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Im Sturzflug

Speedflyer stürzen sich mit gut 100 km/h Schneehänge herunter, die kein Mensch zuvor befahren hat. Fehler darf man sich dabei nicht erlauben. Sie enden tödlich

 
Die Männer vom Pistendienst in St. Anton können nicht glauben, was sie auf der letzten Kontrollfahrt gesehen haben. Abends am Stammtisch reden sie aufgeregt durcheinander: Da waren Skispuren auf einem Hüttendach, die nirgendwo landeten. Da war eine Spur im Tiefschnee, die mitten am Berg endete. Und da war ein Stück Schnee mitten in einem felsigen Steinhang mit zwei Wedelspuren. Was war da los? Gibt es den Yeti etwa doch?

Wenig später wird das Rätsel gelüftet. Es waren Menschen. Ganz normale Menschen. Na ja, eigentlich keine ganz normalen Menschen, sondern zwei ziemlich verrückte Tiroler: Max Biedermann, 27, und Tom Mai, 36. Die beiden haben in St. Anton nur mal kurz ihr neuestes Spielzeug ausprobiert. Einen besonders kleinen Gleitschirm, mit dem sie den Berg hinunterstürzen. Ein Mix aus Skifahren, Fallschirmspringen und Gleitschirmfliegen — eine Art dreidimensionales Skifahren, bei dem man im Bedarfsfall einfach in die Luft ausweichen kann.

Den Schirm hatten sie von einem Großhändler in die Hand gedrückt bekommen. Der wollte wissen, ob Speedflying ein Trend werden könne. Schon nach wenigen Versuchen mussten sie ihm dringend abraten: „Das ist nichts für die Masse: zu schnell, zu schwierig, zu gefährlich.“ Bei Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 100 km/h wäre jeder Fehler tödlich. Ungeübte Speedflyer würden andere Skifahrer auf der Piste umholzen wie lebendige Kegel. Der Extremsport sei höchstens etwas für erfahrene Skifahrer, die nebenbei noch ausgezeichnete Gleitschirmpiloten sind. Mit anderen Worten: nur geeignet für Draufgänger wie Max und Tom.

Vor ein paar Jahren kam der Vater des jungen, wilden Max zum erfahrenen Gleitschirmpiloten Tom und bat ihn um Hilfe: „Der Bua fliegt so wild mit'm Gleitschirm, red du mit ihm, auf di hört er vielleicht.“

Das war ein Fehler. Denn Max hörte auf Tom. Sehr gut sogar. Gemeinsam flogen die beiden fortan noch wilder: Sie wurden ein Akrobratik-Team, das mit seinen Gleitschirmen atemberaubende Stunts wagt.

Wir stehen auf einem Berg in der Nähe von Kitzbühel. Speedflying ist ein bisschen illegal. Es gibt in Deutschland und Österreich keine Zulassung für die Schirme. Bei einem Unfall würde sich die Versicherung vermutlich um jede Zahlung drücken. In vielen Skigebieten sieht man die Speedflyer nicht so gern — aus Angst vor Unfällen.

Max und Tom packen unauffällig ihre Schirme aus, die hier oben noch wie gewöhnliche Gleitschirme aussehen. Sie stellen sich vor einen Steilhang, legen die Schirme hinter sich und fahren dann in Richtung Abgrund. Die Flugbahn ist dramatisch. Es ist schwer zu beschreiben. Aber es sieht aus, als würden die beiden abstürzen.

Oben am Berg steht ein Passant, der das Spektakel so kommentiert: „Oh mein Gott ...Jessas. Boah, jetzt stürzt er ab. Ach du Scheiße, mitten in den Baum ... Uff, war das knapp ... Eieiei, jetzt stürzt er auf den Fels, um Gottes willen, das schafft er nicht mehr ... Mannomann, wie hat er das jetzt gemacht?“

Erfunden haben Speedflying französische Extremsportler. Der Fallschirmprofi Jean-Luc Albert stürzte sich in einer Art Batman-Anzug mit Flügeln aus einem Helikopter und flog an den Konturen des Mont Blanc entlang. Das war fantastisch, bis auf zwei Probleme. Bei der Landung flog er regelmäßig fürchterlich auf die Nase.

Um die Landung zu erleichtern, brauchte er Ski. Das andere Problem: Mit seinem Fluggerät ging es immer nur bergab. Nach ein paar weiteren Sprüngen versuchte er einen nur rund zehn Quadratmeter großen Gleitschirm. Damit kann man bei Bedarf auch wieder in die Luft abheben, wenn ein Hindernis naht.

So sind den Speedflyern keine Grenzen mehr gesetzt: Ein Franzose ist mit dieser Ausrüstung sogar schon die Eiger-Nordwand hinuntergeflogen. „Plötzlich gibt es nichts mehr, wo du nicht runterfahren kannst. Wir nehmen Abfahrten, die noch nie ein Mensch zuvor berührt hat“, sagt Max.

Max und Tom sind sympathische Jungs. Max arbeitet tagsüber im Elektroladen seines Vaters, Tom ist Gleitschirm-Tandempilot. Sie verdienen überhaupt kein Geld mit ihrem Sport. Sie machen das alles nur, weil es ihnen Spaß macht.

„Wir betreiben die Eroberung des Sinnlosen“, sagt Tom. Es ist schwer zu erklären, warum Menschen so etwas tun. Vielleicht muss man mit einem Berg vor der Nase aufgewachsen sein. Vielleicht würden wir heute noch ohne Feuer und Rad in irgendwelchen Höhlen herumsitzen, wenn nicht immer wieder jemand etwas gewagt hätte, was alle anderen in der Höhle für totalen Wahnsinn gehalten haben.

Basejumper, hat mal jemand ausgerechnet, überleben im Durchschnitt 17 Sprünge. Bei den Speedflyern ist die Quote besser. In Deutschland und Österreich gibt es vielleicht 50 Leute, die den Sport betreiben. In Frankreich sollen es schon 1000 sein. Voriges Jahr beklagte die Szene ihr erstes Todesopfer: Der Schweizer Sebastian Gay knallte mit voller Wucht gegen eine Felswand.

Im Sommer hat Max einen besonders wilden Stunt riskiert. Da hängt er den Gleitschirm nach unten und stürzt sich mit einem Vorwärtssalto über den Schirm. Dann hofft er, dass er über ihm aufgeht. Von einem Ballon aus hat das schon mal geklappt. Ende Juni 2007 wagte Max den Stunt in Grindelwald dann an einer Felswand.

Dazwischen liegt jedoch ein entscheidender Unterschied: Beim Sprung vom Ballon aus bleibt genug Zeit, um im Notfall einen Rettungsschirm zu ziehen. Geht an der Felswand etwas schief, stürzt Max hoffnungslos ab, wenn sich der Gleitschirm nicht sofort ordentlich öffnet. Tom war dagegen: „Spring doch ohne Schirm, dann bist du schneller tot“, hat er geschimpft. Max sprang trotzdem.

Der Schirm verheddert sich. Max stürzt 400 Meter hilflos in die Tiefe. Als die Flugretter mit dem Helikopter kommen, denken sie, er sei bereits tot. Doch dann bewegt er sich. Er hat sich die Waden, das Schlüsselbein und die Schulter gebrochen. Speiseröhrenriss. Gehirnblutung. Er kann wochenlang nicht sprechen.

„Man kann nicht glauben, dass er das überlebt hat“, sagt Günther Jauch, als er das Video vom Absturz bei „stern TV“ zeigt. Nach der Sendung haben sich viele Leute aufgeregt. Der Briefkasten war voll. „So ein Verrückter“, haben die Leute gewettert.

Aber es haben sich noch mehr Mädchen gemeldet, die ihn heiraten wollten. Die hübsche Physiotherapeutin, die ihn wieder aufgepäppelt hat, ist jetzt seine Freundin. Nach ein paar Monaten in Therapie packte Max wieder seinen Gleitschirm und ging auf den Berg.

„Ich glaube, das war nicht so klug von mir“, antwortet Max, wenn man ihn nach dem Unfall fragt. Dann strahlt er sein breites, unschuldiges Tiroler Berglächeln und stürzt sich vom Abhang.

Redaktion: Oliver Kuhn ]
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