Schrott-Brüder
Die Ludolfs führen eine Autoverwertung im Westerwald. Nach einer eigenen TV-
Show kommen die vier nun ins Kino. Ein Hofbesuch bei den Königen des Schrotts
Im Westerwald findet sich möglicherweise einer der wenigen Flecken Erde, auf dem nicht nur Nächstenliebe propagiert, sondern auch praktiziert wird. Und zwar nicht in der Dorfkirche der Gemeinde Dernbach, sondern in einem minzgrünen, schmucklosen Flachbau in der Mittelstraße 2 – auf dem Schrottplatz der Familie Ludolf.
Nun, es ist keine typische Durchschnittsfamilie. Es sind die Brüder Günter, Uwe, Manni und Peter Ludolf, die es mit ihrer wöchentlichen Doku-Soap Die Ludolfs“ längst zu Kultstatus gebracht haben. Kurze Einspieler auf YouTube bescherten ihnen bisher über 350.000 Zuschauer – ein Niveau, das normalerweise Stars wie Robbie Williams erreichen. Es gibt DVDs der Serie, Kochbücher, T-Shirts und Klingeltöne. Wenn Die Ludolfs“ auf dem Spartensender DMAX zur Prime-Time ausgestrahlt werden, verdoppeln sie nahezu jedes Mal die Einschaltquote. Und am 9. April kommt nun ihr erster Kinofilm auf die Leinwand. Ziemlich viel Tamtam für einen Haufen Schrott.
Der Weg in die 1000 Quadratmeter große Halle führt durch eine kleine Eingangstür im Vorderhaus. Nur wer klingelt, wird beachtet – rein aber dürfen nur die wenigsten. Die, die es geschafft haben, berichten von sagenhaften Schätzen. Berge von schwarz-ölig glitzerndem Altmetall. Von Teilen, die nirgendwo anders mehr zu bekommen sind. Über vier Millionen Ersatzteile lagern hier auf etwa drei Meter hohen Bergen. Alles sortiert nach dem Haufenprinzip“: Vergaser auf den einen, Auspuffanlagen auf den anderen und Anlasser auf den nächsten. So geht es hier schon seit 30 Jahren zu. Einen Computer sucht man vergebens, und doch sind die Teile alle erfasst. Im Kopf von Peter Ludolf. Der 52-Jährige weiß, wo jedes Teil liegt, und findet es auch – selbst wenn er es vor Jahrzehnten dort abgelegt hat. Ich kriege keines aus meinem Kopf. Erst wenn es verkauft ist, wird es aus meinem Hirn gelöscht“, sagt er und streicht sich über den Bart. Sollte er mal krank sein, steht der Verkauf still. Niemand außer ihm durchschaut dieses Lagersystem. Aber krank war ich noch nie“, sagt Peter.
>> „Eigentlich wollen wir nur geliebt werden“
Manni Ludolf
Sein Vater Horst hat, als er 1974 die Autoverwertung eröffnete, aus Mangel an Regalen dieses Prinzip der Ersatzteilverwaltung eingeführt. Peter hat es übernommen. Und auch sonst haben die bereits verstorbenen Eltern im Hause Ludolf maßgeblich Eindruck hinterlassen. Vatichen“ und Muttichen“, wie die vier Brüder ihre Eltern liebevoll nennen, wachen hier über allem. Von einem vergilbten Foto im Wohnzimmer aus haben sie immer ein Auge auf ihren Nachwuchs.
Seit die Schrott-Brüder im Jahr 2004 für einen 16-minütigen Magazinbeitrag von einer Kamera begleitet wurden, ist ihr Aufstieg ungebrochen. Es sind bereits 68 Folgen á 48 Minuten produziert. Ohne Drehbuch – einfach nur Alltag. Autos demontieren, Teile archivieren und Dialoge sezieren.
Aber was macht den Erfolg von vier Brüdern aus, die Dinge sagen wie: Sherlock Holmes hat mich immer fasziniert, weil er so intelligent nachdenken kann.“ Oder: Wer ein Auto schikaniert, ist ein Ferkel.“
Es sind die Charaktere. Kein Drehbuchschreiber hätte ein schöneres Ensemble zusammenstellen können. Günter: der ruhige Denker. Uwe: der Draufgänger. Manni: der Kindskopf. Und Peter: der Redner.
Ein gequältes Klingeln an der Haustür kündigt den nächsten Kunden an. Einer von über hundert an diesem Tag. Seit dem TV-Erfolg der Brüder kommen sie aus der ganzen Nation, um hier einen Scheibenwischermotor, einen Kofferraumdeckel oder irgendetwas anderes zu kaufen. Der Hof ist ein Wallfahrtsort der Autojünger.
Am Tag der offenen Tür, im April vor zwei Jahren, schlängelten sich mehr als 20.000 Pkws von der Autobahn über die Landstraßen bis zum Hof der Ludolfs. Für uns gibt es keine Fans, das sind alles Freunde“, sagt Manni, und man glaubt es ihm. Wir sind einfach so, wie wir sind.“
>> „Wer ein Auto schikaniert, ist ein Ferkel“
Uwe Ludolf
Einen Teil ihrer Gagen für Autogrammstunden und Einnahmen aus Fanartikeln spenden sie – meist für Kinder und Kranke. Wenn du tot bist, kannst du keinen Cent mitnehmen“, sagt Peter.
Es sind diese einfachen, aber klaren Werte, die den Fans, pardon, Freunden der Ludolfs so gefallen. In einer Gesellschaft, in der Ansehen und vorzeigbarer Erfolg eine zentrale Rolle eingenommen haben und immer mehr Menschen auf der Strecke bleiben, scheinen sich die Ludolfs ganz freiwillig aus diesem Spiel herauszuhalten. Sie entziehen sich jeglicher modischen Dogmatik und aufgesetzten Etikette. Sie sind das Volk.
Das zeigt sich auch an dem einzigen nicht metallischen Haufen in der Lagerhalle. Ein Berg von Fanpost türmt sich auf. Die werden wir alle noch beantworten“, sagt Uwe, und auch das glaubt man ihm.
Die Ludolfs stehen nicht sonderlich auf Veränderungen, und so ist das Wohnzimmer seit den 70er-Jahren nicht renoviert worden. Ein Raum, in dem die Zeit stillsteht und dicke Rauchschwaden durch die Luft ziehen, weil Günter pro Tag und seit jeher zwei Schachteln Marlboro raucht. Mittags kommt fast immer das Gleiche auf den Tisch: Uwe und Manni fahren zum Schlemmer-Imbiss“ ins Industriegebiet und besorgen Zigeunerschnitzel mit Pommes und einmal Currywurst. Oder Peter kocht Nudeln.
Hier wäre alles ganz genauso, wenn es die Serie und die Kameras und unsere neuen Freunde nicht gäbe“, sagt Uwe. Man glaubt es ihm. Wir wollen eigentlich nur geliebt werden“, ruft Manni dazwischen, und man gönnt es ihnen.
Die Ludolfs scheinen ihren Freunden Kraft zu geben. So wünschte sich kürzlich ein Fan, der nur noch wenige Tage zu leben hatte, einen Besuch bei den Schrott-Brüdern. Sie erfüllten ihm diesen letzten Wunsch. Vier Tage später starb er. Oder die Geschichte mit der alten Dame. Günter telefonierte sieben Stunden mit ihr und hörte sich ihre Sorgen und Ängste an. Und offensichtlich ist das ein großer Teil ihres Erfolgs: viel Herz unter etlichen Haufen Schrott.
Nun, es ist keine typische Durchschnittsfamilie. Es sind die Brüder Günter, Uwe, Manni und Peter Ludolf, die es mit ihrer wöchentlichen Doku-Soap Die Ludolfs“ längst zu Kultstatus gebracht haben. Kurze Einspieler auf YouTube bescherten ihnen bisher über 350.000 Zuschauer – ein Niveau, das normalerweise Stars wie Robbie Williams erreichen. Es gibt DVDs der Serie, Kochbücher, T-Shirts und Klingeltöne. Wenn Die Ludolfs“ auf dem Spartensender DMAX zur Prime-Time ausgestrahlt werden, verdoppeln sie nahezu jedes Mal die Einschaltquote. Und am 9. April kommt nun ihr erster Kinofilm auf die Leinwand. Ziemlich viel Tamtam für einen Haufen Schrott.
Der Weg in die 1000 Quadratmeter große Halle führt durch eine kleine Eingangstür im Vorderhaus. Nur wer klingelt, wird beachtet – rein aber dürfen nur die wenigsten. Die, die es geschafft haben, berichten von sagenhaften Schätzen. Berge von schwarz-ölig glitzerndem Altmetall. Von Teilen, die nirgendwo anders mehr zu bekommen sind. Über vier Millionen Ersatzteile lagern hier auf etwa drei Meter hohen Bergen. Alles sortiert nach dem Haufenprinzip“: Vergaser auf den einen, Auspuffanlagen auf den anderen und Anlasser auf den nächsten. So geht es hier schon seit 30 Jahren zu. Einen Computer sucht man vergebens, und doch sind die Teile alle erfasst. Im Kopf von Peter Ludolf. Der 52-Jährige weiß, wo jedes Teil liegt, und findet es auch – selbst wenn er es vor Jahrzehnten dort abgelegt hat. Ich kriege keines aus meinem Kopf. Erst wenn es verkauft ist, wird es aus meinem Hirn gelöscht“, sagt er und streicht sich über den Bart. Sollte er mal krank sein, steht der Verkauf still. Niemand außer ihm durchschaut dieses Lagersystem. Aber krank war ich noch nie“, sagt Peter.
>> „Eigentlich wollen wir nur geliebt werden“
Manni Ludolf
Sein Vater Horst hat, als er 1974 die Autoverwertung eröffnete, aus Mangel an Regalen dieses Prinzip der Ersatzteilverwaltung eingeführt. Peter hat es übernommen. Und auch sonst haben die bereits verstorbenen Eltern im Hause Ludolf maßgeblich Eindruck hinterlassen. Vatichen“ und Muttichen“, wie die vier Brüder ihre Eltern liebevoll nennen, wachen hier über allem. Von einem vergilbten Foto im Wohnzimmer aus haben sie immer ein Auge auf ihren Nachwuchs.
Seit die Schrott-Brüder im Jahr 2004 für einen 16-minütigen Magazinbeitrag von einer Kamera begleitet wurden, ist ihr Aufstieg ungebrochen. Es sind bereits 68 Folgen á 48 Minuten produziert. Ohne Drehbuch – einfach nur Alltag. Autos demontieren, Teile archivieren und Dialoge sezieren.
Aber was macht den Erfolg von vier Brüdern aus, die Dinge sagen wie: Sherlock Holmes hat mich immer fasziniert, weil er so intelligent nachdenken kann.“ Oder: Wer ein Auto schikaniert, ist ein Ferkel.“
Es sind die Charaktere. Kein Drehbuchschreiber hätte ein schöneres Ensemble zusammenstellen können. Günter: der ruhige Denker. Uwe: der Draufgänger. Manni: der Kindskopf. Und Peter: der Redner.
Ein gequältes Klingeln an der Haustür kündigt den nächsten Kunden an. Einer von über hundert an diesem Tag. Seit dem TV-Erfolg der Brüder kommen sie aus der ganzen Nation, um hier einen Scheibenwischermotor, einen Kofferraumdeckel oder irgendetwas anderes zu kaufen. Der Hof ist ein Wallfahrtsort der Autojünger.
Am Tag der offenen Tür, im April vor zwei Jahren, schlängelten sich mehr als 20.000 Pkws von der Autobahn über die Landstraßen bis zum Hof der Ludolfs. Für uns gibt es keine Fans, das sind alles Freunde“, sagt Manni, und man glaubt es ihm. Wir sind einfach so, wie wir sind.“
>> „Wer ein Auto schikaniert, ist ein Ferkel“
Uwe Ludolf
Einen Teil ihrer Gagen für Autogrammstunden und Einnahmen aus Fanartikeln spenden sie – meist für Kinder und Kranke. Wenn du tot bist, kannst du keinen Cent mitnehmen“, sagt Peter.
Es sind diese einfachen, aber klaren Werte, die den Fans, pardon, Freunden der Ludolfs so gefallen. In einer Gesellschaft, in der Ansehen und vorzeigbarer Erfolg eine zentrale Rolle eingenommen haben und immer mehr Menschen auf der Strecke bleiben, scheinen sich die Ludolfs ganz freiwillig aus diesem Spiel herauszuhalten. Sie entziehen sich jeglicher modischen Dogmatik und aufgesetzten Etikette. Sie sind das Volk.
Das zeigt sich auch an dem einzigen nicht metallischen Haufen in der Lagerhalle. Ein Berg von Fanpost türmt sich auf. Die werden wir alle noch beantworten“, sagt Uwe, und auch das glaubt man ihm.
Die Ludolfs stehen nicht sonderlich auf Veränderungen, und so ist das Wohnzimmer seit den 70er-Jahren nicht renoviert worden. Ein Raum, in dem die Zeit stillsteht und dicke Rauchschwaden durch die Luft ziehen, weil Günter pro Tag und seit jeher zwei Schachteln Marlboro raucht. Mittags kommt fast immer das Gleiche auf den Tisch: Uwe und Manni fahren zum Schlemmer-Imbiss“ ins Industriegebiet und besorgen Zigeunerschnitzel mit Pommes und einmal Currywurst. Oder Peter kocht Nudeln.
Hier wäre alles ganz genauso, wenn es die Serie und die Kameras und unsere neuen Freunde nicht gäbe“, sagt Uwe. Man glaubt es ihm. Wir wollen eigentlich nur geliebt werden“, ruft Manni dazwischen, und man gönnt es ihnen.
Die Ludolfs scheinen ihren Freunden Kraft zu geben. So wünschte sich kürzlich ein Fan, der nur noch wenige Tage zu leben hatte, einen Besuch bei den Schrott-Brüdern. Sie erfüllten ihm diesen letzten Wunsch. Vier Tage später starb er. Oder die Geschichte mit der alten Dame. Günter telefonierte sieben Stunden mit ihr und hörte sich ihre Sorgen und Ängste an. Und offensichtlich ist das ein großer Teil ihres Erfolgs: viel Herz unter etlichen Haufen Schrott.
Tim Gutke ]
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