Interviews

Christian Ulmen, haben Sie noch Schamgrenzen?

Christian Ulmen – Schauspieler, Moderator, Buchautor und Chef – über Eifersucht, Bordellbesuche in der Jugend und warum Hitler an allem schuld ist

 

Christian Ulmen
Im Berliner Stadtteil Charlottenburg liegt die Humorzentrale von Christian Ulmen. Eine Altbauwohnung. Voller Frauen, abgesehen vom Bewohner des Chefbüros. Ulmen sitzt in einem Lederstuhl in einem zu kleinen Raum. Es riecht nach rohem Fisch. Zum Interview gibt’s Sushi. Wegen der Gesundheit, wie Ulmen sagt. Er zündet sich eine Zigarette an

Playboy: Herr Ulmen, Sie sprechen nicht gern. Was wollen wir dann die nächsten Stunden tun?
Christian Ulmen: Das ist ja beruflich, da spreche ich schon. Aber weil ich in meinem Beruf so viel labern muss, bin ich froh, wenn ich das zu Hause nicht zu tun brauche. Auch im Small Talk bin ich ganz schlecht.

Playboy: Dabei verdienen Sie doch Ihr Geld mit Reden ...
Christian Ulmen: Small Talk ist ja nicht schwierig, aber er macht mir keinen Spaß. Da habe ich zwei, drei Floskeln, setze mein Partygesicht auf und sage: „Ey, wie geht’s?“ Dann erzähle ich automatisch, höre mir selbst zu und bin meistens genervt von mir.

Playboy: Apropos Reden: Welche ist die wichtigste Nummer in Ihrem Telefonbuch?
Christian Ulmen: Die meiner Mailbox, weil ich fast nie ans Telefon gehe. Das steht immer auf lautlos. Lange Zeit hatte ich gar kein Handy. Ich schreibe gern Mails, aber ich telefoniere ungern. Womit wir wieder beim Schweigen wären.

Playboy: Sie haben einmal für einen Selbsterfahrungsbericht eine ganze Woche geschwiegen ...
Christian Ulmen: Ja, das war herrlich. Ich könnte auch in ein Schweigekloster ziehen. Den meisten Menschen ist Schweigen ja leider unangenehm. Auf einer langen Autofahrt hat man immer den Druck, etwas zu sagen, weil man die Stille nicht erträgt. Was daran liegt, das es keine Schweigekultur gibt.

Playboy: Wird heutzutage zu viel geredet?
Christian Ulmen: Die falschen Leute werden zu den falschen Themen befragt. Ich als ehemaliger MTV-Moderator muss mich ständig zur Lage der Jugend äußern. Warum ich? Habe ich empirische Studien verfasst? Nein, ich habe Musikvideos angesagt. Früher, in den Dreißigern, da haben es die Produzenten ihren Schauspielern verboten, sich öffentlich zu äußern, weil sie wollten, dass sie durch ihre Rollen leben. Und da ist auch was dran, denn es geht immer was verloren, wenn der Darsteller sein Privatleben an die Öffentlichkeit zerrt.

Playboy: Und wenn es zum Beispiel darum geht, Gutes zu tun?
Christian Ulmen: Wenn ich in einer Zeitschrift ein Bild von einem Prominenten mit schwarzafrikanischem Baby im Arm sehe, fühle ich mich immer unangenehm berührt. Böse ausgedrückt, steht der wohltätige Promi auf Kosten der Armen als Gutmensch da.

Playboy: Sie halten Ihr Privatleben geheim. Wie viele Fotos gibt es von Ihnen und Ihrer Frau?
Christian Ulmen: Drei oder so. Ich habe auch gar nichts gegen People-Magazine wie „Gala“ und „Bunte“. Aber ich lasse sie eben nicht in mein Haus, es gibt von mir keine Homestory. Ich würde auch nie den Namen meines Sohnes öffentlich machen, solange er das nicht selbst entscheiden kann.

Playboy: Lässt der Boulevard das zu?
Christian Ulmen: Wenn man sein Privatleben nicht öffentlich machen möchte, dann kriegt man das in Deutschland auch hin.

Playboy: Ihre Kunstfigur Uwe Wöllner ließ sich beim Bordellbesuch filmen. Da zerrt ja doch jemand etwas in die Öffentlichkeit.
Christian Ulmen: Oh ja.

Playboy: Wobei sich beim Ansehen des Videos die Frage stellt, ob es zum Äußersten kam. Oder war alles nur gestellt?
Christian Ulmen: Ich halte absichtlich ganz nebulös, was da wirklich passiert ist, in erster Linie, um meine Familie zu schützen ... Im Ernst: Das Konzept von „Ulmen TV“ ist ja gar nicht, Leute hinters Licht zu führen, sondern es sind die Figuren. Diese Prostituierte wusste nicht, dass ich Christian Ulmen bin. Sie wusste, dass gefilmt wird, du kannst ja nicht einfach mit Kameras in den Puff gehen. Also haben wir gefragt und das mit dem freundlichen Bordellbesitzer abgemacht.

Playboy: Aber kam es zum Sex?
Christian Ulmen: Es wurden Schutzmaßnahmen getroffen. Dass man sich nicht infiziert ...

Playboy: Das beantwortet die Frage nicht.
Christian Ulmen: Die Frage ist doch: Was ist Geschlechtsverkehr? Da müsste man mal in der „Bravo“ nachlesen. Ist auch Heavy Petting schon Geschlechtsverkehr? Oder sprechen wir von Penetration?

Playboy: Wir sprechen von Penetration.
Christian Ulmen: Es gab nicht die Form der Penetration, die man sich sonst vorstellt. Es gab eine Abform der Penetration.

Playboy: Wie genau muss man sich die vorstellen?
Christian Ulmen: Der Grad der Erregung war nicht so, dass die Grundvoraussetzungen für eine reale Penetration gegeben gewesen wären.

Playboy: Und Ihre Frau hatte kein Problem mit der ganzen Geschichte?
Christian Ulmen: Sie sieht das sehr professionell.

Playboy: Haben Sie noch Schamgrenzen, oder lässt es Sie kalt, wenn Hunderttausende Sie beim Geschlechtsakt mit einer Prostituierten beobachten?
Christian Ulmen: Moment! Ich bin noch nie bei irgendeinem Geschlechtsakt beobachtet worden. Das war Uwe. Und mir ist das für Uwe natürlich peinlich.

Playboy: Helfen diese Masken, Ihre Schamgrenzen zu verschieben?
Christian Ulmen: Massiv. Ich würde mich nie als Christian Ulmen filmen lassen, wie ich mit einer Nutte schlafe. Aber das ist halt Uwe. Uwe okkupiert mein Gehirn. Ich selbst hocke zurückgezogen im Resthirn und beobachte das Ganze. Das ist wohl eine frühe Form der Schizophrenie.

Playboy: Waren Sie schon mal privat in einem Bordell?
Christian Ulmen: Ich hab als junger Mensch in einer Band gespielt. Unser Proberaum war auf der Reeperbahn, und da ging man an Bordellen vorbei, das war Normalität. Irgendwann, nachts um drei, waren wir reichlich betrunken, und dann war es eine Mutprobe: „Wer macht es?“ Dann hat es der erste gemacht, der zweite – und irgendwann waren alle um eine Erfahrung reicher.

Playboy: Wie oft haben Sie Ihren Mut bewiesen?
Christian Ulmen: Ach, das Thema war ziemlich schnell durch. Ich erinnere mich noch an eine Geschichte: Einmal, unser Gitarrist war dran und drin, und alle 15 Minuten kam so ein klassischer Zuhältertyp in der Bomberjacke raus und ging zu dem Geldautomaten neben dem Laufhaus. Dreimal. Hinterher haben wir erfahren, dass der die EC-Karte von unserem Gitarristen hatte, weil der immer neue und ausgefallenere Wünsche hatte und immer mehr Geld brauchte. Das hat ihm der Lude besorgt. Mit Geheimnummer. Aber es war alles korrekt, der hat ihn nicht übers Ohr gehauen.

Playboy: Sind Sie eigentlich ein guter Schauspieler?
Christian Ulmen: Das ist eine Frage, die ich nie beantworten würde, wenn ich „ja“ sage, bin ich ein arroganter Sack. Wenn ich „nein“ sage, ein koketter Wicht.

Playboy: Warum wird Ihr neuer Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ ein Erfolg?
Christian Ulmen: Erstens hat sich das Buch schon wer weiß wie viele Millionen Mal verkauft. Und zweitens kennt jeder die Situation, sich bei seinem Schwiegervater vorzustellen und auf Ablehnung zu stoßen. Die Grundthematik ist: Man will geliebt werden. Und da macht es einen nervös, wenn man auf die Schwiegereltern trifft, weil man ja weiß, ein Vater hat es per se nicht gern, wenn die Tochter einen Mann anschleppt. Jeder kennt die Zwickmühle, sich einerseits gut verkaufen zu wollen und andererseits auch nicht zu schleimig rüberzukommen.

Playboy: Sie entsprechen ja wohl nicht der Vorstellung eines idealen Schwiegersohns ...
Christian Ulmen: Absolut. Dann wird gedacht: Ein Fernsehheini, muss das sein? Der hat bestimmt Groupies und andere Krankheiten.

Playboy: Das zweite Thema des Films sind die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern.
Christian Ulmen: Es kennt ja auch jeder das Problem, dass man sich deutsch und damit irgendwie unbehaglich fühlt. Dass man alles ablehnt, was deutsch ist, und bei den Fußball-WMs für Frankreich ist oder für Holland.

„Ich bin noch nie bei einem Geschlechtsakt beobachtet worden. Das waren nur meine Figuren“
Christian Ulmen über Christian Ulmen

Playboy: Woran liegt das?
Christian Ulmen: Daran ist natürlich noch immer Hitler schuld. Man wächst damit auf – und das ist ja auch richtig so –, dass unsere Vergangenheit alles andere als lässig ist. Dadurch ist Deutschland ein politisch sehr korrektes und tolerantes Land. Was aber aus dem eigenen Land kommt, scheint irgendwie uncool zu sein.

Playboy: Was ist typisch deutsch?
Christian Ulmen: Meckern! Meckern ist eine deutsche Tugend. Und dann natürlich die starre Einhaltung von Regeln.

Playboy: Im Film heiraten Sie eine Italienerin. Welche Frau wünschen Sie sich für Ihren Sohn?
Christian Ulmen: Eine Person, die eine neue Facette in sein Leben bringt. Sollte er ein Spießer werden, wünschte ich mir eine Punkerin. Eine voll tätowierte, die ihn auf Anarchopartys mitnimmt und ordentlich einen mit ihm säuft.

Playboy: Sind Sie ihm ein gutes Vorbild?
Christian Ulmen: Es kommt darauf an, was er mal sein will. Wenn er nun ein sehr regelliebender Mensch wird und zur Bundeswehr ginge, dann wäre ich wahrscheinlich kein gutes Vorbild.

Playboy: Worin sind Sie gut?
Christian Ulmen: Ich möchte, dass mein Kind einen Eigensinn entwickelt und nicht die Haltung seiner Eltern übernimmt.

Playboy: Und wo soll man hin, wenn man als junger Mensch etwas bewegen will?
Christian Ulmen: In die Wirtschaft. Mit einem gesunden Karma-Kapitalismus Biosprit entwickeln.

Playboy: Wo haben Sie nach Vorbildern gesucht?
Christian Ulmen: Ich wollte mit 13 Jahren immer wie Günther Jauch werden und habe ihn in meiner Zeit beim Offenen Kanal gern imitiert. Mit 16 wollte ich sein wie Axl Rose und dann wie Harald Schmidt.

Playboy: War Ihr Vater ein Vorbild?
Christian Ulmen: Sicher. Was seine liberale Einstellung zur Erziehung betrifft. Auch wenn wir manchmal unterschiedliche Humorvorstellungen haben. Meine Eltern finden manche Dinge, die ich mache, menschenverachtend.

Playboy: Wie sehen Sie das?
Christian Ulmen: Für mich ist es Humor.

Playboy: Wie tief darf Humor unter die Gürtellinie schlagen?
Christian Ulmen: Mit Niveau ordentlich tief.

Playboy: Manches schmerzt schon beim Zusehen. Gerade die Folgen von „Mein neuer Freund“ ...
Christian Ulmen: Geht mir auch so. Aber erst, wenn ich es sehe. Beim Drehen spiele ich konsequent meine Figur. Das ist der Trick. Und das Erschreckende ist, im Moment der Aufzeichnung habe ich das Gefühl, das Richtige zu machen. Ganz schlimm ist es bei der Figur Alexander von Eich. Ein Mensch, der von „Negern“ spricht und Hartz-IV-Empfänger als „Hunde“ bezeichnet.

Playboy: In dem Moment sind Sie ein Rechtsradikaler.
Christian Ulmen: Es erschreckt mich zumindest, wie schlüssig Alexander von Eich rechtsradikal argumentieren kann. Da frage ich mich schon: „Woher kommt diese Denke?“ Aber nichts anderes machen Anwälte: sich hinsetzen und ein Plädoyer für einen Mörder halten. Das ist auch nichts anderes, als in eine Rolle zu schlüpfen.

Playboy: Viele Filme sind zunächst nicht im Fernsehen, sondern nur im Internet zu sehen. Ist das die Zukunft?
Christian Ulmen: Was irgendwann ist, kann ich nicht sagen. Noch finanziert es sich übers Netz nicht hundertprozentig. Aber man unterliegt dort keinem Quotendruck, und der ist beim Fernsehen verdammt hoch. Und: Langsam wird die Werbung auf uns aufmerksam. Dennoch: Wir brauchen das Fernsehen als Zweitverwertungsanstalt.

Playboy: Mit den Plattformen YouTube oder MySpace kann jeder Fernsehen machen und zum Star werden. Haben Sie Angst vor dieser Entwicklung?
Christian Ulmen: Nein. Dass nun jeder Fernsehen machen kann, heißt ja nicht, dass jeder es kann. Das ist einfach nur ein Werkzeug. Es bleibt unausweichlich: Du musst Qualität herstellen.

Playboy: Sind Sie auf Facebook registriert? Oder twittern Sie?
Christian Ulmen: Nein, nicht privat. Ich kann diesen Exhibitionismus auch nicht verstehen. Aber wenn ich aus dem Hotelzimmer über die Webcam Frau und Kind sehen kann, finde ich das toll.

Playboy: Wer hat den Heiratsantrag gemacht? Sie oder Ihre Frau?
Christian Ulmen: Das war schon ich. Etwa 15-mal. Irgendwie war es meiner Frau nie feierlich genug ...

Playboy: Und jetzt dürfen Sie verkleidet zu Prostituierten gehen?
Christian Ulmen: Meine Frau ist so tolerant, dass es mich manchmal nervt, wie wenig eifersüchtig sie ist. Wenn ich für eine Rolle Alexandra Maria Lara küssen muss, kommt von ihr nur: „Ja, viel Spaß.“

Playboy: Wie tolerant sind Sie?
Christian Ulmen: Überhaupt nicht tolerant. Fremdgehen ist eine Unverschämtheit. Dafür heiratet man ja. Damit man auf die Sache ein Siegel setzt: „Meins!“ Und sich dann mit jemand anderem einlassen, das ist schon eine sehr unschöne Geste.

Playboy: Wie wichtig ist Sex in Ihrer Ehe?
Christian Ulmen: Alle Sachen, die weniger werden, weiß man umso mehr zu schätzen.
Interview mit Christian Ulmen: Detlef Dreßlein / Tim Gutke ]
 
[ Christian Ulmen: die Multimedialmaschine


>> Am 22. September 1975 im Rheinland geboren, wächst Christian Ulmen in Hamburg auf. Er startet eine Karriere beim Radio, wechselt 1996 zum Musiksender MTV nach London. Dort wird er zum Jugendstar, macht dann die Kult-TV-Serie „Unter Ulmen“. Bis ihn ganz Deutschland als Hauptdarsteller in „Herr Lehmann“ kennen lernt. Es folgen weitere Kinofilme und Serien wie „Mein neuer Freund“ und „Dr. Psycho“. Dieser Tage ist sein Buch „Für Uwe“ erschienen, am 6. August startete der sehenswerte Kinofilm „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“.
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