mehr Menschen

Dingsibumsi con Firlefanzi

Unsere Liebe zur italienischen Küche ist grenzenlos. Dabei wird uns meist durchschnittliche Kost serviert

 
Nur das Marketing der Italiener – das ist besser als alles andere auf der Welt

Der Rest der Welt hat es nicht leicht mit uns. Zumindest, wenn es ums Essen geht. Wir Deutschen schimpfen leidenschaftlich gern über fremde Kochtöpfe: meckern, dass der Chinese Geschmacksverstärker ins Essen haut wie der Maurer Zement in den Mörtel. Maulen, dass das Fleisch beim Jugo-Grill älter sei als der Balkankonflikt. Und wundern uns über Leute, die bei Franzosen tafeln, die nicht mindestens drei Sterne vorweisen können. Nur eine Ausnahme lassen wir gelten: unseren kleinen Italiener am Eck, auf den lassen wir nichts kommen.

Schon fast unterwürfig nähern wir uns allem, was Trattoria, Spaghetteria oder so ähnlich heißt. Mag schon sein, dass der Gast König ist. Aber nicht bei Luigi, Giuseppe oder Mario. Dort benehmen wir uns wie Bettler.

Wir sind dankbar, dass sie uns an ihren rot-weiß karierten Tischchen speisen lassen. Dankbar, dass wir ihren Prosecco trinken dürfen, von dem sie weit mehr in Deutschland ausschenken, als überhaupt in Venetien abgefüllt wird. Wir verehren sie dafür, wie sie unsere Frauen anflirten: hach, diese Leidenschaft. Wir dankbaren Deppen, wir.

Ausgerechnet wir, die wir in Thailand unser Pils auf Deutsch bestellen und auf Mallorca selbstverständlich unsere „Bild“ verlangen. Sobald wir eine Pizzeria betreten, lassen wir ein gut gelauntes „Buona sera“ erschallen. Und verlassen sie mit einem „Arrivederci“, nachdem wir mindestens 20 „Grazie“ geschnurrt haben.

Niemand käme dagegen auf die Idee, den chinesischen Wirt mit einem lauten „Ni hao!“ zu begrüßen. Oder seinen Dank für ein ordentliches Mahl mit einem herzlichen „Taorao!“ auszudrücken. Im Gegenteil: Selbst die diffizil zubereitete Pekingente wird an deutschen Tafeln lieblos als „einmal Nummer 27“ geordert.

Dabei ist die Küche vom Po nicht halb so raffiniert wie die vom Jangtse. Nennen wir das Kind ruhig beim Namen: Es handelt sich um Bauernessen. Lecker dank frischer Zutaten. Genial in seiner Einfachheit. Aber mehr auch nicht: Das Gros der italienischen Bevölkerung lebte bis 1960 von der Landwirtschaft, die meisten waren bettelarm. Statt Safran und Koriander gab’s Knoblauch und Zwiebeln, statt Braten nur Nudeln. Den Rest besorgte das Ohr:Die klangvolle italienische Küchenlyrik regte schon immer den Appetit an.

Und das tut sie bis heute. Eine „Minestrone“ klingt gleich viel sinnlicher als „Gemüsesuppe“. Würden wir Pasta Strozzapreti genauso gern essen, wenn wir wüssten, dass sie „Priesterwürger-Nudeln“ bedeuten? Auch der Pinot Grigio fließt uns ungleich köstlicher die Kehle hinab als ein Grauburgunder - oder ein Ruhländer, wie der alte deutsche Name dieser Traube lautet.

Ganz ehrlich: Würde ein Gericht „Dingsibumsi con Firlefanzi“ heißen, es würde wohl niemandem auffallen.

Was aber ist es, das uns so blind vor Liebe werden lässt? Wie eine Armee von Liebeskranken, die ihrer Angebeteten das Geld in den Rachen werfen, blättern wir freudig zwanzig Euro für einen Teller Teigwaren mit Garnelen zweifelhafter Tiefkühlherkunft hin. Es muss unsere Sehnsucht nach dem Rauschen des Meeres sein. Nach der Leichtigkeit eines Urlaubs, wie wir ihn in den 60er-Jahren auf Capri erlebten.

Und so pflegen wir ein Italien-Bild mit idyllischen Dörfern, deren Piazze lauter großbusi-ge Sophia-Loren-Doppelgängerinnen auf al-ten Vespa-Rollern be-völkern. Wo alte Männer im Drei-teiler darauf warten, dass sich der kommunistische Bürgermeister mit dem Pfarrer prügelt. Aber das ist nur eine Illusion: Das Land am Stiefel ist heute einer der modernsten Staaten Europas.

Insgeheim machen sich bestimmt viele der Ristorante-Besitzer über unsere Liebe lustig: „Deutsche Einfaltspinsel, keine Ahnunge von italienisch Küche.“ Vielleicht aber kommen all die Luigis, Giuseppes oder Marios, die uns ihre „Linguine alla Mamma“ unter Anrufung der Familienehre ans Herz legen, gar nicht aus Roma oder Napoli. Sondern aus Sarajevo oder Izmir. Warum auch nicht? Jill und Brenda, die im „Hofbräuhaus Las Vegas“ „German Gemutlichkeit“ verkaufen, kommen ja schließlich auch nicht aus München.
Klaus Mergel
shopDie neue Kollektion ist da! Kult-T-Shirt „I Love Bad Boys” für nur 24,90 Euro
... zum Shop
Meine Favoriten
Speichern Sie diese Seite in Ihren Favoriten.
Geben Sie hier eine Bemerkung ein:

... zu meinen Favoriten
 
 
 

Kommentare