V für verdammt schnell: wie ein Blitz am Ball und bei den Frauen
Der Blitz
Nachdem ich meinen Rausch ausgeschlafen hatte, ging ich noch einmal zu ihm zurück. Heiner sah ganz friedlich aus, die Augen geschlossen, der Kopf halb im Schnee versunken. Nur seine Lippen waren blau, und sein Haar war weiß, wie mit Puderzucker bestäubt. Und als ich ihn anstieß, bewegte er sich keinen Millimeter.Am Anfang waren wir gleich stark gewesen. Bei den Bundesjugendspielen lieferten wir uns Zweikämpfe, ohne dass die Sportlehrer im Ziel einen Sieger ausmachen konnten. Aber als wir älter wurden, vergrößerte sich der Abstand zwischen uns. Ich weiß nicht mehr, wann es war, in welchem Winter. Ich weiß nur, dass ich in meinem Zimmer saß, Van Halen hörte und bei offenem Fenster rauchte, als ich ihn unter mir vorbeilaufen und seine Runden durchs Dorf ziehen sah. Im Sommer darauf war er mir davongezogen. Wie sehr ich mich auch anstrengte aufzuschließen, ich erreichte ihn nicht mehr. Kaum wurde es wärmer, begann ich wieder zu trainieren. Stundenlang rannte ich über Landstraßen, ich lief Deiche rauf und runter und watete bei Ebbe durch den Schlick. Ich dachte, ich könnte es schaffen, mit ihm mitzuhalten, mit seinem Tempo, seiner Energie, ohne meine neuen Vergnügen aufzugeben. Aber als die Saison losging und wir auf dem Platz standen, zeigte sich, wie weit wir uns voneinander entfernt hatten: Er schloss ab, ich hielt den Ball. Er war der Blitz, ich das ewige Talent.
Er allein konnte ein Spiel drehen. Wenn wir fünf Minuten vor Schluss eins zu null zurücklagen und die Hoffnung auf Ausgleich schon aufgegeben hatten, war er es, der uns nach vorne trieb. Er schrie, peitschte uns mit Worten über den Platz, und wenn das nicht half, nahm er sich im Mittelfeld den Ball, umdribbelte drei Gegenspieler und schoss ihn ins lange Eck. Das war die Zeit, als er sich mit Nadel und Tinte ein V auf den Oberarm tätowierte. Bei jeder Gelegenheit, nach jedem seiner Tore krempelte er den linken Ärmel seines Trikots hoch und zeigte es uns.
V für Victory – Dann lernten wir Vanessa kennen, meine Vanessa. Sie war gerade mit ihren Eltern ins Dorf gezogen und ging bei uns auf die Schule. Sie hatte lange schwarze Haare, einen für ihr Alter weit entwickelten Körper und dunkle Augen, in denen wir uns, wenn wir hineinsahen, spiegelten. Oft sahen wir da aber nicht hinein, weil wir den Kopf nicht oben halten konnten, sobald wir vor ihr standen. Vanessa war eine Klasse über uns, sie spielte in einer anderen Liga, und keiner von uns hätte es je für möglich gehalten, näher als bis auf zehn Zentimeter an sie heranzukommen. Ich hatte sie erst gar nicht bemerkt. Es lungerten immer welche am Zaun herum und schauten uns zu, Väter vor allem, aber auch Mädchen, die von der Reithalle kamen und mit ihren Pferden an unserem Platz anhielten. Gingen wir nach dem Training auf sie zu, ritten sie weg. Heiner war der Einzige, der sie einholen konnte.
V für Vanessa – Nach dem Training, unter der Dusche und später beim Bier in der Vereinskneipe witzelten wir, dass er in Vanessa genauso hineingehe wie in den Gegner, blitzschnell und mit einem Donnergrollen. Und plötzlich war der Name da. Wir dachten, dass er irgendwann von einem Blitz zerrissen werden würde, von einem, der aus dem Himmel in ihn hineinfuhr, oder von einem, der aus seinem Inneren kam. Wer so über den Platz rannte und herumschrie und um jeden Ball kämpfte, ganz gleich, wie aussichtslos die Situation sein mochte, gehörte erschlagen. Der Blitz sollte jung sterben, das war unser Urteil. An seinem Geifer ersticken, an einer Überdosis Endorphine. Aber es kam anders.
Während ich wegzog, von einer Stadt in die andere, von einer Frau zur anderen, ständig auf der Flucht vor dem Fertigwerden, und das Fußballspielen aufgab, blieb Heiner, wo er war. Meine Mutter schickte mir regelmäßig Artikel aus der Zeitung und hielt mich über alles, was im Dorf vor sich ging, auf dem Laufenden. Er war der Einzige, der den Aufstieg in die Oberliga mitmachte, der Einzige, der fürs Bleiben bezahlt wurde, der Einzige, der Vanessa heiratete. Und er war der Einzige, der nicht damit klarkam, dass die Beine nicht mehr mit dem Kopf Schritt hielten. Nur wenn er trank, waren sie auf gleicher Höhe. Jeder Schluck nahm dem Blitz einen Teil seiner Wucht. Erst saß er auf der Bank, dann auf der Tribüne, dann in der Kneipe, dann allein zu Haus.
Er verglühte, ehe er den Boden erreichte.
V für Versager – Also rief ich ihn an und fuhr ins Dorf zurück, um ihn, um mich zu retten. Ich ging in die Kneipe und setzte mich zu ihm an die Theke. Wir redeten über alte Zeiten, dabei ließen wir uns volllaufen. Wir gaben mehrere Runden aus. Wir luden alle noch einmal ein, mit uns zu feiern. Und kurz vor Schluss, ich konnte es kaum noch aushalten, sagte ich zu ihm, lass uns draußen auf den Feldern ein Rennen machen. Wenn du gewinnst, zahle ich die Zeche. Mitten im Lauf brach er zusammen und blieb liegen. Ein paar Meter weiter pisste ich ein V in den Schnee: V für Vollstrecker.
Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), hat 2004 den Band „Doppelpass“ herausgegeben. Zurzeit arbeitet er an seinem ersten Roman. In der AutoNaMa spielt er im linken Mittelfeld.
• Schreibende Kicker und kickende Schreiber
Die deutsche Nationalmannschaft der Autoren – kurz: AutoNaMa – vertritt seit 2005 die deutsche Schreibkunst auf dem grünen Rasen. Zum Kader gehören Lyriker und Dramatiker wie Albert Ostermaier, Romanciers wie Falko Hennig und Benedict Wells, aber auch Filmemacher wie Drehbuchautor und Regisseur Sönke Wortmann. Für das Land der Dichter und Denker erreichte die AutoNaMa beim letzten Word Cup, der Fußball-EM der Autoren, im schwedischen Malmö 2007 den dritten Platz.
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