Christoph Waltz

„Es gibt kein Leben jenseits der Autobahn“

Oscar-Gewinner Christoph Waltz über Bier, nervige deutsche Autofahrer und warum Männer und Frauen sich nicht allzu ähnlich sein sollten

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  • Christoph Waltz mit John C. Reilly in seinem aktuellen Streifen, dem Kammerspiel „Gott des Gemetzels“

„Es gibt kein Leben jenseits der Autobahn“

Oscar-Preisträger Christoph Waltz über Bürgerlichkeit, Bier und Aggressionen

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„Ich kann mich sehr schnell aufregen. Warten Sie eine Sekunde“
Der erste Eindruck täuscht. Am Anfang ist Christoph Waltz der große Charmeur, begrüßt den Interviewer mit Handschlag und Lächeln. Vorher lässt er sich noch bereitwillig mit Bewunderinnen fotografieren. Und der Vollbart, den er sich für den aktuellen Dreh von Quentin Tarantinos neuem Film „Django Unchained“ stehen ließ, gibt ihm etwas großväterlich Gütiges. Wer mit ihm nur über seinen neuen Film - Roman Polanskis Kino-Adaption des Kammerspiels „Der Gott des Gemetzels“ - sprechen will, hat es mit ihm auch leicht. Doch alle Fragen, die sich seiner Person und seiner Denkweise nähern, provozieren bei ihm Widerstand und Irritation, selbst wenn sein Tonfall noch den Charme des gebürtigen Wieners verrät. Vielleicht würde alles viel entspannter ablaufen, wenn der 55-Jährige einfach vorher eine Mass Augustiner trinken würde. Doch die ist auf dem Lido von Venedig gerade nicht verfügbar.

Playboy: Nehmen wir mal an, Quentin Tarantino hätte Sie nicht als Bösewicht in „Inglourious Basterds“ besetzt, Sie hätten keinen Oscar, würden nicht mit Roman Polanski drehen - Stellen Sie sich mal vor, was Sie jetzt tun würden ...

Waltz: Das möchte ich mir aber nicht vorstellen. Ich könnte das zu Tode analysieren und mich damit verrückt machen. Was würde ich denn schlussendlich schon herausfinden? Solche Fragen sind unnötiger Ballast - wie manch andere, mit denen ich bei Interviews konfrontiert werde.

Playboy: Welche überflüssigen Fragen stellt man Ihnen denn?

Waltz: Ob ich eine Figur mögen muss, um sie spielen zu können.

Playboy: Müssen Sie?

Waltz: Nein. Es ist auch nicht notwendig, eine Figur auf die Couch zu legen und sie von vorn bis hinten durchzuanalysieren. Dann funktioniert sie für mich nicht mehr. Ich bin ja schon von der Tatsache berührt, dass ich überhaupt bei so einem Film wie „Gott des Gemetzels“ mitspielen darf. Ich rede nicht über meine Rollen. Sie sind derjenige, der mir sagen muss, was Sie davon halten, nicht ich Ihnen.

Playboy: Die Rollen vor „Inglourious Basterds“ waren nicht immer spannend. Hatten Sie damals die Passion für Ihren Beruf verloren?

Waltz: Selbstverständlich.

Playboy: Das ist die kurze Antwort. Was wäre die lange?

Waltz: Dass es auch ausreicht, ein paar Momente zu haben, in denen du diesen Job genießt. Ein bekannter Theaterkollege sagte mir einmal: „Ich kann dir in meiner 30-jährigen Laufbahn drei Rollen nennen, für die es wert war, Schauspieler zu werden.“ Damals war ich noch jung und deshalb schockiert. So wenig! Aber er hatte Recht. Und jetzt spiele ich Rollen, für die sich meine Entscheidung gelohnt hat.

Playboy: Inzwischen haben Sie ja auch 30 Jahre Erfahrung. Werden Sie da noch nervös, wenn Sie mit so legendären Regisseuren wie Polanski drehen?

Waltz: Ja. Denn ich denke mir: Vielleicht werde ich seinem Niveau nicht gerecht.

Playboy: Jetzt übertreiben Sie mal nicht.

Waltz: Sie arbeiten hier mit einem Mann zusammen, der seit 60 Jahren Filme macht. Ich betone: 60! Ich weiß nicht einen Bruchteil dessen, was er über Filme weiß. Und selbst wenn mir nicht gefällt, was er tut, kann ich mich nicht mit ihm anlegen.

Playboy: Gab es dazu beim Dreh Anlass?

Waltz: Natürlich ging es mal über die Geduldsgrenze hinaus, wenn er Änderungen wollte, die man erst mal nicht einsah. Dann dauerte es eben etwas länger. Aber Polanski ist ein Mensch, der sich nicht auf Streitigkeiten einlässt. Er wurde nie persönlich. Er sagte nicht: „Du musst das und das tun“, sondern: „Was muss getan werden, und wie stellen wir das an?“ So eine Eigenschaft würde ich mir auch gern aneignen.

Playboy: Die Figuren in „Gott des Gemetzels“ sind da bei Weitem nicht so zivilisiert. Können Sie über so eine bitterböse Komödie lachen?

Waltz: Natürlich - denn ich gehöre zur Bourgeoisie, und die lacht gern über die Bourgeoisie. Offen gestanden gibt es dazu viel zu wenig Gelegenheit. Normalerweise identifiziert sich der Bürger - zumindest bei Theaterstücken - mit den Opfern und ihren Nöten, denn das nimmt ihm das schlechte Gewissen, dass er so selbstzufrieden und wohlhabend ist.

Playboy: Kennen Sie aus Ihrem Leben Situationen, wo Wohlstandsbürger die Maske der Zivilisation fallen lassen?

Waltz: Das kommt schon vor. Vor allem beim Autofahren und ganz besonders in Deutschland. Da geht es wirklich ab. Wenn die Leute in den Wagen einsteigen, sind sie noch ganz diszipliniert und ordentlich. Sie klammern sich an ihre Mittelmäßigkeit. Doch sobald sie losfahren, ist alles dahin - dann preschen sie mit 260 Stundenkilometern über die Autobahn.

Playboy: Was machen Sie, wenn Sie auf so einen Zeitgenossen treffen?

Waltz: Ich wechsle auf die rechte Spur - sofort. Kaum sehe ich die Lichthupe hinter mir, geht es auf und davon.

Playboy: Und was passiert bei solchen Begegnungen jenseits der Autobahn?

Waltz: Es gibt kein Leben jenseits der Autobahn. Zumindest nicht in Deutschland.

Playboy: Gibt es Situationen, in denen Sie mal aggressiv werden?

Waltz: Ich kann mich sehr schnell aufregen. Warten Sie eine Sekunde, und schon gleich ist es so weit.

Playboy: Womit sollte ich Sie aufregen?

Waltz: Mit Ihren Fragen zum Beispiel. Ich mag es nicht, wenn ich sage, dass Sie das nichts angeht und Sie das nicht akzeptieren. Warum bestehen Sie auf dieser Frage?

Playboy: Weil das die Eigenschaft eines Journalisten ist?

Waltz: Ich weiß, das wird in Ihrem Beruf als Qualität angesehen.

Playboy: Aber es geht ja auch um andere Reizmomente jenseits der Interviewsituation.

Waltz: Schauen Sie - jetzt bestehen Sie auf Ihrer Frage. Nicht dass ich Ihnen kein Beispiel geben könnte, aber es wäre irrelevant. So versuche ich mir zu überlegen, ob ich mit Ihrer Frage etwas anderes anstellen kann.

Playboy: Und?

Waltz: Leider muss ich entdecken, dass das nicht möglich ist.

Playboy: Vielleicht hängt ja Ihre Reizbarkeit damit zusammen, dass Sie ein Mann sind. Gehen Frauen anders mit solchen Konfliktsituationen um?

Waltz: Das würde ich doch hoffen. Ich glaube nicht, dass man so tun sollte, als wären Männer und Frauen gleich. Ich glaube nicht einmal, dass man so tun sollte, als wären sie sich ähnlich. Ich bestehe auf den Unterschied.

Playboy: Weil es sonst langweilig wäre?

Waltz: Nicht nur das. Es würde uns ja gar nicht geben. Natürlich macht es das schwierig, um es vorsichtig auszudrücken. Aber es kann auch ganz fantastisch und wunderbar sein.

Playboy: Was macht es denn mit Frauen schwierig?

Waltz: Welche Frau meinen Sie?

Playboy: Sie sprachen gerade von „den Frauen“. Gibt es denn weibliche Eigenschaften, die Sie nerven?

Waltz: Nein, das muss schon spezifisch sein. Wir sprachen gerade von den Situationen, wo die Leute die Maske der Zivilisation ablegen und ihr wahres Ich zeigen. Wann und wie das geschieht, ist immer nur von dem einzelnen Individuum abhängig. Man kann nicht verallgemeinern.

Playboy: Dann sprechen wir mal von einem spezifischen Einzelbeispiel. Was halten Sie denn von Ihrer Figur in „Gott des Gemetzels“ und ihrem Zynismus?

Waltz: Vielleicht wollen Sie mit „zynisch“ nur ausdrücken, dass er der einzig Vernünftige ist, während alle anderen den Verstand verlieren. Er ist der Einzige, der sich selbst treu bleibt, weil er sich auf seine Arbeit konzentriert. Er hat keine Zeit für Zartgefühl.

Playboy: Können Sie sich damit identifizieren?

Waltz: Wenn ich das nicht könnte, dann hätte ich in dieser Rolle nichts verloren.

Playboy: Lassen Sie uns zum Schluss mal von den weniger irritierenden Dingen des Lebens sprechen. Hat denn ein Mann wie Sie die berühmt-berüchtigten „Guilty Pleasures“?

Waltz: Meine Antwort darauf lautet: Ich habe einige „pleasures“, die nicht wahnsinnig hochtrabend sind, aber deshalb empfinde ich noch lange keine Schuld.

Playboy: Nämlich?

Waltz: Das Augustiner-Oktoberfestbier ist durch nichts zu erreichen - im Biersektor zumindest. Nicht dass ich ein großer Biertrinker wäre. Aber das finde ich nun wirklich beachtlich.
 

Biographie

Unser Mann in Hollywood

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Spätestens seit er in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ (2009) als SS-Offizier Hans Landa seine prominenten Kollegen an die Wand spielte, zählt Christof Waltz zu den deutschen Top-Schauspielern. Dabei ist der 55-Jährige eigentlich Österreicher. Inzwischen ist der Oscar-Preisträger aber Teil der Hollywoodfamilie und dreht mit „Django Unchained“ bereits den zweiten Tarantino-Film. Sein aktueller Streifen ist „Der Gott des Gemetzels“ mit Jodie Foster, Kate Winslet und John C. Reilly.
  • Roman Polanskis neuer Kinofilm „Der Gott des Gemetzels“, die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Yasmina Reza, mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly

    Roman Polanskis neuer Kinofilm „Der Gott des Gemetzels“, die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Yasmina Reza, mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly

 

Rüdiger Sturm