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Casino Fatal

Über 700 Pokerprofis spielen bei den Irish Open in Dublin um ein Vermögen. Unser Kollege zockte mit. Sein Versuch, endlich richtig reich zu werden

 
Ich spiele kein Lotto. Wetten widerstrebt meiner Natur. Sparpläne, Fehlanzeige. Mein Lohn reicht zum Leben, und ich werde nicht erben. Sie müssen das wissen, damit Sie verstehen, dass dies die vielleicht einzige Chance meines Lebens ist, reich zu werden. In Dublin, wo der Sportwettenanbieter Paddypower zu den Irish Open lädt - dem größten Pokerturnier Europas. Die besten Spieler der Welt sind gekommen.

Wer hier zocken will, muss zahlen. 3300 Euro beträgt das Startgeld. 707 internationale Profis haben den Einsatz gebracht - 707 und ich. Wir pokern um einen Pott von 2.336.400 Euro. Das Geld wird am Ende des Turniers nach einem Schlüssel verteilt. Der Sieger kassiert 650.000 Euro. Der Rest wird absteigend bis zum 40. Platz aufgeteilt - vorher aufhören oder nachkaufen geht nicht.

Zwei Fragen entscheiden beim Pokern über alles oder nichts: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich Karte X bekomme, wenn ich Karte Y bereits habe? Und wie glaubhaft kann ich meinem Gegenüber verkaufen, dass ich diese Karten bereits habe? Profis können das errechnen oder sehen. Ich nicht. Ich bin ein Fisch. So nennen die Profis unerfahrene Spieler. Doch heute will ich ein Hai sein - bissig und brandgefährlich.

Ein Fisch unter Haien

Meine Anspannung steigt. Handflächen schwitzen. Lippen trocknen. Augen brennen. „Zu den Tischen”, ruft eine Stimme. Die Sitzordnung wurde ausgelost. Mein Tisch trägt die Nummer 18, mein Platz ist die Neun - zehn Spieler pro Tisch.

Der Dealer gibt die ersten Karten aus. Gespielt wird Texas Hold’em. Das heißt: zwei Karten auf der Hand, fünf auf dem Tisch. Es zählen die fünf höchsten Karten aus den sieben. Es gibt kein Limit. Geboten werden kann, was man besitzt.

Langsam kippe ich die ersten Karten in mein Sichtfeld. Eine „Anna Kournikova”. So wird die Kombination aus Ass und König genannt. Denn sie sieht gut aus, verliert aber oft. Ich setze 2000 meiner Chips auf Anna Kournikova.

Nur Kieran Small, der knapp zwei Meter misst, geht meine 2000 Chips mit. Mein Herz pumpt, als ob es all mein Blut in einem Schwall wälzen will. Die ersten drei Karten, der so genannte Flop, werden gelegt: HerzAcht, Kreuz-König und ein Ass in Pik. Na bitte. Sauber, zwei Asse, zwei Könige. Ich bin der Hai, merkt euch meinen Namen.

Ich erhöhe um 1000 Chips und glaube, Kierans Herz zu hören, wie es mit meinem um die Wette hämmert. Gefühlt sitzen nur noch wir zwei in der großen Halle. Er blickt mir in die Augen. Lächelt. Und wirft seine Chips in die Mitte des Tisches. Was meint er gesehen zu haben?

Die Chance reich zu werden

Die vierte Karte, der so genannte Turn, wird aufgedeckt. Eine Vier. Hilft mir nicht, aber mein Blatt steht gut da. Doch offensichtlich traut Kieran seinen Karten nicht. Zumindest erhöht er seinen Einsatz nicht.

Die letzte Karte, der River, wird aufgedeckt. Eine Fünf. Selten gefährlich, sagt das Buch. Ich rufe „Check”, eine Ansage, dass man nicht mehr bieten möchte. „Raise”, ruft Kieran, eine Ansage, dass man erhöht. Er legt noch 500 Chips in die Mitte. Ach, was soll er schon haben, denke ich und gehe die 500 Chips mit. Lässig werfe ich meine Karten offen hin. Jetzt mal Hosen runter, Kieran.

Langsam dreht er seine Karten um. Zwei Vieren. Plus die Vier aus dem Turn macht einen Drilling. Mehr als ich. Verfluchte Anna Kournikova.

Elf Minuten und 13 Sekunden nach Turnierbeginn zerreißt ein Schrei das Klappern der Chips. Carlos Mortensen, ein spanischer Profispieler, ist der Erste, der alles setzt und alles verliert. 3300 Euro. 707 Spieler sind noch im Turnier. Ich ändere meine Taktik. Wenn ich hier auch nur die erste Stunde am Tisch sitzen bleiben will, muss ich warten, bis sich die Schlangen gegenseitig auffressen.

Mein Strategiewechsel geht auf. Nach der ersten Stunde haben sich schon 122 Spieler aus dem Turnier verabschiedet. Verzockte Summe: 402.600 Euro. Aber der Hai, der sitzt hier noch immer.

Ein Sprichwort sagt: „Man braucht nur eine Minute, um Texas Hold’em zu lernen, und ein ganzes Leben, um es zu meistern.” Die Bande an meinem Tisch spielt schon ein ganzes Leben. Der Glanz meines Sieges ist auf die Dauer des Turniers nur ein Strohfeuer. Immer wieder lasse ich mich dazu hinreißen, Karten zu spielen, die chancenlos sind. Sie füttern an, und der Hai beißt zu.

Pokern ist wie Surfen

Pokern ist Surfen. Man sitzt stundenlang auf dem Brett. Allein, weit draußen, und wartet auf die perfekte Welle. Und je länger man wartet, desto kälter wird es. Kommt die Welle dann, verpasst man sie. Nach vier Stunden und 13 Minuten bin ich erfroren. Und ich kann nicht einmal sagen, wann der Punkt kam, an dem ich keine Chance mehr hatte.

Von 708 Spielern sind noch 509 im Turnier, als ich dem Tisch um 20.13 Uhr bankrott den Rücken kehre. Ich habe 3300 Euro und die Chance, reich zu werden, verspielt.

An der Hotelbar bestelle ich einen „Bushmills Malt”.Der Hocker neben mir ist besetzt. Ich bitte den freundlichen Kellner, meiner Barnachbarin einen Gin-Tonic einzuschenken. Sie ist die Freundin eines Spielers und sie sei von den ständigen Pokerausflügen gelangweilt, sagt sie.

Ich spendiere ihr noch einen Drink. Und während ihr Mann sich mit Anna Kournikova, den Four Tits und der German Virgin rumärgert, gehe ich mit ihr auf mein Hotelzimmer.

Ich habe an diesem Tag zwei Dinge gelernt: Mit Pokern werde ich in diesem Leben nicht reich. Und: Solange die Kohle noch für Zuckerwatte reicht, bekommt man den ganzen Rummel gratis dazu.


Redaktion: Tim Gutke ]
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