Charlie Sheen . Das große Playboy-Interview

»Ich habe es satt, versoffene und unreife Typen zu spielen, die jedem Rock hinterherrennen«

Bei seiner Entgleisungs-Odyssee vom letzten Jahr ließ er kaum einen Fettnapf aus. Jetzt zeigt sich Charlie Sheen geläutert. Aber kann man diesem Frieden trauen? Wir trafen Hollywoods liebsten Exzentriker zum Gespräch über eine Krise im Rausch, seine Vorliebe für Prostituierte und Marihuana, das seinen Namen trägt

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Charlie Sheen

Mister Unberechenbar bezieht Stellung – zu „Göttinnen“, Nutten und Marihuana, das seinen Namen trägt

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Es war das Jahr 2011, in dem Charlie Sheen, beinahe über Nacht, komplett durchdrehte: Er gab zugedröhnt verwirrte Interviews, faselte von „Tigerblut“ und seiner „Adonis-DNS“. Er zerstörte Hotelzimmer, verlor seine Rolle in „Two and a Half Men“ und stellte der Welt seine „Göttinnen“ vor, mit denen er nun Heim und Bett teilte - eine von ihnen eine ehemalige Pornodarstellerin. Im Januar dieses Jahres dann verkündete er: „Ich bin nicht mehr verrückt.“ Und tatsächlich: Sheen ist zurück auf der Mattscheibe, gerade startete in den USA seine neue TV-Serie „Anger Management“. Playboy traf ihn in seinem Wohnwagen am Set, am nächsten Tag ging das Gespräch bei vielen Marlboro Reds in der Küche seines Hauses weiter. Zum Abkühlen auf dem Ofen: ein frischer Apfelkuchen. „Alles Kulisse!“, scherzte Sheen. „Sobald ihr weg seid, kommen die Drogen-Utensilien und Pornostars wieder vom Dachboden runter.“

Playboy: In „Anger Management“ spielen Sie zum zweiten Mal nach „Two and a Half Men“ einen Typen namens Charlie, richtig?
Sheen: Zum dritten Mal. In „Chaos City“ hieß ich ebenfalls Charlie.

Playboy: Charlie in „Two and a Half Men“ hatte eine Menge mit Ihnen gemeinsam, ist Ihnen der Charlie in „Anger Management“ ebenfalls ähnlich?
Sheen: Überhaupt nicht! Ich kann die ganze Scheiße schon gar nicht mehr hören. Glauben alle ernsthaft, dass ich mein wahres Ich im Fernsehen zeige?

Playboy: Soll heißen: Charlie privat und Charlie im Fernsehen haben nichts miteinander zu tun?
Sheen: Ab und an gibt es da sicher thematische Überschneidungen. Das ist auch okay so. Aber es muss ja nicht zu weit gehen. Ich habe es satt, versoffene und unreife Typen zu spielen, die jedem Rock hinterherrennen. Dieses Mal spiele ich jemanden, der erwachsen ist. Der Typ in „Anger Management“ hat beruflich etwas geleistet, er ist ein ehemaliger Baseball-Spieler, der versucht, seine Aggressionen unter Kontrolle zu bringen.

Playboy: Sie haben sich selbst einer Anti-Aggressions-Therapie unterzogen, oder?
Sheen: Ein ganzes Jahr lang. Hab ne Menge gelernt dabei. Zum Beispiel der Gedanke, einfach mal aus dem Zimmer zu gehen, wenn man sauer ist. Einfach abhauen! Und wenn dir jemand folgt, dann steige in dein Auto. Und wenn sie dein Auto verfolgen, dann fahr einfach zur nächsten Polizeiwache. Man kann Konfrontationen schon vermeiden. Wie sagte mein Vater immer: Frauen wissen stets genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, immerhin waren sie es, die uns auch zusammengebaut haben. Schlau, oder? Mein Vater ist ein kluger Kopf.

Playboy: Ihr Vater, Schauspieler Martin Sheen, hat gerade ein ganz besonderes Jubiläum gefeiert.
Sheen: Ja, seine Goldene Hochzeit.

Playboy: Wie schafft man es bloß, 50 Jahre lang verheiratet zu sein?
Sheen: Ich hab keinen blassen Schimmer (lacht)!

Playboy: Hat er Ihnen jemals Beziehungstipps gegeben?
Sheen: Bleib bei der Wahrheit, das ist sein Mantra. Wer nicht lügt, macht sich auch nicht angreifbar. Nie muss man sich an Details erinnern, nie seine Version mit der von anderen abstimmen. Sag einfach stets die Wahrheit, dann kann dir nichts passieren.

Playboy: Wo wir gerade bei der Wahrheit sind, sollten wir nicht einfach mal über Ihren mentalen Kollaps im letzten Jahr reden?
Sheen: Wo soll es losgehen?

Playboy: Fangen wir doch ganz einfach an: Was zum Teufel ist in Sie gefahren?
Sheen: (lacht) Ich habe keine Ahnung, was da schiefging. Ich bin wohl einfach verrückt geworden.

Playboy: Hat „Two and a Half Men“ Sie quasi in den Wahnsinn getrieben?
Sheen: Ich glaube nicht einmal, dass es an der Show an sich lag. Meine Zeit als Schauspieler, meine Scheidungen, alles gärte in mir. Und kam nun plötzlich raus. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll, das Spiel immer weiter mitzuspielen. Ich habe dann einfach mal die Dinge beim Namen genannt, so wie sie mir seit Jahren auf der Zunge lagen. Meine Psychose könnte dabei geholfen haben ...

Playboy: Sean Penn sprach von Ihnen als Performance-Künstler. War das ganze Jahr nicht vielleicht doch eine Art Verarsche?
Sheen: Schon cool, dass er das gesagt hat. Ich nehm das mal als Kompliment. Aber so war es nicht. Da steckt nicht ein Gesamtkonzept dahinter, kein Masterplan. Dass das Ganze so ein weltweites Echo auslösen würde, war mir nicht klar. Zeitweise hatte ich den Eindruck, als wäre ich das nicht selbst, sondern würde mir das alles von oben ansehen, wissen Sie, was ich meine?

Playboy: Eine Art außerkörperliche Erfahrung?
Sheen: Ja. Es war völlig surreal. Ich war einigermaßen schockiert über den Wirbel, den das alles ausgelöst hat. Wie ein Organismus, dessen Wachstum nicht mehr aufzuhalten ist.

Playboy: Sie fabulierten von „Tigerblut“. „Adonis-DNS“. Ihre Droge hieß „Charlie Sheen“ ...
Sheen: (lacht) Das meiste ist einfach aus dem Nichts entstanden. Ungeplant, völlig zufällig. Das „Tigerblut“? Keine Ahnung. Ein gefährliches Tier ... in „Apocalypse Now“ spielte ein Tiger eine Rolle, vielleicht von daher. „Adonis-DNS“? Keine Ahnung, woher dieser Blödsinn stammt. Auf jeden Fall ging das etwas zu weit.

Playboy: Hat Ihnen eigentlich „Two and a Half Men“ jemals wirklich Spaß gemacht?
Sheen: In den Anfängen sicher. Als wir noch nicht einmal wussten, wo das Ganze hinführen würde. Als ich das erste Mal mit Jon Cryer probte, das waren magische Momente.

Playboy: Wie würden Sie die Beziehung zu Jon, Ihrem Co-Star, heute beschreiben?
Sheen: Wir haben keine.

Playboy: Sie haben ja auch in der Öffentlichkeit ziemlich über ihn hergezogen. Nannten ihn einen Verräter. Passierte das alles nur im Eifer des Gefechts, oder dachten Sie wirklich so?
Sheen: Das war falsch. Ich habe völlig unnötig auf ihn eingedroschen.

Playboy: Aber seinerzeit dachten Sie schon, er hätte Ihnen beistehen sollen?
Sheen: Ich hab einfach einen Fehler gemacht. Klar hatte ich erwartet, dass er mich unterstützt. Doch wer bin ich schon? Gibt es für solche Fälle Regeln? Nein, gibt es nicht. Er hat getan, was er konnte, damit die Scheiße nicht überkocht, und ist dafür in die Schusslinie geraten. Eigentlich ist er ein Riesentyp, und ich vermisse ihn ganz schrecklich. Ich muss die Sache mit ihm wieder geradebiegen, und das werde ich auch. Koste es, was es wolle.

Playboy: Jetzt, mit dem entsprechenden Abstand, können Sie sich erklären, was bei „Two and a Half Men“ schiefging? Warum Sie aus der Show flogen?
Sheen: Ich weiß genau, warum alles in die Hose ging: CBS und Warner Bros. haben sich nicht an die Verträge gehalten, so einfach ist das. Deshalb ist das Ganze auch nie vor Gericht gekommen, da hätten sie ja zugeben müssen, dass sie es vermasselt hatten. Die waren doch die ganze Zeit viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihren Egos und ihren Emotionen. Deshalb bin ich ja öffentlich so auf sie losgegangen, ich wusste ja, dass sie im Unrecht waren.

Playboy: Die Gegenseite wird wahrscheinlich eher behaupten, Ihre Drogenprobleme waren ausschlaggebend.
Sheen: Das war übrigens eine Hernie, aber das nur nebenbei.

Playboy: Was war was?
Sheen: Kurz bevor ich gefeuert wurde, landete ich im Krankenhaus. Jeder dachte natürlich gleich, dass ich ne Überdosis intus hatte. Quatsch. Ich hatte eine verfickte Hernie, stand also kurz vorm Magendurchbruch, was macht man da? Richtig, man ruft den Notarzt.

Playboy: Die Klatschpresse wollte erfahren haben, dass Sie sich Kokain gleich kofferweise nach Hause liefern ließen.
Sheen: Das ist ein solcher Schwachsinn. Und deshalb wurde ich gefeuert. Nicht wegen der Nummer im „Plaza“-Hotel (als er verdächtigt wurde, eine Pornodarstellerin vermöbelt zu haben) oder wegen der Eskapaden in Las Vegas. Nein, ich wurde gefeuert wegen eines Magendurchbruchs. Dabei war das alles echt. Schauen Sie sich das an (zieht sein T-Shirt hoch und zeigt die Narbe)! Sehen Sie?

Playboy: Sie behaupten, Sie hätten Ihre Drogen- und Alkoholsucht allein mit Ihrem Verstand in den Griff bekommen. Erklären Sie mal, wie das funktionieren soll.
Sheen: Dem Ganzen sind Grenzen gesetzt, Krebs im Endstadium kann man natürlich nicht selber heilen. Aber wir werden von klein auf so erzogen, dass wir uns nichts zutrauen. Dabei bin ich davon überzeugt, dass man kraft seiner Gedanken Großes erreichen kann. Ich hab es seinerzeit nur als eine Art Experiment betrachtet, habe ein wenig improvisiert, und siehe da, es hat geklappt.

Playboy: Für die meisten Leute klingt das eher nach Verleugnung ...
Sheen: Natürlich tut es das. Es klingt so, als würde man versuchen, über den Dingen zu stehen und sich für etwas Besseres zu halten. Doch darum geht es doch gar nicht. Ich halte einfach nichts davon, Suchtverhalten als Krankheit zu bezeichnen.

Playboy: Ihnen ist aber schon klar, dass man das kaum ernst nehmen wird. Viele Alkoholiker behaupten, sie können jederzeit aufhören.
Sheen: Jemand ist in einer Klinik auf Entzug, okay? Und er sagt: „Mensch, ich hab noch 45 Tage vor mir, dann bin ich clean.“ Dass das einfach scheint, ist klar. Man ist in einer Einrichtung ohne Drogen, und man kann nicht raus. Toll. Aber jetzt versuche die Nummer mal draußen, im wahren Leben.

Playboy: Sie sind Single, richtig?
Sheen: Im Moment ja.

Playboy: Keine „Göttinnen“ mehr?
Sheen: Jetzt nicht mehr.

Playboy: Sie hatten ein paar Regeln für diese Beziehung aufgestellt: Alle bleiben ganz locker, keiner urteilt über den anderen.
Sheen: Genau. Vorurteile müssen draußen bleiben. Und noch eine Regel: Genieße einfach den Moment. Eigentlich ganz einfach, denke ich.

Playboy: Fehlte da vielleicht doch etwas im Regelbuch? Etwas, das das Zusammensein dauerhafter gestaltet hätte?
Sheen: Diese Regeln waren für eine ganz besondere Situation gedacht, sie behalten aber auch jetzt noch ihre Gültigkeit. Es ist das Fundament, auf das man bauen kann. Besonders die Sache mit den Vorurteilen. Ich war zwölf Jahre alt, da hat mir meine Mutter einmal 500 Dollar versprochen, wenn ich es schaffe, den ganzen Tag nichts Negatives zu sagen - ich hab es nicht mal bis nach dem Frühstück hinbekommen. 500 Dollar damals, das war wie eine Million für mich, aber ich habe es einfach nicht gepackt.

Playboy: In Sachen Göttinnen, gab es da etwas, was die Leute nicht begriffen?
Sheen: So ziemlich alles. Es war wie eine Aufforderung, auf mir herumzuhacken. Sheen und seine Mätzchen. Dabei würden die gleichen Leute viel dafür geben, in eine ähnliche Situation zu geraten.

Playboy: Wenn mehr als zwei Personen involviert sind, hat eine intime Beziehung überhaupt Aussicht auf Erfolg?
Sheen: Ich bin nach wie vor von der Idee überzeugt, es waren nur nicht die richtigen Personen beteiligt. Ich bin old school in vielerlei Hinsicht. Ich mag es gern übersichtlich, eine reicht mir in der Kiste. Selbst wenn mehr als ein Mädel bei mir im Haus wohnte, war es ja nicht so, dass wir alle die ganze Zeit aufeinanderhockten. Andererseits, ich brauche schon die Abwechslung. Braucht doch jeder Kerl. Das wird zwar nicht jeder zugeben, aber wir sind eben von Natur aus so gestrickt.

Playboy: Wie kommt es dann, dass manche Ehen trotzdem funktionieren?
Sheen: Man muss sich unter Kontrolle haben. Ein verheirateter Typ starrt einer heißen Frau hinterher und denkt sich, Mann, ist die scharf. Wer sich da nicht unter Kontrolle hat, der setzt alles aufs Spiel. Nach welchen Regeln in den eigenen vier Wänden gespielt wird, ist egal, solange man dabei niemanden verletzt. Die Leute denken sicher, bei mir zu Hause herrscht nackter Wahnsinn. Blödsinn. Es sind ständig Kinder zugegen, bei mir ist Leben in der Bude, es herrschen einfach gute Vibes.

Playboy: Sind Sie gern Single?
Sheen: Für den Moment in jedem Fall. Da gehe ich auf Nummer sicher. Denn das Geschäft mit dem Erpressen von Celebrities floriert immer mehr.

Playboy: Das passiert wirklich?
Sheen: Klar. Das ist doch das Geschäftsmodell derzeit. Frauen werden darauf abgerichtet, sich mit berühmten Männern einzulassen, und hinterher machen sie ordentlich Kasse mit ihrer Story. Das ist völlig erbärmlich.

Playboy: Wie kann man da überhaupt noch jemandem vertrauen?
Sheen: Bei mir zu Hause sammeln wir erst einmal alle Handtaschen und Handys ein. Dann müssen die Leute auch noch etwas unterschreiben. Ich wohne zwar nicht im Pentagon, aber ich habe genug durchmachen müssen, da kann man nicht vorsichtig genug sein. Entweder so - oder aber man sucht sich von vornherein andere Frauentypen oder Partygäste aus.

Playboy: Fühlen Sie sich deshalb zu Prostituierten hingezogen, da steht der Preis von vornherein fest, es gibt keine Überraschungen?
Sheen: Das mache ich ja schon lange nicht mehr. Es ist einfach ... (macht eine längere Pause) ... ich weiß nicht. Es kam mir immer so vor, als sei meine Zeit eigentlich viel zu kostbar, als hätte ich mit ihr etwas viel Sinnvolleres anstellen sollen.

Playboy: Zum Beispiel? Echte Vertrautheit?
Sheen: Hier ist das Problem mit Nutten: Was ist, wenn man tatsächlich eine von ihnen wirklich mag? Was dann?

Playboy: Kann aus einer Dienstleistung tatsächlich mehr werden?
Sheen: Auf jeden Fall. Auch wenn es schwer ist. Deshalb verspreche ich auch nicht, dass ich nie wieder was mit Prostituierten anfangen werde.

Playboy: Ihre Vorliebe für Nutten ist ja nicht gerade neu. Ihr erstes Mal, das war mit einer Prostituierten in Las Vegas, da waren Sie 15 ...
Sheen: So war es. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Playboy: Bezahlt haben Sie mit der Kreditkarte Ihres Vaters. Gab es da keinen Ärger?
Sheen: Oh, aber jede Menge. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, eine Tüte Chips in der Hand, und plötzlich segelt ein Stück Papier vor mir auf den Boden. Ich schaue kurz hoch, da dreht sich mein Vater auch schon wieder auf den Hacken um. Vor mir liegt seine Visa-Card-Abrechnung. Ein einziger Posten ist eingekreist, 350 Dollar, daneben die Frage: „Was ist das?“ In der Zwischenzeit wartete er in meinem Schlafzimmer auf mich.

Playboy: Er ließ Sie zu sich kommen?
Sheen: Genau. Brillanter Schachzug von ihm. Das war ein ganz schwerer Gang.

Playboy: Und? Was haben Sie gesagt?
Sheen: Ich hab meinem Cousin Joey die Sache in die Schuhe geschoben und gesagt, es war seine Idee.

Playboy: Hat er Ihnen einen Vortrag gehalten?
Sheen: Nicht wirklich. Ich glaube, er hat nur gehofft, dass ich das Ganze nicht mit Liebe verwechseln würde. Ich sagte so was wie: „Echt, Dad, du hättest sie sehen sollen, wenn das nicht wahre Liebe ist ...“

Playboy: Ihr Vater hat es Ihnen nicht immer leicht gemacht. Er hat in aller Öffentlichkeit über Ihre Drogensucht geplaudert und sogar einmal dafür gesorgt, dass man Sie einliefert. Könnten Sie der Buhmann für Ihre eigenen Kinder sein?
Sheen: Unbedingt. Irgendwann begreifen sie dann hoffentlich, dass man das nur aus Liebe und Mitgefühl gemacht hat. Und um bei der Wahrheit zu bleiben.

Playboy: Ihren elften Geburtstag feierten Sie auf den Philippinen, Ihr Vater filmte dort gerade „Apocalypse Now“ ...
Sheen: Verrückter ging es nicht. Damals waren die Philippinen ja völlig anders. Man bekam kaum ein Snickers, geschweige denn einen ganzen Kuchen, der nicht verschimmelt war. Oder mit Rattenscheiße gefüllt. Ich kann mich noch ganz genau an diese eine Nacht erinnern: Wir wohnten in einem Bungalow, waren kurz davor, zu Bett zu gehen, da rast ein splitterfasernackter Robert Duvall durchs Haus, schreit wie am Spieß und verschwindet einfach wieder. Und kommt auch nicht noch einmal zurück, um die Nummer aufzuklären, nach dem Motto: „Alles cool, ich bin hier draußen mit Dennis Hopper, es war seine Idee.“ Bis heute habe ich keine Ahnung, welcher Teufel den geritten haben mag.

Playboy: Was denken Sie heute, wenn Sie sich „Apocalypse Now“ anschauen?
Sheen: Alles, was überhaupt über das Leben zu erfahren ist, findet man in „Apocalypse Now“. Wenn Marlon Brando sagt: „Sie haben das Recht, mich zu töten. Aber Sie haben kein Recht, über mich zu urteilen“, das sagt doch alles. So ist das Leben.

Playboy: Wie oft sehen Sie den Film an?
Sheen: Mindestens alle sechs Monate einmal. Ich kann mich nicht eher mit Leuten unterhalten, bis sie ihn auch gesehen haben. Frauen, mit denen ich öfter ausgehen will, müssen ihn sich angeschaut haben, sonst läuft da gar nichts. Sie müssen sich auch Springsteens „Brilliant Disguise“ anhören. Wer den Song kennt, weiß ein wenig mehr, wie ich ticke.

Playboy: Sie haben drei Filme gedreht, die Baseball zum Thema hatten. Jetzt spielen Sie wieder einen Baseball-Spieler. Sind Sie ein echter Fan?
Sheen: Total. Wenn im Frühling die Saison beginnt, ist das für mich immer etwas ganz Besonderes.

Playboy: Sie haben sich Steroide gespritzt, als Sie „Major League“ drehten, richtig?
Sheen: Richtig! Ich brauchte etwas mehr Speed bei meinen Würfen.

Playboy: Was war mit den Nebenwirkungen?
Sheen: Ich war hinterher viel verletzungsanfälliger. Die Muskeln werden aufgebaut, klar, nicht aber die Sehnen und Bänder. Wenn man erst einmal seinem Körper zu viel von dem Zeug zugemutet hat, gibt es kaum noch ein Zurück.

Playboy: Hatten Sie auch aggressive Stimmungsschwankungen?
Sheen: Sicher. Wenn man Steroide spritzt, ist man eigentlich ständig schlecht gelaunt. Völlig grundlos. Man wacht auf, und schon ist man übel drauf.

Playboy: Werden Sie Ihre Kinder irgendwann über die Gefahr von Drogen aufklären?
Sheen: Bestimmt. Nur im Augenblick wüsste ich noch nicht, wie. Erzählt man ihnen einfach, was man selbst alles geschluckt hat, und sagt dann: „Macht das bloß nicht!“?

Playboy: Sie finden bei Ihrem Nachwuchs eine Tüte Marihuana. Was machen Sie?
Sheen: Na, zunächst einmal will ich wissen, was das für ein Zeug ist, ob es gut ist und wie teuer es war. Man will ja schließlich nicht, dass die eigenen Kinder über den Tisch gezogen werden. Und dann würde ich sie fragen: „Ist es Charlie Sheen OG?“

Playboy: Was ist „Charlie Sheen OG“?
Sheen: So nennen sie den Stoff, der jetzt in den Apotheken verkauft wird (Anm. der Red.: verschreibungspflichtiges Marihuana in Kalifornien). Dabei ist Gras gar nicht so mein Ding. Aber ich fühlte mich durchaus geehrt.

Playboy: Sie bürgen für die Qualität?
Sheen: Sagen wir mal so, ich hab es ausprobiert.

Playboy: Und es für gut befunden?
Sheen: Die Qualität stimmt. Vielleicht ist es sogar zu gut. Ich hab nach wenigen Zügen kaum noch meine Arme gespürt. Eine Freundin von mir war dabei, wir rauchten gemeinsam, und sie meinte: “... was für ein Trip, ich sitze hier mit Charlie Sheen und rauche Charlie Sheen!“ Mir blieb nur zu sagen: „Was glaubst du, wie ich mich fühle? Ich rauche mich gerade selber!“

Playboy: Würden Sie das auch mit Ihren Kindern machen? Sie erwischen sie mit Gras und zünden sich dann erst einmal gemeinsam einen Joint an?
Sheen: Um Himmels willen, nein! Zusammen mit meinen Kindern stoned sein, das geht gar nicht. Sollte ich Marihuana bei ihnen finden, werde ich es einfach behalten und so lange warten, bis sie auf mich zukommen. Wenn sie es dann beichten, versuche ich, eine möglichst ehrliche Diskussion mit ihnen zu führen. Natürlich möchte ich nicht, dass meine Kinder Drogen nehmen, aber Marihuana ist allemal besser als Adderall (Anm. der Red.: Aufputschmittel). Das Zeug ist richtig schlimm. Und heute ist fast jeder drauf, Kinder, Erwachsene, Hipster. Daran geht unsere Gesellschaft zu Grunde. Entzugskliniken sind heute voll mit Zwölf- und 13-Jährigen, die, seit sie fünf sind, auf Speed sind.

Playboy: Haben Sie eigentlich vor, in Würde zu altern?
Sheen: Niemals. Ich weigere mich einfach, erwachsen zu werden.

Playboy: Aber das Älterwerden werden auch Sie kaum aufhalten können, es sei denn, Sie sterben jung.
Sheen: Das habe ich auch nicht vor.

Playboy: Vielleicht sehen Sie sich ja eher als den 90-jährigen älteren Typ, dessen Uhr so langsam abläuft, der aber einfach die besten Geschichten zu erzählen weiß.
Sheen: Das schon eher. Denn nur darum geht es doch, dass wir heute Dinge erleben, die wir auch in 20 Jahren noch erzählen können. Mein Leben besteht aus guten und schlechten Storys. Wie oft war ich mit Leuten unterwegs, die plötzlich meinten: „So, ich muss jetzt heim!“ Und ich sage dann immer: „Was wird in 20 Jahren die bessere Story sein - dass du nach Hause ins Bett gegangen bist oder dass diese Nacht kein Ende nahm?“

Playboy: Einige Ihrer Storys klingen aber auch einfach zu sehr erfunden.
Sheen: Das tun sie, keine Frage. Manchmal denke ich selber, dass das alles nicht mir, sondern jemand anderem passiert ist. Wenn ich in Magazinen darüber lese, ist das alles schon mehrmals durch den Wolf gedreht worden. Und hat sich so weit verselbstständigt, dass es mit dem, was tatsächlich passiert ist, kaum noch zu tun hat.

Playboy: Aber wenn Sie dann als Greis im Kreise Ihrer Enkel Ihre Geschichten auftischen, dann ist das die Originalversion.
Sheen: So ist es. Die Vorstellung, irgendwann in einem Schaukelstuhl zu sitzen, umgeben von der Familie, und alle hängen an meinen Lippen ... das würde ich gut finden. „Eine geht noch, Opa Sheen, vielleicht die, als man dich damals aus dem Radisson-Hotel warf, weil du Cheeseburger in die Rohre der Klimaanlage gestopft hast?“ Und ich sag dann so etwas wie: „Ja, dann war da noch die Sache mit dem Feuer auf dem Zimmer. Aber es ist schon spät, Kinder, schon fast sechs Uhr, wir machen morgen weiter.“ Ja, das könnte mir schon gefallen. (Hält inne und lächelt.) Ich denke, das wäre ganz okay.

Eric Spitznagel