Sie war eigentlich nicht sein Typ. Aber er wollte an ihrer Sexparty teilnehmen
WM 2010 COUNTDOWN
Als Alexander sie sieht, steht sie barfuß im Entree. Eine schlanke junge Frau in einem kurzen Rock, die dabei ist, sich ein Paar Stöckelschuhe anzuziehen. Es ist genau die Art Schuhe, die ihm bei Frauen gefällt, ein Paar schwarze Riemensandalen mit hohen Absätzen. Die allein würden ausreichen, um ihn auf sie aufmerksam zu machen. Aber als die Frau aufblickt, mit einem verlegenen Blick, den sie zuerst ihm und dann seiner Begleiterin zuwirft, entdeckt er etwas in ihrem Gesicht, das noch etwas anderes in ihm auslöst. Etwas wie eine Erinnerung. Sie steht da, die Schuhe neben ihren bloßen Füßen, und eine leichte Röte fliegt über ihr Gesicht.Es ist ein warmer Frühlingstag, in einer halben Stunde muss er in der Umkleidekabine sein, das Spiel beginnt um sieben. Alexander verabschiedet sich von seiner Begleiterin mit einem flüchtigen Wangenkuss. Anna, so ihr Name, ist in seinem Alter, Mitte dreißig, und trägt ein langes geblümtes Leinenkleid, unter dessen Saum er ihre flachen Sandalen sehen kann. Er mag ihr Kleid nicht, er mag diese Schuhe nicht. Es ist erst zwei Stunden her, dass er mit ihr geschlafen und sich erneut gewundert hat, wie er mit einer Frau, die gar nicht sein Typ ist, solche Lust empfinden kann. Anna ist eine brünette, mittelgroße Frau mit freundlichem Gesicht, die auf manchen Mann anziehend wirkt. Doch auf der Straße, das weiß er, würde er sich nicht nach ihr umdrehen.
Dennoch hatte er sie hierhergebracht, zu diesem Loft, auf dessen Namensschild „LdS“ steht. Der Mann, der ihnen die Tür geöffnet hatte, ist ein Bekannter namens Victor, den er vor längerer Zeit auf der Party eines Spielervermittlers kennen gelernt hat. Er hatte sie gebeten, die Schuhe auszuziehen. Einen Moment lang standen sie in ihren Strümpfen im Flur und machten Small Talk, bis sie auf die Räumlichkeiten zu sprechen kamen. Alexander sagte: Seine Begleiterin spiele mit dem Gedanken, eine erotische Party zu veranstalten, weshalb er ihr von Victors Etablissement erzählt habe. Der Wohnungseigentümer nickte verständig und sagte, dann empfehle sich das Wochenend-Paket, das sei günstiger, als das Studio stundenweise zu mieten. Er wies den Flur hinunter, wo das Loft sich im Dunkel verlor.
Deshalb war Alexander mit Anna gekommen: weil er an ihrer Sexparty teilnehmen wollte. Sie gingen den Flur hinab, der vollständig in Schwarz gehalten war, und gelangten zu einer Tür, hinter der sich eine Flucht fensterloser Räume öffnete. Flackernde Kerzen beleuchteten den ersten Salon, dessen Interieur aus einer Kombination schwarz und rot überzogener Liegen bestand. Ein geschmackvoller Raum, mit erotischen Gemälden und Spielzeugen dekoriert. So erklärte sich das Namenskürzel an der Tür, „LdS“, Loft der Sinne. Anna stand mit ihrem geblümten Sommerkleid in der Mitte des Raums und sagte trocken: „Lauschiges Plätzchen zum Vögeln.“ Er hatte sie über eine Anzeige kennen gelernt, im Internet, sie hatte nach einer Affäre gesucht. Schon bei ihrer ersten Verabredung in einer Bar löste sie bei ihm jene zwiespältigen Gefühle aus – weil sie in einem Wollpullover erschien und gleichzeitig mit solch entwaffnender Lüsternheit auf den Zweck ihres Treffens zusteuerte, dass er sich dem Lauf der Dinge unmöglich widersetzen konnte. Kaum dass sie zwei Drinks genommen hatten, waren sie zu ihm gefahren und hatten Sex gehabt, in dem leicht benebelten Zustand, in den der Alkohol sie versetzt hatte. Noch nie hatte Alexander eine Frau mit einem so unkomplizierten Verhältnis zum Sex erlebt. Sie öffnete ihm ohne Zögern die Hose, sie beugte sich mit Freude über ihn, sie widmete sich ihm ausgiebig und leidenschaftlich. Ihr weicher, runder Körper, mit Leberflecken übersät, begann sofort zu fließen, als er mit seinem Mund an ihr hinabglitt, ihre Beine mit den Armen umschloss und sie zu lecken begann, worauf sie binnen Minuten zum Höhepunkt kam.
So tabulos und lustfixiert sie auch sein mochte: Als er mit ihr das Loft erkundete, merkte er, dass sie eine Fremde für ihn blieb. Eine Frau, die nicht sein Typ war. Was ihn antrieb, ihr das „Loft der Sinne“ zu zeigen, war die Sexparty, die sie veranstalten wollte – die Aussicht, über sie Zugang zu einem privaten Swingerkreis zu bekommen. Sie waren am Ende der Besichtigung angekommen, es läutete an der Tür. „Das ist die nächste Kundin“, sagte Victor und warf einen Blick auf seine Uhr. „Sympathische Frau, hat das Studio schon öfter gemietet.“ Sie gingen zum Eingang zurück, und als Alexander in das Entree blickte, sah er die junge Frau, die barfuß in der Garderobe stand, die Stöckelschuhe zu ihren Füßen, und mit verlegenem Lächeln zu ihm aufsah.
Auf der Straße dringt gleißendes Frühlingslicht vom Himmel wie durch ein aufgerissenes Fenster herab. Überall in der Stadt ist Aufbruch. Mit einer flüchtigen Handbewegung winkt Alexander Anna hinterher, die in ihrem Sommerkleid davongeht. Er ist spät dran. Er muss zum Spiel, einem schwierigen Spiel, bei dem es um den Anschluss an die Tabellenspitze geht. Wenn der Trainer wüsste, dass er sich vor solch einem Spiel mit einer Geliebten zum Sex verabredet, würde er ihn aus der Mannschaft schmeißen. Aber auf der Fahrt ins Stadion geht ihm nur eines durch den Kopf: die junge Frau, deren Anblick alles überdeckt, was er in den Stunden des gestohlenen Nachmittags erlebt hat. Er sieht ihre hochgeschossene Erscheinung vor sich, ihre dunkelblonden Haare, ihre langen Beine, und spürt einen leisen Groll gegen sich selbst. Wie kann es sein, dass er mit einer Frau im Blümchenkleid das erotische Loft besichtigt – und nicht mit einer Frau wie ihr? Er wollte immer Frauen, die man an der Seite von Profifußballern sieht, Frauen, die die VIP-Bereiche von Nachtclubs bevölkern. Er wollte ausschweifende Partys feiern, er wollte jede Nacht mit einer anderen Schönheit nach Hause gehen.
Aber er ist kein fünfundzwanzigjähriger Millionär, der auf Fußballpostern abgedruckt wird. Er ist Grafikdesigner in einem Industriekonzern, ein Mann, dessen Fußballtalent nur bis in die dritte Liga reichte – und der mittlerweile bei den „Alten Herren“ spielt.
Er steuert seinen Peugeot waghalsig durch den dichten Nachmittagsverkehr. Hat der Wohnungseigentümer nicht gesagt, dass sie das Studio „schon öfters“ gebucht habe? Mehr noch als ihr Äußeres war es das kleine Lächeln, das etwas in ihm anrührte. Es ließ etwas von ihrem Wesen aufblitzen, wie eine Erinnerung, die nicht zu fassen ist.
Er weicht einem Radfahrer aus, der aus einer Einfahrt herausgeschossen kommt, schießt an Passanten vorbei, Menschen mit Einkaufstüten, jungen Mädchen in bauchfreien T-Shirts. Alle sind wie aufgedreht, alle halb entblößt, das macht der Frühling. Die ganze Stadt sexualisiert sich, selbst der Straßenverkehr riecht süß und südländisch. Auch das Spiel heute Abend, eine Vorentscheidung für die Saison, wird besonders hitzig werden.
Dann begreift er. Er schlägt sich gegen den Kopf, kann das Ganze gar nicht fassen. Während er gerade dabei war, in Gedanken die Aufstellung durchzugehen und sich über die Ignoranz des Trainers zu ärgern, der ihn seit Saisonbeginn in der Verteidigung aufstellt, weiß er auf einmal, was es mit der Frau auf sich hat: Er kennt sie. Er hat sie vor ein paar Jahren auf einer Party kennen gelernt. Er hat mit ihr zwei Abende verbracht und – mit ihr geschlafen.
Es ist fünf Jahre her. Damals war ihm auf einem Fest eine sehr junge Frau vorgestellt worden. Ein Mädchen Anfang zwanzig, eine wirklich hübsche, schlanke, aber völlig unscheinbare Frau, die, ähnlich wie die Begleiterin seiner Mittagsstunden, ein langes Hippiekleid getragen hatte und klobige Boots. Es scheint kaum möglich, aber die Frau mit dem kurzen Rock und den Stöckelschuhen war sie. Isabell – jetzt fällt ihm ihr Name wieder ein – ist eine andere Person geworden, eine erwachsene Frau mit Ausstrahlung, Sex-Appeal. Sie hat nichts mit dem ungeschminkten Mädchen von damals gemein – und doch deckt sich das Lächeln heute aus dem Flur mit dem Lächeln der jungen Frau auf der Party. Sie hatten damals zunächst einen gut gelaunten Nachmittag verbracht und sich kurz darauf zum Abendessen verabredet.
Er hatte den Abend mit ihr völlig verdrängt. Ein Abend voller Seltsamkeiten, der lange ein Rätsel für ihn war, ein verstörendes Erlebnis, auf das er sich bis heute keinen Reim machen kann. Die junge Frau kam nach dem Restaurantbesuch mit zu ihm, legte sich auf seine Couch und ließ ihm völlig freie Hand. Sie rührte sich nicht, ließ alles mit sich geschehen, und er berührte und küsste sie, zog sie aus und begann sie anzufassen. Doch selbst als er ihr unterdrücktes Stöhnen hörte, war er nicht richtig erregt. Zwar reagierte sein Körper äußerlich, aber als er in sie eingedrungen war, fiel seine Erregung wieder in sich zusammen. Zu seiner Überraschung schrieb sie ihm am nächsten Tag, dass sie den Abend genossen habe. Doch die zweite Begegnung endete ähnlich wie die erste. Wieder hielt seine Erregung nicht lange, wieder vermochte er sie nicht zum Höhepunkt zu bringen. Er meldete sich bei ihr nie wieder. Er schämte sich, wollte nie wieder als solch ein schlechter Liebhaber dastehen.
Er parkt den Wagen vor dem Vereinsgelände, betritt den Trakt mit den Umkleidekabinen, begrüßt seine Mitspieler.
Jetzt, wo er Isabell auf so unerwartete Weise getroffen hat, will er sie wiedersehen. Will wissen, wie aus dem sprichwörtlichen Entlein ein solch schöner Schwan geworden ist. Beim Warmmachen denkt er darüber nach, wie er mit ihr in Kontakt treten kann. Er verflucht den Trainer, der ihn wieder nicht ins Mittelfeld stellt, und rächt sich, indem er das Match gleichgültig herunterspielt. Vielleicht ist er der Einzige, der nach dem durchwachsenen Unentschieden mit heiterer Miene nach Hause fährt: Beim Duschen ist ihm eingefallen, wo er die E-Mail-Adresse von Isabell ausfindig machen kann. Sie hat ihm damals erzählt, auf welche Schule sie gegangen ist und dass sie auf einer dieser Schulfreunde-Web-Seiten ein Profil hat. Zu Hause setzt er sich an den Computer und schreibt ihr eine E-Mail.
Einen Monat später steigt er das Altbautreppenhaus zu ihrer Wohnung hinauf. Wie sie ihm schrieb, hatte sie ihn gleich wiedererkannt, im Flur von Victor. Nach einigen E-Mails verabredeten sie sich, und er erfuhr, dass sie seit einiger Zeit Single war und sich ab und zu mit einem verheirateten Mann traf, im „Loft der Sinne“. Aber was er eigentlich von ihr will, das hat er noch nicht verraten. Er will alles daran setzen, sein Versagen von damals wiedergutzumachen.
Er steigt das Altbautreppenhaus zu ihrer Wohnung hinauf und spürt, wie die Aufregung in seinen Adern pocht. Sie hat ihn zum Essen zu sich nach Hause eingeladen, und es ist ihm egal, dass er am nächsten Nachmittag ein Auswärtsspiel hat. Als er am letzten Treppenabsatz um die Ecke biegt, hört er leise Musik, die aus der spaltbreit geöffneten Wohnungstür dringt. Er steigt hinauf, klopft an die Tür, keine Reaktion. Er tritt in den kerzenerleuchteten Flur, der ganz von der klassischen Musik erfüllt ist – ein Violinkonzert von Bach oder Händel. Er schließt die Eingangstür, macht einen Schritt in die unbekannte Wohnung und nähert sich der großen Flügeltür, hinter der sich die Quelle der Musik verbirgt. Dem Hallo, das er fragend in die Tiefe schickt, folgt er tastend hinterher und tritt dann, mit der Flasche Wein in der Hand, durch die Flügeltür.
Was er sieht, verschlägt ihm den Atem. Der Raum, ein großer Salon, liegt im dunklen Schein des Kerzenlichts. Vor der Fensterfront steht eine große moderne Couchgarnitur. Links ist der Esstisch für zwei Personen gedeckt, mit einer Flasche Wein im Kühler.
In der Mitte des Raums, auf spiegelndem Parkett, kniet Isabell in einem schwarzen Lackkleid. Es lässt ihre tropfenförmigen Brüste frei und bedeckt nur die Hälfte ihrer Oberschenkel. Sie hat eine schwarze Augenbinde angelegt, die ihr langes dunkelblondes Haar nach hinten zwingt, ihre Hände liegen mit den nach oben gerichteten Handflächen auf ihren Oberschenkeln. An den Füßen trägt sie Sandalen – die hohen Riemensandalen, die sie im Flur des Studios ausgezogen hatte.
Er hält inne, atemlos. Doch je länger er sie betrachtet, desto ruhiger wird er, desto mehr genießt er die Situation, in die er geraten ist. Perfekter Körper, perfekte Pose, ein Bild, das ihm unter die Haut geht. Sie hat den Oberkörper stramm aufgerichtet, gewappnet gegen die Ungewissheit, der sie sich aussetzt, dem musikerfüllten Schwarz, in dem sie vermutlich nicht einmal seine Schritte hören kann. Er kann sehen, wie sie atmet, wie sie konzentriert und erregt in die Dunkelheit atmet, in die sie hinter ihrer Augenbinde starrt. Mit tiefer Stimme sagt er: „Was für ein Überraschungsessen.“
Er nimmt ein Lächeln an ihr wahr, wie ein Aufatmen: Nun weiß sie, dass er vor ihr steht, nun sind sie zu zweit. Er geht langsam auf sie zu, geht um sie herum, betrachtet sie von allen Seiten. Bei jedem Atemzug hebt und senkt sich ihr Brustkorb, ihre Brüste gehen vor seinen Augen auf und nieder.
Er kniet sich hinter sie und streicht mit seiner Hand ihre Wange hinab. Als er sie am Hals fasst, lässt sie den Kopf nach hinten gleiten, und er sagt genüsslich in ihr Atmen hinein: „Bevor wir zu Tisch gehen, werde ich ein wenig mit deiner Position spielen.“
Ihr Atem wird schneller und tiefer. Jetzt weiß Alexander, warum er vor fünf Jahren nicht mit ihr zu schlafen vermochte: Es war ihre verstörende Passivität, das ungewohnte Sichausliefern. Damals war er damit überfordert. Er hatte nichts mit ihrer devoten Ader anfangen können, einer Veranlagung, die sie damals vaielleicht noch gar nicht formulieren konnte.
Jetzt kniet sie wie ein offenes Buch vor ihm, jetzt enthüllt sie das Rätsel, das sie für ihn war. Sie will, dass man ihr den Weg weist. Sie hat zu sich gefunden und damit auch zu der inneren Stärke, die sie ausstrahlt. Auch er weiß nun, was er zu tun hat. Er muss die Dinge in die Hand nehmen. Er ist es, der darüber bestimmt, auf welcher Position er im Leben spielt. Egal, wo ihn andere aufstellen: Es ist Zeit, in die Offensive zu gehen.
Er hält sie am Haarschopf und streicht über ihre Brüste. Er spürt, wie die Erregung in ihm wächst. Und er weiß: Dies ist der Anfang eines neuen Spiels.
Norbert Kron, geboren 1965 in München, lebt in Berlin. Er hat zuletzt die Romane „Autopilot“ (dtv 2004) und „Der Begleiter“ (dtv 2008) veröffentlicht. In der AutoNaMa spielt er im linken Mittelfeld.
• Schreibende Kicker und kickende Schreiber
Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren – kurz: AutoNaMa – vertritt seit 2005 die deutsche Schreibkunst auf dem grünen Rasen. Zum Kader gehören Lyriker und Dramatiker wie Albert Ostermaier, Romanciers wie Falko Hennig und Benedict Wells, aber auch Filmemacher wie Drehbuchautor und Regisseur Sönke Wortmann. Für das Land der Dichter und Denker erreichte die AutoNaMa beim letzten Word Cup, der Fußball-EM der Autoren, im schwedischen Malmö 2007 den dritten Platz.
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