Da träumt ein kluger Kopf
Armin Veh, Cheftrainer des VfB Stuttgart, über den verblüffenden Erfolg seines Teams, warum Trainer nie aufgeben dürfen - und weshalb er den Meistertitel will
Playboy: Für die Hinrunde haben Sie ein großes persönliches Opfer gebracht. Sie sind so lange nicht zum Friseur gegangen, wie der VfB nicht verloren hat. Unter uns, wie lange hätten die Haare denn werden dürfen?
Veh: Kein Limit. Wenn man so etwas ankündigt, muss man es auch halten. Ich habe dann aber die Mannschaft gegen Bayern so aufgestellt, dass wir gar nicht gewinnen konnten, denn die Haare waren schon ziemlich lang (lacht).
Playboy: Hier dürfen Sie jetzt eine neue Ankündigung machen. Etwa: Wenn der VfB Deutscher Meister wird, dann lasse ich mir eine Glatze rasieren.
Veh: Das haben doch schon zu viele vor mir gemacht. Aber ich lasse mir vielleicht noch etwas einfallen.
Playboy: Wie passt Aberglaube zu einem Trainer, der auf wissenschaftliche Taktikanalysen und moderne Spielsysteme baut?
Veh: Ich bin davon überzeugt, dass jeder Sportler solche Rituale hat. Ich würde mir vor einem Spiel nie zuerst den rechten Fußballschuh anziehen. Nie! Immer erst den linken. Das mache ich, seit ich sechs Jahre alt bin. Und wenn ich doch einmal den rechten Schuh zuerst anziehe und es merke, ziehe ich ihn noch mal aus und beginne mit links. Bekloppt, nicht wahr?
Playboy: Darüber wollen wir nicht richten. Uns interessiert, woher Ihr großer sportlicher Ehrgeiz kommt. Sie mussten ja keine unglückliche Jugend kompensieren, soweit wir wissen.
Veh: Haben Sie mit meiner Mutter gesprochen? Nein, wenn du als Kind gute sportliche Leistungen ablieferst, wirst du gelobt und gestreichelt. Ich war schon als kleiner Junge einer, der geführt hat - im Sport und beim Spielen. Ganz offenkundig haben mir die Freunde und Spielkameraden vertraut. Ein schönes Gefühl. Als Sportler bist du immer ehrgeizig. Du willst als Spieler gewinnen und als Trainer.
Playboy: Mit Anfang 20 galten Sie als schlampiges Genie, das sein Talent nie ausgeschöpft hat.
Veh: Ich habe mit 17 schon zweite Liga gespielt und bin dann mit 18 nach Gladbach gekommen. Beim Training dort dachte ich: Die sind gerade Deutscher Meister geworden, aber technisch bin ich besser. Das war mein Problem. Fußballerisch war ich weit, aber persönlich zu unfertig. Ich habe mit Lothar Matthäus zusammen angefangen und war sicherlich der bessere Fußballer damals. Aber der Lothar wusste schon früh, wo er hinwollte. Ich leider nicht.
Playboy: Sie haben sich selbst einmal als einen „faulen Sack” bezeichnet. Wie gehen Sie heute als Trainer mit faulen Säcken um?
Veh: Andere Spieler würde ich nie so beschreiben. Reden wir besser von schlampigen Spielern. Die gibt es in der Tat, und da bin ich, als ehemaliger fauler Sack, besonders sensibilisiert. Mit diesen Spielern musst du sehr viel reden und sie davon überzeugen, dass sie an sich arbeiten müssen.
Playboy: Sind in solchen Fällen eher psychologische oder eher autoritäre Fähigkeiten gefragt?
Veh: Mit reiner Autorität bringt man es nicht mehr weit. Die Spieler heute sind kritischer, als wir es früher waren. Die hinterfragen jede Trainingseinheit. Früher sagte der Trainer: „Mach oder stirb.” Heute ist der Pädagoge gefragt, der erklären und begründen muss.
Playboy: Lässt sich denn auch Intuition begründen?
Veh: Ja, mit Erfolg.
Playboy: Einer Ihrer ehemaligen Spieler beim SSV Reutlingen sagte: „Felix Magath gilt als autoritärer Trainer - Armin Veh ist es.”
Veh: Was heißt autoritär? Du musst eine gewisse Distanz zu deinen Spielern wahren und Respekt aufbauen. Das ist mir immer gelungen. Und das musste auch sein, schließlich war ich schon mit 29 Trainer und hatte Spieler, die älter waren als ich. Ich musste nie bestrafen, um Respekt zu bekommen. Und Reutlingen liegt ja auch ein paar Jahre zurück. Heute würde das wohl kein Spieler mehr über mich sagen.
Playboy: Sie sollen schon als 20-Jähriger daran gedacht haben, Trainer zu werden.
Veh: Das stimmt. Ich habe mir damals jede Trainingseinheit notiert und für mich ausgewertet. Als ich gemerkt habe, dass ich als Spieler zu wenig getan hatte, bin ich noch tiefer in die Analysen eingetaucht.
Playboy: Bei der WM 2006, heißt es, wurde der deutsche Fußball neu erfunden. Wie denken Sie heute - nach dem Sommermärchen - über Fragen der Psychologie und Motivation? Immerhin hat Teammanager Oliver Bierhoff den Ligatrainern empfohlen, sich etwas beim Nationalteam abzuschauen.
Veh: Der macht seinen Job auch schon lange, da kann er mit seiner Erfahrung so etwas schon empfehlen. Aber Spaß beiseite, einen Psychologen für einzelne Spieler hatte ich schon Ende der 90er in Reutlingen.
Playboy: Sie lehren kultivierten Angriffsfußball schon seit Jahren. Doch im Sommer wurde der als etwas völlig Neues präsentiert.
Veh: Man muss den Leuten ja vermitteln, was man Gutes tut. Das war schon in Ordnung. Auch ich war begeistert. Es wurden Dinge eingeführt, die es davor auch schon gab, aber sie wurden sehr gut verkauft. Das können die Amerikaner eben. Nur kann man eine WM nicht mit der Bundesliga vergleichen. Das sind die berühmten Äpfel und Birnen.
Playboy: Das müssen Sie uns mal näher erklären.
Veh: Seit 1974 hatten wir erstmals wieder eine WM im eigenen Land. Eine Mannschaft über sechs oder sieben Wochen für solch ein Jahrhundertereignis mental vorzubereiten ist doch etwas anderes, als ein Bundesliga-Team für eine gesamte Saison über Monate hinweg zu motivieren.
Playboy: Diese Vermarktung hat doch hervorragend geklappt. Hat die Bundesliga diesbezüglich Defizite?
Veh: Schauen Sie nach England. Die Premier League wird derart offensiv vermarktet, dass man meinen könnte, die Engländer gewinnen regelmäßig alle europäischen Wettbewerbe. Und die englische Nationalmannschaft müsste im Grunde schon siebenmal Weltmeister sein. Wie die ihr Produkt verkaufen, ist eine Kunst. Davon sind wir weit entfernt.
Playboy: Hier haben Sie die Möglichkeit, den Stuttgarter Erfolg optimal zu vermarkten.
Veh: Nein, ich muss das ja nicht nachmachen. Wir haben gut gearbeitet und versucht, unsere Ankündigungen umzusetzen. Das ist das Entscheidende. Wir haben keine Platzierung als Saisonziel ausgegeben, weil wir eine völlig neue Mannschaft und zudem die jüngste der Liga haben. Wichtig war für uns: Wir wollten Leidenschaft und Begeisterung reinbringen, und das ist uns gelungen. Auch wenn wir nicht immer gewonnen haben - die Leute waren über unsere Spielweise erfreut. In dieser Hinsicht waren sie allerdings in Stuttgart auch nicht gerade verwöhnt.
Playboy: Warum hat der VfB in der Hinrunde über weite Strecken so begeistert?
Veh: Die Zuschauer erkennen die Leidenschaft im Team. Das ist und war auch bei den anderen Clubs immer meine Handschrift.
Playboy: Der Gegenentwurf wären die Bayern. Erfolgreich, aber die Fans maulen.
Veh: Die Anhänger der Bayern sind verwöhnt. Der Verein hat in den letzten Jahren so gut wie alles gewonnen. Es wäre jetzt populistisch, hier attraktiven Fußball zu predigen. Den will jedes Team spielen. Die Frage ist, ob du die Mannschaft dafür hast.
Playboy: Und, haben Sie die beim VfB?
Veh: Der Meinung bin ich. Wir konnten im Sommer ein Team zusammenstellen, das attraktiven Fußball erlaubt. Den Erfolg kann man nicht garantieren, aber die Spielweise.
Playboy: Träumen Sie manchmal davon, Namen von Stars auf einen Wunschzettel zu schreiben, die dann gekauft werden? So wie Ihr Trainerkollege José Mourinho bei Chelsea?
Veh: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber als Trainer hast du heute tatsächlich kaum die Zeit, mit Geduld junge Spieler zu formen. Deshalb kaufen die finanzstarken Teams gern fertige Stars. Kein Trainer kann sagen: „In etwa drei Jahren sind meine jungen Spieler so weit - bis dahin müssen wir irgendwie die Klasse halten.” Möglicherweise würde der Vorstand sogar sagen: „Klar, Trainer, machen Sie das.” Aber dann wechselt vielleicht der Vorstand, und die Zeit rinnt davon, die junge Spieler für ihre Entwicklung bräuchten. Insofern geht ein Club ein hohes Risiko ein, wenn er verstärkt auf die Jungen setzt.
Playboy: Mittelfristiger oder langfristiger Erfolg ist also schwer zu vermitteln.
Veh: Richtig. Aber Werder Bremen hat gezeigt, dass es auch anders geht. Selbst in Phasen, in denen der Verein um die Plätze neun oder zehn spielte, gab es über Jahre diese Kontinuität im Club. Der Erfolg ist gekommen. Anderen Clubs, die ständig ihre Trainer wechseln, fehlen diese Erfolge. Das Tagesgeschäft ist sehr dominant. Wenn ich mit meinem jungen Team jetzt auf Rang 17 stehen würde, hätte ich ein Problem. Aber der VfB hat ein sehr großes Potenzial. In Zukunft.
Playboy: Wie haben Sie dem Verein Ihre Philosophie des jungen Fußballs verkauft?
Veh: Unser Manager Horst Heldt geht mit mir diesen Weg. Das ist entscheidend. Ein Clubpräsident muss nicht aus dem Fußball kommen. Der Manager muss mitziehen, dann läuft es.
Playboy: Wie überraschend kam für Sie im Februar 2006 die Anfrage von Stuttgart?
Veh: Wir standen ja schon länger in Verbindung. Was auch verständlich ist. Wenn ein Verein das Gefühl hat, dass etwas in die falsche Richtung läuft, sollte er Vorsorge treffen. Kein Club möchte seinen Trainer beurlauben und ohne Nachfolger dastehen.
Playboy: Sie hatten es als Trapattoni-Nachfolger nicht leicht. Der VfB-Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt nannte Ihre Verpflichtung eine „Billiglösung”.
Veh: Vielleicht kannte er die Zahlen in meinem Vertrag nicht (lacht). Nein, er sprach von „Übergangstrainer”, und dafür hatte ich zu der Zeit auch Verständnis. Mir hing ja der Ruf nach, ich hätte bei Hansa Rostock hingeschmissen, was ich aus verschiedenen Gründen tatsächlich getan habe. Also musste ich mich in der Bundesliga erst wieder bewähren.
Playboy: Sie haben damals, ohne Zwang von außen, Hansa Rostock mitten in der Saison verlassen.
Veh: Ja, und das war ein Fehler.
Playboy: Unter welchen Umständen darf sich ein Trainer verabschieden?
Veh: Nie!
Playboy: Thomas Doll wurde in der vergangenen Saison beim HSV gefeiert. Zuletzt war er nach über 20 Spielen ohne Sieg angeschlagen, und der Club verhandelte mit Nachfolgern. Hätte er hinschmeißen dürfen?
Veh: Wenn er aufhört, ist er gebrandmarkt. Es ist verrückt, aber so läuft es. Ich hatte mit Rostock den Klassenerhalt gepackt, aber wir steckten zwei Jahre lang Woche für Woche im Abstiegskampf. Ich wusste, wenn der Verein absteigt, werden einige Leute in der Region ihren Job verlieren. Es ging also nicht um meinen Abstieg - es ging um eine ganze Region. Wer nicht oberflächlich ist, spürt diesen Druck. Und der Klassenerhalt entscheidet sich in solchen Clubs immer erst zum Ende der Saison. Du musst als Trainer ständig Optimismus ausstrahlen. Da habe ich mir gesagt: Wenn ich das nicht mehr hinkriege, muss ich gehen.
Playboy: Kam dazu auch Heimweh?
Veh: Viele Dinge kamen zusammen. Heute würde mir das nicht mehr passieren. Die Kinder sind älter, ein Sohn schon aus dem Haus - heute wäre ich reif für Rostock ...
Playboy: Zu Beginn der Saison wurde ein Kopfgeld auf Sie ausgesetzt. Sie galten bei Sportwetten als Top-Entlassungskandidat. Wie sind Sie damit umgegangen?
Veh: Die Wettanbieter wollen Geld verdienen, und von 18 Trainern muss einer eben an die Spitze. Aber ich glaube, ich war „nur” Dritter.
Playboy: Thomas Doll stand hinten auf der Quotenliste.
Veh: Eben. So ist das. Unser Job ist öffentlich und transparent. Anders als bei vielen Managern in der Wirtschaft. Wir verdienen vielleicht dasselbe Geld, aber bei uns wird fast alles Woche für Woche öffentlich diskutiert. Daran gewöhnt man sich mit den Jahren.
Playboy: Ist es in Ordnung, dass in der Öffentlichkeit immer zuerst die Trainer und selten die Spieler in Frage gestellt werden?
Veh: Es heißt ja, der Trainer sei das schwächste Glied in der Kette. Aber eigentlich ist er das stärkste und muss dementsprechend seinen Kopf hinhalten. Ein Trainer hat die gesamte Einheit zu betrachten - der Spieler nicht. Ein Spieler kümmert sich in aller Regel um seine eigenen Belange. Er hat seine Berater, die gern so genannte Insider-Informationen an die Medien geben, wenn sie merken, dass ihre Klienten nicht zum Zug kommen und deshalb an Marktwert verlieren. Dann ist schnell zu lesen, wie schlecht ein Coach trainiert oder dass er „das Team nicht mehr erreicht”. Damit will ich mich nicht beschäftigen. Als Trainer musst du deinen eigenen Weg gehen, denn es gibt zu viele Flüsterer.
Playboy: Sie bauen auf alte Werte wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Können Sie diese selbst in der Realität immer umsetzen?
Veh: Ich versuche das, ja, aber ich habe nicht die Größe, dass mir das immer gelingt. Ich kenne niemanden, der das konsequent leben kann. Ich muss in Interviews auch mal Dinge sagen, die einen Spieler schützen - und schon bin ich unehrlich. Im privaten Bereich kann man versuchen, ehrlich zu leben. Aber wem gelingt das schon?
Playboy: Hat Sie die erfolgreiche Hinrunde des VfB überrascht?
Veh: Dass die Vorbereitung Erfolg bringen kann, wusste ich. Dass dieses junge Team derart früh dazu fähig ist, hat mich überrascht. Was mich aber noch mehr überrascht hat, war die 0:3-Niederlage im Auftaktspiel gegen Nürnberg. Die stand nicht auf dem Plan.
Playboy: Was sind Ihre sportlichen Ziele?
Veh: Ich will Titel. Nicht den Fairplay-Titel. Ich will einen Meistertitel gewinnen. Ich bin mit Reutlingen, Augsburg und Fürth aufgestiegen - mit Rostock habe ich die Klasse gehalten. Mit Hansa Rostock aber wirst du nicht Meister. Also: Mit wem hätte ich bis heute Deutscher Meister werden können? Genau daran aber werden Trainer gemessen. Kein Mensch schaut, ob du mit einem 250-Millionen-Euro-Etat den Titel gewonnen hast. Es heißt nur: Der ist unerfahren, der hat noch nichts gewonnen. Dabei haben wir großartige Trainer in Deutschland, die über die Jahre immer zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und es gibt andere, die als junge Trainer zu großen Vereinen gegangen sind und dort fast selbstverständlich Meister wurden. Die gehen irgendwann als Meistertrainer weg und rennen bei den Spitzenclubs offene Türen ein. Jetzt bin ich in Stuttgart. Hier ist einiges drin, und das ist sehr reizvoll.
Playboy: Und privat? Sie sind seit mehr als 20 Jahren glücklich verheiratet ...
Veh: ... das sagen Sie. Und meine Frau meint das auch (lacht).
Playboy: Was wünschen Sie sich privat?
Veh: Ein naiver Kindertraum: Ich würde mir wünschen, dass mein Hund so alt wird wie ich. Er ist mein bester Freund.
Veh: Kein Limit. Wenn man so etwas ankündigt, muss man es auch halten. Ich habe dann aber die Mannschaft gegen Bayern so aufgestellt, dass wir gar nicht gewinnen konnten, denn die Haare waren schon ziemlich lang (lacht).
Playboy: Hier dürfen Sie jetzt eine neue Ankündigung machen. Etwa: Wenn der VfB Deutscher Meister wird, dann lasse ich mir eine Glatze rasieren.
Veh: Das haben doch schon zu viele vor mir gemacht. Aber ich lasse mir vielleicht noch etwas einfallen.
Playboy: Wie passt Aberglaube zu einem Trainer, der auf wissenschaftliche Taktikanalysen und moderne Spielsysteme baut?
Veh: Ich bin davon überzeugt, dass jeder Sportler solche Rituale hat. Ich würde mir vor einem Spiel nie zuerst den rechten Fußballschuh anziehen. Nie! Immer erst den linken. Das mache ich, seit ich sechs Jahre alt bin. Und wenn ich doch einmal den rechten Schuh zuerst anziehe und es merke, ziehe ich ihn noch mal aus und beginne mit links. Bekloppt, nicht wahr?
Playboy: Darüber wollen wir nicht richten. Uns interessiert, woher Ihr großer sportlicher Ehrgeiz kommt. Sie mussten ja keine unglückliche Jugend kompensieren, soweit wir wissen.
Veh: Haben Sie mit meiner Mutter gesprochen? Nein, wenn du als Kind gute sportliche Leistungen ablieferst, wirst du gelobt und gestreichelt. Ich war schon als kleiner Junge einer, der geführt hat - im Sport und beim Spielen. Ganz offenkundig haben mir die Freunde und Spielkameraden vertraut. Ein schönes Gefühl. Als Sportler bist du immer ehrgeizig. Du willst als Spieler gewinnen und als Trainer.
Playboy: Mit Anfang 20 galten Sie als schlampiges Genie, das sein Talent nie ausgeschöpft hat.
Veh: Ich habe mit 17 schon zweite Liga gespielt und bin dann mit 18 nach Gladbach gekommen. Beim Training dort dachte ich: Die sind gerade Deutscher Meister geworden, aber technisch bin ich besser. Das war mein Problem. Fußballerisch war ich weit, aber persönlich zu unfertig. Ich habe mit Lothar Matthäus zusammen angefangen und war sicherlich der bessere Fußballer damals. Aber der Lothar wusste schon früh, wo er hinwollte. Ich leider nicht.
Playboy: Sie haben sich selbst einmal als einen „faulen Sack” bezeichnet. Wie gehen Sie heute als Trainer mit faulen Säcken um?
Veh: Andere Spieler würde ich nie so beschreiben. Reden wir besser von schlampigen Spielern. Die gibt es in der Tat, und da bin ich, als ehemaliger fauler Sack, besonders sensibilisiert. Mit diesen Spielern musst du sehr viel reden und sie davon überzeugen, dass sie an sich arbeiten müssen.
Playboy: Sind in solchen Fällen eher psychologische oder eher autoritäre Fähigkeiten gefragt?
Veh: Mit reiner Autorität bringt man es nicht mehr weit. Die Spieler heute sind kritischer, als wir es früher waren. Die hinterfragen jede Trainingseinheit. Früher sagte der Trainer: „Mach oder stirb.” Heute ist der Pädagoge gefragt, der erklären und begründen muss.
Playboy: Lässt sich denn auch Intuition begründen?
Veh: Ja, mit Erfolg.
Playboy: Einer Ihrer ehemaligen Spieler beim SSV Reutlingen sagte: „Felix Magath gilt als autoritärer Trainer - Armin Veh ist es.”
Veh: Was heißt autoritär? Du musst eine gewisse Distanz zu deinen Spielern wahren und Respekt aufbauen. Das ist mir immer gelungen. Und das musste auch sein, schließlich war ich schon mit 29 Trainer und hatte Spieler, die älter waren als ich. Ich musste nie bestrafen, um Respekt zu bekommen. Und Reutlingen liegt ja auch ein paar Jahre zurück. Heute würde das wohl kein Spieler mehr über mich sagen.
Playboy: Sie sollen schon als 20-Jähriger daran gedacht haben, Trainer zu werden.
Veh: Das stimmt. Ich habe mir damals jede Trainingseinheit notiert und für mich ausgewertet. Als ich gemerkt habe, dass ich als Spieler zu wenig getan hatte, bin ich noch tiefer in die Analysen eingetaucht.
Playboy: Bei der WM 2006, heißt es, wurde der deutsche Fußball neu erfunden. Wie denken Sie heute - nach dem Sommermärchen - über Fragen der Psychologie und Motivation? Immerhin hat Teammanager Oliver Bierhoff den Ligatrainern empfohlen, sich etwas beim Nationalteam abzuschauen.
Veh: Der macht seinen Job auch schon lange, da kann er mit seiner Erfahrung so etwas schon empfehlen. Aber Spaß beiseite, einen Psychologen für einzelne Spieler hatte ich schon Ende der 90er in Reutlingen.
Playboy: Sie lehren kultivierten Angriffsfußball schon seit Jahren. Doch im Sommer wurde der als etwas völlig Neues präsentiert.
Veh: Man muss den Leuten ja vermitteln, was man Gutes tut. Das war schon in Ordnung. Auch ich war begeistert. Es wurden Dinge eingeführt, die es davor auch schon gab, aber sie wurden sehr gut verkauft. Das können die Amerikaner eben. Nur kann man eine WM nicht mit der Bundesliga vergleichen. Das sind die berühmten Äpfel und Birnen.
Playboy: Das müssen Sie uns mal näher erklären.
Veh: Seit 1974 hatten wir erstmals wieder eine WM im eigenen Land. Eine Mannschaft über sechs oder sieben Wochen für solch ein Jahrhundertereignis mental vorzubereiten ist doch etwas anderes, als ein Bundesliga-Team für eine gesamte Saison über Monate hinweg zu motivieren.
Playboy: Diese Vermarktung hat doch hervorragend geklappt. Hat die Bundesliga diesbezüglich Defizite?
Veh: Schauen Sie nach England. Die Premier League wird derart offensiv vermarktet, dass man meinen könnte, die Engländer gewinnen regelmäßig alle europäischen Wettbewerbe. Und die englische Nationalmannschaft müsste im Grunde schon siebenmal Weltmeister sein. Wie die ihr Produkt verkaufen, ist eine Kunst. Davon sind wir weit entfernt.
Playboy: Hier haben Sie die Möglichkeit, den Stuttgarter Erfolg optimal zu vermarkten.
Veh: Nein, ich muss das ja nicht nachmachen. Wir haben gut gearbeitet und versucht, unsere Ankündigungen umzusetzen. Das ist das Entscheidende. Wir haben keine Platzierung als Saisonziel ausgegeben, weil wir eine völlig neue Mannschaft und zudem die jüngste der Liga haben. Wichtig war für uns: Wir wollten Leidenschaft und Begeisterung reinbringen, und das ist uns gelungen. Auch wenn wir nicht immer gewonnen haben - die Leute waren über unsere Spielweise erfreut. In dieser Hinsicht waren sie allerdings in Stuttgart auch nicht gerade verwöhnt.
Playboy: Warum hat der VfB in der Hinrunde über weite Strecken so begeistert?
Veh: Die Zuschauer erkennen die Leidenschaft im Team. Das ist und war auch bei den anderen Clubs immer meine Handschrift.
Playboy: Der Gegenentwurf wären die Bayern. Erfolgreich, aber die Fans maulen.
Veh: Die Anhänger der Bayern sind verwöhnt. Der Verein hat in den letzten Jahren so gut wie alles gewonnen. Es wäre jetzt populistisch, hier attraktiven Fußball zu predigen. Den will jedes Team spielen. Die Frage ist, ob du die Mannschaft dafür hast.
Playboy: Und, haben Sie die beim VfB?
Veh: Der Meinung bin ich. Wir konnten im Sommer ein Team zusammenstellen, das attraktiven Fußball erlaubt. Den Erfolg kann man nicht garantieren, aber die Spielweise.
Playboy: Träumen Sie manchmal davon, Namen von Stars auf einen Wunschzettel zu schreiben, die dann gekauft werden? So wie Ihr Trainerkollege José Mourinho bei Chelsea?
Veh: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber als Trainer hast du heute tatsächlich kaum die Zeit, mit Geduld junge Spieler zu formen. Deshalb kaufen die finanzstarken Teams gern fertige Stars. Kein Trainer kann sagen: „In etwa drei Jahren sind meine jungen Spieler so weit - bis dahin müssen wir irgendwie die Klasse halten.” Möglicherweise würde der Vorstand sogar sagen: „Klar, Trainer, machen Sie das.” Aber dann wechselt vielleicht der Vorstand, und die Zeit rinnt davon, die junge Spieler für ihre Entwicklung bräuchten. Insofern geht ein Club ein hohes Risiko ein, wenn er verstärkt auf die Jungen setzt.
Playboy: Mittelfristiger oder langfristiger Erfolg ist also schwer zu vermitteln.
Veh: Richtig. Aber Werder Bremen hat gezeigt, dass es auch anders geht. Selbst in Phasen, in denen der Verein um die Plätze neun oder zehn spielte, gab es über Jahre diese Kontinuität im Club. Der Erfolg ist gekommen. Anderen Clubs, die ständig ihre Trainer wechseln, fehlen diese Erfolge. Das Tagesgeschäft ist sehr dominant. Wenn ich mit meinem jungen Team jetzt auf Rang 17 stehen würde, hätte ich ein Problem. Aber der VfB hat ein sehr großes Potenzial. In Zukunft.
Playboy: Wie haben Sie dem Verein Ihre Philosophie des jungen Fußballs verkauft?
Veh: Unser Manager Horst Heldt geht mit mir diesen Weg. Das ist entscheidend. Ein Clubpräsident muss nicht aus dem Fußball kommen. Der Manager muss mitziehen, dann läuft es.
Playboy: Wie überraschend kam für Sie im Februar 2006 die Anfrage von Stuttgart?
Veh: Wir standen ja schon länger in Verbindung. Was auch verständlich ist. Wenn ein Verein das Gefühl hat, dass etwas in die falsche Richtung läuft, sollte er Vorsorge treffen. Kein Club möchte seinen Trainer beurlauben und ohne Nachfolger dastehen.
Playboy: Sie hatten es als Trapattoni-Nachfolger nicht leicht. Der VfB-Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt nannte Ihre Verpflichtung eine „Billiglösung”.
Veh: Vielleicht kannte er die Zahlen in meinem Vertrag nicht (lacht). Nein, er sprach von „Übergangstrainer”, und dafür hatte ich zu der Zeit auch Verständnis. Mir hing ja der Ruf nach, ich hätte bei Hansa Rostock hingeschmissen, was ich aus verschiedenen Gründen tatsächlich getan habe. Also musste ich mich in der Bundesliga erst wieder bewähren.
Playboy: Sie haben damals, ohne Zwang von außen, Hansa Rostock mitten in der Saison verlassen.
Veh: Ja, und das war ein Fehler.
Playboy: Unter welchen Umständen darf sich ein Trainer verabschieden?
Veh: Nie!
Playboy: Thomas Doll wurde in der vergangenen Saison beim HSV gefeiert. Zuletzt war er nach über 20 Spielen ohne Sieg angeschlagen, und der Club verhandelte mit Nachfolgern. Hätte er hinschmeißen dürfen?
Veh: Wenn er aufhört, ist er gebrandmarkt. Es ist verrückt, aber so läuft es. Ich hatte mit Rostock den Klassenerhalt gepackt, aber wir steckten zwei Jahre lang Woche für Woche im Abstiegskampf. Ich wusste, wenn der Verein absteigt, werden einige Leute in der Region ihren Job verlieren. Es ging also nicht um meinen Abstieg - es ging um eine ganze Region. Wer nicht oberflächlich ist, spürt diesen Druck. Und der Klassenerhalt entscheidet sich in solchen Clubs immer erst zum Ende der Saison. Du musst als Trainer ständig Optimismus ausstrahlen. Da habe ich mir gesagt: Wenn ich das nicht mehr hinkriege, muss ich gehen.
Playboy: Kam dazu auch Heimweh?
Veh: Viele Dinge kamen zusammen. Heute würde mir das nicht mehr passieren. Die Kinder sind älter, ein Sohn schon aus dem Haus - heute wäre ich reif für Rostock ...
Playboy: Zu Beginn der Saison wurde ein Kopfgeld auf Sie ausgesetzt. Sie galten bei Sportwetten als Top-Entlassungskandidat. Wie sind Sie damit umgegangen?
Veh: Die Wettanbieter wollen Geld verdienen, und von 18 Trainern muss einer eben an die Spitze. Aber ich glaube, ich war „nur” Dritter.
Playboy: Thomas Doll stand hinten auf der Quotenliste.
Veh: Eben. So ist das. Unser Job ist öffentlich und transparent. Anders als bei vielen Managern in der Wirtschaft. Wir verdienen vielleicht dasselbe Geld, aber bei uns wird fast alles Woche für Woche öffentlich diskutiert. Daran gewöhnt man sich mit den Jahren.
Playboy: Ist es in Ordnung, dass in der Öffentlichkeit immer zuerst die Trainer und selten die Spieler in Frage gestellt werden?
Veh: Es heißt ja, der Trainer sei das schwächste Glied in der Kette. Aber eigentlich ist er das stärkste und muss dementsprechend seinen Kopf hinhalten. Ein Trainer hat die gesamte Einheit zu betrachten - der Spieler nicht. Ein Spieler kümmert sich in aller Regel um seine eigenen Belange. Er hat seine Berater, die gern so genannte Insider-Informationen an die Medien geben, wenn sie merken, dass ihre Klienten nicht zum Zug kommen und deshalb an Marktwert verlieren. Dann ist schnell zu lesen, wie schlecht ein Coach trainiert oder dass er „das Team nicht mehr erreicht”. Damit will ich mich nicht beschäftigen. Als Trainer musst du deinen eigenen Weg gehen, denn es gibt zu viele Flüsterer.
Playboy: Sie bauen auf alte Werte wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Können Sie diese selbst in der Realität immer umsetzen?
Veh: Ich versuche das, ja, aber ich habe nicht die Größe, dass mir das immer gelingt. Ich kenne niemanden, der das konsequent leben kann. Ich muss in Interviews auch mal Dinge sagen, die einen Spieler schützen - und schon bin ich unehrlich. Im privaten Bereich kann man versuchen, ehrlich zu leben. Aber wem gelingt das schon?
Playboy: Hat Sie die erfolgreiche Hinrunde des VfB überrascht?
Veh: Dass die Vorbereitung Erfolg bringen kann, wusste ich. Dass dieses junge Team derart früh dazu fähig ist, hat mich überrascht. Was mich aber noch mehr überrascht hat, war die 0:3-Niederlage im Auftaktspiel gegen Nürnberg. Die stand nicht auf dem Plan.
Playboy: Was sind Ihre sportlichen Ziele?
Veh: Ich will Titel. Nicht den Fairplay-Titel. Ich will einen Meistertitel gewinnen. Ich bin mit Reutlingen, Augsburg und Fürth aufgestiegen - mit Rostock habe ich die Klasse gehalten. Mit Hansa Rostock aber wirst du nicht Meister. Also: Mit wem hätte ich bis heute Deutscher Meister werden können? Genau daran aber werden Trainer gemessen. Kein Mensch schaut, ob du mit einem 250-Millionen-Euro-Etat den Titel gewonnen hast. Es heißt nur: Der ist unerfahren, der hat noch nichts gewonnen. Dabei haben wir großartige Trainer in Deutschland, die über die Jahre immer zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und es gibt andere, die als junge Trainer zu großen Vereinen gegangen sind und dort fast selbstverständlich Meister wurden. Die gehen irgendwann als Meistertrainer weg und rennen bei den Spitzenclubs offene Türen ein. Jetzt bin ich in Stuttgart. Hier ist einiges drin, und das ist sehr reizvoll.
Playboy: Und privat? Sie sind seit mehr als 20 Jahren glücklich verheiratet ...
Veh: ... das sagen Sie. Und meine Frau meint das auch (lacht).
Playboy: Was wünschen Sie sich privat?
Veh: Ein naiver Kindertraum: Ich würde mir wünschen, dass mein Hund so alt wird wie ich. Er ist mein bester Freund.
Interview: Michael Gösele / Michael Hannwacker ]
[ der aufsteiger
>> Als Fußballspieler hat der 1961 in Augsburg geborene Armin Veh sehr früh viel erreicht, um viel zu früh - mit 24 Jahren - mit dem Erstliga-Fußball schon wieder aufzuhören. Mit 29 wird er Trainer beim FC Augsburg, es folgen Stationen bei der SpVgg Greuther Fürth, dem SSV Reutlingen und Hansa Rostock. Im Februar 2006 löst er Giovanni Trapattoni als Cheftrainer beim VfB Stuttgart ab. Zur Winterpause steht der VfB unter Armin Veh auf Rang 4.
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