Christoph Daum

Am Spielfeldrand

Der Fußballtrainer Christoph Daum über sein kölsches Herz, die neue Heimat Brügge, seinen Karrierekiller Hoeneß und warum er gern mal eine Frau wäre - aber niemals ohne Schnauzbart

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>>Unterm Strich will ich immer nur eins: gewinnen<<

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  • „Ich will hier etwas bewegen“: Daum zu Wasser unterwegs in Brügge - bis 2014 seine Fußball-Heimat

    „Ich will hier etwas bewegen“: Daum zu Wasser unterwegs in Brügge - bis 2014 seine Fußball-Heimat

  • „Spieler sind oft wie Kinder“: Sie brauchen eine klare Autoritätsperson

    „Spieler sind oft wie Kinder“: Sie brauchen eine klare Autoritätsperson<< Christoph Daum

Er ist der wohl umstrittenste Fußballtrainer Deutschlands. Christoph Daum, 59, polarisiert wie kein Zweiter. Bewunderung oder Ablehnung, Daumen hoch oder Daumen runter: Dazwischen gibt es wenig. Seit er im vergangenen Sommer mit Eintracht Frankfurt abstieg und im November als Cheftrainer beim belgischen Erstligisten FC Brügge neu startete, ist es ruhig geworden um den einstigen Lautsprecher der Liga. Er hat sich zurückgezogen. Und Abstand gewonnen. Eine gute Gelegenheit, ihn in Belgien zu besuchen, um über sein neues und sein altes Leben, seine Lehren aus Meisterschaften, Niederlagen und den tiefen Fall seines Drogenskandals im Jahr 2000 zu sprechen. Über Gegner, Freunde und die Wahlheimat Brügge, die er uns bei einer Bootsfahrt zeigen wird: von den Grachten aus, auf die wir während des Gesprächs im Hotel-Restaurant „Duc de Bourgogne“ hinunterschauen.

Playboy: Herr Daum, schön hier in Brügge! Aber ist die belgische Liga nicht eine Nummer zu klein für Sie?
Daum: Das ist alles eine Frage der Sichtweise und der Alternativen. Nach dem Abstieg mit Frankfurt war die Bundesliga kein Thema. Ich hätte nach Saudi-Arabien, in die Emirate, die Türkei, nach Katar oder Iran gehen können. In Teheran hätte man mir wahnsinnig viel Geld bezahlt. Da dort jedoch im Profi-Fußball vieles staatlich reglementiert und politisch motiviert scheint, wollte ich mich dafür nicht zur Verfügung stellen.

Playboy: Was reizte Sie am FC Brügge?
Daum: Einen Verein mit aufzubauen und zu einem Titel zu führen. Der FC Brügge ist ein aufstrebender Verein mit einer guten Philosophie, klaren Zielen und einer großen Tradition. In Belgien sind der RSC Anderlecht oder Standard Lüttich im Moment in einigen Bereichen schon weiter, aber da wollen und werden wir hinkommen. Ich habe einen Vertrag bis 2014, und in dieser Zeit will ich etwas bewegen, das heißt Titel gewinnen. Zu Beginn meiner Amtszeit verspürte ich viel Skepsis gegenüber meiner Person, da ich seit Jahrzehnten der erste nicht Flämisch sprechende Cheftrainer in Brügge bin. Mittlerweile werde ich jedoch geschätzt und respektiert, was sowohl aus dem sportlichen Erfolg als auch aus meinem offenen Umgang mit den Menschen resultiert.

Playboy: Wie sehr fehlen Ihnen Ihre Ehefrau und die Kinder?
Daum: Dass die Familie aus schulischen Gründen in Köln bleiben musste, ist ein großer Nachteil. Je nach Schulferien kommt meine Frau mit den Kindern zu mir, oder ich fahre nach Köln. Da ich oft eine 90-Stunden-Woche habe, komme ich meist spät nach Hause, sodass derzeit der Beruf eindeutig an erster Stelle steht. Doch diese räumliche Trennung möchte ich auf Dauer nicht haben.

Playboy: Würden Sie stattdessen noch mal mitten in der Saison einen Verein wie Eintracht Frankfurt im Abstiegskampf übernehmen?
Daum: Ja, ich würde immer wieder nach Frankfurt gehen, weil mich der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen um Hilfe gebeten hat. Er ist ein Freund, und mein Engagement war auch ein Freundschaftsdienst. Da denkt man nicht über Risiken nach. Auch das Gehalt war mir völlig egal. Frankfurt hat tolle Möglichkeiten, und ich wäre sehr gern dort geblieben, am liebsten natürlich in der ersten Liga. In den ersten Wochen konnten wir eine Aufbruchstimmung erzeugen, die einige sogar als Euphorie beschrieben. Aber wir hatten zu viel Verletzungspech, und auch wenn es eine Phrase ist: Wenn du kein Glück hast, kommt oftmals noch Pech dazu. Der Abstieg hat mir sehr wehgetan.

Playboy: Die Bundesliga ist also für Sie noch vorstellbar?
Daum: Na klar. Im Augenblick zählt für mich nur der FC Brügge, aber ich würde auch wieder in der Bundesliga anfangen, wenn ein passendes Angebot käme.

Playboy: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Probleme bei Ihrem Ex-Club 1. FC Köln?
Daum: Die Zielsetzung stimmt nicht mit der Transferpolitik, mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen überein. Es wird oft zu viel versprochen, und dann stellen sich bei Fans, Spielern wie Lukas Podolski oder auch bei mir Frust und Enttäuschung ein, und man trifft eine Entscheidung gegen sein Herz. Leider herrschte zu meiner Zeit in einigen internen Bereichen kein ehrlicher Umgang. Da hat mich einiges persönlich getroffen und verletzt. Das ist abgehakt. Dennoch ist der FC für mich eine Herzensangelegenheit. Meine große Liebe, mit der ich fast 20 Jahre durch Höhen und Tiefen gegangen bin. Gerade der Aufstieg aus der zweiten Liga und der Klassenerhalt haben mich nachhaltig geprägt. Dort würde ich, wenn ich frei wäre, wieder anfangen - ob als Trainer, Manager, Berater oder als Präsident. Und eines kann ich Ihnen versprechen: Ich wäre sieben Tage die Woche von morgens bis abends für den FC im Einsatz, um für eine Vertrauenskultur, eine offene Kommunikation und sportliche Perspektiven zu sorgen. Doch jetzt gilt es, dem Trainer den Rücken zu stärken und alle Kräfte zu bündeln. Mit der Trennung von Volker Finke hat Claus Horstmann für Ruhe gesorgt und den Sport wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Playboy: Ist der Wechsel zum FC Arsenal der richtige Schritt für Lukas Podolski?
Daum: Ich glaube schon. Dort kann er in der besten Liga der Welt internationale Ziele anpeilen. In Köln hat er die maximale Liebe, aber er könnte vorerst nur um den Klassenerhalt spielen. Bei Arsenal bewegt sich alles auf einem anderen sportlichen Level. Lukas muss nur schnell Englisch lernen, um sich gleich in Verein und Stadt zu integrieren. Auf das Leben in einer Weltstadt wie London musst du dich einstellen. Das ist nicht Köln-Bergheim. Lukas wird das schaffen, das hat er bereits in München gezeigt. Und seine fußballerische Qualität ist sogar noch besser geworden.

Playboy: Apropos München, wo sehen Sie die Probleme beim FC Bayern?
Daum: Zuerst ein Kompliment an die Lokomotive, das Aushängeschild des deutschen Vereinsfußballs! Trotzdem wirken sie nicht so geschlossen wie Borussia Dortmund, wo Trainer Jürgen Klopp unumstritten ist. Da hört man nichts von Kabinenbesuchen, Schlichtungsgesprächen oder ähnlichen Aktivitäten. Die Borussia vermittelt allen das Gefühl: Hier fightet jeder für jeden, und der Trainer genießt die Rückendeckung und Unterstützung aller Beteiligten. Die Spieler sind oft wie Kinder: Sie brauchen eine klare Autoritätsperson. Wenn Sie sich bei einer zweiten Ansprechperson ausheulen können, ist das oft der Anfang vom Ende eines Trainers. Trainerfuchs Jupp Heynckes hat die Zügel fest in der Hand und wird für alle die Erfolg versprechende Richtung vorgeben. Somit können wir uns alle auf ein spannendes Saisonfinale freuen.

Playboy: Gibt es jemanden vom FC Bayern, der Ihnen imponiert?
Daum: Karl-Heinz Rummenigge hat sich als Fußballmanager außergewöhnlich gut entwickelt. Er hat sich in vielen internationalen Gremien einen tollen Namen gemacht. Sein Wort hat Gewicht. Kompliment!

Playboy: Wie sehen Sie die Arbeit von Bundestrainer Joachim Löw?
Daum: Die Entwicklung unserer Nationalmannschaft unter Joachim Löw ist einfach großartig. Mir gefällt der erfrischende, ideenreiche, variable, dynamische, kreative und vor allem offensive Fußball, den diese Mannschaft spielt. Wir haben im deutschen Fußball alles - nur keinen guten rechten Verteidiger. Das wundert mich schon. Aber die Nationalmannschaft hat einen tollen Imagewandel hinter sich, und ich halte den Gewinn der Europameisterschaft für durchaus möglich. Dafür muss aber alles stimmen, denn die Spanier sind sehr stark. Sie haben jede Position doppelt gut besetzt. Auf diesem Weg sind wir noch. Da ist die deutsche Nationalelf noch nicht.

Playboy: Was macht für Sie den Reiz des Trainerberufs aus?
Daum: Das kann ich Ihnen genau sagen. Ich will aus meinen Spielern Sieger im Spiel und im Leben machen. Ich möchte ihnen täglich vermitteln, wie sie mit Rückschlägen, Problemen, Niederlagen oder auch Erfolgen umgehen können. Wie sie daraus neue Kraft und Motivation für sich schöpfen können. Ich möchte für meine Spieler nicht nur sportlich, sondern auch lebensbegleitend tätig sein. Und unterm Strich will ich natürlich immer eines: gewinnen!

Playboy: Können Sie sich vorstellen, wie Otto Rehhagel auch noch mit 73 Jahren am Spielfeldrand zu stehen?
Daum: Eher nicht, auch wenn ich den schönsten Job der Welt habe. Das ist alles eine Frage von Gesundheit, Konstitution und Lust auf die Arbeit. Im Trainerjob musst du permanent hellwach sein. Das hält dich auf Trab, jung, geistig und körperlich topfit.

Playboy: Wie haben Sie eigentlich nach Ihrem Abgang in Frankfurt die Monate der Arbeitslosigkeit überstanden?
Daum: Es gibt genügend Dinge, die ich gern tue. Ich beschäftige mich mit Kunst, mit Sprachen, reise gerne. Außerdem bin ich in einigen sozialen Projekten aktiv. Ich engagiere mich für die Kölner Tafel, wo Obdachlose und Bedürftige versorgt werden, zu essen bekommen, und für das Waisenhaus der Gazi-Stiftung in Yalova. Darüberhinaus bin ich Ehrenpräsident des Vereins „Seehunde“, der sich für die Rechte blinder Fußballfans einsetzt. Außerdem habe ich jeden Monat ein neues Buch gelesen. “Überflieger“ von Malcolm Gladwell war das letzte. Es beschäftigt sich damit, warum manche Menschen erfolgreich sind und andere eben nicht. Ein sehr spannendes Thema. Langeweile ist für mich ein Fremdwort. Es gibt immer wieder etwas Gutes zu tun, auch ohne Traineramt.

Playboy: Welche Rolle spielt der Glaube für Sie?
Daum: Eine sehr große. Glaube ist für mich ein Stück Heimat. Wenn du im Glauben zu Hause bist, bist du überall zu Hause. Glaube ist etwas sehr Persönliches und gibt in vielen, schwierigen Situationen den entscheidenden Halt. Ich glaube an Gott, auch wenn ich eher selten in die Kirche gehe. Die Kirche ist nur eine Institution. Ich brauche sie für meinen Glauben nicht zwingend. Während unseres Gesprächs schaut Daum immer wieder nachdenklich raus aufs Wasser. Er trinkt Mineralwasser und Kaffee. Den Weißwein lehnt er ab. Wegen einer Bronchitis hat er Antibiotika genommen. Auch das Rauchen hat er aufgegeben. Er isst während der fünf Stunden, in denen wir uns unterhalten, nur ein paar Kekse, ist schlank und durchtrainiert wie eh und je.

Playboy: Bleiben wir abseits des Fußballgeschäfts. Was denkt Christoph Daum eigentlich über den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff?
Daum: Auch wenn es im aktuellen Wulff-Bashing nicht gerade öffentlichkeitswirksam ist, finde ich den Umgang mit Christian Wulff nicht fair. Er hat Fehler gemacht, keine Frage. Dennoch hat er mein Mitgefühl. Wir Deutschen zerfleischen uns mit dieser ganzen Diskussion doch nur selbst und machen uns im Ausland lächerlich. Das Amt des Bundespräsidenten und der Ruf Deutschlands im Ausland wurden massiv beschädigt.

Playboy: Und wie beurteilen Sie die Arbeit unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel?
Daum: Angela Merkel hat es in einer schwierigen Situation geschafft, die Interessen der EU zu vereinen und zu bündeln. Sie hält die Europäische Union auf Kurs. Das ist angesichts der Griechenland-Krise und vieler anderer Probleme eine große Leistung. Die Arbeitsbelastung und der Druck, den sie auszuhalten hat, sind extrem hoch. Wie sie dies bewältigt, finde ich bewundernswert. Nur der Atomausstieg kam mir zu spontan. Hier gibt es langfristige Problematiken, die leider nicht bedacht wurden. Das fällt uns allen noch auf die Füße.

Playboy: Was dachten Sie, als Rudi Assauer jüngst seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich machte?
Daum: Ich war geschockt. Wir haben uns oft gestritten, aber letztlich auch immer wieder vertragen. Solch ein Schicksal lässt einem klar werden, wie wichtig die Gesundheit ist. Meistens merkt man es erst dann, wenn man krank wird. Ich selbst habe vor einem Jahr die Schock-Diagnose Hautkrebs erhalten. Nur gut, dass die Melanome rechtzeitig entfernt werden konnten und noch nicht gestreut hatten. Ein halbes Jahr später hätte ich eine Chemotherapie gebraucht. Ich kann allen Menschen nur raten, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen. Rudi wünsche ich, dass er seine Krankheit möglichst lange unter Kontrolle halten kann, sein Leben lebenswert und menschenwürdig bleibt. Er ist eines der letzten Originale der deutschen Fußball-Bundesliga.

Playboy: Und wer oder was ist Franz Beckenbauer für Sie?
Daum: Mein Freund. Er hat sich über den Fußball alles erschlossen. Er könnte von seiner Beliebtheit her Fifa-Präsident oder Bundespräsident werden. Franz ist ein Alleskönner. Wenn er sagt, der Fußball ist ab sofort viereckig, dann ist das so. Keiner würde sich darüber beschweren.

Playboy: Wie wichtig ist Ihnen selbst das Rampenlicht, das Im-Mittelpunkt-Stehen?
Daum: Zu Beginn meiner Trainerkarriere in den 80er-Jahren hat es mir unglaublich geschmeichelt. Ich fand es toll, mich selbst im Fernsehen zu sehen und auf den Titelseiten der großen Zeitungen zu stehen. Mit der Zeit relativiert sich jedoch vieles. Heute sage ich viele Talkshow-Anfragen ab, ziehe mich in die Privatheit zurück, konzentriere mich auf das Wesentliche. Auf Events oder Veranstaltungen gehe ich nur in Ausnahmefällen. Ich kümmere mich lieber um meine Familie und Arbeit.

Playboy: Sie sind also nicht eitel?
Daum: Nicht übermäßig. Klar komme ich zu diesem Interview und Fotoshooting geduscht, rasiert und mit Anzug, Hemd und Krawatte. Das ist auch eine Frage von Respekt deinem Gesprächspartner gegenüber. Privat zu Hause trage ich eher legere Freizeitkleidung.

Playboy: Gibt es jemanden, mit dem Sie gern mal 24 Stunden tauschen würden?
Daum: Mit einem Top-Herzchirurgen. Innerhalb von Sekunden den richtigen Schnitt zu setzen, die richtige Entscheidung zu treffen. Hier geht es um Menschenleben, nicht um sportliche Siege oder Niederlagen. Oder mit einem unserer Soldaten in Afghanistan. Die haben es unglaublich schwer und setzen ihr Leben unter ganz schlechten Bedingungen für Deutschland aufs Spiel. Außerdem wäre ich gerne mal für 24 Stunden eine Frau, um sie anschließend hoffentlich wirklich verstehen zu können.

Playboy: Dafür müsste Ihr Schnauzbart ab. Wann wird es so weit sein? Der ist doch ein Relikt aus einer anderen Zeit ...
Daum: Darauf werden Sie noch länger warten müssen. Das passiert, wenn überhaupt, erst zum Ende meiner aktiven Trainerkarriere. Der Schnäuzer ist mein optisches Markenzeichen, und das bleibt, solange ich an der Seitenlinie stehe und für den Fußball lebe.

Playboy: Was macht eine Frau für Sie attraktiv und anziehend?
Daum: Die optischen Attribute einer Frau sind die Augen, das Gesicht, der Busen, Beine, Po und ihre Ausstrahlung. Auch wenn äußerliche Schönheit vergänglich ist, so verliert eine charmante Frau nie ihre Anziehungskraft. Wenn ich mich mit einer Frau intellektuell austauschen kann, sehe ich die Schönheit oft mit anderen Augen. Mit meiner Angelica stimmt das alles. Ich bin mit ihr glücklich wie am ersten Tag - natürlich auch was die Erotik und den Sex betrifft.

Playboy: Nächstes Jahr werden Sie 60. Was bedeutet dieser Geburtstag für Sie?
Daum: Der Abreißkalender wird jetzt immer dünner. Die Endlichkeit rückt näher. Aber all das ist Zusatzzeit. Viel mehr geschockt hat mich mein 50. Geburtstag. Er hat mir das biologische Ende schonungslos vor Augen gehalten. Na ja, ein paar graue Haare habe ich schon. Aber färben muss ich meine Haare nicht. Das ist alles Natur.

Playboy: Ist Geld Ihnen wichtig?
Daum: Geld ist nur dann gut, wenn du damit Gutes tun kannst, wenn du es ausgeben kannst. Jede Form von Besitztum macht unfrei und bindet. Ich bin dankbar, dass es mir finanziell gutgeht und dass ich unabhängig bin, zu tun und zu lassen, was ich für richtig halte.

Playboy: Sind Sie ein Genießer?
Daum: Früher eher nicht. Da stand ich permanent unter Strom. Mittlerweile bin ich ein Genussmensch und Hobbykoch. Meine Scampi Provenñale sind im Freundeskreis sehr beliebt. Oder meine selbst gemachten Involtini mit Käsefüllung: ein Traum! Früher war Essen für mich nur Nahrungsaufnahme. Das hat sich geändert. Sprechen wir mit diesem neuen Daum nun über den alten, den Hochspannungs-Daum. Dem vieles, das er sich aufgebaut hatte, zusammenbrach, als er Ende 2000 nach einem Haartest des Kokain-Konsums überführt, bei seinem Verein Bayer 04 Leverkusen entlassen wurde und seine Stelle als deutscher Fußball-Bundestrainer nicht antreten durfte. Angefangen hatte die Affäre mit einer Interview-Äußerung von Uli Hoeneß in der Münchner „Abendzeitung“ im Oktober 2000: „Der DFB kann doch keine Aktion ,Keine Macht den Drogen’ starten, und Herr Daum hat vielleicht damit etwas zu tun.“ Daum reichte Verleumdungsklage ein, beteuerte seine Unschuld, stimmte dann aber einer gerichtsmedizinischen Haarproben-Analyse zu.

Playboy: Haben Sie Groll auf Uli Hoeneß, der den Stein damals ins Rollen brachte?
Daum: Wir haben uns schon mehrfach die Hand gereicht. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Dem ist nichts weiter hinzuzufügen. Ich habe das Thema aufgearbeitet und zu den Akten gelegt. Jetzt schaue ich optimistisch nach vorn. Ich bin aus der ganzen Angelegenheit gestärkt hervorgegangen.

Playboy: Wie sehr haben Sie darunter gelitten, dass Sie Ihren Traumjob als Fußball-Nationaltrainer nicht antreten konnten?
Daum: Es hat sehr wehgetan. Nationaltrainer zu werden war mein großes Ziel, mein Traum. Dafür hatte ich malocht ohne Ende. Leider ist dieser Traum nicht Realität geworden. Aber glauben Sie mir: Ich habe es selbstkritisch verarbeitet.

Playboy: Mit welchen Augen sehen Sie heute das unwürdige Ende von Michael Ballack im deutschen Fußball?
Daum: Moment. Michael Ballack war bei der Weltmeisterschaft 2002 der absolut herausragende Akteur. Einer der ganz großen Fußballer Deutschlands. Vielleicht der deutsche Diego Maradona. Er wird im Sommer in die USA wechseln, und ich denke, dort sein Glück finden. Er hat unser aller Respekt verdient.

Playboy: Und was denken Sie über Lothar Matthäus - warum verdribbelt sich unser Rekord-Nationalspieler immer wieder so sehr in seinem Privatleben?
Daum: Lothar Matthäus war ein genialer Fußballer. Ich wünsche ihm, dass er mal eine echte Trainerstelle in der Bundesliga bekommt. Er hat alle Voraussetzungen und kann es. Er ist ein Fußballfachmann, der eine Chance verdient hat, und die wird kommen. Den Rest kann ich nicht beurteilen.

Playboy: Sie ließen ja damals in Leverkusen Ihre Spieler unter der Anleitung von Motivationscoach Jürgen Höller über Scherben laufen. War das Hokuspokus?
Daum: Nein. Ganz und gar nicht. Solche Aktivitäten werden auch mit leitenden Angestellten renommierter Firmen durchgeführt. Nur im Profi-Fußball war dies damals etwas völlig Neues. Das Scherbenlaufen mit Jürgen Höller würde ich immer wieder machen. Die Spieler damals in Leverkusen sollten etwas tun, was sie sich nicht rational vorstellen konnten. Autosuggestion, autogenes Training, Kopfarbeit. Das Hirn ist wie ein Muskel, und das Hirn kann man trainieren wie einen Muskel. Mentales Training ist wichtig. Ich habe mich immer sehr intensiv damit befasst, weil ich qualitativ besser sein wollte als andere Trainer. Und jetzt verrate ich Ihnen etwas: Wir planen, vor dem Beginn der Play-offs um die belgische Meisterschaft mit allen Spielern vom FC Brügge einen Huckepack-Sprung aus dem Flugzeug zu machen. Hoffentlich gehen die Fallschirme auf ... (lacht)
 

Christian Schommers