Fußball-WM 2010 . Vom Bolzen und Balzen III

Auftakt zur Fußball-WM 2010: Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren schreibt uns warm für Südafrika. Folge drei ist von Andreas Merkel

 

Fussball-WM 2010 Südafrika Auf Tuchfühlung: die Frau vom „Spiegel“ in der Kabine

Neigenfinds Neigung

Ausgerechnet vor dem Berghain muss ich sie wiedertreffen. Nikola Lieffen, fünf Leute vor uns. Sie hat uns am Ende der Schlange gleich gesehen. Ich stelle ihr Christoph vor. Ich muss aufpassen mit ihm. Im Juli gab es eine Bildstrecke in der „Bunten“: „Berlins neuer Torwart-Star Oliver Neigenfind auf der Fashion Week mit seinem besten Freund Christoph.“ „Wer ist das denn?“, fragt Christoph. Er fragt das immer, wenn ich irgendwelche Frauen kenne. Ich erzähle ihm, dass das Nikola Lieffen ist, vom „Spiegel“. „Vom ,Spiegel’?“, fragt er so ungläubig nach, dass ich ihm die ganze Geschichte erzählen muss, während es in der Schlange langsam vorwärtsgeht.

Vor einem halben Jahr hat Nikola („Nikola?“, fragt Christoph) ein Porträt über unseren Schweizer Trainer geschrieben und sich in der Mannschaft umgehört. Ich fand sie da ganz nett („Nett?“) und hab ihr gesagt, was der Trainer für einen Superjob macht. Das stimmte da auch noch. Da hat sie mich gleich angeguckt, als wüsste sie alles. Es kam mir vor, als sei sie mit ihrer sexuellen Rollenvorgabe als Frau genauso unzufrieden wie ich mit meiner als Mann.

Sie war eine ganze Woche bei uns und hat dauernd Fragen gestellt, auf die keiner der anderen richtig antworten konnte. Irgendwann hab ich ihr erzählt, dass ich den Trainer wirklich mag. Er hat trotz seiner grauen Haare ein jungenhaftes Gesicht. Bei den Pressekonferenzen sagt er immer dasselbe. Er äußert sich nie zu Einzelspielern, lobt den Gegner und liest dann mit französischem Dialekt die Spielstatistik vor. Knochentrocken. Er hat eine komische Ehefrau, die zwanzig Jahre älter wirkt als er. Wenn er lächelt, dann immer schüchtern, wahrscheinlich, weil er so schlechte Kronen hat. Einige im Team halten ihn deswegen für ein linkes Schwein, aber ich glaube ihm das Lächeln. Ich wollte immer schon für meinen Trainer spielen. Vielleicht ist das ein Teil meines Problems.

Das alles hab ich der Lieffen erzählt, die war dann ganz beeindruckt. Ich bin auch der Einzige im Team, der nicht von ihr eingeschüchtert war oder versucht hat, sie anzubaggern. Ganz schlimm, mit privater Handy-Nummer und so, das haben die Jungs echt nicht drauf. Wahrscheinlich dachte sie, ich bin schwul. „Und habt ihr euch also richtig angefreundet?“, will Christoph wissen. Für die Art, wie er „angefreundet“ sagt, könnte man Eintritt nehmen. Nein, aber das darf ich Christoph nicht erzählen.

Britta akzeptiert Christoph. Britta, die in Babelsberg spielt. Britta, die Heldin der privaten Homestory über mich im Stadionmagazin: „Abends macht es sich Oliver Neigenfind mit seiner Britta gemütlich. Die beiden kochen lecker italienisch und gucken ihre Lieblingsserie ,King of Queens’ auf DVD.“ Britta, die Bier trinkt und sich auf der VIP-Tribüne zwischen all den Tussen wohlfühlt, weil sie sich für das Spiel interessiert. Auch wenn die anderen Witze machen, von wegen, da kommt Neigenfind mit seiner Schwester. Aber wenn ich Christoph von anderen erzähle, von meinem Trainer oder jetzt gerade von Nikola Lieffen, dann wird es brenzlig.

„Wie die dich eben angeguckt hat!“ - „Das ist nur, weil sie denkt, ich bin ein Thema. Die gucken dann jeden so an. Außerdem glaube ich, dass sie ... ich weiß nicht.“ - „So wie die angezogen ist, garantiert. Hast du ihre Freundin gesehen? Wie wollen die hier reinkommen, wenn das KEINE Lesben sind.“ - „Sie sagt nein. Sie hat mir erzählt, dass sie auch mal Fußball gespielt hat, in einer Frauenmannschaft in Kreuzberg. Nach zwei Tagen musste sie mit der Mannschaftsführerin telefonieren, um klarzustellen, dass sie keine Lesbe sei. So kamen wir da überhaupt erst drauf. Dass sie da was drüber schreiben will, meine ich.“ Christoph guckt mich emotionslos an. Ich mag diesen kalten Blick bei ihm. Er sieht dann am besten aus und am wenigsten schwul.

Ich hab die Lieffen zunächst ablenken wollen, mit Interview-Fertigbausätzen, mit denen ich jeden Sportreporter in Grund und Boden labern kann, sodass sie mich „den kleinen Rangnick“ nennen. Ich habe ihr von der „Perversion meiner Position“ erzählt: Das komische Selbstbild, das du bekommst, wenn du der Einzige bist, der den Ball in die Hand nehmen darf. Wenn du das Spiel immer von hinten verfolgst und von deinem Team nur schwitzende Rücken siehst. Ich komme mir dann wie der Hüter des Spiels vor. Dass ich auf alle und alles aufpassen muss, mir das aber nicht anmerken lassen darf. Denn die Versuchungen, auf dieser Position vom rechten Weg abzukommen, sind natürlich unendlich. Und wenn dir einmal die Metaphern verrutschen, dann gibt es keinen Weg mehr zurück in die straighte Welt des Sports. Christoph hasst Fußball, und ich hasse Gespräche über Fußball. Die Leute reden überall über Fußball und sind stolz auf das bisschen, das sie wissen. Weniger wird nur über das Wetter gewusst. Und das halte ich nicht aus.

In der Schlange vor dem alten Heizkraftwerk, in dem das Berghain untergebracht ist, geht es nicht weiter. Ganz vorn werden die Ersten wieder nach Hause geschickt: nicht schwul genug. In der Mannschaft, das hab ich Nikola Lieffen gesagt, ist schwul eigentlich kein Thema. Höchstens als Krise der Adjektive. Der schwule Rasen. Der schwule Schiri. Der schwule Finanzteil der FAZ, den alle ungelesen mit sich rumtragen.

Tatsächlich könnten wir alle schwul sein.

Alle interessieren sich für Mode (die anderen für Ed Hardy abwärts, ich für COS aufwärts). Alle sind ein bisschen zu durchtrainiert und gebräunt. Alle haben diese Frisuren: entweder den Gel-Entenschwanz Marke Cristiano Ronaldo, die Edelglatze von Thierry Henry oder die Emo-Matte von Frings. Alle sind große Anhänger von Pediküre (im Sinne der Kapitalerhaltung). Alle fassen sich vor dem Anpfiff, nach groben Fehlpässen oder verpassten Riesenchancen erst mal zur Beruhigung an den Schwanz, ob er noch da ist. Die meisten aus der Mannschaft haben sogar „Brokeback Mountain“ gesehen, sie mussten da rein wegen ihrer Freundinnen. Angeblich hat keiner dabei geweint und hinterher jeder geschworen, sich so einen schwulen Scheiß nie wieder anzugucken.

Elf Schwule müsst ihr sein, denke ich ab und zu. Wenn nur die Fans nicht wären: Wenn sich eine ganze Stadionkurve in lauten Sprechchören auf deinen Namen und die Krise der Adjektive einen Reim macht ...

Wir stehen jetzt direkt vor dem Berghain.

Nikola Lieffen bekommt gerade mit ihrer Freundin irgendwas vom Türsteher gesagt. Die beiden tragen ein unmögliches Normalo-Outfit, in Jeans und mit Schal. Der Türsteher kann das nicht fassen. Er sieht mit seinem Gesicht voller Piercings und Tattoos auf eine vollkommen lächerliche Weise düster aus, HEAVY: Alles an ihm soll so wirken, als sei das Berghain das finstere Reich all dessen, was man nie verstehen und immer fürchten wird.

Ich bin plötzlich gespannt, ob er uns reinlässt.

Andreas Merkel

Andreas Merkel, geboren 1970 in Rendsburg, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er die Novelle „Das perfekte Ende“, 2006 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. In der AutoNaMa hütet er das Tor.

 
Tippspiel . Fußball-WM 2010 . Südafrika
 AutoNaMa 

• Schreibende Kicker und kickende Schreiber

AutoNaMa – Autoren-Nationalmannschaft

Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren – kurz: AutoNaMa – vertritt seit 2005 die deutsche Schreibkunst auf dem grünen Rasen. Zum Kader gehören Lyriker und Dramatiker wie Albert Ostermaier, Romanciers wie Falko Hennig und Benedict Wells, aber auch Filmemacher wie Drehbuchautor und Regisseur Sönke Wortmann. Für das Land der Dichter und Denker erreichte die AutoNaMa beim letzten Word Cup, der Fußball-EM der Autoren, im schwedischen Malmö 2007 den dritten Platz.
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