Ralf Husmann, 45, – Schmidt, Pocher, Stromberg – ohne ihn wären sie nur halb so komisch. Für alle hat er schon Pointen und Dialoge geschrieben. Sein aktuelles Buch: „Nicht mein Tag“(Scherz Verlag, 13,90 Euro)
Es klappt nicht recht mit uns. Ihre Mutter geht, aber zwischen ihrem Vater und mir ist es wie zwischen Ost- und Westdeutschland. Man spricht dieselbe Sprache, hat sich aber nichts zu sagen. Andere Geschichte, andere Kultur bzw. keine. Ramonas Vater hat einen Schrebergarten und schreit Kinder an, die Fahrräder im Flur abstellen.
Genau wie Deutschland feiert Ramonas Vater dieses Jahr seinen Sechzigsten. Deutschland feiert mit Sarkozy und Carla Bruni, Ramonas Vater mit Onkel Bruno und Tante Clara. Und ich wollte weder hier- noch dorthin. Aber mit Papas Sechzigstem ist es wie früher mit der Bundeswehr: Man braucht schon eine verdammt gute Begründung, um nicht hinzumüssen. Selbst ein Attest nutzt nichts. Auch Ramona ist der Meinung, ich soll mich zusammenreißen. Also fahren wir in den Gemeinschaftsraum der Schrebergartenanlage. Für so einen Anlass hab ich eigentlich nichts im Kleiderschrank. Aber, wie sich vor Ort rausstellte, alle anderen auch nicht. Es gibt einen bunten Querschnitt von Ballonseide über Breitcord bis zur Pailletten-Bluse. Und Pailletten-Blues, also Andrea-Berg-Balladen, quillt aus den Boxen.
Aber für solche Fälle hat Gott den Alkohol erfunden, denn, wie gesagt, er ist halt ein Fuchs. Und dadurch werden sogar Darbietungen von Freunden und Verwandten lustig. Zum Beispiel wenn der Jubilar als „Oldtimer“ durch den „TÜV“ muss. Tante Ingeborg prüft an der Hose des Oldtimers, ob mit dem „Krümmer“ noch alles in Ordnung ist, und der Saal schmeißt sich weg vor Lachen. Zwischen dem nächsten Bier und dem nächsten Sketch fällt mir auf, dass ich in den letzten 25 Jahren schon locker bei einem Dutzend sechzigster Geburtstage war, die eigentlich alle gleich aussahen: dieselben Reden, dieselben Outfits, derselbe Kartoffelsalat.
Dann ein Diavortrag über das Leben von Ramonas Vater, und ich erfahre, dass der Mann in den Sechzigern eine Band hatte und ein Motorrad und dass er einen Ohrring trug. Es gibt Hinweise auf reichlich andere Frauen vor Ramonas Mutter. Kurz: Im Grunde war der früher wie ich. Das nächste Bier bringt mich zu der Frage, wie kommt man von den Beatles zu Andrea Berg und von Jeans zur Ballonseide – wie wird man von West- zu Ostdeutschland?
Noch ein Bier weiter frage ich mich, ob wir alle zwangsläufig bei genau diesem sechzigsten Geburtstag landen und es einfach nicht mehr merken, wenn es so weit ist. Mir fällt ein, dass ich neulich einen Teenager in der Fußgängerzone angeraunzt habe, der auf seinem Fahrrad unterwegs war, und dass ich zu Hause ein Richie-Blackmore-Solo leiser gedreht habe, um mich auf mein Sudoku konzentrieren zu können. Dann gibt es Schnaps, und ich unterhalte mich bestens mit Onkel Bruno. Danach bin ich sternhagelvoll. Auf den Bildern der Feier, die uns Ramonas Vater jetzt geschickt hat, bin ich auch zu sehen. Bei einer Polonaise. Vorneweg. Ich trage Luftschlangen um den Hals und singe offenbar laut mit. Ich starre auf die Fotos wie Jack Nicholson in „Shining“.
Ralf Husmann ]
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