„Ist das hildig genug?”
Schauspielerin Heike Makatsch spielt die stimmgewaltige Diva Hildegard Knef und spricht mit Playboy über die Melancholie des Älterwerdens
Playboy: Frau Makatsch, Sie haben vor einigen Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Damals befürchteten Sie, Sie könnten ohne Zigarette uncool werden ...
Makatsch: ... aber das hat sich, Gott sei Dank, nicht bewahrheitet!
Playboy: Als Hildegard Knef sehen wir Sie auf der Leinwand nun ständig qualmen. Sind Sie rückfällig geworden?
Makatsch: Das waren nur Kräuterzigaretten. Die kann man in der Apotheke kaufen, das sind welche ohne Nikotin und ohne Teer. Aber auch das war gefährlich. Irgendwann während der Dreharbeiten sagte der Ausstatter zu mir: „Heike, es ist schon längst ,Cut‘ gesagt worden, die Szene ist vorbei.” Und ich stand immer noch da und habe meine Kräuterzigarette geraucht. Da war ich schon wieder ein bisschen angestachelt.
„Man muss imitieren, aber gleich-
zeitig interpretieren”
Playboy: Sie sehen Hildegard Knef im Film unglaublich ähnlich ...
Makatsch: ... na ja, sie haben mir halt diese Wimpern angeklebt und die Haare ähnlich frisiert. Aber es ist natürlich viel nahe liegender, als wenn man mich für Audrey Hepburn besetzen würde.
Playboy: Was war für Sie an dieser Rolle das Schwerste?
Makatsch: Dass ich einer Figur nahe kommen musste, die viele Menschen zu kennen glauben und auch noch in Erinnerung haben. Eine Figur, die man auf Bildern, in Filmen und sogar auf Vinyl abgleichen kann. Man muss imitieren, aber gleichzeitig interpretieren, das empfand ich als eine große Herausforderung.
Playboy: Gibt es eine Knef-Geste, die Sie sich angewöhnt haben?
Makatsch: Eine Geste nicht, aber ihr Lachen, dieses dunkle,
kehlige Lachen. Das habe ich ein wenig mitgenommen.
Heike Makatsch in „Hilde”
Kinotrailer von Filmtrailer.com
Playboy: Warum war Hildegard Knef eigentlich die Traumfrau so vieler Männer?
Makatsch: Sie war schön, sie war irgendwie frontal, sie war präsent, hatte ein gutes Körperselbstbewusstsein, eine Sinnlichkeit, eine Laszivität. Aber eben auch einen guten Humor und eine gewisse Kumpelhaftigkeit. Ich habe mal jemanden sagen hören, sie hatte eine aggressive sexuelle Ausstrahlung.
Playboy: Wodurch kamen Sie der Knef nahe – durch Filme, ihre Musik, ihre Bücher?
Makatsch: Am meisten habe ich sie in ihren Liedern erkannt, da konnte man alles sehen: die dunklen Seiten, die Brüchigkeit, die Angst, die Einsamkeit. Aber auch den Humor, das Bodenständige, den Mut, die Tapferkeit – eben alles.
Playboy: Im Film singen Sie alle Knef-Lieder selbst. Sind Sie zufrieden damit, wie Sie ihren schnodderigen Ton getroffen haben?
Makatsch: Es gab so ein paar Momente, da dachte ich: Wer ist das denn? Da war ich mir selbst fremd. Das fand ich ein gutes Zeichen. Was ich aber nicht tun sollte, ist, das gleiche Lied erst in meiner Interpretation und dann im Original zu hören. Das sind Welten.
Playboy: Sie kokettieren ...
Makatsch: ... nein, machen Sie das mal! Da werden Sie Ihr blaues Wunder erleben! Das ist mir auch nicht immer klar, wenn ich nur meine Version höre. Dann denke ich, ja, das klingt ganz schön hildig, nicht schlecht. Und dann höre ich SIE. Da liegen so viele Emotionen beieinander, da nutzt dir kein Gesangsunterricht, da musst du dieses Leben gelebt haben.
„Alles, was von ihr kam, war schillernd und ambivalent”
Playboy: Haben Sie gerade „hildig” gesagt?
Makatsch: Ja, das hat bei uns am Dreh irgendwann jeder gesagt, der Maskenbildner, die vom Kostüm, ich. Immer hieß es: „Ist das hildig genug?”
Playboy: Nach all der Beschäftigung mit der Knef: Ist diese Frau Ihnen sympathisch geworden?
Makatsch: Sympathisch wäre vielleicht zu kurz gegriffen, aber ich bin eine große Bewunderin geworden. Was ich an ihr mag, ist, dass sie eine leidenschaftliche Frau war.
Playboy: Leidenschaftlich in welcher Hinsicht?
Makatsch: In jeder Hinsicht. Sie war stark und präsent und kraftvoll, aber gleichzeitig voller Angst, Einsamkeit und Unglück. Alles, was sie tat, war erfüllt von einer Getriebenheit. Alles, was sie empfunden hat, war groß. Alles, was von ihr kam, war schillernd und ambivalent.
Playboy: Gibt es auch Seiten an ihr, die Sie nicht mochten?
Makatsch: Es gibt natürlich Sachen, mit denen kann man weniger anfangen, mit anderen wiederum mehr. Aber dass sie manchmal unberechenbar war oder geltungssüchtig, ist eben auch ein Teil von ihr.
Playboy: Wenn Sie Hildegard Knef heute treffen könnten – welche Fragen würden Sie ihr stellen?
Makatsch: Über die Beziehungen zu ihren Männern hätte ich gern ein bisschen etwas erfahren. Wie sie geliebt hat. Warum sie gegangen ist und wann es aufgehört hat mit der Liebe.
Playboy: Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Hildegard Knef und Heike
Makatsch?
Makatsch: Hildegard Knef war relativ furchtlos, wie sie da in immer neue Herausforderungen gestapft ist. Das sehe ich auch bei mir: eine Furchtlosigkeit vor Aufgaben. Dass ich mir denke: Was soll schon groß passieren? Aber sie war sehr viel getriebener und ehrgeiziger als ich. Ich glaube, es war für sie ein ganz, ganz brennender Wunsch, gesehen zu werden, auch öffentlich.
Playboy: Sie meinen, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Leben vor der Boulevardpresse ausgebreitet hat?
Makatsch: Ja, das war mir immer etwas fremd und ist es bis heute geblieben.
„Aber Ende 30 zu sein beinhaltet auch, dass man irgendwann mal auf die 50 zugeht”
Playboy: Heute sind Sie Mutter. Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihrer Tochter gelernt haben?
Makatsch: Dass es einen Menschen gibt, der mir wichtiger ist als ich mir selbst.
Playboy: Und mit Männern ging Ihnen das nie so?
Makatsch: Wichtiger als ich? Na ja, die waren mir schon auch sehr wichtig, aber das hat sich dann vielleicht die Waage gehalten, im besten Fall. Für mein Kind aber würde ich alles machen.
Playboy: Sie waren sieben Jahre lang mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig zusammen ...
Makatsch: ... mhm.
Playboy: Das stellt man sich natürlich wahnsinnig aufregend und actionreich vor.
Makatsch: Ja, er ist den ganzen Tag mit der Knarre rumgelaufen.
Playboy: War das so?
Makatsch: Natürlich nicht, aber über meine Beziehung zu Daniel rede ich öffentlich nicht.
Playboy: Ist ja auch schon einige Zeit her. Überhaupt ist in den letzten Jahren viel passiert in Ihrem Leben. Finden Sie es eigentlich schön, älter zu werden?
Makatsch: Eigentlich ist es super. Es hat viele Vorteile, weil man einfach schon viele Dinge gelernt hat. Auf der anderen Seite wird einem aber auch diese Endlichkeit bewusst, die Tatsache, dass man von Dingen Abschied nehmen muss.
Playboy: Sooo alt meinten wir eigentlich gar nicht ...
Makatsch: ... aber Ende 30 zu sein beinhaltet auch, dass man irgendwann mal auf die 50 zugeht. Das ist da schon mit drin, dass die Jahre schnell vorbeigehen. Das ist bei mir noch nicht so mit Panik besetzt, aber manchmal ist da so eine Melancholie, weil man weiß: Bestimmte Dinge kommen so nie wieder.
Playboy: Die jugendliche Unbeschwertheit zum Beispiel?
Makatsch: Oder auch die Beschwertheit! Dieses Ringen mit Dingen, die zu groß für einen scheinen, weil man einfach noch nicht diese Abgeklärtheit hat.
Playboy: Aber andererseits ist man doch auch froh, aus manchem raus zu sein, zum Beispiel, dass man sich nicht mehr jede Nacht in einem Club rumtreiben muss.
Makatsch: Ja, aber manchmal ist es auch schade. Manchmal sehe ich so eine kleine Gruppe gut aussehender Twens in den nächsten Club ziehen und denke mir: Das werde ich nie wieder machen. Ich kann zwar mal in diesen Club gehen und dastehen wie Piksieben. Aber es wird nicht mehr das Gleiche sein.
Interview: Detlef Dreßlein / Mareike Ludwig ]
• Heike Makatsch als „Hilde”
Hildegard Knef war Sünderin und Sängerin, Hollywoodstar und ein Hit am Broadway. Sie liebte einen Nazi und heiratete einen Juden. Sie kämpfte in den Ruinen Berlins um ihr Leben und fühlte sich an der Park Avenue zuhause. Vom deutschen Publikum verehrt und verachtet, wurde ihre Autobiografie das erfolgreichste Buch der Nachkriegszeit. Ihre Konzerte sind Legende. Sie war eine deutsche Ikone. Und sie war sehr, sehr cool. Dies ist ihr Leben.
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kriegszeit mit nackter Haut im prüden deutschen Film („Die Sünderin“), später reüssierte sie mit selbst geschriebenen Chansons. Anfang der siebziger Jahre erkrankte sie an Brustkrebs, die achtziger Jahre waren geprägt von einem Krieg mit der Boulevardpresse und vielen Schulden. Erst kurz vor ihrem Tod 2002 wandelte sich das Bild, und die Knef wurde zur „Grande Dame“.


