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Jeder mit Jeder
Tief in den Karpaten wohnen die Huzulen. Es soll das letzte Volk der freien Liebe sein. Unser Autor machte sich auf die Suche nach dem größten Swinger-Club Europas
 
Jeder mit Jeder Weit hinten in den Karpaten wohnen die Huzulen. Es soll das letzte Volk der freien Liebe sein. Unser Autor machte sich auf zu einer Forschungsreise, auf der Suche nach dem größten Swinger-Club Europas Das Paradies hat exakte Koordinaten: 48 Grad Nord und 24 Grad Ost. Dort, wo für die meisten Europäer ihr Kontinent längst aufgehört hat zu existieren, haben österreichisch-kaiserliche Landvermesser im Jahr 1887 einmal die Mitte Europas festgelegt: in den Karpaten. Den Gebirgszug teilen sich heute fünf Länder: Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und die Ukraine. Wo die Karpaten ihre höchsten Gipfel erreichen, wo dunkle Fichtenwälder und tief eingeschnittene Täler den Zugang erschweren, hat sich bis heute ein Gebirgsvolk erhalten, dessen Name klingt wie aus einer anderen Welt: die Huzulen.
Den Namen las ich erstmals in einem verstaubten Antiquariat in Hamburg, wohin mich ein regnerischer Nachmittag getrieben hatte. Ein angegilbter Reiseführer aus dem Jahr 1914 war mir in die Hände gefallen. Beim Blättern im „Illustrierten Führer durch Galizien“ blieb ich zufällig auf Seite 284 hängen. Ein kurzer Abschnitt riss mich aus der Schläfrigkeit:
„Zu den originellsten Äusserungen huzullischen Lebens gehört der freie Verkehr der Geschlechter. Fast jeder verheiratete Huzule hat seine Geliebte und umgekehrt. Eheliche Treue ist den Huzulen völlig fremd und die geschilderten Verhältnisse erscheinen ihnen normal.“
Ich kaufte das (überteuerte) Buch, das war vor zehn Jahren, und seither ließ mich Seite 284 nicht mehr los. Immer wieder las ich, was ich nicht fassen konnte: ein Volk der freien Liebe, mitten in Europa. Die Karpaten ein riesiger Swinger-Club.
Irgendwann würde ich hinfahren. Irgendwann würde ich nachschauen, ob sich in diesen Tälern die freie Liebe ins 21. Jahrhundert hatte retten lassen. Zwei Weltkriege und 45 Jahre Sowjet-kommunismus liegen zwischen dem „Illustrierten Reiseführer“ und heute. Wo einmal Deutsche, Polen, Juden, Armenier, Huzulen und Ukrainer in einem anregenden Völkergemisch zusammenlebten und dem österreichischen Kaiser Franz-Josef die ewige Treue schworen, leben heute nur noch Ukrainer. Ob es die Huzulen überhaupt noch gibt?
Der Eurovision-Songwettbewerb vor vier Jahren in Istanbul gab mir eine Antwort. „And the winner is ...“ Ruslana hieß die Siegerin mit ihrem Song „Wild Dances“. Die Vertreterin der Ukraine, so stand es anderntags in der Zeitung, sei eine Huzulin, Angehörige eines Gebirgsvolks aus den Karpaten. Also doch! Es gab sie noch! Ich beschloss, mich auf die Reise vorzubereiten.
Ich begann zu sammeln, was immer ich über die Huzulen finden konnte: frühe Reiseberichte aus dem 18. Jahrhundert, volkskundliche Beschreibungen erster Ethnografen, Romane, aus dem Polnischen und Ukrainischen übersetzt. Ich klapperte die Universitätsbibliotheken ab. Doch statt schriftlicher Beweise von huzulischer Freiheit traf ich nur verhutzelte Bibliothekarinnen, die mir nach langer Suche angestaubte Bücher auf den Tisch knallten. Eines der Bändchen hieß: „Briefe über den itzigen Zustand von Galizien“. Es war von einem Herrn Kratter 1786 nach einer Reise verfasst, und er notierte angewidert: Ein Volk mit
„unersättlichem Hang zur taumelnden Trunkenheit.“
Auf den Jahrmärkten der Gegend fand er
„nichts als Vollsäufer.“
Das klang viel versprechend. Noch besser, was ein gewisser Samuel Bredetzky zwanzig Jahre später auf seiner Durchreise durch das Huzulenland erlebte:
„Wehe dem armen Reisenden, der eine Nacht mit diesen Halbmenschen unter einem Dach zubringen muss.“
Überall stieß er auf
„Sittenlosigkeit.“ Mir wurde warm ums Herz.
Fast täglich brachte nun der Postbote kartonierte Umschläge. Der aus Galizien stammende Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch etwa, der Erfinder des Masochismus, hatte vor mehr als 100 Jahren die Huzulen entdeckt und sie als
„einen ebenso interessanten wie freiheitsliebenden slawischen Stamm“
beschrieben. In seinem Roman „Die Karpatenräuber“ lässt er eine Huzulin sprechen:
„Ich will mich nicht einem Manne verkaufen, wie ein Vieh, und sein gehören, wenn er will. Ich will frei sein, ich will eine wilde Katze bleiben unter den zahmen, ich lache über diese Welt.“
Ich reiste nach Wien. Im Heiligtum der Österreichischen Nationalbibliothek bewahren sie die ältesten Schriften über die Karpaten auf, in meterhohen Regalen und unter goldverzierten Stuckdecken. Mit einem Gesicht, als reiche er mir eine Hostie, schob mir der blassgesichtige Bibliothekar vier Bändchen eines vor mehr als zweihundert Jahren erschienenen Werkes über den Tresen. Ganz allein saß ich im Lesesaal 8 der Nationalbibliothek und blätterte vorsichtig Seite um Seite die Reisebeschreibungen des Professor Balthasar Hacquet durch, die der Wissenschaftler 1791 verfasst hatte.
War ich einem Hirngespinst auf der Spur? Nichts von sexueller Ausschweifung, nichts von wilden Weibern und orgiastischen Festen, nur seitenlange Beschreibungen von Gesteinsformationen und Gebirgspflanzen bis ich, schon müde, im dritten Band die Seite 18 aufschlug. Dort notiert Hacquet über die Huzulen:
„Wenige sind, die mit ihrem Weibe leben, sondern mit einer oder mehr Halbschwestern oder Nachbarinnen. Die Eifersucht ist bey ihnen nicht zuhause, desto mehr die syphilitische Pest.“ Das genügte. Es konnte losgehen.
Die Anreise in die Huzulei schien mir über Lemberg, ukrainisch Lviv, am angenehmsten. Von dort weiter mit dem Mietwagen 300 Kilometer in die Berge. Den Herbst hielt ich für eine gute Reisezeit: Wenn die Obstbäume abgeerntet sind und der erste Schnaps vielleicht schon gebrannt ist, kann das der Liebe nicht schaden. In mein Gepäck hatte ich neben einer Großpackung Kondome auch 28 Fläschchen deutschen Kräuterschnapses geladen, um leichter mit den Huzulen ins Gespräch zu kommen. Dazu warme Kleidung, stabile Schuhe wer ins Land der freien Liebe reist, muss ausgerüstet sein.
„Immer zehn Weiber auf einmal, oder doch mindestens drei, eine für das Bett, eine für den Geist, und die dritte für das Herz – nein, was sage ich da. Das Herz bleibt aus dem Spiele, ganz aus dem Spiele, sage ich Ihnen.“
Ein Schlagloch, zwei Meter breit und einen halben tief, riss mich aus meinen Sacher-Masoch-Fantasien. Nicht nur der Reifen war platt, die Felge war verbogen, die Achse verzogen. In dem südkoreanischen Billigauto hatte ich mich von Beginn an unpassend gefühlt. In solch einem unwürdigen Verkehrsmittel reist man nicht zu einem stolzen Hirtenvolk, über dessen Herkunft so lange gerätselt wurde: Handelt es sich um Nachkommen der Skythen oder Goten, um versprengte Reste der Mongolen oder Petschenegen oder sogar um römische Sklaven? Für die Abstammung von einem Steppenvolk spricht, dass sie bis heute beritten sind, wobei die Pferde genauso heißen wie die Besitzer: Huzulen. Kleine, zähe Tiere, geeignet fürs Gebirge.
Den ersten echten Huzulen roch ich, bevor ich ihn sah. Er hatte sich mir von hinten in dem kleinen Städtchen Kossiv genähert, in dem an jenem Samstagmorgen Markttag war und wo die Bewohner der Berge schon früh um sechs Uhr ihre Äpfel, Pflaumen und ihren Bryndza, den gewöhnungsbedürftigen Schafskäse, auf wackeligen Holztischen ausbreiteten. Knöcheltiefer Schlamm bedeckte das Marktgelände, und Juri, wie er sich vorstellte, hatte mich als einzigen Westeuropäer sofort erkannt und mir von hinten auf die Schulter geklopft.
Sein Atem war atemberaubend. Als sich der Wodkanebel lichtete, sah ich einen unrasierten Mann schwarze Schildmütze auf dem Kopf, vier Goldzähne (es waren seine einzigen) im Mund , der mir ein selbst geschnitztes Holzkästchen unter die Nase hielt. Da er ansonsten unbewaffnet war, lehnte ich dankend ab.
In der einzigen Marktschenke, einem fensterlosen Verschlag mit Sitzbänken aus ungehobelten Brettern, traf ich ihn wenig später wieder. Von Juri lernte ich mein erstes huzulisches Wort: „Lubaska“. Wörtlich übersetzt heißt es: „die ich lieb habe“ und meint ausdrücklich jene Frau, mit der man nicht verheiratet ist.
Über eine enge Passstraße gelangte ich ins Tal des Schwarzen Czeremosz, ein wilder Fluss, der alle zehn Jahre Brücken, Straßen und manchmal auch die Lubaskas mit sich reißt. Über die Berghänge verstreut, kauern die blau gestrichenen Holzhäuschen der Huzulen, vor fast jedem Haus ein Pferd. Die Bauern waren gerade dabei, das getrocknete Gras auf hohe Heuhaufen zu wuchten. Oben auf dem Haufen standen meist junge Frauen und stampften das Heu mit ihren Füßen. Ich hielt beim nächsten Heuhaufen an. Die zwei Bauern schienen nur darauf gewartet zu haben. Sie warfen ihre Rechen weg, und noch bevor ich meinen Jägermeister zücken konnte, spürte ich eine Wodkaflasche an meiner Kehle. O.k., diesmal hatten sie gewonnen. So leicht würde ich mich das nächste Mal nicht wieder überrumpeln lassen. Nach ein paar einleitenden Worten über das Wetter, den Krieg in Georgien und die Schnapszubereitung kam ich zur Sache. Liebe, Lubaska, Eifersucht wie steht’s damit?
Edita, meine ukrainische Übersetzerin, wurde röter, als es die von der Sonne verbrannten Bauerngesichter waren. Beide Männer schauten fragend hinauf zum Heuhaufen, der Heuhaufen schaute lachend zurück. Den Rest musste ich mir wohl denken, denn sie wollten lieber darüber reden, wie man westliche Touristen in ihr abgelegenes Tal locken könnte.
In einem Bauernhaus hatten wir unseren Beobachtungsposten bezogen und uns für die kommenden Tage eingemietet. Verkhowyna hieß das Dorf, es nannte sich großspurig auf einem Schild am Ortseingang „Hauptstadt der Huzulen“. Hauptstadt des Wodkas wäre passender gewesen, denn im einzigen Supermarkt des Dorfes war das Wodkaregal das, was in Deutschland das Joghurtregal ist: Es hörte einfach nicht mehr auf.
Am Abend, so hatten wir erfahren, sollte in Verkhowyna eine Hochzeit beginnen. Eine kleine Hochzeit, hieß es: nur 200 Gäste, nur zwei Tage. Wir waren eingeladen. Pünktlich um zehn Uhr abends trafen wir mit unseren Taschenlampen vor dem Bauernhof ein, zu dem ein aufgeweichter Schlammweg führte.
Allein die Vorstellung einer huzulischen Hochzeit hatte mich in einen gewaltigen Erwartungsrausch versetzt. Bei Professor Hacquet hatte ich gelesen, wie eine solche Hochzeit endet. So war ich auf alles vorbereitet. Ihm war seinerzeit die schönste Tänzerin von deren Ehemann persönlich zur Nacht in die Hütte gelegt worden.
„Aus diesem Zug“,
notierte Hacquet leicht irritiert in sein Tagebuch,
„kann man beobachten, wie wenig die Eifersucht bey ihnen zuhause ist.“
Das war vor genau 217 Jahren. Kulturgeschichtlich ein Katzensprung. Ich hatte vorsorglich noch etwas Aftershave nachgelegt.
Neben der Holzkate des Brautvaters waren zwei große Zelte aufgebaut, eines zum Essen und Trinken, das andere zum Tanzen. Gut 200 Männer in bestickten Hemden saßen dicht gedrängt neben Frauen mit Kopftüchern und füllten sich gegenseitig die Gläser voll Wodka. Selbst einschenken gilt in den Karpaten als unhöflich. Macht auch gar keinen Sinn, denn kaum setzt man sein Glas ab, wird nachgeschenkt, von rechts und links und gegenüber.
Bis Mitternacht sah ich vom Brautpaar nichts. Erst dann bemerkte ich, dass die beiden, hinter einem geschmückten Tannenbaum versteckt, am Kopfende des Tisches saßen und bei ihrem eigenen Fest keine große Rolle spielten.
Es bogen sich die Tische unter den Tellern mit Würsten, Krautwickeln, Kartoffelsalat und Gemüseplatten. Ein Geiger und ein Ziehharmonikaspieler liefen durch die Bankreihen und spielten „Lubaska“-Weisen, die je mehr eingeschenkt wurde auch der Sprachunkundige mitzusingen vermochte.
Weit nach Mitternacht begann der Tanz. Ein Rasen, ein Wirbeln war das, eng umschlungen drehten sich die Paare wie Derwische, stießen gegeneinander, fielen zu Boden, rappelten sich auf und drehten sich erneut, bis sie taumelig auf die Bänke sanken. Nach nur einer Viertelstunde war auch der betrunkenste Huzule wieder bei klarem Verstand. Griff sich die nächste Frau und wirbelte weiter über die Holzplanken. Ich wirbelte eine Weile mit und stellte mich dann gut sichtbar an den Eingang des Zeltes. Allein: ich blieb allein. Fast alle Männer wollten mit mir anstoßen, ich aber wartete auf ein ganz anderes Angebot. Vergeblich.
Als sich die Enttäuschung am zweiten Hochzeitstag wiederholte, beschlossen wir, hinaufzureiten zu den entlegenen Almen, zu den huzulischen Hirten, um nachzusehen, ob sich dort oben die „freie Liebe“ noch gehalten hat. In die höheren Regionen der Karpaten nimmt man am besten ein Pferd. Die Wege sind für Fahrzeuge nicht passierbar.
Huzulen . Jeder mit Jeder

Brautschau: Der Autor bei seinem Ritt durch das Karpatengebirge – auf der suche nach Huzulinnen.


Ich saß zuletzt vor 35 Jahren auf einem Pferd. „Hojo“, brüllte ich dem braunen Gaul ins Ohr, und tatsächlich lief er los. Während wir stundenlang den Berg hinaufritten, verfluchte ich mich selbst. Wer hatte mich geheißen, in dieser gottverlassenen Gegend nach Gespenstern zu suchen? Auf dem Gipfel der Czarna Hora, des „schwarzen Berges“, lag schon der erste Schnee, und aus Westen näherten sich düstere Wolken. Wir suchten Schutz in einem Fichtenwald. Roman, unser Huzulen-Führer, hatte seinen Wodka vergessen, nun schlug meine Stunde. Ich zeigte ihm meine Kräuterschnaps-Fläschchen: „Aber nur, wenn du mir die Wahrheit erzählst über die Liebe.“
Wir saßen auf einem Baumstumpf, und Roman erzählte. Seine Geschichte begann wie alle schöne Märchen: Es war einmal. Und sie endete: „Wenn es so etwas heute noch gibt, dann sind das Einzelfälle. Eifersucht gibt es hier genauso viel wie anderswo.“
Schweigend ritten wir wieder ins Tal. Die Herbstsonne strahlte nach dem Gewitterregen auf die dunklen Waldflächen, und aus den Hütten im Tal stieg weißer Rauch. Ein Traum. Der Schriftsteller Josef Wittlin muss den Untergang der huzulischen Freiheit geahnt haben. Sein Roman „Das Salz der Erde“ beginnt mit den Worten:
„In die tauben Winkel der huzulischen Erde, die an Sommerabenden nach Minhze duftet, in verträumte Dörfer, die an stillen Almen liegen, wo die Hirten lange Holzflöten blasen, dringt die Eisenbahn.“
Der Zug ist abgefahren.

Philipp Maußhardt ]


Karpaten . Huzulen . Karte
 
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