Mach! Mich! An!
Um Frauen zu verstehen, muss man eine sein. Um etwas zu lernen, sollte man eine fragen. 96 Stunden ging Reporterin Beate Kruse dahin, wo es wehtut ...
 
Als Lockvogel ins Nachtleben. Nicht etwa, um Männer vorzuführen, sondern damit wir lernen, wie wir es beim nächsten Mal besser machen können. Sollten Sie sich in den kommenden Zeilen wiedererkennen, ein kleiner Trost: Sie sind nicht allein

• Freitag Gegen 23 Uhr stehe ich flirtbereit im „Schumann’s“, Münchens Baggerschuppen mit Niveau. Heute Nacht bin ich Patricia Arquette in „Lost Highway“, melancholisch und wunderschön – nur dass meine Hände zittern. Es ist immer das Gleiche.Traut euch, Männer, ich habe doch genauso viel Angst vor euch wie ihr vor mir. Der Unterschied ist nur, Frauen kompensieren das anders als Männer: mit gespielter Arroganz. Also hört meine Worte: Wir sind nicht arrogant, wir sind unsicher. Auch wenn mein Kostüm eine andere Botschaft sendet.
Ich trage ein schwarzes Minikleid mit Goldsaum – extraweit ausgeschnitten – und goldene Prinzessinnen-Stilettos. Aber das reicht offenbar nicht, um den Braungelockten herzulocken, dem ich schon seit einer Viertelstunde mein geheimnisvollstes Lächeln schenke und der seit einer Viertelstunde verschämt zurückgrinst. Sag was! Sag zum Beispiel: „Ich wollte schon immer mal aus einem goldenen Schuh Champagner trinken.“ Nichts. Dabei ist der klassische Ablauf doch so einfach. Alles beginnt mit einem Lächeln. Unwichtig, wer damit anfängt. Sobald beide Seiten damit ein Grundinteresse signalisieren, ist der Rest ein Klacks: hingehen und ansprechen. Wie? Dazu später. In diesem Fall gebe ich auf. Drei Hocker weiter sitzt einer, der mir regungslos in die Augen starrt. Nicht mehr, nicht weniger. Probiert der eine neue Hypnosetechnik an mir aus? Hey, gucken reicht nicht. Sprich mich an! Ich werde freundlich sein, ich schwöre es dir. Dann gibt es hier noch einen, der aussieht wie Herr Mustermann. Er ist mit seinem Kumpel da. Typ: nett, treu, Kind kein Hindernis.
Ein anderer Mann weckt schon eher mein Interesse. Er sitzt in der Ecke der Bar. Er gibt sich gelangweilt und lässt die Frauen, die auf dem Weg zur Toilette unweigerlich an ihm vorbeimüssen, einfach kommen. Gute Masche. Ich will gerade rübergehen, da tippt mir Kind-kein-Hindernis auf die Schulter. Bitte, nie von hinten antippen. Bitte. Nie! Er grinst verlegen. Dann fragt er: „Ist das Ihre Tasche, die da unten liegt?“ „Ja“, sage ich in freudiger Erwartung eines kleinen Kompliments. „Da wäre grad fast jemand drübergestolpert.“ Sagenhaft charmant. Aber er hat das Eis gebrochen. Es ist wohl vergleichbar mit dem Tierreich: Einer geht vor, das Rudel folgt. Auch Herr Mustermann kommt nun anscharwenzelt, stellt sich an meine andere Seite, sagt „Hallo“, ich sage auch „Hallo“. Wieso, verdammt noch mal, ist das so schwierig, gut angesprochen zu werden? Wenn ich mich noch aufreizender anziehe, bekomme ich Hausverbot wegen Prostitution.
Möglicherweise macht mein Outfit den Männern Angst. Obwohl sie doch immer wieder betonen, dass sie klare Ansagen brauchen. Nichts Zweideutiges, keine Metaphern. Todsicher würde hier wohl nur ein T-Shirt mit der Aufschrift „Mach! Mich! An!“ funktionieren. Man mag es nicht glauben, aber an diesem Abend höre ich – völlig variationsfrei! – 19-mal folgenden Satz: „Hey, kennen wir uns nicht von irgendwoher?“ NEIN. Wir kennen uns nicht. Und so werden wir uns auch nicht kennen lernen. Wenn ich jedes Mal nach diesem Satz einen Euro bekäme, würde ich mich schon auf meiner eigenen einsamen Insel sonnen. Und diesen Satz nie wieder hören müssen.

• Samstag Das „Brenner“ ist eigentlich nicht mein Fall: für meinen Geschmack zu viele billige Mädchen. Aber bin ich heute nicht selbst ein bisschen billig? Immerhin biete ich den Männern verschwenderisch das Wertvollste an, was ich habe: meine Zeit. Daheim habe ich mir schon einen gewaltigen Enthemmungs-Martini genehmigt. Beim Reinkommen lächle ich gleich mal freundlich in die Runde. Dieses Lächeln wirkt auf Männer wie Würfelzucker auf Ponys. Ich drapiere mich so lasziv wie möglich auf eine Lederbank, dicht neben eine Gruppe von fünf Spaniern. Die machen sofort alles richtig. Weil es für sie offensichtlich ganz natürlich ist, sich um eine Frau zu kümmern, die allein unterwegs ist. Einer fragt, was ich trinken will, ein anderer sagt mit einem Blick in mein mehr als großzügiges Dekolleté, dass ich phantastisch aussehe. „Phantastisch!“ Zu lange darf ich mich hier nicht aufhalten – ich bin schließlich unterwegs in einer Mission. Nachdem ich mich mit „mein Freund wartet“ verabschiedet habe, fragt einer der Jungs dennoch nach meiner Telefonnummer. Mir fällt der Buchtitel von Henry Maske ein: „Wer aufgibt, hat verloren.“ Ich mag diese Einstellung: So ein Typ kriegt auch im härtesten Winter die Familie durch.
Wie eine Königin stakse ich in den nächsten Laden. Ich habe das Gefühl, eine Woge des Begehrens würde mich tragen. Jedes zweite offene Lächeln meinerseits wird mit einem Anmachspruch belohnt. Sind Männer wirklich so berechenbar? Ja, sie sind! Ich lächle und lächle und lasse mich feiern wie die Königin der Nacht: „Schönes Kleid!“ ist ein halbwegs neutraler Gesprächsanfang. Dafür gebe ich fünf Punkte. „Sie haben wundervolles Haar!“ Austauschbar, zwei Punkte. „Warum ist eine so schöne Frau allein unterwegs?“ Weil es nur Idioten wie dich gibt. Null Punkte. Das Ding zwischen Männern und Frauen kann wirklich ein sehr amüsantes Spiel sein. Es ist dabei ziemlich egal, was Männer sagen, wenn sie erstens selbstsicher vor mir stehen, mir zweitens das Gefühl vermitteln, ein interessanter Gesprächspartner zu sein, und drittens einen Hauch Einzigartigkeit mit ihrem Spruch rüberbringen. Humor ist dabei ein passender Schlüssel. Erotik kommt nach ungefähr zwei Minuten dazu – oder eben nicht.
Im „Nektar“, einer Szenebar, fällt dem attraktivsten Kerl leider nichts Besseres ein, als mir zuzuzwinkern. Gelbe Karte! Ich bin kein Boxenluder, sondern so etwas wie eine Dame. Ich stelle mich neben einen sehr gepflegten Mann Anfang vierzig an die Bar, der mich interessiert mustert. Als ich ihn direkt ansehe, spricht er mich augenblicklich an: „Wenn Sie hier etwas zu trinken haben wollen, dürfen Sie nicht so schüchtern sein. Was darf ich Ihnen bestellen?“ Während wir auf meinen Manhattan warten, sind wir schon im Gespräch. Er unterhält mich nett, macht mir harmlose Komplimente. In etwa solche: „Sie haben einen bezaubernden Gang. Haben Sie mal gemodelt?“ Es klingt für Dritte vielleicht albern, aber mit einem schelmischen Lächeln ist es genau das, was wir hören wollen.
Solche Komplimente sind wie ein Duschvorhang – durchsichtig, aber notwendig. Und dann reißt er ihn weg: „Chanel No. 5“, sagt er. „Auf Ihrer Haut raubt mir der Duft die Sinne.“ Emotional stehe ich nackt da. Er kennt meinen Duft. Ein Mann von Welt – ich bin entzückt. Hinzu kommt: Er schaut immer nur mich an. Selbst als eine Blondine in einem unglaublich kurzen Kleid die Bar betritt. Er gibt mir das Gefühl, dass ich etwas Besonderes bin. Ja, so einfach ist das. Ich will etwas Besonderes sein. Aber selbst wenn ich nicht in geheimer Mission wäre, würde ich jetzt gehen. Wenn Frauen das tun, ist das keine Abfuhr, sondern Selbstschutz. Und der Versuch, sich noch eine Spur interessanter zu machen. Wie heißt es doch: „Willst du gelten, mach dich selten.“ Natürlich gehe ich nicht, ohne ihm zuvor meine Telefonnummer zu geben. Am Eingang des „P1“ herrscht das übliche Gedränge. Ich streife meine Jacke ab, in der Gewissheit, mein knappes Kleid wird mir Einlass verschaffen. Jemand, der ziemlich gut riecht und mir heiß in den Nacken atmet, hilft mir von hinten aus dem Ärmel. Ich lehne mich ganz vorsichtig zurück – mal schauen, was jetzt passiert. Mit rauer Stimme sagt er: „Hier ist es viel zu voll, lass uns woanders hingehen.“ Ich drehe mich um: eine Mischung aus Robert Redford und meinem Gynäkologen.
Zwar glaube ich, ein Profi wie der bringt auch den Rest der Nacht gekonnt über die Bühne. Aber ich frage mich doch: Was denkt der Typ, wer ich bin? „Pretty Woman“? Mit einer Anmache wie aus dem Hollywood-Streifen degradiert er mich zur Statistin – eine Rolle, die mir nicht gefällt. Selbstbewusstsein ist gut, aber für einen perfekten Flirt reicht es nicht. Mit einer Ausrede ziehe ich mich aus der Affäre. Während ich auf ein Taxi warte, darf ich mir noch zweimal die „Hey-kennen-wir-uns-nicht-von-irgendwoher“-Nummer anhören. Und wieder rückt die einsame Insel ein Stück näher. Eine Viertelstunde später tanze ich im „Prinzip Club“ unanständig für einen blonden Jüngling, der mit gierigen Blicken meine Kurven entlangfährt. Zu jung, zu betrunken. Ich möchte einen eloquenten Mann und keinen Kasper. Zu viel Alkohol ist ein schlechter Souffleur. Dann lächle ich einen Mann um die 30 an, der mich kurz taxiert und sich dann andient, mit mir zu tanzen. Die Musik gefällt mir. Noch mehr aber, dass er dabei wie zufällig meinen Arm berührt. Bevor er geht, gibt er mir seine Karte. „Rufst du mich an?“ Das war perfekt: nicht rumstehen und warten, bis ich all seine Unsicherheiten gescannt habe. Blickkontakt herstellen, sofort rüberkommen und dezenter Körperkontakt. Wenn das Anfassen wohl dosiert ist, wirkt es elektrisierend. Meine Freundin Steffi sieht das anders. Sie sagt immer: „Von Typen, die grabbeln, sollte man die Finger lassen.“ Aber so verschieden Frauen sind, so verschieden sollten auch die Mittel zu ihrer Eroberung sein. Für jede eine andere Strategie. Ein Kochbuch „Wie backe ich mir den todsicheren Flirt“ gibt es nicht.

• Sonntag In Jeans und T-Shirt hocke ich in meiner Stammkneipe, der „Königsquelle“. Vor mir eine Strichliste: Ich bin 62-mal angesprochen worden – davon 50-mal auf dämliche Art und Weise. Verlangen wir Frauen etwa zu viel? Ich glaube, nicht. Männer, gebt uns nicht das Gefühl, dass ihr nur einen lästigen Job abhakt. Für eure Lieblingsfußballmannschaft würdet ihr ja auch nicht elf Stürmer aufstellen. Da sucht ihr nach der gekonnten Mischung, die auf jeden Gegner neu abgestimmt wird. Der Barmann bringt mir meinen Negroni. Ein Typ kommt rein, wahrscheinlich von einer Betriebsfeier, stellt sich neben mich, bestellt Kirschlikör und Cappuccino, wanzt sich noch ein bisschen dichter ran und fragt mit seiner Hand auf meinem Oberschenkel nach meinem Sternzeichen. „Fische.“ Dann will er noch meine drei wichtigsten Eigenschaften wissen. Ich denke, da hat aber einer das Handbuch „Zum perfekten Verführer in zehn Minuten“ ganz genau gelesen. „Eigenbrötlerisch, lesbisch, hochbegabt“, sage ich freundlich. Er „muss dann mal los“.
Ihr wollt trotzdem wenigstens einen Tipp für euren Weg in die nächste Flirtnacht bekommen? Hier ist er: Nehmt uns so ernst wie eine gegnerische Fußballmannschaft. Vielleicht haben wir dann ja beide etwas gewonnen.
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