Was wären wir ohne sie: Ob Schwalbenkönig, Kettenhund oder Chancentod - der Deutschen liebstes Spiel wäre nur halb so ärgerlich
Feldarbeiter
CHANCENTODDer Chancentod schießt keine Tore, versucht es aber trotzdem immer wieder. „Den muss ich machen“ ist sein Wahlspruch. In seiner Verzweiflung neigt er zum Fetischismus oder zu festgelegten Ritualen vor dem Anpfiff. Ein Chancentod verheiratete sich heimlich vor dem Anpfiff mittels animistischer Praktiken der rechten Eckfahne vor dem gegnerischen Tor. Ronaldo hingegen, ein großer Chancentod am Ende seiner Karriere, schwor auf ganz klassischen Oralverkehr kurz vor dem Spiel. Sehr wenige Chancentode aber zelebrieren den Tod ihrer Chance - wie anders konnte ein Mario Gomez damals den Ball aus einem Meter Entfernung über das Tor setzen. Mit Artistik des Unvermögens und Lust an der Schwebe, in der man die Anerkennung der Wirklichkeit eines unglaublichen Geschehens hinaus-zögert.
WASSERTRÄGER
Der Wasserträger lebt neben besonders grandiosen Fußballspielern und ist selbst besonders wenig grandios. Er spielt hinter, vor oder neben anderen und hält sich daran, selbst nirgendwo zu sein. Er kann noch auf das Lob verzichten, bescheiden, geradlinig und mannschaftsdienlich zu spielen. So war das Äußerste, das sich „Katsche“ Schwarzenbeck, der „Putzer“ des Kaisers erlaubte, den Rufen des Stadions nach einem Berühmteren seinen Namen als Echo abzulauschen: Schwarzenbeckbauer, Beckbauernschwarz, Bauernschwarzbeck.
SCHWALBENKÖNIG
Er wird von Mitspielern und Gegenspielern, eigenen und fremden Anhängern, Schiedsrichtern und Linienrichtern, Trainern beider Mannschaften, von ihren Kindern und noch deren etwaigen Hunden verachtet. Immer begleitet sein Können der Verdacht, dass es mit Fußball nichts zu tun hat. Dabei ist er genauso Artist der Lüfte wie das Kopfballungeheuer. Seine Kunst ist nur etwas melancholischer, sie lässt etwas erscheinen, was nie da gewesen ist. Wie Tore, die geschossen, und Titel, die gewonnen hätten werden können. Schwalbenkönige sind zweideutig, sie stellen sich noch Tage danach vor, ein von ihr längst vergessenes Gespräch mit einer schönen Frau hätte im Bett enden können.
KETTENHUND
Der Kettenhund spielt keinen Fußball. Er nimmt nicht am Spiel teil, reagiert auf die Bewegungen des Stürmers und das nur, um sie zu unterbinden. Fällt sein Name im Spielbericht, dann heißt es, er habe diesen und jenen „gut aus dem Spiel genommen“. Der Einzige, der das würdigen könnte, ist eben dieser aus dem Spiel Genommene, doch der sieht darin naturgemäß ein Ärgernis. So wird der Kettenhund nur gestraft von diesem, dem doch all sein Handeln und all seine Gedanken gelten. Mit ihm ist er endlos verstrickt wie ein tragisch Liebender, der sich durch das, was ihn an jemand bindet, immer weiter von ihm entfernt.
EWIGES TALENT
Problem des ewigen Talents ist sein Talent. An ihm misst man ihn ungefragt, man wirft ihm vor, was anderen nicht vorgeworfen werden kann. Das ewige Talent macht dann aus Trotz auch mal ein Tor nicht, das man sich von ihm erträumt hat, zieht einen Genuss aus der Enttäuschung, die es den Erwartenden bereitet, und gewöhnt sich daran. Man erklärt das mit mangelnder Disziplin, schlechtem Charakter, Verletzungspech oder Frauengeschichten. Dabei hat sich das ewige Talent nur entschieden, sich nicht für und nicht gegen das zu entscheiden, was es hätte werden sollen. Und wird der ungekrönte König der Regional- und Oberligaplätze, das Wappentier aller Unvermögenden, die ja gekonnt hätten, hätten sie gewollt.
Simon Roloff, geboren 1980 in Stuttgart, hat in mehreren Anthologien veröffentlicht und promoviert derzeit in Weimar. In der AutoNaMa spielt er auf der Außenbahn im Mittelfeld oder in der Verteidigung.
• Schreibende Kicker und kickende Schreiber
Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren – kurz: AutoNaMa – vertritt seit 2005 die deutsche Schreibkunst auf dem grünen Rasen. Zum Kader gehören Lyriker und Dramatiker wie Albert Ostermaier, Romanciers wie Falko Hennig und Benedict Wells, aber auch Filmemacher wie Drehbuchautor und Regisseur Sönke Wortmann. Für das Land der Dichter und Denker erreichte die AutoNaMa beim letzten Word Cup, der Fußball-EM der Autoren, im schwedischen Malmö 2007 den dritten Platz.
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