Paul Biedermann

Ich muss den besten Biedermann aller Zeiten an den Start bringen

Michael Phelps? Schon einmal besiegt! Ian Thorpe? Nicht qualifiziert! Fürchten muss Schwimm-Ass Paul Biedermann bei Olympia niemanden. Aus dem Wasser ganz oben aufs Podest, das gelang zuletzt Michael Groß. 1984. Für uns ging der Rettungsschwimmer unserer Olympia-Ehre schon einmal vorab ins Becken: „Badeanzüge“ ausprobieren

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Paul Biedermann

Will man etwas im Sport erreichen, gehören Schmerzen dazu

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Paul Biedermann, 25, steht am Beckengrund seiner neuen Trainingshalle in Halle an der Saale und hebt und senkt den rechten Daumen im schnellen Wechsel - soll in der Tauchersprache heißen: Sehe ich gut aus, sitzt der Anzug? Was für eine Frage! Natürlich, wie angegossen! Mit der Eleganz eines Rochens gleitet er durchs Becken, so, als sei das Wasser sein eigentliches Element. Wenig später sitzt er in einem fensterlosen Nebenraum der Schwimmhalle und isst Schnitzel. Kein Poser, eher bieder, der Mann. Eine ehrliche Schwimmhaut. Reden wir also erst mal darüber: übers Schwimmen und über Ehrlichkeit.

Playboy: Uns wundert, dass über Doping im Schwimmsport kaum noch gesprochen wird. Ist Ihr Sport plötzlich sauber?
Biedermann: Das ist doch schön. Wir haben in Deutschland mit das härteste Kontroll- und Abmeldesystem..Ich kann nur hoffen, dass meine Konkurrenten genauso kontrolliert werden wie ich.

Playboy: Kommt Doping aus ethischen Gründen für Sie nicht in Frage?
Biedermann: Ja. Weil es Betrug ist. Ich will nur das erreichen, was ich auch wirklich selbst erreichen kann. Weil ich als Person es mit meinem Körper, mit meinem Talent und meinen Voraussetzungen schaffen möchte und ich nicht wissen will, welche Mittelchen ich nehmen muss, damit ich mich über Wasser halten kann. Ich als Person will mir gegenüber immer ehrlich sein.

Playboy: Dann bitte mal ganz ehrlich: Wie masochistisch muss man veranlagt sein, um für eine Goldmedaille in London in Frage zu kommen?
Biedermann: Ich habe elf Jahre in einer uralten DDR-Halle in Halle trainiert, bei der am Ende nur noch die Farbe an den Wänden klebte. Und trotzdem: Ich hatte mich daran gewöhnt, ich konnte dort intensiv trainieren, mir persönlich hat nichts gefehlt. Man sagt ja nicht zu Unrecht: Die besten Boxer kommen aus den schlimmsten Hallen.

Playboy: Wir meinten eher die Fähigkeit, sich selbst zu quälen?
Biedermann: Mmh, man muss sich in jedem Fall quälen können. Wenn man im Sport etwas erreichen will, dann gehören Schmerzen dazu. Man muss wissen, wie weit man gehen kann, wo die Grenzen liegen, und dann muss man versuchen, gezielt darüber hinauszugehen.

Playboy: Biathletin Magdalena Neuner hat mit 25 Jahren ihren Rücktritt bekannt gegeben - glücklich sah sie dabei nicht aus. Können Sie erklären, was so ein Hochleistungssportler alles aushalten muss?
Biedermann: Du richtest dein ganzes Leben nach Leistung aus. Nach nichts anderem. Ich stehe um sechs Uhr auf, um sieben bin ich im Wasser. Es geht immer nur um Leistung. Die stupide Wiederholung des Immergleichen aus Training, Erschöpfung, Training.

Playboy: Ist es ein besonderer Kick, wenn man realisiert: Ich bin der Beste der Welt?
Biedermann: Selbst als ich mit Weltrekord ganz oben auf dem Treppchen stand, ahnte ich: Ich kann es noch besser, das war noch lange nicht perfekt. Ein schlauer Kopf hat mal gesagt: Die Zufriedenheit ist der Tod eines Leistungssportlers.

Playboy: Wann erkannten Sie das erste Mal selbst, dass Sie ein seltenes Talent besitzen?
Biedermann: Mir wurde fürs Schwimmen nie Talent vorausgesagt. Mir wurde immer geraten, mach mal ne andere Sportart. Geh mal zum Rudern, bloß nicht Schwimmen. Meine ersten Erfolge mit 18 kamen sehr spät für einen Schwimmer. Aber nur weil mir jemand sagt, dass ich es nicht kann, deswegen gebe ich nicht gleich auf. Vom Charakter her bin ich Malocher. Schwimmen ist eine der trainingsintensivsten Sportarten, ohne Arbeit ist im Becken noch keiner schnell geworden.

Playboy: Eine gute Einstellung, wenn nach der Karriere noch ein ganzes Leben wartet.
Biedermann: Ich hoffe, diese Einstellung wird mir später weiterhelfen, auch wenn ich es dann auf die Arbeit ummünzen muss. Das Leben, das danach kommt, finde ich schwieriger, weil man es nicht messen kann. Wenn ich im Becken eine Zeit schwimme, dann weiß ich sofort, gut oder schlecht. Aber im Büro? Das ist das Schöne am Sport, man hat sofort die Rückkopplung. Michael Groß hat das einmal schön gesagt, dass er alles in seinem Leben im Sport erlebt hat und es für ihn ganz schwer war, sich in der Arbeit zu motivieren, weil er nicht mehr wusste, warum, für was? Großer Erfolg, große Enttäuschung, das hatte er alles schon erlebt. Es war für ihn schwer, sich neue Ziele zu setzen.

Playboy: War Groß für Sie ein Vorbild?
Biedermann: Ich hatte nie ein Vorbild im Sport. Im Sport wollte ich immer meinen eigenen Fußabdruck hinterlassen. Als Mensch habe ich das Vorbild Matthias Steiner (2008 Olympiasieger im Gewichtheben, der ein Jahr zuvor seine Ehefrau durch einen Autounfall verlor; d. Red.). Weil mir das in Peking sehr imponiert hat und weil ich ihn auch persönlich kennen gelernt habe und weiß, dass er ein dufter Typ ist. Wie er sich aus diesem Lebenstief wieder selbst herausgezogen hat, das ist bewundernswert.

Playboy: Sie sind Europameister, Weltmeister, Weltrekordler. Der Olympiasieg fehlt noch . . .
Biedermann: Erst mal möchte ich dort im Finale stehen, und dann wird das 200-Meter-Freistil-Finale in London sicher das bestbesetzte Feld sein, das es jemals gab. Das wird eine sehr enge Kiste. Dieses spezielle Feeling hat mich schon 2008 in Peking so beeindruckt: das olympische Dorf, die riesige Mensa, und plötzlich steht Roger Federer neben dir an der Salatbar und macht dasselbe Gesicht. Und Dirk Nowitzki kommt einem entgegengeschlurft und sagt: „Na, haben wir gut gespeist?“ - „Aber klar doch, Dirk. Mahlzeit!“ Olympia ist das Maß der Dinge.

Playboy: Wie ist Ihr Verhältnis zu den beiden Weltstars Phelps und Thorpe, den vielleicht größten Schwimmern aller Zeiten?
Biedermann: Man wünscht sich ein „good race“, und das war’s dann auch schon. Ich bin aber auch überhaupt nicht auf einer Stufe mit den beiden. Auch wenn sie nett über einen reden, das kann man als Kompliment annehmen, aber ich bin Sportsmann genug, um zu wissen: Die haben olympisches Gold, du warst einmal im Finale und bist Fünfter geworden. Da liegt noch mal eine Welt dazwischen.

Playboy: Schwimmen ist neben der Leichtathletik die olympische Kernsportart schlechthin. Viele Schwimmer sind unter den fünf Ringen zu Weltstars geworden: Mark Spitz, Ian Thorpe und natürlich ein Michael Phelps. Wären Sie dafür bereit?
Biedermann: Schwer zu sagen, ob ich dafür bereit wäre. Ich würde es auf den Versuch ankommen lassen. Davor steht, dass ich den besten Biedermann aller Zeiten an den Start bringen muss. Vom Leistungsniveau und vom Alter her müsste es jetzt der Zenit sein. London wird mein persönlicher Stresstest. Ab und zu kommen auch Gedanken hoch nach dem Motto: Hoffentlich versaust du es nicht. Das muss ich dann schnell unterbinden. Wer vorher rechnet, rechnet zweimal.

Playboy: Warum so bescheiden? „Bild“ feiert Sie als „Paul Supermann“.
Biedermann: Natürlich fühle ich mich in dem Moment gebauchpinselt. Aber ich muss das auch distanziert betrachten, denn genauso geht es wieder in die andere Richtung, wenn die Erfolge ausbleiben. Das ist mir bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren passiert. Nur Platz zwei über 400 Meter, ich war von einem Moment auf den anderen nicht mehr der Held, sondern der Loser, der nicht mehr gefragt war.

Playboy: Vor gut einem Jahr bei der Schwimm-WM in Shanghai gab es viele negative Schlagzeilen um Ihre Freundin Britta Steffen, die nach schwachen Ergebnissen fluchtartig abgereist war. Es hatte den Anschein, als hätten Sie beide ein Problem mit der Öffentlichkeit . . .
Biedermann: Wir beide denken nicht darüber nach, wie wir uns am besten den Medien gegenüber verkaufen können. Wir wollen unser Ding machen und uns nicht nach irgendwelchen Medien richten, die dann unser Leben bestimmen. Wir wollen unsere Persönlichkeiten bewahren und auch das sagen können, was wir denken, und uns nicht irgendeine Zensur auferlegen lassen. Die Zeitung, die heute gelesen wird, in die wird morgen der Fisch eingewickelt. Das ist ein bisschen unser Spruch. Öffentlichkeit hat ihre schönen Seiten, und sie hat negative Seiten. Man bekommt mit der Zeit ein dickes Fell, das gehört ein bisschen zum ganzen Theater dazu, aber das wirkliche Leben spielt sich ganz woanders ab. In den eigenen vier Wänden.

Playboy: Wie reagieren die Menschen auf der Straße auf Sie beide?
Biedermann: Britta wird erkannt und ich gar nicht. Aber sie fällt ja auch auf, bildschön, wie sie ist, mit ihren blonden Haaren . . . Wir sind in Dresden mal durch ein Museum gelaufen, und jede Omi hat sich umgedreht und gesagt (Biedermann verstellt seine Stimme und imitiert eine ältere Dame): „Hallo Frau Steffen, das ist ja schön, dass ich Sie hier treffe. Wer ist denn der nette Mann neben Ihnen?“ Ich finde das super, weil es mir ein Stück Freiheit gibt, die ich auch brauche. Wenn ich gezielt Aufmerksamkeit will, dann gehe ich in die Schwimmhalle.

Playboy: Wie groß ist das Konkurrenzdenken zwischen den beiden besten deutschen Schwimmern, die noch dazu ein Liebespaar sind?
Biedermann: Ich sehe überhaupt kein Konkurrenzdenken oder Neid. Jeder denkt da für sich. Jeder von uns will das beste Rennen schwimmen, zu dem er in der Lage ist. Punkt.

Playboy: Kürzlich war zu lesen, Sie wollten bald sesshaft werden. Ist Paul Biedermann, bitte um Entschuldigung, ein Biedermann?
Biedermann: Ja, ich bin ein Biedermann. Dazu stehe ich auch. Das ist auch nicht spießig. Dieses ständige Herumreisen und Herumtingeln, permanent auf gepackten Koffern sitzen, das ist eine Zeit lang mal ganz aufregend, aber man sieht eben nur die Schwimmhallen. Ich möchte liebend gern länger an einem Ort leben, mit Britta ein richtiges Familienleben haben, Kinder kriegen. Ich habe nichts gegen den Traum vom bürgerlichen Leben.

Playboy: Wer hat die bessere Figur von Ihnen beiden: Britta oder Sie?
Biedermann: Britta natürlich.

Playboy: Ist man als Schwimmer besonders eitel, weil man seinen Job in der Badehose verrichtet?
Biedermann: Es ist schon so, dass man mit seinen Problemzonen täglich und schonungslos konfrontiert wird.

Playboy: Kaum vorstellbar, dass ein Weltmeister Problemzonen hat?
Biedermann: Ich finde meine Oberschenkel zu dick, das ist aber auch familiengegeben. Klar, bin ich eitel, insofern ist das vielleicht auch nur eine verschobene Selbstwahrnehmung. Ich bin aber auch nicht der Typ, der am Strand mit freiem Oberkörper und Tanga herumstolzieren würde. So viel Selbstbewusstsein habe ich dann doch nicht, dass ich mich das traue.

Playboy: Reden wir über Ihren Stil. Was tragen Sie?
Biedermann: Am liebsten Fanware. Heavy-Metal-Band-Merchandising. Vieles, was diese Bands an T-Shirts und Pullovern herausbringen, wird getragen. Ich bin aber kein Gothic-Typ. Ich trage auch gern schicke Sachen wie die von Hugo Boss zum Beispiel.

Playboy: Welche Heavy-Metal-Bands gefallen Ihnen?
Biedermann: Rammstein, Metallica oder Amon Amarth. Vor und nach dem Wettkampf, meistens sehr laut. Wenn ich sehe, dass mein Trainer die Augen verdreht, dann weiß ich, es ist laut genug. Ich habe auch einen Unterwasser-MP3-Player und kann mir die Musik während des Schwimmens auf die Ohren legen lassen. Unter Wasser ist der Sound eh viel besser als an Land, nicht so blechern.

Playboy: Seit diesem Jahr sind Sie das Gesicht von Gillette in Deutschland. Solche Sponsorenverträge hatten bisher immer nur die ganz Großen im Sport wie Tiger Woods oder Roger Federer. Ist es richtig, dass Sie sich nahezu täglich am ganzen Körper rasieren?
Biedermann: Nein. Im Gesicht rasiere ich mich täglich. Ganzkörper nur vor wichtigen Wettkämpfen. Wenn ich am ganzen Körper rasiert bin, habe ich ein viel besseres Wassergefühl. Jede Wette: Zu einem olympischen Endlauf kommt keiner unrasiert.

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  • ANZUG: Boss Black, ca. 450 Euro. HEMD: Boss Black, ca. 100 Euro. SCHUHE: Converse, ca. 80 Euro

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  • ANZUG: Strellson, ca. 350 Euro. HEMD: Windsor, ca. 100 Euro. SCHUHE: Hugo Boss: Preis auf Anfrage

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  • ANZUG: Strellson, ca. 350 Euro. HEMD: Windsor, ca. 100 Euro

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  • ANZUG: Boss Black, ca. 450 Euro. HEMD: Boss Black, ca. 100 Euro. KRAWATTE: Boss Black, ca. 60 Euro

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Biographie

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  • Passend zum Olympiastart ist Paul Biedermann das neue Gesicht der Fusion Pro Glide Gold Edition von Gillette, ca. 16 Euro

    Passend zum Olympiastart ist Paul Biedermann das neue Gesicht der Fusion Pro Glide Gold Edition von Gillette, ca. 16 Euro

Am 7. August wird Paul Biedermann 26 Jahre alt. Das ist drei Tage nach den olympischen Schwimmwettbewerben in London. Kommt es so, wie viele Experten mutmaßen, macht er sich das schönste Geschenk selbst: Gold bei Olympia. Und falls nicht – in den Olymp deutscher Sportstars kommt er trotzdem: Michael Phelps besiegt, vier Weltrekorde geschwommen, Welt- und Europameister. Nicht schlecht für jemanden, der als Kind durch die Seepferdchenprüfung gefallen ist. Notfalls könnte er sich auch noch zum Synchronschwimmen melden, liiert ist er mit Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen, beide gelten als das Glamourpaar des deutschen Sports.
 

Thilo Komma-Pöllath