Dann spürte ich, wie sich ein mitleidiger Blick auf meinem Gesicht auszubreiten begann, von dem ich wusste, dass meine Freundin ihn nicht mochte. Also begann ich zu nicken. Ich nickte und nickte und blickte ernst und interessiert und wartete darauf, dass der peinliche Moment möglichst schnell vorübergehen würde. Aber er ging nicht vorüber, sondern wurde von meiner Freundin in die Länge gezogen, indem sie einen Namen nannte. Einen finnischen Namen, der in gewisser Weise einprägsam war, aber mir doch gleich wieder entfiel. Ich nickte wieder und blickte unvermindert ernst und ermahnte mich, sie nicht an ihrem Fußballsachverstand zu messen und keinesfalls zu verärgern.
Zumal ich ja am Abend Fußball schauen wollte, Champions League, Ajax gegen Athen. Endlich mal wieder Fußball nach Monaten des Eishockeys und Skispringens und Langlaufens mit diesen surreal artikulierenden Reporterstimmen in diesem ersten kalten Winter, den ich in der Heimat meiner Freundin verbrachte. Zu meiner Erleichterung ließ sie das Thema fallen, und ich hatte fast den Eindruck, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie sehr ich um Haltung bemüht gewesen war. Um sie vollends in gute Stimmung zu versetzen und einen harmonischen, von ihr nicht gestörten Fußballabend zu ermöglichen, willigte ich ein, noch einen Spaziergang zu machen. Sie mochte Spaziergänge.
Wir stapften durch den Schnee. Anhöhen hinauf, Anhöhen hinunter, und ich war in Gedanken schon ganz beim Spiel. Ajax gegen Athen. Nun ja. Natürlich hätte ich lieber die deutschen Mannschaften gesehen, aber aus irgendeinem mir schleierhaften Grund zeigte das finnische Fernsehen Ajax gegen Athen.
Wir verspäteten uns um fünf Minuten. Zu lange durch den Schnee gestapft. Ich zügelte meine aufkeimende Wut, lächelte bemüht gelassen, riss mir die Stiefel von den Füßen und stürzte mich auf die Fernbedienung.
Das Spiel lief. Ajax in Rot und Weiß. Ein Spieler erhielt den Ball, halbhoch angespielt. Er stoppte den Ball nicht elegant. Es war mehr als das. Er stoppte ihn gar nicht, sondern nahm ihn mit, eine Richtung einschlagend, die gleich mehrere Gegenspieler motorisch überforderte, und lief aufs Tor zu. Im Hintergrund die surreale, weil finnisch sprechende Stimme des Reporters. Die Stimme überschlug sich. Der Spieler versenkte den Ball perfekt. Natürlich. Im rechten unteren Eck. Der Reporter schien einen Infarkt zu erleiden, ich wusste nicht, ob er noch finnisch sprach oder wahllos Laute aneinanderreihte, und in meinem Rücken sagte meine Freundin gelangweilt: „Das ist er. Jari Litmanen.“
Ich nickte. Auf dem Bildschirm lief Jari Litmanen in einer Spielertraube, wurde geherzt und gedrückt, und ich nickte noch einmal und bat meine Freundin, sich zu mir zu setzen. Sie setzte sich. Ich schlang einen Arm um ihre Schulter und betrachtete in einem Gefühl merkwürdiger Entrückung das Spiel auf dem Bildschirm. Jari Litmanen schoss kein weiteres Tor an diesem Abend. Er bereitete die drei noch folgenden vor. Mit Pässen, die ich noch nie gesehen hatte. In Nahtstellen, die es nicht gab. Ajax gewann die Champions League. Der Finne die Torjägerkrone.
Als ich, Monate später, im lauen deutschen Sommer einem Freund erzählte, dass es in Finnland einen guten Fußballspieler gebe, einen sehr guten sogar, einen – da sah er mich mit diesem mitleidigen Blick an, von dem ich weiß, dass meine Freundin ihn nicht mag.
Jan Costin Wagner, geboren 1972 in Langen (Hessen), hat vier Romane veröffentlicht, zuletzt „Im Winter der Löwen“ (Eichborn). In der AutoNaMa spielt er im Sturm.
• Schreibende Kicker und kickende Schreiber
Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren – kurz: AutoNaMa – vertritt seit 2005 die deutsche Schreibkunst auf dem grünen Rasen. Zum Kader gehören Lyriker und Dramatiker wie Albert Ostermaier, Romanciers wie Falko Hennig und Benedict Wells, aber auch Filmemacher wie Drehbuchautor und Regisseur Sönke Wortmann. Für das Land der Dichter und Denker erreichte die AutoNaMa beim letzten Word Cup, der Fußball-EM der Autoren, im schwedischen Malmö 2007 den dritten Platz.
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