, blättern den Familien ein paar Hunderter hin — bis zu 1500 Euro — und verschwinden wieder.
Roberto Saviano hat in „Gomorrha“ so präzise wie kein anderer zuvor die Camorra beschrieben. Er sagt, er sei in seinem Leben nur einmal einem „U-Boot“ begegnet, jemandem wie Don Ciro.
„Solange ich prominent bin, bin ich geschützt. Die Camorra scheut die Aufmerksamkeit“ Roberto Saviano
Manchmal trinkt Don Ciro noch einen Caffè mit Maria, deren Mann im Gefängnis sitzt.
Der Staat hat Neapel aufgegeben. Längst hat sich das organisierte Verbrechen in allen Teilen des öffentlichen Lebens breitgemacht. Arbeit, Rente, selbst Bankgeschäfte: Die Camorra regelt alles für die Menschen, die in ihrem Revier leben.
Als Saviano vor zwei Jahren seinen dokumentarischen Bericht über die Camorra veröffentlichte, brachte ihm das allein in Italien 1,4 Millionen verkaufte Exemplare ein — und Todesdrohungen der Camorra-Bosse. Seit zwei Jahren lebt er unter Polizeischutz, an wechselnden unbekannten Orten. Er sagt: „Solange ich prominent bin, bin ich halbwegs geschützt.“ Aber er weiß auch: Die Camorra vergisst nichts. Und ihre Erinnerung reicht über Jahrzehnte hinweg.
Was er über Männer und Frauen wie Don Ciro und Maria erfahren hat, verarbeitete Saviano in einem Spielfilm, der zeigt, dass es unmöglich ist, der Camorra in Neapel zu entkommen. In „Gomorrha“ sieht man, wie die Mafia Neapels jeden missbraucht, wenn es dem eigenen Geschäft nutzt.
Aber der Film hat auch seltsame Szenen, in denen Don Ciro sich mit den Finanzverwaltern der Camorra zusammensetzt und die Ausgaben zusammenrechnet. Wie er den Alten und Schwachen das Geld bringt, sich ihre Klagen darüber anhört, dass alles zu wenig sei, dass es nicht reiche zum Leben. Dann sagt er, was jeder Beamte auch sagt, der Hartz IV verteilt: „Ich kann da nichts machen, aber ich leite es weiter.“
Es ist absurd: Dort, wo der Staat versagt und die Menschen sich selbst überlässt, stehen Drogendealer und Menschenschmuggler bereit, um zu helfen. Überall auf der ganzen Welt hat das Verbrechen begriffen, dass es den Rückhalt der Menschen braucht, um sie gefügig zu halten.
Ob in Neapel, Chicago oder im Kaukasus: Die Gangster zeigen ihre vermeintlich soziale Ader. Das, was Saviano über Neapel schreibt, hat der englische Journalist Misha Glenny in seinem Buch „McMafia“ (DVA, 24,95 Euro) für den Rest der Welt skizziert: Überall übernimmt das organisierte Verbrechen das gesamte öffentliche Leben, die Wirtschaft, den Staat. Legal, illegal — vollkommen egal.
Wie etwa in Odessa: Dort kontrollierte ein Mann namens Karabas in den neunziger Jahren die gesamte Stadt. Er achtete darauf, dass nur in einem Viertel mit Drogen gehandelt wurde und sich das Verbrechen auf das Nötigste beschränkte.
Seine Macht in Odessa gründete sich nicht mehr auf Waffengewalt, sondern auf Autorität und Vertrauen. Das ging erstaunlicherweise eine Zeit lang gut, bis Karabas von 19 Kugeln niedergestreckt wurde. Den tschetschenischen Gangs hatte es nicht gepasst, dass ein einziger Mann die Stadt unter seiner Kontrolle hielt. Denn die Sorge um das Gemeinwohl geht natürlich nur so weit, wie sie dem Geschäft dient.
Die Camorra hält den Menschen auf der einen Seite die Hand hin, auf der anderen Seite nutzt sie sie brutal aus. Der Giftmüll, der sich in illegalen Deponien überall um Neapel herum verbirgt, lässt die Krebsraten in die Höhe schnellen.
Die Camorra übernimmt nur eine Art Grundversorgung. Aber sie zahlt mehr als das, was der Staat als Stütze schickt und kaum zum Überleben reicht. Jeder, der zu Hause Drogen aufbewahrt, erhält dafür 1000 Euro. In der Woche. Die Polizei muss man kaum fürchten. An einem Ort, an dem Gesetze nicht mehr gelten, ist es häufig nur noch das Verbrechen, das man als organisiert bezeichnen kann. So muss Schutzgeld auch nicht unbedingt immer erpresst werden.
Nicht ohne Grund spricht in Neapel niemand von der Mafia oder von der Camorra. Sie reden vom „System“ — so, als gebe es keine Alternative, als sei es nicht möglich, im Leben ohne die Camorra auszukommen. In Neapel richtet sich sogar der sonst so anarchische Straßenverkehr nach den Regeln der Bosse. Und die besagen: Niemand darf mit Helm Motorrad fahren. Wer sich vermummt, könnte ein mit einem Attentat beauftragter Killer sein und wird erschossen. Ohne Helm lebt es sich sicherer.
Wer nicht auffällt, der gerät auch nicht ins Visier der Mörder. Doch im System hat man nicht die Möglichkeit, für sich selbst zu entscheiden.
Als sich in Casal di Principe ein Teil der Camorra abspaltet und die Autorität der Bosse in Frage stellt, legt Don Ciro unter seiner beigefarbenen Jacke die kugelsichere Weste an.
Auch Maria, deren Mann im Gefängnis sitzt, erfährt, wie weit die Fürsorge der Camorra geht. Als ihr Sohn die Seiten wechselt, kommt zuerst kein Geld mehr.
Dann kommen die Mörder. Maria stirbt, Don Ciro überlebt ein Massaker. Doch seit diesem Tag hat er Angst.
Das Geld wird ein Anderer austragen. Die Kinder werden weiter davon träumen, Camorristi zu werden. Sie haben keine Wahl. Denn, so bitter diese Erkenntnis auch ist: Die Camorra ist zugleich ihr Verderben und ihre einzige Hoffnung.
Alexander Runte ]
Im sozialen Brennpunkt Scampìa liefern sich die Clans Scissionisti di Secondigliano und Clan Di Lauro eine Fehde. In diesem Umfeld wächst der dreizehnjährige TOTÒ (Salvatore Abruzzese) auf. Da sein Vater im Gefängnis sitzt, wird der Lebensunterhalt von Totò und seiner Mutter durch die Scissionisti finanziert. Doch Totò entscheidet sich, für den Clan Di Lauro zu arbeiten. und gerät so zwischen die Fronten des Bandenkriegs.

„Alles, was ich kenne, ist entweder der Tod oder das Gefängnis. Aber ich möchte ein Pate werden, möchte Einkaufszentren besitzen, Boutiquen und Fabriken, ich möchte viele Frauen haben. Ich möchte drei Autos. Ich möchte, dass die Leute mich respektieren, wo ich auch auftauche. Ich möchte Geschäfte auf der ganzen Welt. Und dann will ich sterben. Aber so, wie die wahren Kerle sterben, die, die im Dienste der guten Sachen das Sagen haben. Ich möchte einem Mordanschlag zum Opfer fallen.“ Totò
DON CIRO (Gianfelice Imparato) ist „il Sottomarino“ („das U-Boot“), ein Buchhalter der Mafia. Er zahlt den Angehörigen toter oder inhaftierter Mitglieder des Familien-Clans ein Gehalt aus und muss in dieser Funktion von Haus zu Haus durch die Brennpunkte Neapels ziehen. Vergeblich versucht er, den Fängen der Mafia zu entfliehen und seine Bosse davon zu überzeugen, ihm eine andere Aufgabe zu übertragen. Zuletzt traut er sich nicht mehr ohne schusssichere Weste in die Slums. Unsicher, von wem er nun seine Befehle zu empfangen hat, drehen sich seine Gedanken bald nur noch um das eigene Überleben. Während er an einer großen Geldübergabe teilnimmt, kommt es zu einem Massaker.

„Don Ciro ist das einzige ‚U-Boot‛, das ich je kennenlernen konnte. Er arbeitet im historischen Zentrum und verwaltet die Gehälter der vollkommen zerstörten Clans, die langsam wieder versuchen, sich in einer vorteilhaften Phase neu zu organisieren, nicht nur, um zu überleben.“ Roberto Saviano
ROBERTO (Carmine Paternoster) hat gerade seine Universitätsausbildung abgeschlossen. FRANCO (Toni Servillo) bietet ihm die einmalige Gelegenheit einer dauerhaften Anstellung bei großartigen Gehaltsaussichten: einen Beruf im Bereich des Giftmüllmanagements. Doch Roberto sieht sich mit Realitäten konfrontiert, die sein Gewissen zutiefst beunruhigen.

„Diejenigen, die vorgeben, das hier sei amoralisch, dass die menschliche Existenz ohne Moral undenkbar ist, die Wirtschaft Grenzen und Regeln haben muss, denen sie gehorcht, die werden nie erfolgreich nach der Macht greifen können, sie haben sich vom Markt besiegen lassen. Ethik, das ist die Bremse der Verlierer, der Schutz der Besiegten, die moralische Rechtfertigung all jener, die nie alles auf eine Karte gesetzt und alles an sich zu raffen wussten.“ Roberto Saviano
PASQUALE (Salvatore Cantalupo) ist ein talentierter Schneider, der bei einer kleinen Firma arbeitet, die wiederum die Vertreter der Haute Couture beliefert. Chinesische Wettbewerber geben ihm die Möglichkeit, die Geheimnisse seines Marktes mit ihren Arbeitern zu teilen. Verführt und geehrt durch dieses Angebot nimmt er an und bringt so sein eigenes Leben in große Gefahr.

„Pasquale könnte nie sagen: Ich habe sie gemacht. Das würde ihm niemand glauben. Während der Oscarverleihung hat Scarlett Johansson ein langes weißes Kleid getragen, das in Arsano gemacht worden ist, der Entwurf stammt von Pasquale. Der Gipfel und gleichzeitig der Tiefpunkt seiner Karriere. Millionen von Dollars gegen 600 Euro im Monat.“ Roberto Saviano
MARCO UND CIRO (Marco Macor, Ciro Petrone) sind überzeugt, ihr Leben sei buchstäblich Brian de Palmas „Scarface“ entsprungen. Aber innerhalb des Systems haben sie das Ansehen zweier streunender Hunde, deren wagemutige Handlungen die Geschäftsroutine gehörig durcheinanderbringen. Als sie zunächst bei einem Raubüberfall Drogen erbeuten und im Anschluss ein verstecktes Waffenarsenal der Camorra ausheben, bekommen sie es mit den mächtigen Mafiabossen zu tun.

„Im Prinzip unterscheidet sich das Zuschauen im Kino nicht wirklich vom Leben im Gebiet der Camorra und anderswo. Überall haben die cinematografischen Referenzen einen mythologischen Wert, von dem man sich inspirieren lässt. Überall kann man ‚Scarface‛ lieben und sich in ihn und seine Figuren hineinversetzen. Aber nur hier kann man Scarface sein. Das allerdings bis zur letzten Konsequenz.“ Roberto Saviano
• Kriminalstück
Der Tatsachenroman Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra“ hat sich in Italien 1,4 Millionen Mal verkauft, wurde in 33 Sprachen übersetzt und im vergangenen Jahr für die Kinoleinwand verfilmt. Ein unglaublicher Erfolg - für den Autor Roberto Saviano teuer bezahlen musste: Weil er in seinem Buch schonungslos die Machenschaften der neapolitanischen Mafia schildert, steht er auf der Todesliste der Camorra und damit unter ständigem Polizeischutz. Nun erscheint sein Buch erstmals in einer Edition mit der Film-DVD, inklusive 110 Minuten Bonusmaterial. Ab 19. März
• Kurzinhalt
Macht, Geld, Blut. Damit werden die Einwohner der Provinzen von Neapel und Caserta tagtäglich konfrontiert. Nur eine privilegierte Minderheit kann überhaupt daran denken, ein „normales“ Leben zu führen.
Die süditalienische Mafiaorganisation Camorra mischt mit im internationalen Drogenhandel, verschiebt riesige Mengen Giftmüll, macht gewaltige Geschäfte mit der Herstellung von Designermode, hat praktisch das Monopol auf den Handel mit Zement – und Geschäftsbeziehungen, die von Deutschland bis nach China reichen.
GOMORRHA beschreibt die suggestive Kraft der Camorra, die Operationen, mit denen die Clans ihre Macht behaupten und die Manipulationen, mit denen sie ihre schmutzigen Geschäfte in Gang halten. Ein Film, der auf einem Weltbestseller beruht, dessen Autor trotz massiver Morddrohungen weiter mutig über das Verbrechen als System spricht und die Menschen wachzurütteln versucht.
Auszeichnungen
Filmfestspiele Cannes 2008
„Großer Preis der Jury“
Frankfurter Buchmesse 2008
„Beste internationale Literaturverfilmung 2008“
Europäischer Filmpreis 2008
„Bester Europäischer Film"; „Beste Regie“; „Bestes Drehbuch"; „Bester Darsteller" (Toni Servillo); „Beste Kameraführung" (Marco Onorato)
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• Gomorrha . Trailer
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„Die Realität, von der ich ausgegangen bin, um GOMORRHA zu drehen, war optisch so eindrucksvoll, dass ich sie mit extremer Einfachheit zu filmen versucht habe, so, als wäre ich ein Zuschauer, der sich rein zufällig am Schauplatz des Geschehens eingefunden hat. Ich glaube, das war die effektivste Herangehensweise, um die Gefühle zu reproduzieren, die ich hatte, während ich an dem Film gearbeitet habe.“ Matteo Garrone (Regisseur)




