„Bei mir gibt es kein Witzefrei”
Comedy-Gottvater Otto Waalkes über Humor-Tabus, offene Zweierbeziehungen, Dauerblödeln bei Filmdrehs - und die Erotik unserer Bundeskanzlerin
Playboy: Herr Waalkes, haben Sie viele Groupies?
Waalkes: Schon, aber das ist etwas anderes als bei Rockbands oder Boy-Groups. Groupies von Comedians sind beinahe eine Parodie des Groupietums. Die haben Selbstironie und rufen Dinge wie: „Otto, ich will ein Rind von dir!”
Playboy: Aber letztendlich haben alle Groupies doch nur ein Ziel ...
Waalkes: ...und zwar?
Playboy: Mit einem berühmten Menschen zu schlafen.
Waalkes: Ehrlich? Das sollte mich freuen, wenn Fans auch mal sexuelle Motive haben und ich nicht immer nur Ottifanten zeichnen muss.
Playboy: Ist Ihnen Ihre Popularität nie unangenehm?
Waalkes: Nein, das ist doch mein Beruf. Davon lebe ich – und dafür. Ich will, dass meine Sachen gesehen werden. Ich mache das ja für die Öffentlichkeit und nicht für mich allein.
Playboy: Sie haben sich von den Massen nie bedrängt gefühlt?
Waalkes: Das mit den Menschenaufläufen hat man ja immer auch selbst in der Hand. Ich kann doch frei entscheiden, ob ich auf ein stilles Örtchen gehe oder in eine Mega-Disco.
Playboy: Sie gehen in Diskotheken?
Waalkes: Ja, warum? Soll ich nicht? Man muss ja aktuell bleiben und sich informieren – wo wird mitgesungen, wen kann man parodieren?
Playboy: Wen würden Sie aktuell gern parodieren?
Waalkes: Bei der vergangenen Tour war es Tokio Hotel. „Durch den Monsun” ist eine richtig starke Nummer. Im Grunde ist die Parodie ja die ehrlichste Form der Verehrung – da freuen sich die Leute drüber. Sogar Michael Jackson war einverstanden, als ich angerufen habe, um ihn zu fragen, ob ich ihn im Film und auf der Bühne imitieren darf.
Playboy: Sie hatten Michael Jackson persönlich am Telefon?
Waalkes: Ja, zumindest hat sich einer als Michael Jackson ausgegeben und „It’s okay” in die Leitung gehaucht. Das ist aber schon lange her, damals hatte er noch seine Erstnase.
Playboy: Für den zweiten Teil Ihres 7-Zwerge-Films, „Der Wald ist nicht genug”, haben Sie nahezu die gesamte deutsche Comedy-Szene verpflichtet. Gibt es noch irgendwen, den Sie gern dabeigehabt hätten?
Waalkes: Anke Engelke, aber die war, glaube ich, schwanger, als wir gedreht haben. Und Hape Kerkeling – der war gerade in einem seiner früheren Leben unterwegs oder auf der Suche nach sich selbst.
Playboy: Wie hat man sich einen Filmschauplatz voller Comedians vorzustellen?
Waalkes: Die lassen keine Lachpausen zu, da gibt’s kein Witzefrei. Weil die alles, was zur Hand ist, sofort wieder zu komischen Zwecken missbrauchen.
Playboy: Gibt es da keinen, der sich beschwert, dass er so nicht arbeiten kann?
Waalkes: Richtige Schauspieler haben oft ein bisschen Probleme. Die haben andere Routinen, bei denen muss immer ein bestimmtes Stichwort kommen. Wer sich nicht daran hält, gilt als unkollegial. Besonders schwierig ist es mit Helge Schneider, weil der in jeder Einstellung alles neu macht. Da wirst du wahnsinnig. Wenn wir ihm einschärfen: „Helge, du sagst jetzt Gleis 7 ¾”, dann sagt Helge: „Mach ich.” Und sagt: „Gleis 9 ¾.”
Playboy: Helge Schneider wird in Dani Levys Hitler-Komödie die Hauptrolle spielen. Wie finden Sie das?
Waalkes: Wunderbar. Das ist eine Traumrolle – die hätte ich auch gern gespielt. Das Thema ist längst überfällig, nach dem „Untergang” ist es endlich reif für die komische Bearbeitung. Ich hab das mal vor 20 Jahren à la „Wetten, dass ...?” versucht: Da war ich Herr Hilter, der behauptet, sämtliche Jahreszahlen seit Christi Geburt in richtiger Reihenfolge aufsagen zu können. Und Herr Hilter zählt und zählt und nach 1933 kommt bei ihm gleich 1945. Da hat er glatt 1000 Jahre vergessen. Damals galt das noch als gewagt.
Playboy: Was hat sich seither verändert?
Waalkes: Ich glaube, wenn Bruno Ganz Hitler darstellen kann, ist dieses Tabu gebrochen. Warum sollte es dann nicht auch Helge Schneider dürfen?
Playboy: Gibt es heute überhaupt noch Tabus?
Waalkes: Der Streit um die Mohammed-Karikaturen hat gezeigt, dass es im religiösen Bereich wieder welche gibt. Auch Witze über Behinderungen sind grenzwertig. Mir hat mal ein Blinder einen Witz erzählt, den ich dann für mein Programm verwendet habe.
Playboy: Erzählen Sie uns bitte Ihren Blindenwitz.
Waalkes: Da steht ein Blinder an der Ampel, und sein Hund pinkelt ihm ans Bein. Der Blinde streichelt ihm über den Rücken, und ein Passant sagt: „Das finde ich toll, der Hund pinkelt Sie an und Sie streicheln ihn.” Sagt der Blinde: „Ich suche nur den Arsch, damit ich reintreten kann.” Nach einer Show hat sich dann ein Zuschauer über meine Geschmacklosigkeit beschwert. Es gibt erstaunlich viele Leute, die sich verantwortlich fühlen für eine Minderheit, die sich angeblich nicht wehren kann. Woher wissen die das so genau?
Playboy: Ist Schadenfreude in Ordnung – zum Beispiel, wenn in Fernsehshows Passanten vorgeführt werden?
Waalkes: So etwas gefällt mir nicht so gut. Das ist mir zu schlicht, das reizt mich nicht. Wenn ich tausend Leuten ein Mikro vor die Nase halte und sie mit Fragen traktiere, dann werde ich bestimmt einige finden, die dummes Zeug reden. Aber das beweist ja nichts – außer dass mir nichts Besseres eingefallen ist.
Playboy: Und das Bloßstellen öffentlicher Personen? Ist es lustig, Angela Merkel fehlende Erotik vorzuwerfen?
Waalkes: Habe ich das gemacht?
Playboy: Nein, andere Comedians tun das.
Waalkes: Wenn das durch einen bestimmten politischen Stil, wie zum Beispiel bei Margaret Thatcher, gedeckt ist, dann bekommt das wieder Sinn. Ansonsten soll das ihr Gatte beurteilen.
Playboy: Kommt es vor, dass junge Kollegen Ihre Nummern klauen?
Waalkes: Selbstverständlich, ich bitte darum. Das ist ja eine Bestätigung für mich. Und wenn die dann auch noch Erfolg damit haben, freut mich das sehr. Aber „Holladeridi” – das traut sich keiner. Das wissen die Leute, dass das von mir ist. Immerhin ...
Playboy: Es fällt auf, wie neidfrei Sie immer über Ihre Kollegen aus der deutschen Humoristenszene sprechen.
Waalkes: Ich bin doch stolz, dass ich deren Kollege sein darf. Bully Herbig zum Beispiel, der ist ein wahnsinnig starker Comedy-Regisseur. Irgendwann kommt Hollywood und schnappt sich den. Es wäre toll, wenn es nach Ernst Lubitsch und Billy Wilder mal wieder einen international erfolgreichen deutschsprachigen Komödienregisseur gäbe – vielleicht wird es auch Sven Unterwaldt von den „7 Zwergen”.
Playboy: In letzter Zeit sind viele deutsche Entertainer und Kabarettisten der älteren Generation gestorben, zuletzt Robert Gernhardt, einer Ihrer Autoren. Haben Sie den Eindruck, dass sich da eine bestimmte Humor-Ära dem Ende zuneigt?
Waalkes: Es geht immer weiter im Leben – obwohl man die Einzigartigkeit von Robert Gernhardt nicht bestreiten kann. Dass es noch einmal so eine wellenartige Bewegung geben wird, die alles überrollt, was davor in Deutschland als komisch galt, ist aber fraglich. Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre lief das ja parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung.
Playboy: Sie sind damals das Sprachrohr einiger Autoren der Satirezeitschrift „Pardon” geworden ...
Waalkes: ... da war Gernhardt dabei mit Peter Knorr und Bernd Eilert. Die dachten, dass sie ein Minderheitenprogramm machen. War es bis dahin auch. Aber dann hat ein kleiner blödelnder Friese sie eines Besseren belehrt: Auch diese Formen der Komik sind massenkompatibel, wenn nur eine Art Vertrauensperson für das Publikum da ist.
Playboy: Damals haben Sie in Hamburg in einer Wohngemeinschaft mit Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg zusammengewohnt. Wer war der Erste in diesem Haushalt, der Erfolg hatte?
Waalkes: Das war ich. Von meinem Geld habe ich uns dann gleich mal eine Spülmaschine gekauft und das Sofa neu beziehen lassen. Die Schattenseiten des frühen Erfolgs.
Playboy: Haben Sie sich damals als Hippies gesehen?
Waalkes: Ein Hippie war damals jeder, der sich die Haare nicht zwei Zentimeter über den Ohren abgeschnitten hat. Das wurde man schnell. Solche Bewegungen sind im Nachhinein immer gut zu beschreiben – aber während die Bewegung noch läuft, weiß man nicht, ob man selbst dazugehört. Ich hätte auch als Rocker oder Punk unterwegs sein können. Oder als Disco-King. Elektronische Musik fand ich ganz stark.
Playboy: Und die klassische Gitarre?
Waalkes: Die liebe ich sowieso, die ist mein Meditationsinstrument. Andere machen Yoga, ich ziehe mich mit meiner Gitarre zurück und kann da stundenlang versinken. Jeden Tag mindestens ein bis zwei Stunden.
Playboy: Gitarre oder Humor – mit was kann man Frauen besser beeindrucken?
Waalkes: Keine Ahnung, ich habe sie noch nicht gefragt, die Mädchen. Sollte ich mal: „Warum liegst du hier neben mir? Ist es der Witz, die Musik oder etwa doch der athletische Körperbau?” Ich werde im nächsten Playboy-Interview noch mal Stellung nehmen.
Playboy: In der Boulevardpresse ist regelmäßig zu lesen, dass Sie und Ihre Frau Eva Hassmann eine sehr offene Beziehung führen.
Waalkes: Nur weil auf einem Foto zwei Menschen nicht meterweit Abstand halten, ist das doch kein Beweis für irgendwelche Affären. Aber Klatsch lebt eben von solchen Geschichten. Eva fragt mich manchmal morgens: „Sind wir eigentlich noch zusammen?” Und ich sage: „Moment, ich schau mal in der Zeitung nach ... Nee, sind wir nicht. Was machst du in meinem Bett?” Im Grunde habe ich starke häusliche Neigungen und monogame Tendenzen. Immer mit einer Frau zusammen sein, ein Leben lang ... klingt doch gut!
Playboy: Sie haben allerdings bereits eine Scheidung hinter sich, die Sie einmal mit dem Ersten Weltkrieg verglichen haben. Warum?
Waalkes: Weil der Erste Weltkrieg eben auch so ein Konflikt war, in den alle reingeschlittert sind, und im Nachhinein hat keiner gewusst, wie es überhaupt dazu gekommen ist. So scheitern ja auch die meisten Ehen: nicht mit der Absicht, sich gegenseitig umzubringen, sondern mit dem Vorhaben, für irgendetwas Wiedergutmachung zu verlangen.
Playboy: Können Sie sich vorstellen, jemals allein zu leben?
Waalkes: Das kenne ich nicht. Wir Friesen befinden uns gern in eheähnlichen Zuständen. Meine Eltern waren ewig zusammen.
Playboy: In zwei Jahren werden Sie sechzig – haben Sie Angst, dass nun langsam die Zeit anbricht, in der Sie Preise für Ihr Lebenswerk verliehen bekommen?
Waalkes: Ach, das dauert noch eine Weile.
Playboy: Aber Sie haben bereits 2002 den Comedy-Ehrenpreis bekommen.
Waalkes: Den hab ich mir selbst verliehen, ich war da nämlich Jury-Vorsitzender. Hat aber keiner gemerkt.
Playboy: Also haben Sie keine Probleme mit dem Sechzigsten?
Waalkes: Nein, in dieser schnelllebigen Zeit weiß man ja auch gar nicht, ob ich den noch erlebe. Aber ich denke mal, ich werde auf der Bühne sterben.
Playboy: Ist das eine schöne Vorstellung?
Waalkes: Ja, sicher. Holladeridi – zack, bumm. Oder: „Wollt ihr den finalen Witz?” – „Ja!” Und fertig. Vielleicht ist das ein schönes Gefühl, wenn du denkst: Diese eine Show kann ich noch machen, und dann ist alles vorbei.
Playboy: Denken Sie, dass Ihnen kurz vor dem Tod tatsächlich noch zum Scherzen zumute sein wird?
Waalkes: Als mein Vater auf dem Sterbebett lag, hat er noch lauter Witze gemacht. Mein Bruder und ich mussten sehr lachen. Aber das war normal für ihn – er war 85, hatte ein hartes Leben und zwei Weltkriege hinter sich, und dann lag er da und machte seine Scherze. Das macht mir ein bisschen Mut. Meine Mutter dagegen hat den Trost des Glaubens gesucht: Die lag auf dem Sterbebett und hat gesungen und gesungen und gesungen. So sucht sich jeder sein eigenes Ende vom Lied.
Waalkes: Schon, aber das ist etwas anderes als bei Rockbands oder Boy-Groups. Groupies von Comedians sind beinahe eine Parodie des Groupietums. Die haben Selbstironie und rufen Dinge wie: „Otto, ich will ein Rind von dir!”
Playboy: Aber letztendlich haben alle Groupies doch nur ein Ziel ...
Waalkes: ...und zwar?
Playboy: Mit einem berühmten Menschen zu schlafen.
Waalkes: Ehrlich? Das sollte mich freuen, wenn Fans auch mal sexuelle Motive haben und ich nicht immer nur Ottifanten zeichnen muss.
Playboy: Ist Ihnen Ihre Popularität nie unangenehm?
Waalkes: Nein, das ist doch mein Beruf. Davon lebe ich – und dafür. Ich will, dass meine Sachen gesehen werden. Ich mache das ja für die Öffentlichkeit und nicht für mich allein.
Playboy: Sie haben sich von den Massen nie bedrängt gefühlt?
Waalkes: Das mit den Menschenaufläufen hat man ja immer auch selbst in der Hand. Ich kann doch frei entscheiden, ob ich auf ein stilles Örtchen gehe oder in eine Mega-Disco.
Playboy: Sie gehen in Diskotheken?
Waalkes: Ja, warum? Soll ich nicht? Man muss ja aktuell bleiben und sich informieren – wo wird mitgesungen, wen kann man parodieren?
Playboy: Wen würden Sie aktuell gern parodieren?
Waalkes: Bei der vergangenen Tour war es Tokio Hotel. „Durch den Monsun” ist eine richtig starke Nummer. Im Grunde ist die Parodie ja die ehrlichste Form der Verehrung – da freuen sich die Leute drüber. Sogar Michael Jackson war einverstanden, als ich angerufen habe, um ihn zu fragen, ob ich ihn im Film und auf der Bühne imitieren darf.
Playboy: Sie hatten Michael Jackson persönlich am Telefon?
Waalkes: Ja, zumindest hat sich einer als Michael Jackson ausgegeben und „It’s okay” in die Leitung gehaucht. Das ist aber schon lange her, damals hatte er noch seine Erstnase.
Playboy: Für den zweiten Teil Ihres 7-Zwerge-Films, „Der Wald ist nicht genug”, haben Sie nahezu die gesamte deutsche Comedy-Szene verpflichtet. Gibt es noch irgendwen, den Sie gern dabeigehabt hätten?
Waalkes: Anke Engelke, aber die war, glaube ich, schwanger, als wir gedreht haben. Und Hape Kerkeling – der war gerade in einem seiner früheren Leben unterwegs oder auf der Suche nach sich selbst.
Playboy: Wie hat man sich einen Filmschauplatz voller Comedians vorzustellen?
Waalkes: Die lassen keine Lachpausen zu, da gibt’s kein Witzefrei. Weil die alles, was zur Hand ist, sofort wieder zu komischen Zwecken missbrauchen.
Playboy: Gibt es da keinen, der sich beschwert, dass er so nicht arbeiten kann?
Waalkes: Richtige Schauspieler haben oft ein bisschen Probleme. Die haben andere Routinen, bei denen muss immer ein bestimmtes Stichwort kommen. Wer sich nicht daran hält, gilt als unkollegial. Besonders schwierig ist es mit Helge Schneider, weil der in jeder Einstellung alles neu macht. Da wirst du wahnsinnig. Wenn wir ihm einschärfen: „Helge, du sagst jetzt Gleis 7 ¾”, dann sagt Helge: „Mach ich.” Und sagt: „Gleis 9 ¾.”
Playboy: Helge Schneider wird in Dani Levys Hitler-Komödie die Hauptrolle spielen. Wie finden Sie das?
Waalkes: Wunderbar. Das ist eine Traumrolle – die hätte ich auch gern gespielt. Das Thema ist längst überfällig, nach dem „Untergang” ist es endlich reif für die komische Bearbeitung. Ich hab das mal vor 20 Jahren à la „Wetten, dass ...?” versucht: Da war ich Herr Hilter, der behauptet, sämtliche Jahreszahlen seit Christi Geburt in richtiger Reihenfolge aufsagen zu können. Und Herr Hilter zählt und zählt und nach 1933 kommt bei ihm gleich 1945. Da hat er glatt 1000 Jahre vergessen. Damals galt das noch als gewagt.
Playboy: Was hat sich seither verändert?
Waalkes: Ich glaube, wenn Bruno Ganz Hitler darstellen kann, ist dieses Tabu gebrochen. Warum sollte es dann nicht auch Helge Schneider dürfen?
Playboy: Gibt es heute überhaupt noch Tabus?
Waalkes: Der Streit um die Mohammed-Karikaturen hat gezeigt, dass es im religiösen Bereich wieder welche gibt. Auch Witze über Behinderungen sind grenzwertig. Mir hat mal ein Blinder einen Witz erzählt, den ich dann für mein Programm verwendet habe.
Playboy: Erzählen Sie uns bitte Ihren Blindenwitz.
Waalkes: Da steht ein Blinder an der Ampel, und sein Hund pinkelt ihm ans Bein. Der Blinde streichelt ihm über den Rücken, und ein Passant sagt: „Das finde ich toll, der Hund pinkelt Sie an und Sie streicheln ihn.” Sagt der Blinde: „Ich suche nur den Arsch, damit ich reintreten kann.” Nach einer Show hat sich dann ein Zuschauer über meine Geschmacklosigkeit beschwert. Es gibt erstaunlich viele Leute, die sich verantwortlich fühlen für eine Minderheit, die sich angeblich nicht wehren kann. Woher wissen die das so genau?
Playboy: Ist Schadenfreude in Ordnung – zum Beispiel, wenn in Fernsehshows Passanten vorgeführt werden?
Waalkes: So etwas gefällt mir nicht so gut. Das ist mir zu schlicht, das reizt mich nicht. Wenn ich tausend Leuten ein Mikro vor die Nase halte und sie mit Fragen traktiere, dann werde ich bestimmt einige finden, die dummes Zeug reden. Aber das beweist ja nichts – außer dass mir nichts Besseres eingefallen ist.
Playboy: Und das Bloßstellen öffentlicher Personen? Ist es lustig, Angela Merkel fehlende Erotik vorzuwerfen?
Waalkes: Habe ich das gemacht?
Playboy: Nein, andere Comedians tun das.
Waalkes: Wenn das durch einen bestimmten politischen Stil, wie zum Beispiel bei Margaret Thatcher, gedeckt ist, dann bekommt das wieder Sinn. Ansonsten soll das ihr Gatte beurteilen.
Playboy: Kommt es vor, dass junge Kollegen Ihre Nummern klauen?
Waalkes: Selbstverständlich, ich bitte darum. Das ist ja eine Bestätigung für mich. Und wenn die dann auch noch Erfolg damit haben, freut mich das sehr. Aber „Holladeridi” – das traut sich keiner. Das wissen die Leute, dass das von mir ist. Immerhin ...
Playboy: Es fällt auf, wie neidfrei Sie immer über Ihre Kollegen aus der deutschen Humoristenszene sprechen.
Waalkes: Ich bin doch stolz, dass ich deren Kollege sein darf. Bully Herbig zum Beispiel, der ist ein wahnsinnig starker Comedy-Regisseur. Irgendwann kommt Hollywood und schnappt sich den. Es wäre toll, wenn es nach Ernst Lubitsch und Billy Wilder mal wieder einen international erfolgreichen deutschsprachigen Komödienregisseur gäbe – vielleicht wird es auch Sven Unterwaldt von den „7 Zwergen”.
Playboy: In letzter Zeit sind viele deutsche Entertainer und Kabarettisten der älteren Generation gestorben, zuletzt Robert Gernhardt, einer Ihrer Autoren. Haben Sie den Eindruck, dass sich da eine bestimmte Humor-Ära dem Ende zuneigt?
Waalkes: Es geht immer weiter im Leben – obwohl man die Einzigartigkeit von Robert Gernhardt nicht bestreiten kann. Dass es noch einmal so eine wellenartige Bewegung geben wird, die alles überrollt, was davor in Deutschland als komisch galt, ist aber fraglich. Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre lief das ja parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung.
Playboy: Sie sind damals das Sprachrohr einiger Autoren der Satirezeitschrift „Pardon” geworden ...
Waalkes: ... da war Gernhardt dabei mit Peter Knorr und Bernd Eilert. Die dachten, dass sie ein Minderheitenprogramm machen. War es bis dahin auch. Aber dann hat ein kleiner blödelnder Friese sie eines Besseren belehrt: Auch diese Formen der Komik sind massenkompatibel, wenn nur eine Art Vertrauensperson für das Publikum da ist.
Playboy: Damals haben Sie in Hamburg in einer Wohngemeinschaft mit Marius Müller-Westernhagen und Udo Lindenberg zusammengewohnt. Wer war der Erste in diesem Haushalt, der Erfolg hatte?
Waalkes: Das war ich. Von meinem Geld habe ich uns dann gleich mal eine Spülmaschine gekauft und das Sofa neu beziehen lassen. Die Schattenseiten des frühen Erfolgs.
Playboy: Haben Sie sich damals als Hippies gesehen?
Waalkes: Ein Hippie war damals jeder, der sich die Haare nicht zwei Zentimeter über den Ohren abgeschnitten hat. Das wurde man schnell. Solche Bewegungen sind im Nachhinein immer gut zu beschreiben – aber während die Bewegung noch läuft, weiß man nicht, ob man selbst dazugehört. Ich hätte auch als Rocker oder Punk unterwegs sein können. Oder als Disco-King. Elektronische Musik fand ich ganz stark.
Playboy: Und die klassische Gitarre?
Waalkes: Die liebe ich sowieso, die ist mein Meditationsinstrument. Andere machen Yoga, ich ziehe mich mit meiner Gitarre zurück und kann da stundenlang versinken. Jeden Tag mindestens ein bis zwei Stunden.
Playboy: Gitarre oder Humor – mit was kann man Frauen besser beeindrucken?
Waalkes: Keine Ahnung, ich habe sie noch nicht gefragt, die Mädchen. Sollte ich mal: „Warum liegst du hier neben mir? Ist es der Witz, die Musik oder etwa doch der athletische Körperbau?” Ich werde im nächsten Playboy-Interview noch mal Stellung nehmen.
Playboy: In der Boulevardpresse ist regelmäßig zu lesen, dass Sie und Ihre Frau Eva Hassmann eine sehr offene Beziehung führen.
Waalkes: Nur weil auf einem Foto zwei Menschen nicht meterweit Abstand halten, ist das doch kein Beweis für irgendwelche Affären. Aber Klatsch lebt eben von solchen Geschichten. Eva fragt mich manchmal morgens: „Sind wir eigentlich noch zusammen?” Und ich sage: „Moment, ich schau mal in der Zeitung nach ... Nee, sind wir nicht. Was machst du in meinem Bett?” Im Grunde habe ich starke häusliche Neigungen und monogame Tendenzen. Immer mit einer Frau zusammen sein, ein Leben lang ... klingt doch gut!
Playboy: Sie haben allerdings bereits eine Scheidung hinter sich, die Sie einmal mit dem Ersten Weltkrieg verglichen haben. Warum?
Waalkes: Weil der Erste Weltkrieg eben auch so ein Konflikt war, in den alle reingeschlittert sind, und im Nachhinein hat keiner gewusst, wie es überhaupt dazu gekommen ist. So scheitern ja auch die meisten Ehen: nicht mit der Absicht, sich gegenseitig umzubringen, sondern mit dem Vorhaben, für irgendetwas Wiedergutmachung zu verlangen.
Playboy: Können Sie sich vorstellen, jemals allein zu leben?
Waalkes: Das kenne ich nicht. Wir Friesen befinden uns gern in eheähnlichen Zuständen. Meine Eltern waren ewig zusammen.
Playboy: In zwei Jahren werden Sie sechzig – haben Sie Angst, dass nun langsam die Zeit anbricht, in der Sie Preise für Ihr Lebenswerk verliehen bekommen?
Waalkes: Ach, das dauert noch eine Weile.
Playboy: Aber Sie haben bereits 2002 den Comedy-Ehrenpreis bekommen.
Waalkes: Den hab ich mir selbst verliehen, ich war da nämlich Jury-Vorsitzender. Hat aber keiner gemerkt.
Playboy: Also haben Sie keine Probleme mit dem Sechzigsten?
Waalkes: Nein, in dieser schnelllebigen Zeit weiß man ja auch gar nicht, ob ich den noch erlebe. Aber ich denke mal, ich werde auf der Bühne sterben.
Playboy: Ist das eine schöne Vorstellung?
Waalkes: Ja, sicher. Holladeridi – zack, bumm. Oder: „Wollt ihr den finalen Witz?” – „Ja!” Und fertig. Vielleicht ist das ein schönes Gefühl, wenn du denkst: Diese eine Show kann ich noch machen, und dann ist alles vorbei.
Playboy: Denken Sie, dass Ihnen kurz vor dem Tod tatsächlich noch zum Scherzen zumute sein wird?
Waalkes: Als mein Vater auf dem Sterbebett lag, hat er noch lauter Witze gemacht. Mein Bruder und ich mussten sehr lachen. Aber das war normal für ihn – er war 85, hatte ein hartes Leben und zwei Weltkriege hinter sich, und dann lag er da und machte seine Scherze. Das macht mir ein bisschen Mut. Meine Mutter dagegen hat den Trost des Glaubens gesucht: Die lag auf dem Sterbebett und hat gesungen und gesungen und gesungen. So sucht sich jeder sein eigenes Ende vom Lied.
Interview: Mareike Ludwig / Rudi Raschke ]
[ die ottografie
>> Otto Waalkes wurde 1948 in Emden/Ostfriesland geboren. Seinen ersten Auftritt als Komiker mit Gitarre feierte er im Jahr 1972 im Hamburger Audimax. Seither war er die Hauptfigur in zahllosen TV-Shows, Büchern und Kinofilmen – „7 Zwerge II” ist sein siebter. Otto ist in zweiter Ehe mit der 24 Jahre jüngeren Schauspielerin Eva Hassmann verheiratet und lebt in Hamburg.
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