Charlotte Roche

Dirty Talk

Und wieder mal regt sich alle Welt auf über ihr neues Buch: Charlotte Roche über den wahren Sinn von Provokation, den Segen eines sorglosen Umgangs im Bett und was wir - Männer wie Frauen - aus Pornos lernen können

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„Wo sind all die Nippel hin?“

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Manche Pornos geben mir ein starkes Gefühl, eine Frau zu sein

  • Der aktuelle Aufreger: „Schoßgebete“, Piper, 16,99 Euro

    Der aktuelle Aufreger: „Schoßgebete“, Piper, 16,99 Euro

Playboy: Frau Roche, neues Buch, neuer Wirbel. Wieso ist Sex im Jahr 2011 noch so ein Aufreger?
Roche: Mir wäre es auch lieber, es wäre nicht so. Viele Leute wollen das Thema nicht haben. Für mich ist das auch total verwunderlich, dass es immer noch so eine Moralkeule gibt. Und dann wird einem immer unterstellt, man will schocken oder so, das stimmt aber gar nicht.

Playboy: Finden Sie Ihr Buch provokant?
Roche: Ja, aber nicht sexuell provokant. Über Therapie zu schreiben finde ich provokant. Aber nicht um Leute fertigzumachen, sondern weil ich nicht einsehe, dass es solche Tabus noch gibt. Jeder hat seinen Rucksack zu schleppen, von früher. Die einzige Möglichkeit für mich ist, um das aufzubrechen, in Therapie zu gehen.

Playboy: Was provoziert Sie selbst?
Roche: Wo ich mich richtig aufrege, ist die Vermischung von Staat und Kirche. Dass der Staat für eine führende Religion im Land, das Christentum, Steuern eintreibt. Und nicht für Buddhismus oder muslimische Kirchen. Dann kann es schon passieren, dass ich Schaum vorm Mund bekomme.

Playboy: Warum schreiben Sie nicht mal ein nettes, harmloses Buch?
Roche: Natürlich schreibe ich Sachen, von denen ich weiß: Damit haben andere ein Problem. Aber ich denke mir das nicht aus - ich bin auch so. Das war schon in der Schule so. Man merkt, ah, da sind also die Grenzen von denen, da hört also schon für euch der Spaß auf: Aha, das ist ja interessant. Und dass man da noch einen Schritt weitergeht.

Playboy: Wer ist Ihr Lieblingsprovokateur der Geschichte?
Roche: Christoph Schlingensief. Der wollte doch mal den Wolfgangsee mit ganz vielen Arbeitslosen füllen und so Helmut Kohls Keller fluten. Und damit bin ich groß geworden, auch mit dem Verständnis von Deutschland, dass Deutschland seine Künstler falsch versteht: Der wurde auch so betrachtet, als würde der nur nerven um des Provozierens willen.

Playboy: Ist Provokation wichtig?
Roche: Finde ich. Wenn man ein Problem mit Provokation hat, steht das für mich meist für konservativ, rückschrittlich. Ich finde alles nach vorne, alle Probleme laut rausschreien tausendmal besser.

Playboy: Ihre Figur Elizabeth war auch im Puff. Waren Sie selbst schon mal dort?
Roche: Ich war im Puff, als ich für das erste Buch recherchiert habe. Ich fand das durchaus aufregend, da rumzuhängen. Ich weiß, dass es Verschleppung gibt, Unterdrückung, Junkie-Mädchen und superjunge Frauen, die kein Deutsch können. Klar gibt es auch diesen Aspekt von Prostitution. Ich habe auch total was gegen Zuhälter. Wo ich kein Problem habe, ist zum Beispiel so ein Laden, wo ich war: Sehr, sehr teuer war der, es gab eine Puffmutter. Weit und breit kein Mann, der die Hand aufhält. Ich habe beobachtet, dass die Frauen da eher die Checker sind. Die keinen einzigen Handgriff tun, den die nicht wollen.

Playboy: Sind Prostituierte vielleicht emanzipierter als manche normale Frau?
Roche: Jedenfalls kommt es mir falsch vor, sie generell als Opfer darzustellen. Da waren eher die Männer, die da hingehen, fast lächerliche Opfer ihrer Triebe.

Playboy: Würde es Alice Schwarzer guttun, sich mal einen Puff von innen anzugucken?
Roche: Das würde vielen guttun. Auch diverse Filme zu sehen. Hardcore-Pornos, die sehr gut ohne Erniedrigung der Frau auskommen. Also ich empfinde, dass manche vaginale Kamerafahrten ja auch ganz schön die Frau abfeiern. Manche Pornofilme geben mir ein unglaublich starkes Gefühl, eine Frau zu sein.

Playboy: Der Vorwurf an Pornos lautet gern: Der Orgasmus ist nur gespielt. Bei einem Kinofilm würde niemand den Machern vorwerfen ...
Roche: ... das ist keine echte Liebe, die tun ja nur so. Stimmt genau. Wir brauchen einen entspannten Umgang mit Pornografie. Männer und Frauen können aus Pornos viel lernen. Es stimmt nicht, dass es da nur um die Befriedigung des Mannes geht. Ich habe schon viele Pornofilme gesehen, wo stundenlang die Frau an der Klitoris rumgespielt kriegt. Das ist ja eigentlich der feministische Ansatz. In den Filmen, die ich gut finde, werden Frauen auch richtig vernünftig befriedigt.

Playboy: Sind wir heute prüder als vor 20, 30 Jahren?
Roche: Ich glaube, ja. Ich glaube, in den Siebzigern waren es viel mehr echte Körper, echter Sex. Heute sehen wir kaum noch einen unbearbeiteten Frauenkörper. Wenn wir dann unseren unbearbeiteten Körper sehen, denken wir: Hä, wat is dat denn?

Playboy: Was war früher noch anders?
Roche: Die haben ganz viel gekämpft in den 68ern und 70ern und ganz viel ausprobiert. Man trug ja keinen BH in den Siebzigern. Das heißt: Man hat total unterschiedliche Brüste gesehen. Und ich vermisse total verschieden große Brüste und verschieden geformte Brüste. Alle Frauen tragen jetzt immer die Hartschalen-BHs, man darf keine Nippel sehen. Wieso nicht? Wo sind all die Nippel hin?

Playboy: Das fragen wir uns auch ...
Roche: Wenn ich heute einen Pulli anziehen würde ohne BH, dann könnte jeder ganz genau sehen, wie ich nackt aussehe! Früher sind die aber so über die Straße gelaufen, da hat niemand hinterhergepfiffen, das war normal. Die hatten früher einen natürlicheren Umgang mit dem Körper. Diese Drecks-Hartschalen-BHs, die könnte man auch ruhig wieder verbrennen.

Playboy: Glauben Sie, dass Männer größere Brüste lieber mögen als kleine?
Roche: Nee, das ist die Angst der Frauen. Lippen müssen dick sein, Brüste müssen dick sein. Wie soll man als normal gebaute Frau, die wie ich zufällig kleine Brüste hat, keine Komplexe kriegen? Da können sich echte Männer in meinem Umfeld den Mund fusselig reden, dass die auf Frauen stehen, die kleine Brüste haben, blablabla. Es ist halt so - auch wenn die Feministinnen ein Problem damit haben -, dass man Männern gefallen will. Ich fände das auch schön, wenn Männer sagen: Ach, die Charlotte, die ist attraktiv, oder das ist an der geil. Man putzt sich raus, man will auch attraktiv gefunden werden.

Playboy: Was glauben Sie, wie geht es den Jungs damit? Wenn ich heute einen Porno sehe, sind da meist Riesenschwänze.
Roche: Könnte ich mir vorstellen, dass bei den Jungs Probleme nicht ausbleiben. Ich glaube, dass - wenn man es geil findet, anderen beim Sex zuzugucken - es gesünder für die Psyche wäre, sich Leute anzugucken, die ein bisschen so aussehen wie man selbst.

Playboy: Aber bei Erregung geht es doch um Fantasien und nicht um die Realität.
Roche: Vielleicht können die Männer da besser abstrahieren.

Playboy: Also jetzt mal Sie als Frau: Kommt es auf die Länge drauf an?
Roche: Ach so, vom Penis? Ich glaube, dass das beim Sex überhaupt keine Rolle spielt. Aber der Mann mit großem Penis hat vielleicht eine andere Ausstrahlung. Wenn die Leute was haben - dickes Auto, Boot, großes Haus -, denken sie, sie sind irgendwie auf der Gewinnerseite. Und sind dann cooler, selbstbewusster im Umgang mit anderen.

Playboy: In Ihrem Buch heißt es: Wenn es mit dem Sex aufhört in einer Beziehung, dann geht bald alles den Bach runter. Haben Sie ein Rezept für ein funktionierendes Sexualleben in der Ehe?
Roche: Sexualität ist etwas Fragiles. Und wie man eine Beziehung hegen und pflegen muss, muss man die Sexualität hegen und pflegen.

Playboy: Was kann man tun?
Roche: Nicht einfach kampflos aufgeben. Aber ich will ja keine Tipps geben - nicht dass jemand denkt, dass es bei mir irgendwie besser läuft. Eine Idee, die ich hätte: Wenn man frisch verliebt ist, dann läuft ja alles. Wenn man aber dann nach ein paar Jahren anfängt, Fantasien umzusetzen oder mal irgendwas Perverses machen will, dann ist das total schwierig nach Jahren, das anzufangen. Deswegen wäre meine Idee: Wenn man frisch zusammen ist, muss man schon viele Sachen ausprobieren ...

Playboy: ... aber da läuft es ja sowieso!
Roche: Aber man ist in so einem Rausch, das kann man sich auch direkt trauen. Dass man vielleicht alles durchmacht, man guckt Pornofilme, man fesselt sich einmal, man nimmt eine Freundin dazu oder einen Freund. Dann kann man später sagen: Weißt du noch am Anfang, wo wir das mit dem Anketten gemacht haben, das sollten wir doch noch mal ...

Playboy: Dann holen wir mal die Kette aus dem Keller.
Roche: Ja, genau. Die verstaubte Kette.

Playboy: Was ist Alice Schwarzer für Sie? Der Helmut Kohl der Frauenbewegung?
Roche: Ja. Oder die Krake bei „Arielle“. Die ist schon so lange da, und es gibt nur eine Einzige, die immer befragt wird. Feminismus ist ja auch politisch. Jede Frau, die sagt, sie ist Feministin, ist in dieser feministischen Partei, bei der Alice Schwarzer die Vorsitzende ist. Die nie jemanden nachrücken lässt, niemals. Alice Schwarzer betrachtet alle jungen Feministinnen als nicht so gute Feministinnen. Und sie bestimmt immer, wer eine Feministin sein darf und wer nicht.

Playboy: Das hat etwas ziemlich Patriarchalisches.
Roche: Ganz schön, ja. In einer Partei gibt es auch so Vatermorde. Aber wahrscheinlich spielt die für ganz junge Frauen auch gar keine Rolle.

Playboy: Gäbe es eine Galionsfigur, die Ihnen gefallen würde?
Roche: In Deutschland? Ich fände es halt besser, nicht nur eine zu haben. Ich bin ja auch gegen Monotheismus.

Playboy: Wie sieht es bei den Jungs aus?
Roche: Ich glaube, den Männern geht es auch nicht so gut mit den Vorbildern. Mir fällt auch niemand ein, bei dem man sagen kann, so muss ein Mann sein.

Playboy: Was würden Sie den Kerlen empfehlen, um sich zu emanzipieren?
Roche: Ich denke, man ist gut beraten, Sexualität als rein biologisch zu betrachten. Da treffen sich zwei Menschen, und das ist dann Biologie, man ist dann einfach ein Tier. Ich glaube, dass der Feminismus auch total die Männer verunsichert hat. Es gilt sogar im Kindergarten als böse, wenn zwei Jungs sich prügeln. In Wirklichkeit lösen die Jungs damit gerade ihre Probleme.

Playboy: Sollen wir also sorgloser werden?
Roche: Ich finde Männer besser, die keine Sorgen haben im Bett. Mann und Frau sollten dort einfach Vollgas geben.
 

Charlotte Roche / Biographie

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    Charlotte Roche

Charlotte Roche Kaum eine Frau hat in den vergangenen Jahren mit ihrer Offenheit über Sex und Hygiene die Moralapostel der Republik so aus ihren Löchern geholt wie Charlotte Roche: 1978 geboren, als Moderatorin für Viva, 3sat und das ZDF bekannt geworden, Grimme-Preisträgerin, Trägerin des bayerischen Fernsehpreises. 2008 debütierte sie als Romanautorin mit „Feuchtgebiete“, das mindestens so umstritten wie erfolgreich war. Ihr zweites Buch, „Schoßgebete“, ist gerade erschienen und hat ähnlich für Furore gesorgt. Charlotte Roche lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Köln.
 

Klaus Mergel